Die Maske
Ein dickes Brett, nach HĂ€ndler W. âdas richtige Holzâ, groĂzĂŒgig gehauen, innen grob, aber funktional geglĂ€ttet, so funktional wie die breite Rinne zwischen den Augenöffnungen. Auch FlĂ€che und Lage des Mundes passen zur Trageposition. Mein Gesicht passt perfekt in die Höhlung. Die Sicht leicht nach unten ist ausreichend gut. Die hinteren Kanten sind leicht gerundet und zeigen etwas Glanz.
Auch vorn zeigt die Maske keinen ĂŒberflĂŒssigen Schnitt, keine unnötige GlĂ€ttung, die unter der Kappe verdeckte FlĂ€che zum Beispiel nur mit dem Beitel beschlagen.
Auf der schwarzen rechten Seite geben leichte Messerspuren den FlÀchen zusÀtzlich Dynamik. Technisch wirkt die Maske wie ein radikaler ungeduldiger TÀnzer.
Der Kontext der Mbangu-Maske
In seinem schmalen, aber reichhaltigen Ausstellungskatalog „To Cure and Protect“ (Berg en Dal, 1999) stellt Frank Herreman drei Mbangu vor. Eine vergleichsweise zurĂŒckhaltende Maske bilde ich hier ab undÂ ĂŒbersetze den dazugehörigen Kommentar, der freilich einige Fragen offen lĂ€sst:
„Sie stellen einen hoch angesehenen JĂ€ger dar, der mit GesichtslĂ€hmung geschagen wurde. diese Maske demostriert, wie sogar das hochgeachtete und aufrechte Mitglied der Gemeinde unerwartet mit Krankheit geschlagen werden kann. In diesem Fall glauben die Pende, dass das Individuum ein Opfer von Verhexung durch einen eifersĂŒchtigen Rivalen geworden ist. In der AuffĂŒhrung tanzt Mbangu mit einem ganzen Ensemble von Charakteren, vom Clown ĂŒber den Zauberer bis zur Hure. Diese Masken belehren das Publikum ĂŒber den Lohn guten Verhaltens und die FuĂangeln fĂŒr moralisch Schwache. Schwarz und WeiĂ spielen auf die Narben eines Menschen an , der wegen Epilepsie oder einem anderen krankhaften Zustand ins Feuer gefallen ist.“   (Herreman nach Strother)
„Masterpieces from Central Africa“ erlĂ€utert in einer Objektbeschreibung den Auftritt: Die Mbangu tanzt zum Lied „We look on (unable to help), the sorcerers have bewitched him„. Die Mbangu trĂ€gt einen Rucksack, aus dem ein Pfeil hervorsteht, Zeichen der unsichtbaren Geschosse der Hexer, die das Opfer ‚aus heiterem Himmel‘ getroffen haben. Der TĂ€nzer imitiert ausweichende und abwehrende Bewegungen, wenn er nicht sogar selbst zu Pfeil und Bogen greift. (p.159 zu no.46 (Z.S.S.))
ZoĂ© S.Strother gibt in „Inventing Masks – Agency and History in the Art of the Central Pende“(1998) eine weitere ErklĂ€rung, welche das groteske Gesicht der Maske und ihren Empfang mit Hohn und Spott durch das Publikum plausibler macht: Wenn es um einen asozialen Hexer geht, der die Kontrolle ĂŒber seine Zauberkraft verloren hat:
„Mbangu mocked the dangerous consequences of failure to control power to discourage the pursuit of antisocial sorcery “ (297)
Ein so finsteres Thema geriet aber in Konflikt mit dem Trend zu einer Maskerade, die Gemeinschaftlichkeit und Freude hervorheben wollte: a masquerade tradition stressing communality and joy (297). Eine zwiespÀltige Figur also. Und manchmal blieb den Leuten sicher das Lachen im Halse stecken.
Mit wachsenden sozialen Spannungen aber nahm der Schadenszauber zu. Die kapitalistische Ăkonomie seit der Kolonialzeit störte die traditionellen Regeln von Geben und Nehmen zwischen Verwandten empfindlich. Die Alten erpressten nun notfalls mit Hilfe von krimineller Hexerei (criminal sorcery) Geld und Arbeitsleistungen von jĂŒngeren Familienmitgliedern. Junge Leute entwickelten das starke GefĂŒhl, von ihnen ausgebeutet zu werden. Selbst in Kinshasa waren sie nicht sicher vor den Forderungen ihrer ‚Onkel‘. (297/98). FĂŒr die Kritik daran wurden eigens neue Lieder und Masken erfunden, die von 1953 bis in die achtziger Jahre wechselnden Erfolg hatten (297-298). Am Ende, so schreibt Strother an anderer Stelle (siehe das Original-Zitat weiter unten), war „Mbangu eine recht seltene Maske, als/seit (since) ich dort war. In der Bandundu Region waren so viele Leute unterernĂ€hrt, dass man seit 1990 nicht mehr viel MaskentĂ€nze veranstaltete.“Â
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 Eine vitale Interpretation des Maskentyps
Der Typ ist auf die Rolle des mit einem Fluch geschlagenen, aber kÀmpferischen Mann festgelegt. Das Publikum erwartet eine entstellte Fratze. Das lÀdt auch den Schnitzer zum Chargieren ein, zum Zitat verschiedener Kennzeichen, Karikatur statt Realismus.
Hier hingegen begegnet uns ein bemerkenswert individuelles Gesicht. Keine Standardnase, sondern ein relativ weit unten gebrochenes Nasenbein.
Der Mann hat einen Faustschlag abbekommen, vielleicht liegt die Ursache der herabgezogenen Nasenspitze auch woanders. HĂ€ufig sieht man MĂŒnder, die so grotesk schief eingesetzt sind, wie es eine einseitige GesichtslĂ€hmung nicht bewirken kann. Und die stehen dann als unĂŒbersehbares Zeichen in der unteren GesichtshĂ€lfte. Die klinische Form der Entstellung ist fĂŒr aber den Maskentyp nicht wirklich festgelegt.
Hier sind die Lippen extrem breit und vortretend geschnitzt, ĂŒbrigens in Harmonie mit den Stegen der typischen Augenbrauen und der ebenso dicken Umrandung der Augen. Der Mund erinnert an operierte Oberlippen (Gaumenspalte). Der Mund ist zum Trichter geworden, schreit regelrecht und zieht ebenso viel Aufmerksamkeit auf sich wie es die ausdrucksvollen Augen tun.
Die Gesichtsmaske verkörpert bereits die ErzÀhlung des Tanzes. Weitere Kennzeichen sind unnötig; es braucht keine keine konventionellen Zutaten wie Pockennarben, markante Stirnwölbung oder schief eingesetzte Augen.
Die auffĂ€llig klein geratenen Ohrmuscheln machen konstruktiv Sinn: Wir sehen das Gesicht wie es durch eine Weitwinkellinse erscheinen wĂŒrden: das Nahe zu groĂ, das Fernliegende zu klein. Wir kennen das als unangenehmen Nebeneffekt der effektiven Digitalkameras.
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EinschÀtzungen
Ich komme noch einmal auf die Grobheit der technischen Machart zurĂŒck. Bei ZoĂ© Strother (vor allem in „Inventing Masks„, University of Chicago Press 1998 – Link) habe ich gelernt, dass TĂ€nzer als Auftraggeber und Handwerker zusammenwirken mĂŒssen. Und dass prominente Schnitzer Preise verlangen, welche die Möglichkeiten noch nicht arrivierter TĂ€nzer ĂŒberschreiten. Wer hat sich in diesem Fall zusammengetan? Oder noch radikaler: Hat der junge Mann das Ding selbst geschnitzt? Oder ein Freund, der das Handwerk sich allein durch Kiebitzen angeeignet hat? Oder musste es schnell gehen? ZoĂ© erzĂ€hlt die Geschichte eines begabten Neulings, der aus seinem Frust ein Lied gemacht hat, es seinen Freunden heimlich vorgefĂŒhrt hat und bei ihnen einen Tanz entwickelt hat, und bei seinem ersten Auftritt seine Gesichtsmaske mit einfachsten Mitteln improvisiert hat.
Und dann schaue ich wieder auf die am Boden liegende Maske und sage mir: das war kein AnfĂ€nger! Und wie die immer wieder ĂŒbermalten Kaolinschichten zeigen, hat sie sich ĂŒber Jahre bewĂ€hrt. Die Raffia-Umgebung hĂ€tte erneuert werden mĂŒssen. Das Holz ist intakt, der Geruch aber fast ganz verschwunden.
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Was sagt Zoé Strother zur Maske?
„The carver of 8564 is having fun. That isn’t to say that people wouldn’t laugh to see it and enjoy a mocking performance of Mbangu. However, the market is flooded with Mbangu types because we foreigners like it so much. Mbangu has been a pretty rare mask since I was there. There’s been so much malnutrition in the Bandundu that people haven’t been dancing masks much since 1990. “ (eMail am 29. Mai 2018)
Meine Ăbersetzung:
Der Schnitzer von (Bild) 8564 hat Spass. Das heiĂt nicht, dass auch die Leute nicht lachen, wenn sie die Maske sehen und dass sie nicht eine Performance voll Hohn und Spott genieĂen.
Jedoch ist der Markt mit Mbangu ĂŒberflutet, weil wir AuslĂ€nder den Typ so mögen. Mbangu war eine ziemlich seltene Maske, als/seit ich dort war. In der Bandundu Region sind so viele Leute unterernĂ€hrt gewesen, dass man seit 1990 nicht mehr viel MaskentĂ€nze veranstaltete .
Was wir so lieben….
Vor einem Jahr am 6.5.17 :  Ein Kuriosum auf dem Flohmarkt, das KreativitÀt zeigte
Der HĂ€ndler hat sie nicht von seinen Lieferanten, sondern aus einem Eintausch, aus einer Sammlung. Er ist unsicher, denkt an ‚Kamerun‘. Ich lasse mich sofort anstecken, dabei ist der Gesichtstyp eindeutig ‚Pende‘ trotz groĂen Puppenaugen und kleiner Aufsatzfigur, deren schiefer Mund den der Mutter wiederholt. Der Anstrich zeigt mehrere Schichten, die Kanten sind elegant gezogen, der Schmuck liebevoll appliziert. Das Interessanteste fĂ€llt mir zuletzt auf: Das berĂŒhmte Modell ( z.B. Strother ‚Pende‘ (2008) Abb.18 – Link) hat zweifellos Modell gestanden. Egal, wo es nun entstanden sein mag, ein interessantes StĂŒck, das da fĂŒr kurze Zeit auf dem Tisch des ‚Kuriosa‘-Standes gelegen hat! Nun ist es wohl in Kanada.
<   Auf dem Foto ist die störende Umgebung weggeschnitten
Kennen Sie den „Picasso-Krimi von Berlin“ ?
„Ein wahrer Kunst-Krimi um eine Picasso-Maske! In dem Fall geht es um eine manipulierte Expertise, viel Bargeld und zwei GynĂ€kologen.
Die afrikanische Maske zeigt ein schmerzverzerrtes Gesicht. Von einer Krankheit deformiert und entstellt. In den 1970er-Jahren nahm sich der JahrhundertkĂŒnstler Pablo Picasso mehrerer solcher Objekte aus Afrika an und gestaltete sie um. HĂ€ufig landeten sie als Geschenke bei seinen Freunden. Doch diese Maske landete bei der PolizeiâŻâŠ“Â (Axel Lier, B.Z. vom 10.Juli 2014 – Link)
Der alte Picasso sollte sie laut VerkĂ€ufer neu (?) bemalt haben. Die angefragte Tochter Maja beschied ihn: „Ist nicht von meinem Vater bemalt worden“. Das „nicht“ verschwand mit Hilfe von PC und Copyshop.
Warum sollte nicht wenigstens das Objekt vom Frankfurter Flohmarkt in den 1970er Jahren von Picasso verschönert worden sein? Hoffentlich lesen die glĂŒcklichen Kanadier zufĂ€llig meinen Beitrag.
Noch eine Frage: wieviel Geld muss man als GynÀkologe in der Provinz verdienen, dass man einfach so vierzigtausend Euro verzocken kann?
Strother betont die Tatsache, „dass der Pende-Bildhauer des 20. Jahrhunderts immer vollstĂ€ndig in den Weltmarkt integriert war. Seine Produktion gehörte zu einer gemischten Ăkonomie mit Werken, die sowohl fĂŒr Pende-Kenner als auch fĂŒr anonyme auslĂ€ndische HĂ€ndler bestimmt waren.“ „Gabama a Gingungu and the Secret History of Twentieth-Century Art„, African Arts. Spring 1999, S. 19-31: S.29)
Ihr ist aufgefallen, dass die legendĂ€ren Ethnographen Leo Frobenius (1904) und Emil Torday (1909) Objekte der Pende erwarben, bevor sie ĂŒberhaupt derenTerritorium betraten. Torday kaufte am Sitz der Compagnie du Kasai in Dima/Bandundu, mindestens 575 Kilometer flussabwĂ€rts am Ufer des Kasai-Flusses. „Pende-Masken kursierten als Handelsware mit standardisierten Preisen.“ (30)
Die AuftrĂ€ge der EuropĂ€er fĂŒr Masken ermöglichten es angesehenen Bildhauern, sich zu ‚professionalisieren‘, allein damit einen bescheidenen Lebensunterhalt zu verdienen. Wie allgemein bekannt, hatten die Belgier eine Geldwirtschaft eingefĂŒhrt und forderten ein, was sie „Steuern“ nannten, was die Pende „Tribut“ nannten. (28) – FĂŒr weitere Details siehe den Aufsatz von ZoĂ© Strother. Zur Geschichte der Pende im 20.Jahrhundert fĂŒhrt dieser Link!
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