Die Tränke . Der Tiger – zwei Paneele der Santal (Terai/Bihar)

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DER GANG ZUR TRÄNKE

 

Der Treiber hat schon zwei Buckelrinder angebunden. Ein Knabe reitet sein Dromedar zur Tränke, er streckt die Beine vor. Ein Mann folgt ihm auf einem offenen einachsigen Maultierkarren.

Die Darstellung, mäßig bewegt, strahlt Ruhe aus.

Die Haustiere sind subtil aus der Platte geschnitten. Sag man „halbplastisches Relief“, wenn die Körper auf der Platte zu stehen scheinen, wie mit Sandkastenförmchen abgedrückt?

Hälse und Köpfe sind verkleinert und verkürzt, weil die Höhe des Frieses auf 13 cm beschränkt ist, doch sind sie fein ausgearbeitet. Alle Tiere sind hochbeinig, was ihnen Würde gibt. Auch ist genug Platz, um den Moment des Ankommens durch entsprechende Beinposition dreidimensional anschaulich werden zu lassen. Die drei dargestellten Menschen sind wohlproportioniert und haben eine markante Kopfform.

Das Relief wirkt zugleich sensibel und archaisch. Karl dachte an „viel ältere Vorbilder“ des populären Frieses. (Dass er dazu irgendeine Gedächtnisspur hat!)

Ich schlage spontan Pommerantz-Liedkes Band über „chinesische Steinabreibungen“ nach und werde in der Han-Zeit fündig: Dieselbe körperliche Plastizität mit einfachsten Mitteln.

Je nach Lichteinfall werden jeweils andere Konturen stark akzentuiert. Wenn vor dem Fenster dichtes Laub vom Wind hin- und her bewegt wird, also schnell wechselndes Licht auf die Paneele trifft, möchte man meinen, sie befände sich wieder an einem authentischen Standort in einer Holzkonstruktion unter tropischer Sonne.

Zumal sie nicht mehr allein ist! Zwei weitere Bretter, geringfügig länger, hatte Sch. an den Stand auf dem Bergerstraßenfest mitgebracht, eines davon von der gleichen Qualität aus derselben Werkstadt, dessen bin ich mir sicher. Auf meiner Staffelei übereinander montiert, vervielfacht sich die Wirkung.

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TIGERJAGD

Die Darstellung könnte für mich folgende Geschichte in drei Teilen erzählen :

Abtransport des Opfers auf dem Rücken eines Maultiers (links), die Verfolgung des Tigers durch einen Zweiradfahrer (Mitte) und Mobilisierung des Militärs (rechts).

Oder sind sie vielmehr demobilisiert? Drei Soldaten marschieren mit geschultertem Gewehr nach rechts. Der Tiger „tigert“ ihnen nach, mit erhobenem Schwanz, anscheinend unbemerkt. Sie könnten die nächsten Opfer sein. Die zwei Männer transportieren (wie gehabt) das Opfer auf dem Maultier nach Hause. Der Radfahrer fährt voraus, die Familie zu benachrichtigen.

Oder wie reimen Sie sich die Geschichte zusammen?

Ich mag es , wie die Bildgeschichte – und es ist zweifellos eine Geschichte – so elementar wie unverbindlich erzählt wird, wie auf einer Serie von Fotos, die man zu numerieren vergessen hat. Die zeitliche Abfolge befindet sich in Unordnung, b.z.w. es herrscht Simultanität, eben Bildlogik.

Wir haben das Feature über die Sundarbans ( Delta östlich von Calcutta) gesehen und über die Gefährdung des Lebensraums für den bengalischen Tiger in der „Natur“ gelesen.

Im Terai-Gebiet, aus der die Darstellungen stammen, sind sie ja wohl ausgerottet. Doch kann man es den Leuten übelnehmen? Ist ihnen zuzumuten, mit diesem Risiko zu leben, wo in Deutschlands Berggegenden Panik aufkommnt, wenn einzelnde Braunbären oder gar Wolfsrudel gesichtet werden?

Die beiden Paneele übereinander polarisieren „dörflichen Frieden“ und „die Gefahr in der Wildnis“, ergänzen also einander auch thematisch.

4.8.2008

 

NACHWORT:

Bretter und Text gefallen mir seit langem. Die Bretter – um die 1 m lang – stammen von einem der bei den Santal traditionellen „Brautwagen“, wie einer in einem Buch über indische Volkskunst aus der damaligen DDR schematisch abgebildet ist.

Ein junger Anthropologe, der sich auf die aktuellen Seifenoper-Videos der Santal in der Ganges-Ebene spezialisiert hat, wollte auf Anfrage von den traditionellen Bilderzählungen gar nichts wissen, ich durfte nicht einmal mit einem solchen Brett im benachbarten Institut vorbeikommen. 

Ich habe nun andere Informationsquellen. Gestern bot die Webseite „Ethnoantiques“ (Link) gleich ein habes Dutzend interessanter Bretter in guten Aufnahmen. Und bereits 2007 hatte allein auf weiter Flur das Crocker-Art-Museum in Sacramento/CAL eine Ausstellung über Wagen und Bretter organisiert (Link zu Reportage)

Mein Beitrag heute ist für mich ein Ausgangspunkt.                

9. 2. 2018

 

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