‚Zeitmarken’ – ein romantisches Buch

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 Fritz W.Kramer und Gertraud Marx : ‚Zeitmarken – die Feste von Dimonko’ in der Reihe ‚Sudanesische Marginalien’ im Trickster Verlag, 189 Seiten, München 1993

Es wurde ein Denkmal für die Leute von ‘Dimodonko’, den ‘Kodenko’ oder ‘Kronko’ im Süden des Berglands von Kordofan. ‚Südliche Nuba’ war die mir durch häufige Wiederholung auffallende Bezeichnung in seiner Jensen-Gedächtnisvorlesung an der Frankfurter Universität 2009 und bereits ein Kompromiss mit dem Sprachgebrauch in Deutschland, wo ‘die Nuba’ seit langem ein Begriff sind. Im Grunde meinte aber Kramer als präziser Ethnologe immer nur ‘die Leute von Dimonko’.

Die Autoren entschuldigen sich für einen philologischen Zugang – er prägt besonders die Einleitung in lexikalischem Stil, die Anmerkungen und die lange Literaturliste. Sie lassen bereits im ersten Kapitel ahnen, wie schön das Buch hätte werden können, dessen breit angelegten Fundamente wir hier bewundern. So ist ein wissenschaftliches Taschenbuch entstanden, mit Kartenskizzen in irritierend großer Auflösung, aber ohne Bilder.P1400997 Nuba Karte

Es ist ein intimes Buch, anrührend in der Ankündigung, fortan das grammatische Präsens für vergangene Verhältnisse zu verwenden. Wie gerne hätten Fritz Kramer und Gertraud Marx den ganzen Jahreszyklus, den sie in der Erzählung vor uns erstehen lassen, selber durchlebt, ebenso wie die großen und unbeschwerten Feste, von denen man ihnen erzählte, als man sie 1987 zu etwas wie Notausgaben einlud. Die Intensität der Darstellungen wie der Erörterungen lässt vermuten: Diese Zeit klassischer Feldforschung zwischen zwei Akten des Bürgerkrieges im südlichen Sudan wurde trotz des vorzeitigen Endes eine prägende Erfahrung.

Die Autoren hielten sich 1987 zu intensiverer Forschung bei den Leuten auf, aber der erste prägende Eindruck der Autoren datierte von 1974. Damals, in diesen beiden Jahrzehnten war die Bereitschaft zur Idealisierung alternativer Lebensformen in Westdeutschland bekanntlich groß. Das Buch wurde 1993 publiziert. Heute fällt es mir schwer, das schmale Buch in einem Stück durchzulesen, ich ertrage Sozialutopien seit langem nicht mehr. Jeglicher Utopismus ist mir ausgetrieben.

Die notgedrungen skizzenhafte Darstellung bietet ein Gesellschaftsmodell und suggeriert in der Summe einen ‚paradiesischen’ Zustand ‚edler Wilder’ oder mit Karl Marx eine ‚Urgesellschaft’, welche die verfügbaren Ressourcen in einer kleinen ökologischen Nische – an den Hängen von Tafelbergen inmitten der weiten sudanesischen Ebenen – optimal nutzte. Einbettung in die Natur – auch wenn ‚Hunger’ oder ‚Malaria’ im Jahreskreis ihren Platz hatten – überhaupt der kreisförmige Charakter herrschte in allem. Gemeinschaftliches Arbeiten und Genießen, die Institution der ‚Treuhänderschaft’ und schließlich eine institutionalisierte ‚Freundschaft’ auf Grund der Neigung von Individuen, generell die Rücksicht auf die menschliche Natur, insbesondere das Geschlecht und das Bedürfnis nach Rausch oder die Kanalisierung kreativer und aggressiver Impulse im Wettstreit. Wie hält man junge Leute mit beschränkten Mitteln beschäftigt und bei Laune? Eine überall zentrale Frage! Alle Widrigkeiten des Lebens, alle menschlichen Leidenschaften und Eigenheiten sollten Sinn erhalten, verständlich werden. Alle möglichen Konflikte sollten wenn nicht vermieden, so doch eingebettet werden. Das gab eine Menge Gesprächsstoff. Das Leben wurde nie langweilig.

Es gab keine formellen Hierarchien, auch keine auf individueller Leistung basierende. Es gab keine mehr oder weniger zentrale Herrschaft. Es war eine Kultur, in der man die Jahreszeiten mit Festen als ‚Zeitmarken’ ehrte und so die sozialen Bindungen periodisch erneuerte. Entsprechende Motive wirken in ‚Zeitmarken’ wie Beschwörungen: „…und feiern ihre Feste, auf denen sie Wettkämpfe im Ringen abhalten, trommeln oder auf der Leier spielen, tanzen und Lieder singen.“ (78). Doch es gab Nestflüchter, Nachbarn und schließlich überregionale ‚moderne’ Konflikte.

Eine solche Gesellschaft untergehen zu sehen, während man sich um Zugang und Verstehen bemühte, musste sehr wehtun. Nach einem Zwischenaufenthalt bei in Khartum gestrandeten ‚Nuba’-Flüchtlingen machte man sich – auf den Schultern weniger Informanten – an die wissenschaftliche Rekonstruktion, im Hinterkopf die gesamte einschlägige Literatur. Für das ‘Making-of’ fand das Taschenbuch zu wenig Platz. Durch die Publikationsreihe war ein karger Rahmen vorgegeben.

In den folgenden zwei Jahrzehnten hat Fritz Kramer die Kultur der Leute von Dimonko in den Publikationen immer neu beleuchtet und reflektiert, doch aus eher zunehmender Distanz, so auch in seiner jüngsten Buchpublikation: Kunst im Ritual – Ethnographische Erkundungen zur Ästhetik“, der Ausarbeitung der Vorlesung von 2009, im Reimer Verlag 2014.

Dokumentarische Fotos aus Dimodonko fehlen in ‘Zeimarken’. Bilderfahrungen muss man sich anderswo holen (Literaturliste), sie sind aber dann auch von anderswoher. Auch eine eindringliche literarische Prosa kann sie nicht ersetzen.

Die Autoren vermeiden damit auch ein Dilemma, wenn sie nur in starken Metaphern den Kult athletischer geschmeidiger Körper und eine unverkrampfter Sinnlichkeit unter den Leuten von Dimodonko vermitteln. Können attraktive Fotos sich überhaupt erfolgreich absetzen vom Verdacht des ‚voyeuristischen’ Blick oder eines als faschistoid etikettierten Körperkults einer Leni Riefenstahl (‚Nuba’)? Ich hielt deren öffentliche Skandalisierung vor dreißig Jahren für überzogen und bin jetzt gespannt auf die seriösen Bildangebote im Literaturverzeichnis von ‚Zeitmarken’. – Ein Beispiel:IMG_2557 IMG_2558

Abb. aus G. Rodger, Le Village des Noubas, Paris 1955, Robert Delpire Editeur

Kein Vergleich! Leni Riefenstahl war eben professionelle Fotografin.

(23.7. /05.09. 2015)