Eigenwillige ‚Mbangu‘ Maske der Pende

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Die Maske

H 26 , vorn sichtbar nur 23 cm Breite bis 17.5 Tiefe bis 10 cm

(8564)  26  cm hoch, vorn sichtbar, 23 cm Breite 17.5 , Tiefe bis 10 cm

Ein dickes Brett, nach Händler W. ‚das richtige Holz’, großzügig gehauen, innen grob, aber funktional geglättet, so funktional wie die breite Rinne zwischen den Augenöffnungen. Auch Fläche und Lage des Mundes passen zur Trageposition. Mein Gesicht passt perfekt in die Höhlung. Die Sicht leicht nach unten ist ausreichend gut. Die hinteren Kanten sind leicht gerundet und zeigen etwas Glanz.

Auch vorn zeigt die Maske keinen überflüssigen Schnitt, keine unnötige Glättung, die unter der Kappe verdeckte Fläche zum Beispiel nur mit dem Beitel beschlagen.

Auf der schwarzen rechten Seite geben leichte Messerspuren den Flächen zusätzlich Dynamik. Technisch wirkt die Maske wie ein radikaler ungeduldiger Tänzer.

Der Kontext der Mbangu-Maske

In seinem schmalen, aber reichhaltigen Ausstellungskatalog „To Cure and Protect“ (Berg en Dal,HerremanTo Cure and Protect no.11.no 1999) stellt Frank Herreman drei Mbangu vor. Eine vergleichsweise zurückhaltende Maske bilde ich hier ab und  übersetze den dazugehörigen Kommentar, der freilich einige Fragen offen lässt:

„Sie stellen einen hoch angesehenen Jäger dar, der mit Gesichtslähmung geschagen wurde. diese Maske demostriert, wie sogar das hochgeachtete und aufrechte Mitglied der Gemeinde unerwartet mit Krankheit geschlagen werden kann. In diesem Fall glauben die Pende, dass das Individuum ein Opfer von Verhexung durch einen eifersüchtigen Rivalen geworden ist. In der Aufführung tanzt Mbangu mit einem ganzen Ensemble von Charakteren, vom Clown über den Zauberer bis zur Hure. Diese Masken belehren das Publikum über den Lohn guten Verhaltens und die Fußangeln für moralisch Schwache. Schwarz und Weiß spielen auf die Narben eines Menschen an , der wegen Epilepsie oder einem anderen krankhaften Zustand ins Feuer gefallen ist.“    (Herreman nach Strother)

Strother 'Pende' (2008) Abb.18Masterpieces from Central Africa“ erläutert in einer Objektbeschreibung den Auftritt: Die Mbangu tanzt zum Lied „We look on (unable to help), the sorcerers have bewitched him„. Die Mbangu trägt einen Rucksack, aus dem ein Pfeil hervorsteht, Zeichen der unsichtbaren Geschosse der Hexer, die das Opfer ‚aus heiterem Himmel‘ getroffen haben. Der Tänzer imitiert ausweichende und abwehrende Bewegungen, wenn er nicht sogar selbst zu Pfeil und Bogen greift. (, p.159 zu no.46 (Z.S.S.))

 

 Eine vitale Interpretation des Maskentyps

IMG_8572 Mbangu schrägDer Typ ist auf die Rolle des mit einem Fluch geschlagenen, aber kämpferischen Mann festgelegt. Das Publikum erwartet eine entstellte Fratze. Das lädt auch den Schnitzer zum Chargieren ein, zum Zitat verschiedener Kennzeichen, Karikatur statt Realismus.

Hier hingegen begegnet uns ein bemerkenswert individuelles Gesicht. Keine Standardnase, sondern ein relativ weit unten gebrochenes Nasenbein.

Der Mann hat einen Faustschlag abbekommen, vielleicht liegt die Ursache der herabgezogenen Nasenspitze auch woanders. Häufig sieht man Münder, die so grotesk schief eingesetzt sind, wie es eine einseitige Gesichtslähmung nicht bewirken kann. Und die stehen dann als unübersehbares Zeichen in der unteren Gesichtshälfte.  Die klinische Form der Entstellung ist für aber den Maskentyp nicht wirklich festgelegt.

Hier sind die Lippen extrem breit und vortretend geschnitzt, übrigens in Harmonie mit den Stegen der typischen Augenbrauen und der ebenso dicken Umrandung der Augen. Der Mund  erinnert an operierte Oberlippen (Gaumenspalte).  Der Mund ist zum Trichter geworden, schreit regelrecht und zieht ebenso viel Aufmerksamkeit auf sich wie es die ausdrucksvollen Augen tun.

Die Gesichtsmaske verkörpert bereits die Erzählung des Tanzes. Weitere Kennzeichen sind unnötig; es braucht keine keine konventionellen Zutaten wie Pockennarben,  markante Stirnwölbung oder schief eingesetzte Augen.

Die auffällig klein geratenen Ohrmuscheln machen konstruktiv Sinn: Wir sehen das Gesicht wie es durch eine Weitwinkellinse erscheinen würden: das Nahe zu groß, das Fernliegende zu klein. Wir kennen das als unangenehmen Nebeneffekt der effektiven Digitalkameras.

 

Einschätzungen

Ich komme noch einmal auf die Grobheit der technischen Machart zurück. Bei Zoé Strother (vor allem in „Inventing Masks„, University of Chicago Press 1998 – Link) habe ich gelernt, dass Tänzer als Auftraggeber und Handwerker zusammenwirken müssen. Und dass prominente Schnitzer Preise verlangen, welche die Möglichkeiten noch nicht arrivierter Tänzer überschreiten. Wer hat sich in diesem Fall zusammengetan? Oder noch radikaler: Hat der junge Mann das Ding selbst geschnitzt? Oder ein Freund, der das Handwerk sich allein durch Kiebitzen angeeignet hat? Oder musste es schnell gehen? Zoé erzählt die Geschichte eines begabten Neulings, der aus seinem Frust ein Lied gemacht hat, es seinen Freunden heimlich vorgeführt hat und bei ihnen einen Tanz entwickelt hat, und bei seinem ersten Auftritt seine Gesichtsmaske mit einfachsten Mitteln improvisiert hat.

Und dann schaue ich wieder auf die am Boden liegende Maske und sage mir: das war kein Anfänger! Und wie die immer wieder übermalten Kaolinschichten zeigen, hat sie sich über Jahre bewährt. Die Raffia-Umgebung hätte erneuert werden müssen. Das Holz ist intakt, der Geruch aber fast ganz verschwunden.

 

Was sagt Zoé Strother zur Maske?

The carver of 8564 is having fun. That isn’t to say that people wouldn’t laugh to see it and enjoy a mocking performance of Mbangu. However, the market is flooded with Mbangu types because we foreigners like it so much. Mbangu has been a pretty rare mask since I was there. There’s been so much malnutrition in the Bandundu that pepole haven’t been dancing masks much since 1990. “ (eMail am 29. Mai 2018)

Meine Übersetzung:

Der Schnitzer  von  (Bild) 8564 hat Spass. Das heißt nicht, dass auch die Leute nicht lachen, wenn sie die Maske sehen und dass sie nicht eine Performance voll Hohn und Spott genießen.

Jedoch ist der Markt mit Mbangu überflutet, weil wir Ausländer den Typ so mögen. Mbangu war eine ziemlich seltene Maske, als/nachdem ich dort war. In der Bandundu Region sind so viele Leute unterernährt gewesen, dass man seit 1990 nicht mehr viel Maskentänze veranstaltete .

Was wir so lieben….

Vor einem Jahr am 6.5.17  :   Ein Kuriosum auf dem Flohmarkt, das Kreativität zeigte

Pende Krankenmaske Flohmarkt 6.5Der Händler hat sie nicht von seinen Lieferanten, sondern aus einem Eintausch, aus einer Sammlung. Er ist unsicher, denkt an ‚Kamerun‘. Ich lasse mich sofort anstecken, dabei ist der Gesichtstyp eindeutig ‚Pende‘  trotz großen Puppenaugen und kleiner Aufsatzfigur, deren schiefer Mund den der Mutter wiederholt.  Der Anstrich zeigt mehrere Schichten, die Kanten sind elegant gezogen, der Schmuck liebevoll appliziert. Das Interessanteste fällt mir zuletzt auf: Das berühmte Modell ( z.B. Strother ‚Pende‘ (2008) Abb.18 – Link) hat zweifellos Modell gestanden. Egal, wo es nun entstanden sein mag, ein interessantes Stück, das da für kurze Zeit auf dem Tisch des ‚Kuriosa‘-Standes  gelegen hat! Nun ist es wohl in Kanada.

<    Auf dem Foto ist die störende Umgebung weggeschnitten

Kennen Sie den „Picasso-Krimi von Berlin“ ?

Ein wahrer Kunst-Krimi um eine Picasso-Maske! In dem Fall geht es um eine manipulierte Expertise, viel Bargeld und zwei Gynäkologen.

Die afrikanische Maske zeigt ein schmerzverzerrtes Gesicht. Von einer Krankheit deformiert und entstellt. In den 1970er-Jahren nahm sich der Jahrhundertkünstler Pablo Picasso mehrerer solcher Objekte aus Afrika an und gestaltete sie um. Häufig landeten sie als Geschenke bei seinen Freunden. Doch diese Maske landete bei der Polizei …“  (Axel Lier, B.Z. vom 10.Juli 2014 – Link)

Corpus delicti - B.Z.10.7.2014

B.Z.10.7.2014

Der alte Picasso sollte sie laut Verkäufer neu (?) bemalt haben. Die angefragte Tochter Maja beschied ihn: „Ist nicht von meinem Vater bemalt worden“. Das „nicht“ verschwand mit Hilfe von PC und Copyshop.

Warum sollte nicht wenigstens das Objekt vom Frankfurter Flohmarkt in den 1970er Jahren von Picasso verschönert worden sein? Hoffentlich lesen die glücklichen Kanadier zufällig meinen Beitrag.

Noch eine Frage: wieviel Geld muss man als Gynäkologe in der Provinz verdienen, dass man einfach so vierzigtausend Euro verzocken kann?

 

Werfen wir einen Blick auf die glorreichen Zeiten ‚authentischer‘ Provenienz:

Strother betont die Tatsache, „dass der Pende-Bildhauer des 20. Jahrhunderts immer vollständig in den Weltmarkt integriert war. Seine Produktion gehörte zu einer gemischten Ökonomie mit Werken, die sowohl für Pende-Kenner als auch für anonyme ausländische Händler bestimmt waren.“ „Gabama a Gingungu and the Secret History of  Twentieth-Century Art„, African Arts. Spring 1999, S. 19-31: S.29)

Ihr ist aufgefallen, dass die legendären Ethnographen Leo Frobenius (1904) und Emil Torday (1909)  Objekte der Pende erwarben, bevor sie überhaupt derenTerritorium betraten. Torday kaufte am Sitz der Compagnie du Kasai in Dima/Bandundu, mindestens 575 Kilometer flussabwärts am Ufer des Kasai-Flusses. „Pende-Masken kursierten als Handelsware mit standardisierten Preisen.“ (30)

Die Aufträge der Europäer für Masken ermöglichten es angesehenen Bildhauern, sich zu ‚professionalisieren‘, allein damit einen bescheidenen Lebensunterhalt zu verdienen. Wie allgemein bekannt, hatten die Belgier eine Geldwirtschaft eingeführt und forderten ein, was sie „Steuern“ nannten, was die Pende „Tribut“ nannten. (28) – Für weitere Details siehe den Aufsatz von Zoé Strother. Zur Geschichte der Pende im 20.Jahrhundert führt dieser Link!

 

 

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