Über Bruce Gilley reden oder lieber über Xi Jinping?

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Von einem vermeintlichen Opfer akademischen ‚Mobs’ zu den wirklichen globalen Fragen  finden, ohne Zeit zu verlieren  –  Brief an einen jungen Freund

Lieber J.

in Berlin regte ich mich über den Begriff„kolonialistisch“, einen Totschläger auf, geriet im Netz an den Skandal von 2017 von einer kleinen Programmschrift “The Case for Colonialism“ von Bruce Gilley, Juniorprofessor für Political Science in Portland/OR, fühlte mich wie andere Leser befreit durch seine schnörkellose Kritik an „anti-kolonialistischen Schuldzuweisungen und durch nachvollziehbare Gegenbeispiele, und schrieb mir die vermeintlich besten und zukunftsweisenden Formulierungen auf.

– Erste Denkpause –

Ich dachte bereits an eine Empfehlung für dich, was Politologie auch sein könne.

Das Konzept einer kontrollierten und partiellen Re-Kolonisierung von miserablen post-kolonialen Staaten soll nämlich die Schwächen des Konzepts good governance vermeiden, das hieße, die Überforderung der schwachen Fähigkeiten solcher Gesellschaften. Aber dann fordert Gilley  ‘starke’ politische Persönlichkeiten, ‘Akzeptanz’ bei der Bevölkerung , das ganze Programm. Und er wählt Beispiele aus allen Himmelsrichtungen, auch aus Asien bis hin zur VR China und Hongkong.

Im nächsten Beitrag erklärt er sich zum Verfolgten durch einen akademischen Mob und gibt ein paar empirische Schwächen zu.

Schließlich erweist sich das Ganze als ‚Familienstreit’ in der Afrikanistik, was mir erst jetzt klar wird: Bereits mit dem ersten Beitrag 2016 wollte Gilley den eingeschworenen ideologischen „Anti-Kolonialisten“ Afrikas eine ihrer Galionsfiguren nehmen, den nigerianischen Schriftsteller Chinua Achebe. Er stellte aus dessen Gesamtwerk Textstellen und Äußerungen zusammen, in denen Achebe die zivilisatorische Leistung der Briten im kolonialen (Süden des) Nigeria anerkannte. Der skandalumwitterte Artikel “The Case for Colonialism“ war also nur eine Umgruppierung seiner Argumentation – bildlich gesprochen – vor einer Generaloffensive.

Ich schreibe dir das nur, weil die Geschichte mich drei Tage und einiges an Emotion kostete und schließlich platzte wie ein bunter Luftballon auf der Frankfurter Zeil.

Ich nenne dir trotzdem die Links. Arbeiten musst du ja sowieso vielleicht etwas mehr:

The Case for Colonialism#503E70 (Link)

How the hate mob tried t#5087CD (Link)

Achebe_Final_AsPublished.pdf (Achebe_Final_As Published)

– Zweite Denkpause –
Die  Welt des Xi Jin-ping (ARTE 13.12.18)

Vorgestern Abend  sah ich den Themenabend auf ARTE über das China des Xi Jin-ping. Ganz nach dem alten impotenten Strickmuster des europäischen China-Journalismus. Ich wollte dazu noch einmal etwas bloggen, aber die notwendigen Wiederholungen sind mir schon nach den ersten Notizen ärgerlich.

Ich will auf etwas anderes hinaus: Wenn du Politologie machen willst und neugierig bist, warum dich nicht auf China einlassen, die Sprache lernen und das System studieren? Mit Thailand bist du doch schon auf halber Strecke!

Inzwischen ist es interessanter, unseren Gegner oder künftigen Seniorpartner zu studieren. Wie funktioniert China, das ‚Reich der Mitte’? Was immer angeboten wird -‚Personenkult’ und ‚Ideologie’ – das sind nicht die Antworten. Über manche Aspekte chinesischer Innenpolitik – ein riesiges Land – habe ich seit zehn, zwanzig Jahren nichts Neues mehr gelesen. Irgendwer weiß es, eine Menge Leute müssen dazu auch im Westen viel wissen.

Vielleicht gehört der beim Recherchieren aufgesammelte Beitrag von Heike Holbig und Bruce Gilley (!) zu solchen Studien: “In Search of Legitimacy in Post-revolutionary China: Bringing Ideology and Governance Back”, GIGA March 2010. = Link: Gilley,Holbit-China-GIGA 6366426-

Oder eine Alternative, die du auch bereits ausprobiert hast: Ernsthafte post-koloniale Reformen anderswo?

Dem ‚Westen’ schmelzen nun schlicht die Einflussmöglichkeiten zusammen. Das ‚Zeitfenster’ für ernsthafte post-koloniale Reformen war in Afrika, Lateinamerika oder Vorder- und Südasien seit 1960 offen!

Das Beste an der ersten Sendung des Themenabends Xi Jin-ping war die wiederholte Einsicht: ‚Sie’, die Chinesen, haben für die Zukunft ein Konzept, wir haben keins, ‚sie’ haben den Willen, wir sind zerstritten.

Ich finde: Die als ‚Wissenschaft’ subventionierte Rhetorik um dieses Nicht-Konzept lohnt nicht Mühe und Lebenszeit. Man darf nicht vergessen, dass die Politologie eine junge amerikanische Erfindung ist und in Deutschland als Teil der Re-Education nach 1945 entstand. Die Politologie war hochideologisch und ist es heute, weil sie mehr denn je von den Geldern ‘der Politik’ abhängig ist. Ich habe sie während meines Studiums nur mit spitzen Fingern angefasst, hauptsächlich, um mein Lehrerexamen zu machen und ganz nebenbei, um an unveröffentlichte Quellen heranzukommen. Harmlose Zeiten, es ging dabei nur um Brecht!

So drängend dieser Text dir erscheinen mag, dies ist nur als Anregung gemeint. Jeder geht seinen Weg.

Verfasst am 18.Dezember 2018

 

*   6.1.2019    Mit  Bruce Gilley über das China das Xi Jinping reden!  (Link oben)

Die kompakte Dreißig-Seiten-Studie ist eine äußerst anregende Lektüre, weil sie nicht in einer ideologischen Wagenburg gefangen ist und  daher Grundfragen heutiger Politik stellt. Zu China heute nur ein Satz: Was die Autoren als komplexe “Legitimation” der KP im postrevolutionären China analysieren, ist nicht so verschieden von dem, was im Kaiserreich als “Mandat des Himmels” verstanden wurde. Diese Legitimation zu gewinnen und zu erhalten, war immer eine Gratwanderung mit ungezählten kleinen und großen Krisen. (Siehe Kangxi in Link)

Man muss zur Kenntnis nehmen, dass Bruce Gilley – zusammen mit Heike Holbig – ein paar Jahre lang (Publikationen 2009, 2010) sich intensiv mit der Legitimation einer ‘autoritären’ Staatsführung auseinandergesetzt hat, die bisher pragmatisch und seit 1978 erfolgreich extrem anspruchsvolle Herausforderungen bewältigt hat, unter den Bedingungen eines gigantischen “multiethnischen Nationalstaats”, tiefgreifenden wirtschaftlichen und sozialen Umwälzungen mit wachsender sozialer Ungleichheit mitten in einer globalisierten Weltwirtschaft. Zudem erscheint die VR China gerade in der durchweg ‘autoritären’ Dritten Welt als Entwicklungsmodell. Den späteren Kolonialismus-Artikel Gilley’s sollte man also auf diesem Hintergrund bewerten, wenn man dafür überhaupt Zeit findet.

 

 

 

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