Punktum. Roland Barthes hat Recht.

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In: Die helle Kammer – Bemerkung zur Photographie, 1980, dt. 1985, 2005 bei Suhrkamp

Nicht bloß als Konsument von Fotos, sondern als empfindendes Subjekt. Der Anlass mag banal sein, aber wenn ich meinen Entwurf für „Eisenbahnzeit“ (siehe Beitrag in “Reiselust”) durchblättere, also fast dreißig Jahre meiner Fotografien, spüre ich: Wenig Bedeutung hat, wie deutlich, wie detailreich oder wie raffiniert ein Foto ist. Im Prinzip könnte alles bis auf das Punktum geschwärzt sein – es muss nur eingebettet sein – und es würde den Kulturpanzer durchstoßen und –  dich oder mich berühren. In der Pornografie ist das Punktum besonders oft von Scheußlichkeiten umgeben, wie Aschenputtel in verhöhnende Lumpen gesteckt, aber der Satz Asta Nielsens gilt auch hier: „Am Schlechten umso mehr gewinnen.“

Technikfetischisten sind auf der Ebene des Bildes Materialisten, die meinen, wertvolle von unwerten Bildpunkten unterscheiden zu können. Und wenn einer Farbe verabscheut, so verlangt er doch Feinkorn.

Verbündete, Schirmherrin für ein anderes Verständnis könnte die Frau Barbara Klemm sein. War auch Cartier-Bresson kein richtiger Fotograf, so wie auch alle Reporter der Agentur „Magnum“?  Sie waren am Ort. Sie machten dingfest. Mit allen erlaubten Mitteln. Die Wirkung auf die Seele ist – wegen der Abwehrmechnismen – bei den härtesten Bildern blockiert. Indirekte Darstellungen dringen tiefer ein. Ich erinnere mich an die Tränen des GI bei der Befreiung von Buchenwald und manche ähnliche Szene, die mich beeindruckte.

Wenn unsere Beziehungen den Sinn unseres Lebens ausmachen, sollte nur diese Wirkung zählen. Alles andere ist dekorativ.

Wenn du nicht gerade raumgreifende, schwergewichtige, durchschlagende Dinge herstellst oder an Umwälzungen teilnimmst, brauchst du die Erzählung, den Bericht, die Sprache. Wollen deshalb so viele Fotografen großformatig arbeiten, weil die andere Alternative nicht ihr Ding ist?

Ich weiß, dass ich nichts Weltbewegendes vermittle. Doch darin bin ich radikal. Und ich habe mit Recht die Betroffenen meiner Fotos als das erste Publikum gesehen. Sie alle müssten die (damals) wichtigsten Bilder besitzen.

Im DLF wurde heute ein junger Fotograf befragt, der die letzten zehn Jahre Osteuropa bereist und entdeckt hat. Von Mittelformatkamera und Stativ sagte er, dass er ihre Umständlichkeit öfter zur Beruhigung der Aufnahmesituation genutzt hat. Er sagte nichts weiter darüber. Den Bildband habe ich nicht gesehen, aber vom Zuhören gewann ich den Eindruck, dass das Beste, was er vermitteln kann, die Zuneigung ist, die der Fotograf zu Regionen und Menschen gewonnen hat, wobei er persönlich auf die notwendige Distanz achtete. Schließlich hat er sehr viele Menschen kennen gelernt. In sein Metier ist er übrigens so hinein gerutscht. Als Profi will er sich gar nicht bezeichnen lassen.

12.12.10

 

Nachtrag: Ein extremer Fall von ‘Punktum’-Ästhetik

Der Betreffende ist mir dadurch aufgefallen, dass er alle ‘Negative’ oder vielmehr Dateien möglichst billig und klein ‘abziehen’ lässt. Sämtliche erhaltenen Drucke hebt er in den Bestelltüten auf und führt sie daraus vor. Eine Qualitätskamera kaufte er zu dem einzigen Zweck, seine Motive äußerst entfernt oder extrem nah, sowie bei fehlendem Licht einzufangen. Erziehungsbemühungen gegenüber hat er sich als resistent erwiesen. Ihm geht es rein ums ‘Punktum’, oder worum sonst? – Ich verzichte auf mögliche Abbildungen. Sie würden dem Status der Bilder nicht gerecht werden. Sie sind nichts anderes als Nägel vom Kreuz Christi.  12.12.13

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