Am 27.11.24 stellte ich einen ausnehmend hÀsslichen Maskentyp vor.
Ich begegnete ihm zum ersten Mal an einem Stand, dessen Angebot ĂŒber Kinshasa aus kongolesischen Dörfern kommt, diese Maske an der oder ĂŒber die angolanischen Grenze. Nach der Sicherheitslage im Kongo und Runner wechseln die vorherrschenden Stilregionen.
Beschreibung

Chokwe Katojo IMG_7027
Vom zerrissenen und verdreckten roten Textilnetz weitgehend befreit, kommt der markante eiförmige aufgedunsen wirkende Kopf zur Geltung mit dem böse schimpfenden Mund ĂŒber einem aggressive vorstehenden Kinn wie ein Rammbock. Die lĂ€cherlich kleine gebogene Nase, suggeriert im ersten Moment einen Nasenbeinbruch. Die runde Kappe schlieĂt die geschnitzte Form nach oben ab. Die Kappe hat eine rote Fehlstelle; trotzdem muss die stumpfe Schlammpatina keine nachtrĂ€gliche VerĂ€nderung sein. SchwĂ€rzlich rote Schlammpatina mit anhaftenden roten Staubpartikeln.
Als Teil eines einheimischen Kults waren wenigstens die Ohren geschmĂŒckt; davon ist aber nur auf einer Seite ein StĂŒck Schnur erhalten.Dass nur zwei hölzerne Zahnstifte, statt Metallstifte im Oberkiefer stecken, könnte auf Ersatz hinweisen.
Die Maske hat nichts von der Lebendigkeit oder WĂŒrde, die vor allem die Maskengesichter der Chokwe auszeichnen. Die aufgeschwemmte, leere GlĂ€tte der Wangen und Stirnen! Die Augenhöhlen, die an technische Sichtluken erinnern! Die bewusst verkleinerten Ohren und Hakennasen! Die fehlenden Lippen am bis zu den ZĂ€hnen aufgerissenen Mund!
Dieser negative Typ taucht heute wohl nur in Museumsdepots und in der Fachliteratur auf. Ein solches Fachbuch ist âCHOKWE!- Art and Initiation Among Chokwe and Related Peoplesâ, von Manuel JordĂĄn in Kooperation mit mehreren amerikanischen Museen herausgegeben und 1998 bei Prestel erschienen.
Textauszug zur kultischen Bedeutung der Maske „Katoyo“
Im Kapitel âEngaging the Ancestors: Makishi Masquerades....“( „die Ahnen ins Boot holen….â) stellt Manuel Jordan vorbildliche und negative Maskentypen vor. Was er auf S.73 schreibt, ĂŒbersetze ich mit Google (korrigiert):
( ….) WĂ€hrend Chihongo und Chisaluke mĂ€nnliche Vorbilder von gesellschaftlichem Ansehen, Macht, Reichtum und spirituellem Einfluss darstellen, stehen andere mĂ€nnliche Charaktere fĂŒr Werte, die gesellschaftlich als negativ angesehen werden. Ein Likishi-Charakter namens Ndondo hat eine einfache Gesichtsmaske, die normalerweise aus Faser und Harz besteht, und sein KostĂŒm besteht aus zerlumpten TĂŒchern und einem geschwollenen Bauch. Ndondo soll hĂ€sslich sein und sich dumm verhalten. In mukanda-bezogenen DorfauffĂŒhrungen kriecht Ndondo auf dem Boden, bettelt um Geld und sagt idiotische Dinge. (mukanda = mĂ€nnliche Initiation mit Beschneidung der Vorhaut)

Zaire – Masken Figuren, Basel 1986, no.98 ‚mwana po‘ (Pwewo)Â 1931
Neben der schönen, wohlerzogenen Pwevo, einem Muster an Kultiviertheit, verkörpert Ndondo einen Menschen mit schlechten Manieren. Seine Darbietung wird als humorvoll und unterhaltsam wahrgenommen, aber sie klĂ€rt das Publikum ĂŒber Verhaltensweisen auf, die gesellschaftlich nicht akzeptabel sind.
 Die von Chokwe und verwandten Völkern geschaffenen und durchgefĂŒhrten Maskeraden schlieĂen auch andere Charaktere ein, die soziale und kulturelle Prinzipien reprĂ€sentieren, die im Gegensatz zu ihren eigenen stehen. Katoyo ist eine Maske, die von den Chokwe geschaffen wurde, um eine weiĂe Person darzustellen (Tafeln 76, 78-80). Wie Ndondo hat diese Maske karikaturhafte ZĂŒge. Katoyo-Masken, die aus Fasern und Harz modelliert oder aus Holz geschnitzt werden, ĂŒbertreiben oft die GesichtszĂŒge von WeiĂen durch spitze Nasen, âĂŒbermĂ€Ăigeâ Gesichtsbehaarung oder groĂe, krumme ZĂ€hne. Die Stirn der Katoyo wird manchmal als verlĂ€ngerte Kappe aufgefasst, eine Anspielung auf die Form eines portugiesischen MilitĂ€rmĂŒtze oder -helm. (Fig. 79) Ironischerweise dokumentierten einige europĂ€ische Entdecker Katoyo-Maskierte, ohne zu erkennen, dass diese weiĂe AuslĂ€nder parodierten.
 In der Vergangenheit halfen Katoyo-Auftritte den Chokwe-Gemeinschaften wahrscheinlich dabei, mit der Idee des Neuen oder dem, was ihnen fremd war, umzugehen. Heute verspotten die Maskeraden der kongolesischen Chokwe, sĂŒdlichen Lunda, Mbunda, Luvale und Luchazi weiterhin solche âAuĂenseiterâ wie ihre Lozi- und Nkoya-Nachbarn. Masken, die âdie anderenâ darstellen, verstĂ€rken ein GefĂŒhl kultureller IdentitĂ€t, indem sie unangenehme oder absurde Aspekte des Verhaltens benachbarter Völker definieren. Im Fall der Lozi und Nkoya ist der wichtigste kulturelle Unterscheidungsfaktor, dass sie kein Mukanda praktizieren. Da Mukanda, einschlieĂlich des SchlĂŒsselritus der Beschneidung, fĂŒr den Eintritt ins Erwachsenenalter bei den Chokwe und verwandten Völkern, erforderlich ist betrachten die Chokwe Lozi- und Nkoya-MĂ€nner, die nicht beschnitten sind, als sozial und kulturell âmangelhaftâ â nicht als Erwachsene.

Ngulu Typen
Das groĂe Repertoire an Makishi-Masken, die von Chokwe und verwandten Völkern geschaffen wurden, umfasst auch Darstellungen von Tieren und einer groĂen Anzahl mehrdeutiger Kreaturen. Ngulu, das Schwein, tanzt normalerweise neben Pwevo und verhĂ€lt sich unberechenbar und âtörichtâ, um das Bild menschlicher AnstĂ€ndigkeit zu verstĂ€rken, das durch die weibliche Vorfahrin charakterisiert wird (Pk. 81-83). (….)
Aus dem groĂen Repertoire zeigt das Buch nur eine Handvoll Abbildungen, begleitet von ein paar improvisiert wirkenden Hinweise. Beide zeige und ĂŒbersetze ich hier:
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Jordan Chokwe! no.76 Katoyo
Zu 76 19.Jh. 23,2 cm; reiche OberflĂ€chenpatina, die auf ausgiebige Verwendung im Feld hinweist, bevor sie gesammelt wurde. Sie weist noch einen groĂen spitzen Metallzahn, Gesichtshaar und weiĂen Ton um die Augen auf. WeiĂ wird mit den Knochen der Vorfahren assoziiert, und wenn weiĂe Kreide um die Augen gelegt wird, bezieht sie sich auf die scharfen und durchdringenden Blicke der Vorfahren.
An anderer Stelle im Buch (fig.87 „Kalebwa„) bezeichnet der spitze zentrale Zahn explizit einen aggressiven Ahnengeist, der die mukanda (Initiation) gegen Hexer schĂŒtzt und durch Verjagen der Frauen die Spannungen zwischen den beiden Geschlechtern zeitweise verschĂ€rft.
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Jordan Chokwe! no.78 Katoyo
zu 78  Anfang des 20. Jahrhunderts, 17 cm hoch; Die spitze Nase und die ĂŒbertriebenen Lippen karikieren einen europĂ€ischen Charakter. Bei öffentlichen AuffĂŒhrungen half Katoyo den Chokwe-Gemeinden, mit der Anwesenheit von Fremden und ihren neuen Formen politischen Einflusses zurechtzukommen.

Jordan Chokwe! no.79 Katoyo
Zu 79 Die Kappe imitiert die Helme der portugiesischen Offiziere …. Knochen oder Stöcke wurden auf den Mund gelegt, um die âĂŒbermĂ€Ăigeâ Gesichtsbehaarung der EuropĂ€er zu kommentieren.

Jordan Chokwe! no.80 Katoyo
Zu 80 Von Anfang bis Mitte des 20. Jahrhunderts; lange Nase und groĂe ZĂ€hne …. verspotten die GesichtszĂŒge der EuropĂ€er. Skarifikationen (Schnittnarben) betonen das Konzept, dass … es sich dennoch im Wesentlichen um Ahnenwesen handelt. Im Rahmen der Mukanda-Initiation wurde Katoyo zusammen mit Chihongo getanzt, damit das Publikum die schlechten Manieren und Haltung von Katoyo mit den kraftvollen Eigenschaften des mĂ€nnlichen Chihongo-Vorfahren vergleichen konnte.
Der Fremde wird also durch eine Fratze reprĂ€sentiert. Disproportionen an jedem Detail: niedrige Stirn wie ein Helm, eng stehende Ăuglein, tiefsitzend, aber nach ‚afrikanischem‘ Code schamlos offen, kurze Hakennase, endlos lange Wangenpartie und Kinn. HĂ€ngende Mundwinkel, wie eine Hexe im europĂ€ischen Puppenspiel.
Das aufgerissene Maul meiner Masken mit zwei spitzen ZĂ€hnen scheint verĂ€chtliche Worte auszustoĂen oder einen primitiven Befehl zu brĂŒllen, so wie KZ-Ăberlebende, um mir in Polen ihre ‚dĂŒrftiges‘ Deutsch zu demonstrieren, oft eine kurze gebrĂŒllte Schimpftirade der WĂ€rter im O-Ton wĂ€hlten.

Dieses Feldfoto von einer Maskerade der Yoruba westlich des Niger, rund achtzehnhundert Kilometer nördlich am Atlantik verblĂŒfft mich durch die Physiognomien.
Auch hier haben die Gesichter eine aufgedunsene ‚hohle‘ Form, der Mund ist weit unter die Nase gerutscht. Die moderne KostĂŒmierung und die rot geschminkten Lippen der Frau können ihre Geisterhaftigkeit nicht verbergen. Zufall?
Ist etwas dran an diesem Verdacht?          Frobenius-Bibl. Af I 1826 Yoruba Egun-Maske
31.5.25.    Die ReiĂzĂ€hne der Maske lassen mir keine Ruhe! Kommentar:
Bei der ersten âKatoyoâ-Maske im November 2024 folgte ich unkritisch Manuel Jordan, einem ausgewiesenen Experten fĂŒr die Region, in seiner Deutung der Katoyo primĂ€r als Karikatur der EuropĂ€er. FĂŒr die Gegenwart schien er im Text die Behauptung aber wieder zu relativieren, da er auch die unbeschnittenen Nachbarn, die Lozi und Nkoya, als Zielscheibe des Spottes erwĂ€hnte. DarĂŒber hinaus erwĂ€hnte er ein âgroĂes Repertoire an Makishi-Masken âŠ., das auch Darstellungen von Tieren und eine groĂe Anzahl mehrdeutiger Kreaturenâ umfassen sollte. Mit der erzieherischen Rolle des âNguluâ, des lĂ€cherlichen Warzenschweins, das die edle Frauenmaske Puevo bei Auftritten begleitet, war ich bereits vertraut.
Die beiden eingesetzten spitzen EckzĂ€hne der Katoyo blieben mir ein RĂ€tsel. Sie bedeuteten vielleicht mehr als die VerstĂ€rkung trivialer physischer HĂ€sslichkeit. Eine zweite Katoyo brachte im Mai einen frischen Impuls. Sie schien einfach besser zu den gebotenen Beispielen im Buch zu passen. Ich komme darauf bald in einem zweiten Blogbeitrag (LINK) zurĂŒck.
Eine Abbildung der bekannten langen ReisszĂ€hne mĂ€nnlicher Paviane in dem Buch âBaule Monkeysâ ( Bruno Claessens, Jean-Louis Danis; Mercatorfonds 2016 ) liefert mir nun einen – hypothetischen – SchlĂŒssel.
Die KĂŒnstler der Baule in Westafrika sind fĂŒr ihre formal ausgefeilten Maskenskulpturen ebenso berĂŒhmt wie die der Chokwe. Auch sie pflegen einen kontrastierenden Kult grob gehauener und hĂ€sslicher Affenfiguren. Ich ĂŒbersetze aus dem Abschnitt Zoomorphe Absicht (S.115):

baule monkeys 2016, p.130 fig.84 (Detail eines SchalentrÀgers)
Da die Baule-Bildhauer in der Lage waren, hochfeine mÀnnliche und weibliche Figuren aus Holz zu schaffen, brachte der grob behauene Aspekt der SchalentrÀger ihren bedrohlichen Charakter absichtlich zum Ausdruck.
Im Gegensatz zu Naturgeistern wie asye usu, musste die amuin nicht mit seinem Bildnis âbeschwichtigtâ werden. Die mĂ€chtigen und gefĂ€hrlichen Figuren, die diese Geister verkörperten, sollten Angst, Ehrfurcht und Abscheu einflöĂen. Ihr wesentliches Merkmal war ihr furchteinflöĂender Aspekt. Als Vertreter einer wankelmĂŒtigen ĂŒbernatĂŒrlichen Macht sollten sie diejenigen, die sie erblickten, mit Ehrfurcht und Schrecken erfĂŒllen.
Wie wir in der afrikanischen Kunst sehen, wurden bestimmte Verhaltensweisen, die bei Tieren beobachtet wurden, gezielt in Masken und Figuren materialisiert. Baule-Bildhauer fanden ein Vorbild in den Pavianen, die ihr Gebiet in groĂer Zahl heimsuchten. Wie Naturgeist amuin waren Paviane mĂ€chtig und konnten töten. Sie wurden wegen ihrer Beweglichkeit, StĂ€rke und langen, scharfen ReiĂzĂ€hne gefĂŒrchtet. Ihr ausdrucksstarker Kopf, ihre lange Schnauze und ihre aggressiven Augen waren ideal, um die Wahrnehmung eines gefĂ€hrlichen DĂ€mons zu vermitteln.

baule monkeys 2016, p.129 fig.83 baboon
Paviane leben in groĂen Gruppen am Boden. Paviane, die gelegentlich Felder ĂŒberfallen und groĂe Zerstörung anrichten, Ackerland zerstören und Chaos anrichten, können als Metapher fĂŒr sozialen Zwiespalt dienen. Paviane können grimmige KĂ€mpfer sein, die mit ihren krĂ€ftigen EckzĂ€hnen tiefe Wunden zufĂŒgen können. In der Gruppe sind sie noch gefĂ€hrlicher; wird einer bedroht, reagieren die anderen möglicherweise mit einschĂŒchternder Aggression, allerdings eher durch Posieren als durch einen tatsĂ€chlichen Angriff. Die Baule halten sie fĂŒr gefĂ€hrlich: Allein oder unbewaffnet wĂŒrden sie sich keinem Pavian stellen.

Mantelpavian-MaÌnnchen in der Gruppe. Wikip.
Allerdings beschĂŒtzen Paviane ihre Jungen sehr und zeigen groĂe SolidaritĂ€t. Diese zwiespĂ€ltigen Assoziationen könnten erklĂ€ren, warum der Pavian diese Art der Abbildung inspirierte. (âŠ) Die Tiergestalt solcher Figuren sollte hauptsĂ€chlich deren Wildheit und Fremdheit vermitteln.
Der Charakter dieser in Afrika verbreiteten Raubtiere eignet sich als Vertreter wilder und negativ bewerteter MĂ€chte. So wird mir die erste Katoyo-Maske der Chokwe im Kongo und Angola allmĂ€hlich immer âĂ€ffischerâ: die niedrige Stirn mit tiefliegender Nasenwurzel; die kleine flache Nase und die verlĂ€ngerte Schnauze zwischen gerundeten Backentaschen fallen besonders auf. Und warum sollte der breite Bart eines alten Pavian nicht aggressiv zugespitzt werden, das bekannt aggressiv aufgerissene Maul nicht angedeutet werden? Die vermissten Ohren könnten ja bloĂ vom Backenbart verdeckt sein. âŠ.
Vielleicht waren es bloĂ einzelne Anleihen aus der Tierwelt, aber vielleicht trug diese Maske auch einen eigenen Namen und hieĂ vielleicht gar nicht âKatoyoâ.
Jedenfalls ging von der Fremdheit und Wildheit der kolonisierenden Fremden eine weit gröĂere Gefahr aus als von jedem tierischen Mitbewohner. Diese Masken und ihre TĂ€nze lassen sich als kulturelle Widerstandshandlungen bewerten.
Und die Opferrolle der Chokwe?
Wir haben keinen Anlass, die Chokwe zu Opfern zu stilisieren. In den 1880er Jahren vertrieben ihre brutal vorgetragenen RaubzĂŒge ihre nördlichen Nachbarn wie die Pende („Das war das 20. Jh. der Pende“) weit nach Norden und zwangen kleinere wehrhafte Völker wie die Salampasu zu tiefgreifenden VerĂ€nderungen ihrer Sozialstruktur („Willkommen bei den Salampasu„). Wenn ich jetzt den berĂŒhmten abschreckenden Maskentyp der Salampasu sehe, kommt mir der Gedanke: Die ‚Identifikation mit dem Angreifer‘ hat auch nichts geholfen.

AA 22 1988 Cameron p.38 40cm, mask UCLA

Sothebys Sept.2002-no.79 Initationsmaske
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Die von Jordan erwĂ€hnte Zelebrierung der Verachtung fĂŒr ‚unbeschnittene‘ Nachbarn, âAuĂenseiterâ wie ihre Lozi- und Nkoya-Nachbarn (S.73), in der Phase der Kriege wĂ€hrend der ‚Entkolonialisierung‘, illustriert vielleicht das unter den Chokwe fortlebende Gewaltpotential .