„WELT DER BILDER“ – TRETEN SIE EIN!

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David Hockney, Martin Gayford im Gespräch bei Thames & Hudson (dt. Sieveking, 2016, Link)

Bildschirmfoto 2018-02-27 um 11.51.18

Mein 1973 verstorbener Lehrer Fritz Wiegmann hätte seine Freude an dem Buch gehabt, an der Abkehr von einem angeblichen ‚Fortschritt’, soweit er über technische Erfindungen hinaus geht, und an einer grenzüberschreitenden Betrachtungsweise, geankert vom Dialog zwischen Praktiker und Historiker, von Praxis und Reflexion. Dieser unideologische, ja anti-ideologische Dialog demonstriert die Gleichberechtigung aller Epochen, Regionen und Techniken. Und Technik ist ein wichtiger Aspekt, nicht mehr.

Moderne Künstler müssen sich an früheren messen lassen. Die vollmundig erklärten ‚Revolutionen’ erscheinen relativ, das Programm ‚autonomer Kunst’ im 20. Jahrhundert aufgeblasen. Bedeutende Künstler haben sich nicht darum geschert. Picasso wird so zitiert: Dekadenz seit Altamira  (25). Eine breitere Kunstöffentlichkeit konnte über Ausstellungen und Publikationen die vielen rückwärtigen Verbindungen zu Traditionen erst in den letzten drei Jahrzehnten zur Kenntnis nehmen.

 

In diesem Moment schaltet sich Fritz Wiegmann (Link) von irgendwoher zu (O-Ton):

Ich notierte bereits 1936 in Peking: (Link):

Statt der Hofdame war es nun die Arbeiterfrau?  Die Gesetze der Form blieben in traditioneller Form erhalten. Revolutionen des Individuums und seine Befreiungen gibt es in der europäischen Kunst in periodischer Kontinuität und wird es voraussichtlich auch einige Jahrhunderte weiter geben

Das Buch ist eine wunderbare Galerie. Eine solche illustre Gesellschaft wie in diesem Buch versammelt, ist mir in Italien und Spanien begegnet. David Hockney hat das Wesen der Zeichnung erfasst und findet es in den chinesischen Tuschezeichnungen wieder. Besonders gefällt mir der Vergleich von Mu-Hsi und Rembrandt (38-41).       Hockney 41,Rembrandt

Hockney 38,MuHsi

Dagegen lässt Hockney die Zeichnung von John Singer Sargent (Link) sagen:

Ich bin eine virtuose Zeichnung! – Aber das ist auch schon alles, was man von ihm bekommt.“ (40) Derartiges wird aber nicht illustriert, das soll man sich von Wikimedia holen.

Weiß irgendwer, dass meine späte Alpenbilder vergleichbar sind mit Hockneys oft kunstlosen, wenn nicht unansehnlichen Arbeiten? Ich war – wie David Hockney – ein denkender und vielleicht sogar stärker als er ein emotionaler Maler. Malerei war Teil meiner Revolte, meines Aufbruchs gegen die Umgebung. Woher nahm ich sonst den Mut, mit Sechzehn nach Berlin zu gehen? Man verkennt mich, wenn man meine frühen kubistischen Arbeiten pauschal als Abklatsch von Braque und Picasso abtut, statt sie als Studien zu begreifen. Leider sind kaum mehr als Reproduktionen erhalten und aus dem Abstand von fast einem Jahrhundert kann auch ich die jeweiligen Auseinandersetzungen nicht erinnern.“

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sind kaum mehr als Reproduktionen erhalten“ Weiß er auch jetzt nicht mehr? Schrieb er nicht in einem Lebenslauf, sie seien beim Einmarsch der Russen in einem Safe der Dresdner Bank „verloren gegangen“? Vielleicht lagert das eine oder andere irgendwo im weiten Russland? Taucht irgendwann wieder auf im Kontext „Beutekunst“?

Ich lerne dazu

Ich profitiere von Hockneys Zugang zur ‚Schmiererei’ von Malern, so zum Faktor der Zeitnot des Zeugen flüchtiger Naturerscheinungen – Sonnenuntergang, Eisbruch 1890 (Claude Monet, 80-83) oder generell der zeichnerischen Ökonomie – Das Bett (Munch, 37).  Hockney,Welt der Bilder 37,Munch-Bett

Die ‚Probleme’, von denen er spricht, sind nicht meine, die eines Betrachters, sondern künstlerische, zeichnerische, malerische, praktische.

Mir dämmert, dass ich mich bei „Max Liebermann“ (Link) blamiert haben könnte mit herabsetzenden Urteilen (‚Schmieren’). Jeder Einzelfall liegt anders. Ich bin nur berechtigt, zu sagen, dass mir eine Technik, ein Verfahren, eine Ästhetik nicht zusagt oder nichts sagt.

 

Fotografie

Ich profitiere auch von den Bemerkungen zur ‚Bedeutung’ von Bildern in den einleitenden Gesprächen. Das ist nahe bei Roland Barthes’ ‚punctum’, ohne theoretische Überhöhung (Link). So wie ‚Bilder’ aus subjektivem Winkel aufgenommen sind, so werden sie auch von Menschen rezipiert. Gayfords Frage ist fruchtbar: „Wodurch werden Bilder bedeutsam?“ (30)

7.4.17 – 26.2.18

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