Ich möchte dem zweiten Teil zur Orientierung eine Bilanz der aktuellen LektĂŒre voranstellen. (LINK zum 1. Teil)        19.1.2023
Fritz Kramer hat mich auf seine Art ernst genommen und als AuĂenstehenden fĂŒr sich nĂŒtzen können. Das haben mir die nachwachsenden Generationen in den einschlĂ€gigen Institutionen selten gewĂ€hrt. Ich empfand es als Erfolg, gerade von ihm in meinen eigenen Absichten und Zielen verstanden und akzeptiert zu werden.
Die unaufhebbare Distanz war dazu notwendig. Fritz Kramer wurde nicht mein Vorbild. Er konnte das â wie Andeutungen seiner Freunde bestĂ€tigen â auch nicht sein. Die Interessen, Neigungen und die Bereiche der Qualifikation waren zu verschieden.
Wie er als akademischer KunstpĂ€dagoge arbeitete, wird mir wohl ein Geheimnis bleiben, obwohl ich selber Lehrer war. Seine WĂŒrdigungen von KunstschĂŒlern, soweit mir bekannt, schienen mir, typisch fĂŒr Kataloge, blass und allzu empathisch. Und ich fragte mich wiederholt, ob er etwa meine ĂuĂerungen mit derselben pĂ€dagogischen Nachsicht kommentierte.
Die Treffen mit ihm 2017 und 2018 im Cafe waren gut, aber er schien auf dem RĂŒckzug. GegenĂŒber dem Ungeist des âHumboldt-Forumsâ war er mir zu defensiv. Seine Begeisterung fĂŒr die performative Poesie der âSĂŒdlichen Nubaâ und der ihn immer mehr beherrschende Traum, sich in den âSongsâ der Aborigenes zu verlieren, erreichten mich kaum. Fremd war mir schon seine jugendliche Begeisterung fĂŒr die altdeutschen Epen gewesen. Also ein schleichender Abschied. Wohl deshalb ist mir diese ‚Trauerarbeit‘ wichtig.
Ich bin gespannt, ob jemand aus seinen Kreisen darauf eingeht. Die mir zugegangenen ‚Trauerreden‘ waren informativ und gaben zu denken; und sie imponierten als persönliche Zeugnisse.
Hier geht es mir vor allem um die Bewahrung von Fritz Kramers ‚O-Tönen‘ auf den durch Impulse aktivierten Feldern.
Briefe, Emails und diverse AnhÀnge. 2015 bis 2021
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âKunst und Ritualâ ausschlieĂlich an Fachkollegen â Ethnographisches Archiv des Weltliteratur bzw. der performativen KĂŒnste â BefĂŒrchtung â Hinweis auf neuere Arbeiten zur Kunst in Katalogen â âMaori-PortrĂ€tsâ von Gottfried Lindauer in der Alten Nationalgalerie
Drei MalerportrÀts (bisher in Ausdrucken unsichtbar):
Kailiang Wang Fritz W.Kramer-Der Maler Kailiang Yang in Hamburg und Jinan.pdf
Misa Ogasawara, Galerie Vera Munro. Fritz W.Kramer-uÌber ein Bild von Miwa Ogasawara.pdf
Fritz W.Kramer-Klaus Hartmanns âTanzania Paintingsâdoc.    Klaus Hartmann.eu *1967 Â
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(Der einzige Abdruck ist momentan verlegt)
Marx-Kramer 16. 1. 2016 …….. Die erste Mail, weil es doch bequemer sei – Zum Nuba-Buch: er hat die Haltung der Autoren zurecht gerĂŒckt (jedenfalls nicht ‚romantisch‘). Ich habe die Rezension 2022 revidiert (LINK)
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 Josef – Franz Thiel „Jahre im Kongo“ (LINK) – Notiz zum H
umboldtforum
Vielleicht hĂ€tte ich mich lĂ€ngst fĂŒr Thiels Jahre im Kongo bedanken sollen. Ich wollte aber warten, bis ich wenigstens einen teil gelesen habe. Soweit bin ich jetzt – und somit meinen herzlichen Dank fĂŒr dieses so wohltuend bescheidene liebenswerte Buch!
Umseitig ein paar Thesen zum Sammeln und speziell zum Humboldtforum. Nicht zur Veröffentlichung bestimmt! Aber ĂŒber einen Kommentar von Ihnen wĂŒrde ich mich freuen. Herzlich Fritz Kramer.
Notiz Humboldtforum + Kommentar Gv. Nov.17.pdf
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„Basis und Hochkultur“ bedĂŒrfen breiter AusfĂŒhrung – „Afrika im Bode-Museum“ (LINK zu meinem Blog) : „Vergleiche, positiv :“beide Seiten zeigen Kunst als Element des Rituals“
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Mein Projekt „Duala Boot“ (1.1-1.3; LINK)
Marx-Kramer    7.5. 20
Lieber Herr v. Graeve, beim ersten Ăberfliegen Ihres Textes hat mich neben der beeindruckenden Vielfalt auch die entschiedene AktualitĂ€tsverweigerung ĂŒberzeugt. Ich hoffe bald zu ruhiger LektĂŒre zu kommen. Einstweilen grĂŒĂt Sie sehr herzlichâŠ
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„ad Cheri Samba“ (LINK)  – die Ausstellung âAfrikanische Kunst aus der Sammlung Han Coray 1916-28â im VKM ZĂŒrich 1995, Kurator MiklĂłs Szalay (LINK , siehe dort AUG./SEPT. 2020). – „Elite-Kulturen, nicht notwendig die der Höfe“ – „Giacomettis ‚Stehende’in afrikanischer Stimmung. Und Matisse!“ (zum Blog: LINK)
Marx-Kramer 09.09.20
Lieber Herr von Graeve,
vielen Dank fĂŒr Ihre Sendung. Ich freue mich jedes mal, von Ihnen zu hören (und zu sehen) zu bekommen. Die Objekte zur Coray Sammlung habe ich seiner Zeit, allein mit Szalay, gesehen, vor der Ausstellung, da der Katalog zur Ausstellung fertig sein sollte. Wissend, dass Baselitz und Co. dazu schreiben sollten, habe ich entschieden gegen die âkĂŒnstlerischeâ Betrachtung angeschrieben. Von Cheri Samba war nicht die Rede. Den habe ich auch sonst nie kennengelernt. Johannes Fabian, einer der zwei Fachleute fĂŒr populĂ€re Malerei im Kongo, kennt ihn um so besser. Nach ihm, der ihn nicht schĂ€tzt, ist Cheri Samba zwar aus der populĂ€ren Malerei hervorgegangen, dann aber gerissen und komplett in den internationalen Kunstmarkt eingestiegen. Das, so meine ich, betrifft auch Ihr Thema, seinen Bezug zur alten Skulptur. PopulĂ€re Maler im Kongo haben das, soweit ich weiĂ, nie zum Sujet genommen, weil es weder sie noch ihr Publikum interessiert. Die beiden Versionen des Selbstportraits, die Sie interpretieren, geben meines Erachtens nichts als gerissen gewĂ€hlte Posen fĂŒr seine Klientel wieder.
Szalay hat einen Tick mit Hoch- und Tiefkunst, den ich ihm nicht ausreden konnte. Allerdings trifft seine krude Unterscheidung einen Punkt, an dem ich schon lange laboriere: Die Existenz von Hochkulturen â Elitekulturen (nicht notwendig Höfe) â im soziologischen Sinn im alten Afrika, in âprimitiven Kulturenâ ĂŒberhaupt. Ich war lange mit meinem Buch ĂŒber KĂŒnstler aus Ostasien in Hamburg beschĂ€ftigt, das in diesem Herbst erscheint. Danach möchte ich ĂŒber diese âHochkulturenâ schreiben. Sed vita brevis.
Wieso Giacomettis Stehende fĂŒr Sie afrikanisch anmutet, hat sich mir nicht erschlossen. Das mĂŒssten Sie begrĂŒnden.
Mit sehr herzlichen GrĂŒĂen und WĂŒnschen fĂŒr Ihre Sammlung  Ihr Fritz Kramer
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Selbstkritik am Buch âKunst im Ritualâ – Maler Wiegmann (LINK) â Hyun-Sook Song, Kailiang Yang (LINK s. oben) , BĂŒttner, Richter –  Kriegsfotograf George Rodger „Unterwegs 1940-49“ (Hatje Canz 2009)
Marx-Kramer  02.01.21
Lieber Herr v. Graeve,
Ihr Brief hat mich aufrichtig gefreut, weil ich mich darin verstanden fĂŒhle. Ethnologen, die das Buch gelesen haben, fehlt durchweg der Sinn fĂŒr Kunst, wĂ€hrend die KĂŒnstler zuerst nach den Bildern schauen, dann vielleicht den Text lesen, ohne beides zusammenzubringen. So bleiben nur die Gebildeten als Leser, aber nur Sie erweisen sich als Lehrer, der eben auch Sinn fĂŒr den Aspekt der Lehre hat.
Ich stimme Ihnen zu, dass es mir in âKunst im Ritualâ nicht gelungen ist, einen flieĂenden Text herzustellen. Das Buch hat einfach kein klares Thema. Es verfranzt. Erst nachtrĂ€glich ist mir klar geworden, dass ich nur die zweite HĂ€lfte â ĂŒber Landschaft â hĂ€tte behandeln sollen, aber viel ausfĂŒhrlicher, die erste HĂ€lfte wĂ€re nur in Exkursen einzufĂŒgen gewesen. Vielleicht schwinge ich mich doch noch zu einem zweiten Versuch auf.
Wiegmann kenne ich nur aus ihrem Blog, aber er wĂ€re offenbar ein exzellentes Beispiel fĂŒr Maler auf irritierendem Terrain.
Hyun-Sook Song ist im Kunstbetrieb gut platziert, ihre BrĂŒsseler Galerie verkauft sie allerdings hauptsĂ€chlich in Ostasien. Kailiang Yang hat ĂŒber Carlier und Gebauer in Berlin in wenigen Jahren sicher zwei, drei Millionen verdient, ohne je bekannt zu werden. es gibt eben doch genug BegĂŒterte, die sich schlicht Bilder kaufen, die ihnen gefallen. Dann ist er allerdings nach China zurĂŒckgekehrt, in der Hoffnung, dort noch besser verkaufen zu können. Das ist ihm bis jetzt nicht gelungen. Alle ĂŒbrigen in meinen Buch vorgestellten Maler verdienen mindestens genug, Richter und BĂŒttner gewaltig, nur Winkler nicht, aber der ist Professor fĂŒr Zeichnung in Kiel.
Danke fĂŒr den Tipp Rodger Unterwegs. Bestelle ich mir. Opus Magnum und Nuba und Latuka habe ich, zudem das ad Nuba wichtigste: The Village of the Nuba.
Mit den besten kleinen WĂŒnschen  Ihr Fritz Kramer
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Anita Eckstaedt: âSichtbar machen und Bildern Sprache gebenâ (Psychosozial-Verlag 2019) â – Stefan Exler, seine inszenierte Photographie, Jeff Wall verwandt, aber..“
Marx-Kramer  05.01.21
Lieber Detlev v. Graeve,
inzwischen habe ich die Leseprobe zu Eckstaedts Sichtbar machen im Netz angeschaut. Mir ist das zu konventionell kunst-, kultur- und kreativitĂ€tsglĂ€ubig, der Ansatz fĂŒr mich wenig attraktiv. Darin gibt es aber ein Kapitel ĂŒber Stefan Exler, das mich sehr interessiert. Exler war unter meinen Hamburger Studenten der bei weitem intelligenteste, er las sehr schwierige Texte und konnte mit eigenen Worten darĂŒber sprechen. Seine inszenierte Photographie, Jeff Wall verwandt, aber völlig eigenstĂ€ndig, zeugt von stupender Sorgfalt und ist in der Symbolik weit komplexer als niederlĂ€ndische Stillleben des 17. Jh. SchlieĂlich musste er sich in psychotherapeutische Behandlung begeben und sucht jetzt nach einem Neuanfang. Als Mensch und als KĂŒnstler war er fĂŒr mich ein RĂ€tsel, das mich bis heute dann und wann beschĂ€ftigt. Nun möchte ich mir das Buch nicht kaufen â kein Platz im Regal, ich wĂŒrde darin nur einige Seiten lesen. Darf ich Sie daher bitten, mir das Exlerkapitel â S.125-166 â analog photographiert zu mailen oder zu kopieren oder das ganze Buch fĂŒr eine Woche zu leihen? Falls zu mĂŒhevoll, macht es nichts, ich wĂŒrde mir anders helfen. Wenn Sie das Kapitel schon gelesen haben, wĂŒrde mich Ihr Eindruck sehr interessieren. Das alles hat keine Eile.
Sehr herzlich.   Fritz Kramer
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Interpretationen von Stefan Exlers Arrangements – Bruce Gilley (LINK)
Marx-Kramer  13.01.21
Lieber Detlev von Graeve,
zunĂ€chst sehr herzlichen Dank fĂŒr die Eckstaedt-Photokopie. Ihrer EinschĂ€tzung stimme ich vollkommen zu, auch mir hat die Bildbeschreibung noch einiges klarer gemacht, nĂ€mlich die VerhĂ€ltnisse der Menschen in Exlers Arrangements. Die Interpretation scheint mir dagegen die Folge eines Ticks, einer GegenĂŒbertragung. Wenn man schon nach Generationen sucht, muss man sich klarmachen, dass E. 26 war, 1968 geboren, und ganz aus seiner Zeitmarke zu verstehen ist, d.h. er war Produkt nicht autoritĂ€rer, sondern antiautoritĂ€rer Erziehung. Das vermeintliche Chaos ist folglich kein Protest, keine Provokation, sondern, wenn man es ĂŒberhaupt als Ausdruck einer Lebensweise verstehen will, der Wohlstandsverwahrlosung. Auch das halte ich aber fĂŒr zu kurz gegriffen. Was nĂ€mlich wie ein Chaos wirkt, ist eine komplexe, kunstvolle Ordnung; der FuĂboden ist trompe lâoeil-Malerei, fĂŒr jedes Photo neu gemacht; die Objekte

Foto: Hessische Kulturstiftung  https://www.hkst.de/de/stipendiaten/stefan-exler/ Bildschirmfoto 2023-01-16 –
bilden eine Komposition, die Kandinsky gefallen hĂ€tte. Das Bild eines Chaos hĂ€tte ja auch nicht die Kraft, den Blick des Betrachters zu bannen. Selbst wenn man E. nicht kennt, kann man daraus folgern, dass er kein Chaot, sondern ein extrem ordentlicher, penibler Mensch ist. TatsĂ€chlich ist ihm jede Art von NachlĂ€ssigkeit bei sich selbst unertrĂ€glich, und darin ist er gewiss kein charakteristisches Beispiel fĂŒr seine Generation. Es mag allerdings sein, dass ihn das Motiv der Unordnung gerade deshalb herausgefordert hat. DafĂŒr sprĂ€che, dass er viel spĂ€ter als psychische Krise eine Zeit der Verwahrlosung durchmachen musste. Ich werde versuchen, Kontakt mit ihm aufzunehmen, um diese Photos aus der Distanz von 25 Jahren noch einmal mit ihm durchzusprechen. Ich bin nĂ€mlich durchaus an psychoanalytischen Erkundungen von Kunst interessiert, zumal ich Ernst Kris sehr genau gelesen habe; und die Dialektik von Ordnung und Unordnung ist ein allgemeines, ein anthropologisches Thema (s. Mary Douglas). Eben insofern scheint mir Eckstaedts Analyse eine unglĂŒckliche EngfĂŒhrung auf autoritĂ€r / Nazi.
Vielen Dank auch fĂŒr den Hinweis auf Gilley, den ich jetzt nur ĂŒberflogen habe. Seine Beispiele sind wohl korrekt, aber die Linie, auf die er sie bringt, ist, zurĂŒckhaltend gesagt, unbedachte Polemik, mit Schaum vor dem Mund, darin seinen Kritikern gleich. Koloniale VerhĂ€ltnisse sind so divers wie (un)menschliche VerhĂ€ltnisse ĂŒberhaupt.
Ich schaue jetzt regelmĂ€Ăig in Ihren Blog.  Mit sehr herzlichen GrĂŒĂen Ihr Fritz Kramer
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Stefan Exler und die Erfahrung subjektiver Entfremdung
Marx-Kramer 20.02.21
Lieber Detlev von Graeve,
inzwischen konnte ich ausgiebig mit Stefan Exler telefonieren. Ich fasse zusammen: Die Fotos entstanden aus einer Erfahrung der subjektiven Entfremdung. ZunĂ€chst wollte er Geschichten erfinden, um sich das Fremdgewordene anzueignen, schuf dann aber Bilder, die fĂŒr viele, auch widersprĂŒchliche Geschichten offen sein sollten, d.h. der Betrachter sollte angeregt werden, eine eigene Geschichte zu erfinden. Deswegen akzeptiert er die Deutung von Frau Eckstedt, eben als eine mögliche Lesart, nicht als allein gĂŒltige psychoanalytische Interpretation. Zugleich ist es in seinem Sinn, dass diese Lesart Widerspruch â also auch die Erfindung anderer Geschichten â provoziert. Weshalb er die Situation in der doch ungewöhnlichen Aufsicht zeigt, wusste er selbst nicht. Ich schlug vor, die Aufsicht ebenfalls auf subjektive Entfremdung zurĂŒckzufĂŒhren: ein Blick auf sich selbst und seine Figuren von auĂen, in einer fĂŒr Menschen eigentlich unmöglichen Perspektive. Das leuchtete uns beiden ein. Leider ist seine Arbeit zwar von klugen Köpfen wie Ammann hoch geschĂ€tzt und gefördert worden, war finanziell aber ein schlimmer Flop. Der Kunstmarkt folgt eben sehr eigentĂŒmlichen Regeln.
Mit herzlichen GrĂŒĂen  Fritz Kramer
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OstergruĂ – zweite BioNtech-Impfung â Leidenschaft fĂŒr die âSongs of central Australiaâ
Marx-Kramer  05.04.21
Lieber Detlev von Graeve,
auch Ihnen einen lieben OstergruĂ in Zeiten der groĂen Seuche. Ăberraschenderweise erfreue ich mich in der partiellen Seklusion meiner bloĂen Existenz, die zweite BioNtech-Impfung habe ich aber auch schon hinter mir.
Ihre Duala-Bootsmodell-Recherchen haben mich beeindruckt. Es scheint doch nichts ĂŒber die Leidenschaft des Sammlers zu gehen (so fremd sie mir selbst ist)! Falls Sie meine Leidenschaft interessiert, können Sie den Anhang lesen, geschrieben fĂŒr eine Festschrift fĂŒr Erhard SchĂŒttpelz.     Sehr herzlich. Fritz Kramer
Fritz W. Kramer    Notiz zu einer LektĂŒre: Songs of central Australia
1.
Man könnte T.G.H. Strehlows Monumentalwerk fĂŒr ein bloĂes GerĂŒcht halten. In einschlĂ€gigen Kreisen ist es von Legenden umrankt und doch so gut wie ungelesen. Einmal ist es, obwohl keine bibliophile Kostbarkeit, sondern 1971 in Sydney in schlichter Form erschienen, eine RaritĂ€t. Wegen der Flut von Sonderzeichen, die fĂŒr den Druck geschnitten werden muĂten, war die Herstellung sehr teuer, die Auflage klein, spĂ€ter eine Digitalisierung kaum möglich. Zwei oder drei Antiquariate bieten es an, von 4000 Dollar aufwĂ€rts. Nach langen MĂŒhen gelang es mir, die Photokopie eines Exemplars aufzutreiben, das sich in der Gesamthochschulbibliothek Wuppertal befindet. Zum anderen ist die LektĂŒre eine Aufgabe, ich jedenfalls habe fĂŒr die 775 Seiten mehr als ein von sonstigen Verpflichtungen freies halbes Jahr gebraucht. Strehlow setzt voraus, daĂ der Leser die Ethnographien von Spencer und Gillen und eigentlich auch die seines Vaters Carl Strehlow grĂŒndlich kennt; daĂ er Sinn fĂŒr den Klang von Versen hat und sich, wenn er schon nicht Aranda spricht, mit Grammatik und Phonologie dieser Sprache vertraut macht. Zudem sollte man, sonderbar genug, die altenglische und altskandinavische Dichtung schĂ€tzen.
Theo Strehlow brachte fĂŒr sein Werk Voraussetzungen mit, ĂŒber die niemand sonst verfĂŒgte. Auf der Missionsstation Hermannsburg aufgewachsen, waren seine Muttersprachen Deutsch und Aranda, Latein und Altgriechisch seine ersten Fremdsprachen; Englisch lernte er spĂ€t, was es ihm als Lehrer fĂŒr englische Literatur an der UniversitĂ€t Adelaide ratsam erscheinen lieĂ, sich auf Beowulf, den Widsith und Ă€hnliche Werke zu spezialisieren, wo seine Sprachbegabung konkurrenzlos war.
Seine Mutter hatte ihre Schwangerschaft mit Theo zum ersten Mal an einem Ort in der NĂ€he von Hermannsburg bemerkt. Folglich galt Theo bei den Aranda als Inkarnation eines Totem-Ahnen, und obwohl sein Vater ihm die Initiation verwehrte â Carl Strehlow war zwar einer der GroĂen unter den Ethnographen, in erster Linie aber Missionar â sicherte der Ort, an dem seine Mutter ihre Schwangerschaft bemerkt hatte, ihm ein totemische IdentitĂ€t und damit das Recht auf Zugang zu esoterischem Wissen; und in dem MaĂe, in dem Aranda in der ersten HĂ€lfte des 20. Jahrhunderts konvertierten, ihre Tradition aufgaben und ihre heiligen Tjurungas verkauften, erhielt Theo nach und nach Zugang zu weiteren totemischen Orten und den ihnen Sinn gebenden Liedern.
Songs of central Australia ist eine Anthologie dieser Lieder, die darin aber nur wenige Seiten in Aspruch nehmen. Der Rest ist Kommentar. Einleitend werden Rhythmus und musikalische Struktur der Lieder dargelegt, die Sprache und die Versstruktur; erst dann folgen die Lieder, eingeteilt nach Themen und Aufgaben: Lieder gegen Krankheiten, zur Verletzung von Feinden, zur Wiederbelebung von Getöteten, zur Vermehrung totemischer Arten, Pflanzen wie Tiere, zur Zelebration und zum Gedenken von Totem-Ahnen, zu Circumzision und Subinzision, zur Kontrolle von Wind, Sonne und Regen, zu Schönheit und Liebe, zur Feier der Pmara Kutata und einige etwas weniger heilige; schlieĂlich die geheimen Lieder der Frauen, von deren Existenz Strehlow gehört hat, die aber nicht kennen darf.
Bei jedem Lied beschreibt Strehlow den totemischen Ort, zu dem es gehört, vulgo das Dreaming, auch die Zeit, zu der die Eingeweihten ihn aufsuchen, in vielen FĂ€llen nĂ€mlich dann, wenn alle meteorologischen Zeichen sicherstellen, daĂ die Vermehrung der betroffenen totemischen Art bevorsteht oder bereits eingesetzt hat. Weil sich natĂŒrliche Eigenschaften des Orts in den Versen, wie gebrochen auch immer, widerspiegeln, sind diese minutiösen Ortsbesichtigungen zum VerstĂ€ndnis der Lieder unverzichtbar. Ebenso die Mythen, die von der jeweiligen Station der Traumpfade erzĂ€hlen. Die Lieder sind zuerst in der esoterischen Sprache der Dichtung gegeben, dann ihre Ăbersetzung in normales Aranda, mit einer ErlĂ€uterung der Transformationen, die zwischen beiden Versionen statthaben; es folgt eine InterlinearĂŒbersetzung ins Englische, mit grammatischen AufklĂ€rungen, und schlieĂlich eine Art Nachdichtung, die sich im Stil an die altenglisch-altskandinavische Dichtung anlehnt. Letzteres vor allem hat den Dichter Barry Hill, T.G.H. Strehlows Biographen, gestört. Auch ich sehe darin eine Idiosynkrasie, meine aber, daĂ man die Nachdichtungen nicht mitlesen muĂ, da alles, was die Originale angeht, in den vorhergehenden Fassungen enthalten ist. Diese allerdings kann man nicht eigentlich lesen, man muĂ sich viel Zeit lassen und sie studieren, bis man ihren Klang im Ohr und ihre Bedeutung im Kopf hat. Die altnordisch anmutenden Nachdichtungen scheinen mir im ĂŒbrigen kein schlechter Griff zu sein, um den gehobenen, erhabenen Ton des Originals â die Wanderungen der Totem-Ahnen sind ja heroische Taten â fĂŒr moderne (und gebildete) Leser spĂŒrbar zu machen.
2.
Viele Jahre ist Theo Strehlow auf dem RĂŒcken von Kamelen unter der brennenden Sonne Zentralaustraliens ĂŒber die Traumpfade der Aborigines gezogen, von Tjurunga-Speicher zu Tjurunga-Speicher, ĂŒberwiegend an völlig entlegenen Orten im Outback, um Verse und ihre ErlĂ€uterungen zu notieren; und viele Jahre hat er darauf verwendet, sein voluminöses und doch knapp, konzis gehaltenes Buch zu schreiben. Um zu erfahren, weshalb er sich diesen Exerzitien unterzogen hat, mĂŒsste man vermutlich sein ganzes gebrochenes und zerrissenes Leben kennen. Er selbst allerdings hat sein Ziel am SchluĂ von Songs of central Australia so einfach wie verblĂŒffend erklĂ€rt. Ihn hatte die moderne australische Landschaftsdichtung seiner Zeit gestört, weil sie sich nicht von ihren englischen Vorbildern lösen konnte und daher der australischen Landschaft in keiner Weise angemessen war. Um auf die Natur des Landes einzugehen, bedurfte es einer IntimitĂ€t, wie die weiĂen Siedler sie sich in ihrer kurzen Zeit nicht aneignen konnten, wohl aber die Aborigines in ihrer 50 000-jĂ€hrigen Geschichte. Deswegen muĂten ihre Lieder, die das physische Terrain mit Leben und Sinn erfĂŒllten, die Basis einer Geschichte werden, in der Siedler und Aborigines eine gemeinsame, verbindende Literatur der Zukunft zu schaffen hatten. TatsĂ€chlich ist T.G.H. Strehlows Material, das ja auch die Dreamings und damit die RechtsansprĂŒche der totemischen Clans genau lokalisiert, in den land claims, den juristischen Prozessen um das Recht von Aborigines am Grund und Boden, in den letzten 50 Jahren eminent wichtig geworden. Nicht so die Lieder. Wenn es ĂŒberhaupt jemandem gelungen ist, eine moderne Literatur auf der Basis der Traumpfade zu schaffen, so ist es T.G.H. Strehlow selbst, und zwar mit seinem wunderbaren Buch Journey to Horshoe Bend von 1969, einem Klassiker der australischen Literatur.
Ich habe eine Nacht auf dem Flughafen von Port Darwin verbracht, die australische Landschaft aber nur aus dem Flugzeug gesehen. Was mich dazu bewegt hat, der Dichtung der Aborigines 1967 meine erste Veröffentlichung zu widmen und seither von Zeit zu Zeit neue Ăbersetzungen zu lesen, ist mir ein Mysterium. Ich kann nur sagen, weshalb sich das monatelange Exerzitium der LektĂŒre von Songs of central Australia fĂŒr mich gelohnt hat. Der Gewinn an ethnographischem Wissen ist betrĂ€chtlich, hĂ€tte aber auch in einem lĂ€ngeren Aufsatz Platz gefunden. Nein, es war die VergegenwĂ€rtigung eines vollstĂ€ndig unbekannten Kontinents, eine PrĂ€senz, die sich Vers um Vers einstellt und mir den Horizont der Moderne eng erscheinen lĂ€Ăt, ineins mit der Schönheit und IntensitĂ€t der Lieder.
Der Zugang zu diesen Liedern ist schwer, sogar sehr schwer. Dennoch steht fĂŒr mich auĂer Frage, daĂ sie in den zukĂŒnftigen, universalen Kanon der Weltliteratur gehören. Nur ist das Medium der kommentierten Anthologie wenig geeignet, sie zur Geltung zu bringen. Das ist nicht nur Strehlows VersĂ€umnis. Denn er hat die Orte und die Rituale, zu denen die Lieder gesungen wurden, photographiert und gefilmt, die Lieder mit Tonaufnahmen dokumentiert. Wenn man dieses Material zu Filmen montiert, in denen die Ăbersetzungen als Untertitel erscheinen, wĂ€re der Zugang zu den Liedern als Komponenten einer performativen Kunst angemessener und leicht. Das aber wird in absehbarer Zeit kaum geschehen, denn die Aborigines haben nicht nur ihre land claims durchgesetzt, sondern auch das Recht auf ihr geistiges Eigentum. Strehlows Material wird im Strehlow Center in Alice Springs verwahrt und bewacht, zugĂ€nglich nur fĂŒr die eingeweihten MĂ€nner der totemischen Clans. Insofern gehören die Lieder nicht zur Weltliteratur, sie sind vielmehr strikt lokal. DaĂ sie mit MĂŒhe in einem gedruckten Buch â und seiâs in Wuppertal â zugĂ€nglich sind, war unvermeidbar. Doch zur Weltliteratur können â und sollen â sie erst werden, wenn ihre rechtmĂ€Ăigen EigentĂŒmer sie dazu freigeben.
Ich meine damit keineswegs die Aufwertung einer oralen, einfachen, gar primitiven Dichtung zur Weltliteratur, sondern die Erkenntnis, daĂ es sich beim Vortrag dieser Lieder um die performative Kunst einer Hochkultur handelt. Diese These ist fĂŒr eine andere Region Australiens zuerst 1959 von W.E.H. Stanner in Durmugam: A Nangiomeri formuliert, aber wenig beachtet worden. Gemeint ist damit nicht etwa der archĂ€ologische Begriff, nach dem Hochkulturen durch Zentralinstanzen, StĂ€dte und Schrift gekennzeichnet sind, sondern der soziologische, der eine spezielle Kultur der wenigen meint, die ein lebenslanges Lernen absolvieren, durch das sie sich von der Basiskultur absetzen, ob es sich dabei um Eliten handelt oder nur um Initiierte, die wie bei den Aranda ein praktisch nicht verwertbares Wissen erwerben oder sich eine Kunst aneignen, die Natur und Mensch zu einem geheimnisvollen Gleichnis macht.