W. erhielt aus Bandundu lange nichts mehr von den Holo.
Es handelt sich um eine kleine Volksgruppe ( „6000“ Mitglieder ) am Kwango-Fluss direkt oberhalb der ersten Stromschnellen an der Grenze zwischen RDCongo und Angola. Sozial und kulturell steht sie seit langem in engem Kontakt mit Yaka und Sulu, Pende und Tshokwe.
Ich durchkĂ€mme die ĂŒblichen BĂŒcher nach Informationen und Ă€sthetische Verwandtschaften, und sei es in Details. Denn trotz ihrer Missionarskontakte seit dem 17. Jh. wurden sie âbis 1950 nicht erforschtâ. Die schmale Stil-Monographie von Francois Neyt (1982 Galerie Jahn, MĂŒnchen) kenne ich noch nicht.
Die Holo wurden als JĂ€ger und Schmiede âwegen ihrer geistigen Macht gefĂŒrchtet und geachtetâ (Kilengi S.381) Machtteilung herrscht zwischen den âChefs der Erdeâ aus den Reihen der âersten Besitzer des Landesâ und den HĂ€uptlingen aus âAbkömmlingen von Einwanderernâ. diese leiten ihre Abstammung aus der weiblichen Linie her. Daher âsind Darstellungen von KlangrĂŒnderinnen sehr verbreitet.â (ebd.) Doch beide Seiten verehren die Königin (âHolo dya Mukhetuâ). Im Katalog Kilengi (Hannover 1997) wird eine solche Figur abgebildet und beschrieben. (Abb. 133, p.222-3).
âSie sitzt auf einem runden Hockerâ. Formal bietet der Kopf ein paar Ăbereinstimmungen: die Bögen der Augenbrauen, Bohnenaugen, NasenflĂŒgel und rechts wie links zwei âTrĂ€nenâ. Ăbrigens erwĂ€hnt Stoullig-Marin – in Kerchache/Paudrat p.584 – eine ĂŒberstehende Linie auf der Stirn der Figuren als Reminiszenz an die âauĂerordentlich stilisiertenâ Frauenfrisuren. Die Kante findet sich auch an der Hockerfigur, dazu wie ein ordentliches Volumen des Hinterkopfes.
Die âmagische Figur (mvunzi)â in Kilengi Abb. 134 ist mit ihr formal verwandt, einschlieĂlich der TrĂ€nen. Diese Figur ist mit 43 cm auch Ă€hnlich groĂ.
Die Figur könnte sogar zu einem Hocker gehört haben, denn die entsprechende Basis ist fragmentarisch erhalten, die SchĂ€delrundung könnte man nachtrĂ€glich vervollstĂ€ndigt haben. Ein auffĂ€lliger Unterschied zu meinem Hocker besteht in den betonten runden tiefen Ohröffnungen. Aber bei genauerem Hinsehen lĂ€sst sich an ihm zwischen Hand und SchlĂ€fe eine halbmondförmige FlĂ€che als Ohrmuschel interpretieren. Neyt: Art traditionnel du Zaire (1981, Fig. VI 13, p.128) zeigt eine sehr Ă€hnliche dörfliche Stempelfigur, 48cm hoch, „Dorf Paka, Zone Boti „(nicht auf seiner Karte p.110)
Die HĂ€nde berĂŒhren – wie u.a. auf dem abgebildeten Hanfmörser (Kerchache … no.1035, p.594) – die SchlĂ€fen, die Ellenbogen stĂŒtzen sich auf die Knie. Das schafft einen Eindruck von Leichtigkeit, da die HĂ€nde erkennbar nicht zum Tragen gebraucht werden.
Die Hockhaltung ist in der Gegend Allgemeingut, âdas herzförmige Gesicht und die konvexen, ovalen Augenâ erinnert die Kommentatorin an die Masken besonders der flussabwĂ€rts wohnenden Lula.
An dem Figurenpaar Kilengi Abb. 136 (28 und 25 cm) betont man âden ausgeprĂ€gten Grat des SchlĂŒsselbeinsâ (Kilengi S.382). Die Gesichter sind herzförmig, die Augenpartien oval und konvex, die weibliche (naturalistischere ) Figur zeigt âTrĂ€nenâ und NasenflĂŒgel, die weibliche Figur zeigt einen âgeschlechtslosenâ Unterleib, wie die Hockerfigur.
âAfrikanische Sitzeâ ( Vitra/Tervuren/Prestel 1994) zeigt mehrere Karyatidenhocker der Tschokwe und/oder Pende, die deren Einfluss dokumentieren.
Vom stabilen Bau und der Ausstrahlung her passt am besten Hocker Kat.108. Er soll das âschöne Frauengesichtâ der Mwana-po-Maske haben. Wie bei dem manieristischen Hocker Kat. 106 sitzt die Figur in senkrechter Haltung, aber reckt das Kinn nach vorn, ganz anders als die entspannten Figuren der Holo. Bei ihm auch Bohnenaugen im vertieften Augengrund unter umgedrehten Augenbrauenbögen, markante NasenflĂŒgel konturierter geschlossener Mund.
Generell reprĂ€sentieren die in „Afrikanische Sitze“ gezeigten Hocker der Chokwe und Pende aufgemotzte kleine Prestige-Objekte, Herrschaftsinsignien (vgl. LINK zu Luba-Blog)neben dem Chef aufgestellt wurden. Die HĂ€uptlinge selber nahmen auf figĂŒrlich dekorierten StĂŒhlen (chairs) Platz. Die Sitzhöhe der abgebildeten StĂŒhle variiert zwischen 25cm (Objektfoto) und 50cm (Feldfoto, Gungu 1925).
Der in „Masterpieces from Central Africa“ (Tervuren 1996) no.44 abgebildete und p.159 kommentierte Karyatidenhocker der Pende ist zwar 50 cm hoch bei 28 cm Durchmesser, aber dennoch sehr speziell. Erworben 1937 durch einen Arzt und Sammler, der im Westen von Kasai arbeitete, Ă€hnelt er dem Holo zwar in Kopfform und der Position der HĂ€nde (hier) hinter den Ohren (âafter the fashion of other Karyatids from Katunduâ). Der gurkenförmige Rumpf wirkt exzentrisch als explizite Gestaltung weiblicher Fruchtbarkeit, samt quadratischer Ăffnung der Vulva. Die zwei angefĂŒgten (?) mĂ€nnlichen FigĂŒrchen folgen dem âPende style from the region of Kasaiâ,
Kurzum: ein exzentrischer Mix von Regionalstilen in gleichmĂ€Ăiger heller Glanzpatina letztlich unbekannter Herkunft. Warum also kein ‚freies Kunstwerkâ, keine Spezialanfertigung? Ich frage mich: Was verstanden die Experten von Tervuren Prestel 1996 eigentlich unter âMasterpieceâ?
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A.Cornet: A Survey of Zairian Art (p.116/17) zeigt eine der berĂŒhmten Rahmenfiguren (nzambi) der Holo, die nach allgemeiner Auffassung von christlichen Kruzifix-Darstellungen inspiriert wurden. Formal interessant finde ich die Verbindung von Kanten und runder Körperlichkeit, die – weit weniger – auch am hocker zu beobachten ist.
Und er erwĂ€hnt im Nebensatz eine ikonoklastische religiöse Bewegung in den DreiĂiger Jahren; die meisten Kult- und Zauberobjekte seien zerstört worden. Danach hĂ€tten die Holo sie wieder geschaffen (re-create). Was immer er damit sagen wollte, das war und ist in Zentralafrika ein sich regelmĂ€Ăig wiederholender normaler Vorgang. Interessant vor allem fĂŒr den Stilwandel.