Zu Max Liebermann an den Wannsee in Berlin

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Ein stilles Gelöbnis erfüllen: ihn in Berlin zu Hause zu besuchen, ihn den mein Lehrer Wiegmann so verehrte. Seinen herbstlichen Garten, sein Stück Wannseeufer.

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Er konnte froh darüber sein, oder war damals die Nachbarschaft unbebaut und offen? Dem Preis seines Grundstücks nach zu urteilen, ja.

Der Ort Wannsee wäre ein Kapitel für sich: unter einem Blätterdach hinter einer unsichtbaren Küstenlinie stehen Villen in eingezäunten in durch Hecken und Mauern versteckten großzügigen Rasengärten, dazwischen exklusive Neubauten mit Namen wie „Wannseepark“. Oder man muss Mitglied in einem der zahlreichen Bootsklubs werden, wenn man in seiner Nachbarschaft ans Wasser gelangen möchte. Die Villa der „Wannseekonferenz“ sticht überhaupt nicht heraus, so wenig wie die unweit auf Potsdamer Gebiet gelegene Villa der „Potsdamer Konferenz“. Wir sehen: Alles ist möglich in dieser diskreten konventionellen Szenerie. In unserer Gegend kann man das auch von Kronberg behaupten.

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Mein Eindruck von mehreren Besuchergruppen war immer der gleiche, – sie bildeten übrigens angenehme Farbflecken zwischen dem Grün: Geldadel älterer Semester, der herrschaftliches Verständnis für Gartengestaltung bewies und unendliche Geduld gegenüber einer aristokratischen Führung. Was in Museen selten geschieht: Ich fühlte mich deklassiert und irgendwie der Jugend zugeteilt. Hier bewegten sich Kenner und Sammler.

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Das ganze Parterre wurde von den Räumen des Cafés beherrscht. Das Behindertenklo hatte etwas von einer Intensivstation. Ich fürchtete schon, überhaupt keine Bilder zu sehen. Wir sind damit schon mitten in den vielen Momenten der Distanzierung.

Liebermann war kein deutscher Impressionist, sondern ein preußischer, wilhelminischer. Ein Jugendbild von ihm habe ich im ganzen Haus sowieso nicht gesehen, immer nur den markanten glatt rasierten Schädel mit und ohne Hut.

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Er identifizierte sich mit Edouard Manet, sicher nicht nur malerisch. Malte er Frauen anders als im Arbeitskittel oder in bürgerlicher Uniform mit Blütenhut, selbst eine Blüte? Und andere als arrivierte Männer?

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Seine Darstellungen kultivieren die großbürgerliche Familienidylle wie einen Seerosenteich. Er schuf sich jenseits der Fünfzig ein Idyll, ein brandenburgisches, ohne Witz! Liebermann war dem nordischen Birkenwald und seinem spröden Klima zugetan. Nicht umsonst war Holland über Jahrzehnte bis zum Weltkrieg – wie für Zuckmayer – Ziel für die Sommerfrische. War er nicht das, was man mit Hanseaten verbindet? Sein Atelier übersah ich erst einmal: So eine kleine Staffelei! Dem Selbstbildnis zufolge hat er im korrekten Anzug gemalt.

Patriarch, graue Eminenz war er bis 1933, über ein paar revolutionäre Jahrzehnte hinweg! Er brauchte doch gar keine „Sezession“, man bat ihn dazu. Die nächste Sezession, die der Expressionisten, hat er schon selbst verursacht. Als eine Art Moses, konnte er nicht folgen. Wie war noch die schöne Anekdote am Ende der Führung? Man lud ihn dringend ein, eine Ausstellung von Marc Chagall zu besuchen. Schließlich erklärte er seine Weigerung doch noch: „Sonst gefällt mir das Zeugs womöglich noch.“ Witzelte da vielleicht auch der protestantisch assimilierte Jude über das weißrussische Stetl?

Er provozierte gern, ideologisch auf Seiten des einfachen Volks, wie für „Realisten“, schon Courbet, typisch. In Liebermanns Vita fiel mir auf, dass er 1873 nach Paris kam. Damals muss diese Stadt, und erst recht ihre Bohème, noch traumatisiert gewesen sein von einer beispiellosen Repression 1871. In den folgenden Jahren – bis 1890 – bedeutete Sozialist im Deutschen Reich zu sein, den gesellschaftlichen Tod. Den hat er offensichtlich nicht gewählt, aber noch im Alter Zille und Käthe Kollwitz unterstützt. Ein zweites Faktum – das mir hier übrigens nicht begegnete, aber im Jüdischen Museum Berlin – war seine Kindheit unter einem diskriminierten Status, den er sicher nicht erst 1933 wieder erinnerte.

Doch nach 1900  waren das  nicht mehr die Probleme der Kunstavantgarde. Warum wollte er der Avantgarde eigentlich präsidieren? Oder musste er das, um im Geschäft zu bleiben? Jugendbewegungen und linke Putschisten zeigen sich häufig dankbar und sind sehr nachsichtig gegenüber alten Herren, die sich politisch auf ihre Seite schlagen, zuletzt wieder 1968. So muss ihn auch Wiegmann verehrt haben. Und natürlich den – verbalen – Mutterwitz, der freilich in seiner sozialen Position reichlich gepolstert war. Als er dem Chirurgen Sauerbruch, auf dessen Operationstisch er lag, sagte: „Sie ham eine Fresse, die muss ich malen“, fühlte der sich geschmeichelt. Und ließ sich bekanntlich malen.

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Ein Wort zu den Porträts: Kopfstudien oder auf Stuhl, hochgeschlossen, diskret. Die Psychologie eines Gentleman, der die Menschen kennt, sicher typisch, aber typischer als die Vorbilder? Da deutet man nun die geringe Erweiterung einer Handöffnung oder eine Faust.

Mir geht die mitgehörte Statistik nach, er habe 200 Männerporträts, aber nur 30 Frauenporträts gemalt, die Frauen seien sich zu hässlich dargestellt vorgekommen. Auch seine eigene – sehr schöne – Frau habe er nur schlafend oder lesend malen dürfen. Ich dokumentiere im Porträt meines Lehrers Wiegmann ein einschlägiges Zitat, von diesem amüsiert kolportiert. Auf die Reaktion der Dame: “Das Bild wird mir nicht gerecht” seine Antwort: “Sie brauchen nicht Gerechtigkeit, Sie brauchen Gnade.” Was steckt dahinter? Trafen sich da nicht zwei heimliche Kostverächter? Haben sie jemals eine Frau – jenseits der obligatorischen Aktstudienkurse – in Wäsche oder gar nackt gezeichnet, gemalt? Auf der Gartenbank jedenfalls könnte auch eine Kleiderpuppe sitzen. Dass Liebermann einfach den Menschen auch in den Frauen wahrgenommen hätte, ändert wenig an dieser Einschätzung.

Ich habe mich erneut bemüht, kam mit den besten Absichten, aber mir fehlt in seinen Bildern (und denen der Deutschen Impressionisten) Entscheidendes. Licht – starke Farben – eine breite Farbpalette – Linien  – Oberflächen – Formen, ja was Körper so bewirken. Und einen charaktervollen ästhetischen Strich. Das Arbeiten unter französischen Impressionisten soll seine Farben „aufgehellt“ haben, aber wirklich nachhaltig? Schon bei dem Romantiker Carus verstand ich nicht, wie man auf dunkle Bildpartien so viel Energien verschwenden kann – offensichtlich kann man. Und welcher Eros wirkt aus einer trüben Gartenlandschaft? Und in der Ausstrahlung eines mittelgroßen Waldsees? Es regnete schon wieder leicht, als ich das zweite Mal spazieren ging.

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Hat Liebermann jemals einzelne Blüten oder Früchte porträtiert? Auch Monet zog sich immer mehr auf seinen Garten zurück, aber nicht auf Rasenflächen, Blumenrabatten, Büsche, Hecken und Bäume. Und mit einer opulenten Farbpalette.

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Technisch war Liebermann eigentlich ein routinierter Schmierer: Linien, Konturen – die Repräsentanz von Körpern mochte er wohl nicht – Er war ja auch Maler. Farben auch nicht. Sexualität auch nicht. Was für Schlachten hat er eigentlich gegen den „Akademismus“ geschlagen? War dieser nicht viel zu unernst und kommerziell wie eine Friedrichstraßenpalast-Revue? Die Strenge Edvard Munchs, der ja auch ohne (für mich) sichtbares Ergebnis in Paris gelebt hatte – muss ihm wie die Dramatik der expressionistischen Revolte gefallen haben.

17.10.2009 / 30.11.2013 / 17.12.2016

 

 

 

 

 

 

 

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