Bushong, Kuba – Salbenspender für die Pflege Neugeborener

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Anmut  Kuba-Szepter-IMG_4132_2     Kuba-Szepter-IMG_4134  Schlankheit  Kuba-Szepter-IMG_4130_2 ‘Puck’

             

Kuba-Szepter-IMG_4129_2T.L. sagte: ‘Buschong’ und verwies auf die Frisur. Er demonstrierte die dem Kopf aufsitzende fingerfreundliche Schale und erklärte, sie habe eine dunkle Paste enthalten, mit der die Frauen einem Neugeborenen die Fontanellen betupften, damit diese sich rasch schließen.

‘Was ist eine Fontanelle? Fontanellen sind die Punkte, an denen die Schädelplatten aufeinandertreffen. Bei Babys bestehen sie noch aus Bindegewebe, bis die Schädelplatten vollständig miteinander verwachsen sind. Es gibt insgesamt sechs Fontanellen am menschlichen Schädel, allerdings sind nur zwei davon bei Babys sicht- und fühlbar: Die Große Fontanelle befindet sich oberhalb der Stirn auf dem Vorderkopf und die Kleine Fontanelle am hinteren Ende des oberen Schädels. Die Größe der Großen Fontanelle unterscheidet sich von Kind zu Kind stark: Im Durchschnitt misst sie zwei mal zwei Zentimeter, ist aber bei den einen nur pfenniggroß und kann bei den anderen einen Durchmesser von bis zu viereinhalb Zentimeter haben.’ (http://www.netmoms.de/magazin/baby/…,am 10.4.16)

Theoretisch könnte das Objekt bereits als Mörser zur Zubereitung der Paste gedient haben, Sundi_Lehuard_pschlägt Lehuard bei einer ähnlichen kleineren Figur der Lunda vor. (Raoul Lehuard : Art Bakongo – Les Centres de Style, 1989, vol. 2, p.607: “effigié de mère À enfant vivant (mortier?), patine brun-noir, h. 16cm. Coll.Martial Bronsin” 9

Das Objekt hat Form und Größe einer mittleren italienischen Pfefferkanone, 33,5 cm. Das Gesicht erinnert mich an das meiner geschnitzten Kasperlpuppe oder an  Spock aus dem Raumschiff Enterprise. Dabei ist die rasante Frisur und der lang hochgezogene Hinterkopf reines ‘Bushongo’. Dazu kommen die schräggestellten spitzen Ohren, Schmucknarben an beiden Schläfen (ein Schachbrett mit 6 Feldern), hochmütig wirkende Augenbrauen und relativ kleine Bohnenaugen, schließlich eine geheimnisvolle markant tätowierte Linie von der Nasenspitze bis zum Haaransatz. Der Mund ist ungewöhnlich groß, aber konturiert, und er scheint zu lächeln. Die Oberlippe wurde irgendwann einmal ein wenig abgestoßen. Die Wangen sind ausgesprochen pausbäckig. Das gibt dem Mund Ausdruckskraft.

Das Objekt  liegt griffig  und angenehm knubbelig in der Hand. Denn die Oberflächen sind nicht bis zum letzten Grad geglättet. Da gibt es überall geringe Unebenheiten und kleine Kerben ohne Bedeutung. Doch sind die relevanten Details mit dem Messer sorgfältig ausgearbeitet, etwa die winzigen Rillen auf dem Nasensteg oder Nasenflügel und der leicht geöffnete Mund. Abgegriffen glänzen sie satt dunkel mit rötlichem Unterton. Reste ehemals roter Tukula-Paste hängen in allen Winkeln.

Es ist eine sehr schlanke Rundplastik mit nie mehr als 7,5 cm Durchmesser. Von der Gesamthöhe – 33,5 cm – Höhe nehmen Schale, Kopf und Hals fast die Hälfte (15,5 cm) ein. Auf der Höhe des Nackens ist der Durchmesser mit 3,5 cm am Geringsten. Die Mitte wird von einer Art doppelter Halskette gebildet, die jeweils von 9 oder 10  Knubbeln angedeutet werden. Die mittig nach außen gewölbte Säule darunter wirkt – ohne jedes Detail – körperlich, Sie greift sich aber auch gut, etwa, wenn man mit dem Finger der anderen Hand etwas aus der oberen Schale entnehmen will. Die Schale mit ihrem Untersatz macht die Frisur imposanter. Beides  könnte aber auch eine rituelle Frisur abbilden.

Am Fuß könnte eine zweite schmückende Doppelkette, die getrennt wird durch ein glattes Band, paradoxerweise die biologische Körpermitte bezeichnen. Auch das untere Ende der Figur ist ausgehöhlt, gibt der Figur guten Stand und ist nach ihrem Aussehen vielleicht ebenso als Salbenspender verwendet worden.

Das Objekt ist auf entspannte Weise ästhetisch, weder schludrig gemacht, noch durch dekorative Zusätze überladen. Der Vergleich mit größeren Objekten wird die Raffinesse des Weglassens zeigen. Charakteristika, Zeichen und Funktion sind ausgewogen und schaffen einen heiteren Gegenstand. Für seine Einordnung habe ich bisher nur wenige stilistische Vergleichsstücke und Hypothesen.                              (  erste Fassung am 5.1.2015 )

 

Bezüge herstellen!

Kuba KlistierIMG_4542Angesichts der ungewöhnlichen Gestaltung und der gegebenen Erklärung dafür, war ich froh, in der no.59 des Katalogs To Cure and Protect des Afrika-Museums Berg-en-Dal (Herremans*) ein Klistier im höfischen Stil der Kuba zu finden,  das einen ähnlichen Gesamteindruck macht. Es ist mit 29 cm kaum kürzer als das Szepter. Seine Tülle ist als Männerkopf mit der höfischen Frisur gestaltet  Das Objekt ist wohl jünger, nicht abgegriffen, aber die Oberflächenbearbeitung ähnlich. Seine Stirn ist stark gewölbt und wirkt mit tief sitzenden Augen zusammen bedrohlich, anders als die hoch gezogenen Augenbrauen des Frauenkopfs. Zudem ist der Mund zusammengezogen und die Wangenknochen treten stark hervor, ebenso wie ein ausgeprägter Adamsapfel.

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< zum Vergleich eine bescheidene Klistierspritze der Kuba( aus: Heil- und Körperkunst in Afrika, Linden-Museum Stuttgart 1997, S. 35 (Länge 26,5 cm)

 

 

Kuba Becher LeuzingerIMG_4555Kuba-Kunsth.Zug ? Schwitzt das Holz?

Herremans Hinweis auf Becher ist insofern fruchtbar, als man darunter Modelle mit  ausgesprochen weiblicher Anmutung findet, so bei Elsy Leuzinger, Die Kunst von Schwarzafrika 1972, S. 317 V 5 (Höhe 21 cm) oder in Meisterwerke aus schweizer Privatbesitz, Kunsthaus Zug 1995, no.40 (Höhe 20,9cm). Gemeinsam ist Bechern, Klistier und dem Szepter die schlanke Kopfform und der lange Hals. Die Frisur wird gekrönt durch so etwas wie einen Haarknoten (?), durch eine Schale oder die sorgfältig umrandete Öffnung.Details und dekorative Muster sind ausgewogen und maßvoll entsprechend der Größe des Kopfes auf den Flächen verteilt.

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Carl Einstein Negerplastik, Leipzig 1915 (Nachdruck 1992) zeigt auf S.105 zwei ähnliche Kopftassen, diesmal eher männlich wirkend, wie immer ohne Angaben.

 

 

Die Feststellung der Ausgewogenheit gilt auch für zwei weitere funktionale Objekte, die von www.jacarandatribal.com angeboten werden,  zum einen ein kleiner Talisman in Form eines Kopfes, zum anderen ein Reibeorakel mit einem Menschenkopf und einem Tierkopf an den Enden. Beide Stücke sind wohl über hundert Jahre alt, entsprechend glatt und patiniert. Beide Köpfe sind etwa 7 cm lang und werden überzeugend als Dengese oder Kuba verortet.

dengese charm seitlDengese.char.2

 

 

 

 

 

 

Kuba friction oracle

 

 

Bushong

 

Maria Kecskési bildet unter Nr. 202 in Kunst aus Afrika, Prestel 1999 S.206, einen 1918 von Leo Frobenius im Dorf Ifuta erworbenen ‘anthropomorphen Trinkbecher’ ab, eine stämmige Ganzfigur, deren offenbar männlicher Kopf die Hälfte der Gesamthöhe einnimmt. Auf den ersten Blick überwiegen eher die Unterschiede an der eher steifen Figur. Im Detail führt zum   Beispiel ein schmaler Steg von der Oberlippe zur Nase, finden sich ein Schachbrettmuster, derselbe Typ Frisur, Bohnenaugen, betonte Nasenflügel und die gleiche Verbindung von Hals und Kopf bei beiden Figuren.

 

 

Die Haartracht

Bushong_2Bei Maria Kecskési  las ich bei der Nr.202, dass die exzentrische Frisur mit den ausrasierten Schläfen nicht nur Männern des königlichen Adels Bushong zustand, sondern auch – in rituellem Kontext – jungen Frauen vor ihrer ersten Niederkunft, und dort ein entsprechendes Feldfoto von Torday 1910 gesehen hatte, suchte ich in dieser Richtung weiter und wurde auf der Webseite des ‚Mouvement Matricien’  (‚Bewegung für das Matriarchat’) fündig, die am ‚matrilinearen Königtum’ der Kuba-Föderation interessiert ist. Zunächst das (noch anonym präsentierte) Foto, das den Beitrag ziert: Die junge Frau trägt einen atemberaubenden, schon extraterrestrisch anmutenden rituellen Kopfputz. Auch aus dessen Mitte ragt eine – womit? – gefüllte Schale hervor.

Bushong_0001Das verspricht ja noch spannend zu werden!   ( 11.1.2015 )

 

 

15.1.15

 

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