Wer war Dr. Robert Fließ (1895-1970) ?

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Bereits, als ich im Januar Robert Fließ als Rezensenten von “Gesunde Nerven” (Link und 2. Link), der psychohygienischen Ausstellung im Gesundheitshaus Kreuzberg, Berlin 1929, im Netz suchte, merkte ich, dass er im Schatten seines berühmten und exzentrischen Vaters, dem Mitstreiter Sigmund Freuds, völlig zu verschwinden droht. Dabei wurde er bereits als Kind Opfer des Forschungsdrangs seiner Umgebung und schließlich sogar selber Analytiker. Wenn Sie  selber “Robert” suchen, werden Sie bemerken, wie sehr “Wilhelm” ihn verdrängt.
Was ich damals fand, verschwand aber wieder in einem Anhang zum Beitrag. Es bleibt dort stehen, ich kopple es aber  – hoffentlich besser sichtbar –  als Beitrag zur Biografie von Robert Fließ aus.

Robert Fließ  publizierte am 23.11.1929 in der Vossischen Zeitung eine  Rezension.

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            Sie gefiel mir sehr und ich fragte mich:  Wer war Dr. Robert Fließ?

Ein Studierender gleichen Namens am Berliner Psychoanalytischen Institut wird als „fellow student“ zum Beispiel von Erich Fromm und René Spitz genannt. (The Annual of Psychoanalysis, V.32;  editors: Jerome A. Winer, James W. Anderson, Routledge 2013, Link) . Ein unfertiger en-wikipedia-Artikel (Link) belässt Robert im Schatten seines berühmten Vaters Dr. Wilhelm Fliess, dem engen Freund und Vertrauten von Sigmund Freund. Freud führte z.B. mit seiner Hilfe seine Selbstanalyse durch, die Familien hielten engen Kontakt – bis 1903, als sich die Väter zerstritten.

Einen völlig anderen Zugang bietet  die als pdf erschienene Studie von Lawrence Ginsberg in der Web-Publikation „internationalpsychoanalysis.net“. Es handelt sich um eine für Laien sperrige Zusammenstellung aus verschiedenen Quellen auf 42 Seiten: Kontakte, Zitate und Versuche zur Bewertung, für weitere biografische Forschung bereit gestellt.

Der Titel „ROBERT W. FLIESS (1895-1970): A Beneficiary and/or Forsaken Casualty of Classic Freudianism? “ – auf deutsch: Nutznießer und/oder verwahrlostes Opfer des klassischen Freudianismus?“ 

Nach der Lektüre möchte ich salopp umformulieren: Ein Heranwachsender inmitten der wilden Jahre der Psychoanalyse, natürlich Opfer einer Umgebung, wie sie Eva Weissweiler in „Die Freuds – Biographie einer Familie“ (2006) detailliert beschrieben hat: verknüpft mit der ‚feudalen‘  Familienstruktur des wilhelminischen Bürgertums eine verantwortungslose Ausforschung der eigenen Kinder aus wissenschaftlicher Neugier, missbrauchtes Vertrauen, die Vermengung privater Beziehungen und Freundschaften mit Theoriestreit und Konkurrenz….Der Autor empfiehlt am Ende seines kurzen Vorworts explizit: Future biographers are likely to reconsider progressions through his professional career as a reputed survivor of child-abuse and/or parricidal-like phantasies. (2) deutsch: „Künftige Biografen werden wahrscheinlich die durch seine Berufskarriere bewirkten Fortschritte Roberts als Überlebender zu vermutenden Kindesmissbrauchs und / oder vatermörderischen Phantasien überdenken“.

Der im  Januar 2018 Link funktionierende Link verweist uns bereits ein Jahr später bloss noch über die Suchfunktion auf ein paar hundert Seiten lange Liste im “Archive”. Ich bin froh, hier wenigstens die folgenden Auszüge präsentieren zu können. Ich stelle im Folgenden bezeichnende Zitate aus den ersten 12 Seiten  zusammen:

Elenore (1974), in an earlier account, portrayed her long-deceased father-in-law as “…charming to patients and acquaintances” while “a tyrant at home.” (6)

By 1982, Elenore (Fließ, Roberts Ehefrau) came to allude about Robert’s early family life as having included “a forbidding father, a subservient mother and meals with the servants“. Eine mochte ihn besonders und kochte seine Leibspeisen.

Elenore (1982, op. cit.) was not known to have ever met Ida Fliess, whom she termed “a Viennese heiress, daughter of a cultured family…an accomplished amateur pianist…gracious hostess” who led a salon in Berlin frequented by musicians, artists and literary figures (8)

In the Fliess’s ‘family myth,’ Freud was known as Robert’s ‘Uncle Doctor’. (3)

Fliess kept a daily record book in which he recorded his firstborn son’s (Robert) every maturation milestone, affliction, and trace of sexual activity’….(4)

We may never become privy (eingeweiht) to whatever childhood and adolescent traumata or abuse Robert may have been exposed to at the hands of either parent. (12

A ‘LONER’ – Robert: “It has taken me time to recognize my isolation as another blessing: I had never to please anyone and have been undisturbed in listening to my own ‘critical institution’…” (5)

Robert leistete im Ersten Weltkrieg vier Jahre Frontdienst, erlitt durch eine ‚Kriegsneurose‘ (shell shock) eine Beeinträchtigung des Gedächtnisses und einen tic bei Belastungsstress. (13) Er studierte anschließend Medizin und war Assistent an der Charité. Er kehrte in die Große Familie zurück. Er wurde selber Psychoanalytiker und begann 1927 die Ausbildung mit der Lehranalyse. Dann – er war 33, starb sein Vater 1928. Damals sprach er auch mit ‚Onkel Doktor‘ Freud über ihn.

Robert’s formal psychoanalytic training began at the Berlin Psychoanalytic Institute shortly after founder Abraham’s early death (1927):“…Karen Horney was there and Ernst Simmel. Ferenczi would have put in guest appearances. But more than lectures, however, what the student groupwould remember was the “Kinder Seminars…” (E. Fliess, 1974, p. 14). (13)

Robert was 37-years of age when he graduated (1932) from the Berlin Psychoanalytic Institute. According to a later account of his wife, he had been employed as: “a medical journalist³ for the foremost Berlin daily.

Diese ‚führende Berliner Tageszeitung‘ war die ‚Vossische Zeitung‘!  Nun erklärt sich der wie eine Fanfare schmetternde Satz mtten in der Ausstellungsrezension:

Und was sagen die Kinder dazu? Man will sie hören. Man hat sie zeichnen lassen. Der Studienreferendar Dr. Fritz (sic!) hat sie zeichnen lassen, die Dreizehnjährigen. Thema: „Erziehungsfehler unserer Eltern“ Ausführung: Sechs reizende Bilder, sämtlich mit Unterschrift. …“ Es lohnt sich, aufmerksam  weiter zu lesen.

Robert wusste, wovon er sprach. Hier ging es um viel mehr als die seelische Not im bedauernswerten Proletariat!  Fast vierzig Jahre später wurde – in Westdeutschland – ‚das Kind‘ wiederentdeckt, zusammen mit den Theorien der Weimarer Zeit. Heute befinden wir uns mitten in irgendeiner Phase einer globalen Erziehungsrevolution. Gut? Ja und Nein. Umwälzung? Aber ja! ‚Psychische Gesundheit‘?  Wohl kaum!

 

So viel für heute! Die fehlenden Übersetzungen folgen vielleicht wirklich noch. 22.5.18

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