Archiv der Kategorie: BERLINER LUFT UND PROJEKT „GESUNDE NERVEN“ 1929-31

Fritz Wiegmann – Stilleben – Zwei kubistische Bilder von 1928 aufgetaucht !

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25.10.2016 -28.05.2018

Stilleben beschĂ€ftigten Wiegmann zeitlebens. Anfangs gaben offensichtlich noch Picasso und Braque als die Großen BrĂŒder die Richtung vor. Entsprechend gleichgĂŒltig und beliebig waren die in die Komposition einbezogenen Objekte, je trivialer desto lieber. Im Laufe der Zeit schlichen sich andere, persönlichere Dinge ein, die AtmosphĂ€re schaffen und Erinnerungen und Emotionen transportieren. Intensives Studium der klassischen europĂ€ischen Maler trug dazu bei. Jedenfalls auf Mallorca finden wir diesen eigenen sensibleren Ton. In China wurden Stilleben offensichtlich zum Filter fĂŒr die einstĂŒrmenden EindrĂŒcke und Erfahrungen. Ein chinesischer Besucher seiner Ausstellung im Palastmuseum – immerhin gegen Ende seines Aufenthalts – monierte die ZurĂŒckhaltung, sich auch kĂŒnstlerisch auf diese Welt einzulassen. Wiegmann selbst betonte in seiner Rede zur Vernissage sein Interesse an der gegenseitigen Kommunikation der Maler, fast möchte ich sagen: auf professioneller Ebene. So sehr er die ErzĂ€hlung, die Pointe, das Leben liebte, was gelegentlich dokumentiert ist, er wollte zu keinem Zeitpunkt ein Schilderer exotischen Lebens werden. >>

Wer war Dr. Robert Fließ (1895-1970) ?

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Bereits, als ich im Januar Robert Fließ als Rezensenten von „Gesunde Nerven“ (Link und 2. Link), der psychohygienischen Ausstellung im Gesundheitshaus Kreuzberg, Berlin 1929, im Netz suchte, merkte ich, dass er im Schatten seines berĂŒhmten und exzentrischen Vaters, dem Mitstreiter Sigmund Freuds, völlig zu verschwinden droht. Dabei wurde er bereits als Kind Opfer des Forschungsdrangs seiner Umgebung und schließlich sogar selber Analytiker. Wenn Sie  selber „Robert“ suchen, werden Sie bemerken, wie sehr „Wilhelm“ ihn verdrĂ€ngt.
Was ich damals fand, verschwand aber wieder in einem Anhang zum Beitrag. Es bleibt dort stehen, ich kopple es aber  – hoffentlich besser sichtbar –  als Beitrag zur Biografie von Robert Fließ aus.

Robert Fließ  publizierte am 23.11.1929 in der Vossischen Zeitung eine  Rezension.

Voss.Ztg.23.11.1929-Ausschnitt-1Voss.Ztg.23.11.1929-Ausschnitt-2

            Sie gefiel mir sehr und ich fragte mich:  Wer war Dr. Robert Fließ?

Ein Studierender gleichen Namens am Berliner Psychoanalytischen Institut wird als „fellow student“ zum Beispiel von Erich Fromm und RenĂ© Spitz genannt. (The Annual of Psychoanalysis, V.32;  editors: Jerome A. Winer, James W. Anderson, Routledge 2013, Link) . Ein unfertiger en-wikipedia-Artikel (Link) belĂ€sst Robert im Schatten seines berĂŒhmten Vaters Dr. Wilhelm Fliess, dem engen Freund und Vertrauten von Sigmund Freund. Freud fĂŒhrte z.B. mit seiner Hilfe seine Selbstanalyse durch, die Familien hielten engen Kontakt – bis 1903, als sich die VĂ€ter zerstritten.

Einen völlig anderen Zugang bietet  die als pdf erschienene Studie von Lawrence Ginsberg in der Web-Publikation „internationalpsychoanalysis.net“. Es handelt sich um eine fĂŒr Laien sperrige Zusammenstellung aus verschiedenen Quellen auf 42 Seiten: Kontakte, Zitate und Versuche zur Bewertung, fĂŒr weitere biografische Forschung bereit gestellt.

Der Titel „ROBERT W. FLIESS (1895-1970): A Beneficiary and/or Forsaken Casualty of Classic Freudianism? “ – auf deutsch: Nutznießer und/oder verwahrlostes Opfer des klassischen Freudianismus?“ 

Nach der LektĂŒre möchte ich salopp umformulieren: Ein Heranwachsender inmitten der wilden Jahre der Psychoanalyse, natĂŒrlich Opfer einer Umgebung, wie sie Eva Weissweiler in „Die Freuds – Biographie einer Familie“ (2006) detailliert beschrieben hat: verknĂŒpft mit der ‚feudalen‘  Familienstruktur des wilhelminischen BĂŒrgertums eine verantwortungslose Ausforschung der eigenen Kinder aus wissenschaftlicher Neugier, missbrauchtes Vertrauen, die Vermengung privater Beziehungen und Freundschaften mit Theoriestreit und Konkurrenz
.Der Autor empfiehlt am Ende seines kurzen Vorworts explizit: Future biographers are likely to reconsider progressions through his professional career as a reputed survivor of child-abuse and/or parricidal-like phantasies. (2) deutsch: „KĂŒnftige Biografen werden wahrscheinlich die durch seine Berufskarriere bewirkten Fortschritte Roberts als Überlebender zu vermutenden Kindesmissbrauchs und / oder vatermörderischen Phantasien ĂŒberdenken“.

Der im  Januar 2018 Link funktionierende Link verweist uns bereits ein Jahr spĂ€ter bloss noch ĂŒber die Suchfunktion auf ein paar hundert Seiten lange Liste im “Archive”. Ich bin froh, hier wenigstens die folgenden AuszĂŒge prĂ€sentieren zu können. Ich stelle im Folgenden bezeichnende Zitate aus den ersten 12 Seiten  zusammen:

Elenore (1974), in an earlier account, portrayed her long-deceased father-in-law as “
charming to patients and acquaintances” while “a tyrant at home.” (6)

By 1982, Elenore (Fließ, Roberts Ehefrau) came to allude about Robert’s early family life as having included “a forbidding father, a subservient mother and meals with the servants“. Eine mochte ihn besonders und kochte seine Leibspeisen.

Elenore (1982, op. cit.) was not known to have ever met Ida Fliess, whom she termed “a Viennese heiress, daughter of a cultured family
an accomplished amateur pianist
gracious hostess” who led a salon in Berlin frequented by musicians, artists and literary figures (8)

In the Fliess’s ‘family myth,’ Freud was known as Robert’s ‘Uncle Doctor’. (3)

Fliess kept a daily record book in which he recorded his firstborn son’s (Robert) every maturation milestone, affliction, and trace of sexual activity’
.(4)

We may never become privy (eingeweiht) to whatever childhood and adolescent traumata or abuse Robert may have been exposed to at the hands of either parent. (12

A ‘LONER’ – Robert: “It has taken me time to recognize my isolation as another blessing: I had never to please anyone and have been undisturbed in listening to my own ‘critical institution’
” (5)

Robert leistete im Ersten Weltkrieg vier Jahre Frontdienst, erlitt durch eine ‚Kriegsneurose‘ (shell shock) eine BeeintrĂ€chtigung des GedĂ€chtnisses und einen tic bei Belastungsstress. (13) Er studierte anschließend Medizin und war Assistent an der CharitĂ©. Er kehrte in die Große Familie zurĂŒck. Er wurde selber Psychoanalytiker und begann 1927 die Ausbildung mit der Lehranalyse. Dann – er war 33, starb sein Vater 1928. Damals sprach er auch mit ‚Onkel Doktor‘ Freud ĂŒber ihn.

Robert’s formal psychoanalytic training began at the Berlin Psychoanalytic Institute shortly after founder Abraham’s early death (1927):“
Karen Horney was there and Ernst Simmel. Ferenczi would have put in guest appearances. But more than lectures, however, what the student groupwould remember was the “Kinder Seminars
” (E. Fliess, 1974, p. 14). (13)

Robert was 37-years of age when he graduated (1932) from the Berlin Psychoanalytic Institute. According to a later account of his wife, he had been employed as: “a medical journalist³ for the foremost Berlin daily.

Diese ‚fĂŒhrende Berliner Tageszeitung‘ war die ‚Vossische Zeitung‘!  Nun erklĂ€rt sich der wie eine Fanfare schmetternde Satz mtten in der Ausstellungsrezension:

„Und was sagen die Kinder dazu? Man will sie hören. Man hat sie zeichnen lassen. Der Studienreferendar Dr. Fritz (sic!) hat sie zeichnen lassen, die DreizehnjĂ€hrigen. Thema: „Erziehungsfehler unserer Eltern“ AusfĂŒhrung: Sechs reizende Bilder, sĂ€mtlich mit Unterschrift. 
“ Es lohnt sich, aufmerksam  weiter zu lesen.

Robert wusste, wovon er sprach. Hier ging es um viel mehr als die seelische Not im bedauernswerten Proletariat!  Fast vierzig Jahre spĂ€ter wurde – in Westdeutschland – ‚das Kind‘ wiederentdeckt, zusammen mit den Theorien der Weimarer Zeit. Heute befinden wir uns mitten in irgendeiner Phase einer globalen Erziehungsrevolution. Gut? Ja und Nein. UmwĂ€lzung? Aber ja! ‚Psychische Gesundheit‘?  Wohl kaum!

 

So viel fĂŒr heute! Die fehlenden Übersetzungen folgen vielleicht wirklich noch. 22.5.18

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‚Gesunde Nerven‘ – mehr HintergrĂŒnde (W.Benjamin, Charlotte Joel, Robert Fließ)

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Veröffentlicht am 28. Okt. 2016, NachtrĂ€ge: 7.Nov. 2016 und 4. Jan. 2018, Revision im April 2019, eine ErgĂ€nzung im August 2021 – Der Beitrag wurde inzwischen 300 mal aufgerufen.

Bisher standen das gesundheitspolitische Engagement des KĂŒnstlers und seine  Vernetzung im Vordergrund. Die Berichtserstattung legte selbstverstĂ€ndlich ihr Gewicht auf die Inhalte, wollte die Botschaft der Ausstellung verbreiten.

Auch mich hat etwa die Installation der arbeitenden Skelette fasziniert und der schnörkellose Collage-Stil der AusstellungswĂ€nde, der an die Ästhetik der damaligen AIZ erinnert, aber es lohnt doch, nĂ€her hinzusehen.

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Archiverfahrungen: Ernst Joel, Fritz FrÀnkel, Fritz Wiegmann

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Ich hielt FrĂ€nkel und Joel fĂŒr ‚prominent’, also gut dokumentiert. Ich ahnte nicht, wie sehr das GedĂ€chtnis an diese Menschen dauerhaft vom Engagement selber unbekannter Individuen abhĂ€ngt, etwa von Klaus TĂ€ubert und der Gymnasiallehrerin Margarethe Exler aus der Provinz. Und einem kleinen Verlag wie ‚trafo’. >>

Fritz Wiegmann, die Benjamin’s und Fritz FrĂ€nkel

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Dies ist der Beitrag vom 25.Juni 2016, seither aktualisiert und ĂŒber achthundertmal aufgesucht (August 2021)

Mieter im Elternhaus Walter Benjamins, Freund der Schwester Dora

 

Magnussen:Benjamin-WohnhausMomme Brodersen, eMail vom 15.4.2012:

Sehr geehrter Herr Graeve, meine Frage nach Fritz Wiegmann steht im Kontext eines geplanten Buches ĂŒber eine Villa in der Berlin-Grunewalder DelbrĂŒckstr., ĂŒber deren Geschichte und Bewohner. Erbaut wurde diese Villa an der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert nach einem Entwurf des Burgenforschers und Architekten Bodo Ebhardt. Ihr erster Besitzer war der Bildhauer Harro Magnussen. Nach dessen Selbstmord erstand der Vater des Schriftstellers Walter Benjamin das Bauwerk, das Mitte der 1930er Jahre dann in einem gewissen Sinne „arisiert“ wurde und im zweiten Weltkrieg den Bomben zum Opfer fiel. >>

Die Internationale Hygiene-Ausstellung in Dresden 1930/31

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Auch hier war Wiegmann wieder politisch und kĂŒnstlerisch engagiert. In seinem Nachlass findet sich ein Dankschreiben der Leitung mit dem Hinweis auf die knappen Kassen der Institution, sowie eine Ehrenurkunde, von der Art, wie sie bei Sportfesten verteilt wird. >>

Wiegmanns Kollege Rudolf Ausleger – die Alternative?

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Hat Fritz Wiegmann in seinem Leben die falschen Entscheidungen getroffen?

KĂŒrzlich machte man mich auf die Ebay-Auktion eines kubistischen Bildes von Wiegmann aufmerksam. Es wurde zusammen mit einem von Rudolf Ausleger angeboten, dessen Preis allerdings dreimal so hoch war. Ein Signal?

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Ausstellung ‚Gesunde Nerven‘ Berlin 1929

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Wiegmanns Engagement in der Ausstellung ‚’Gesunde Nerven’ des Gesundheitshauses Kreuzberg (Dr.Bejach) 1929

Dietlinde Peters hat vor ein paar Jahren ein kleines, lesenswertes Büchlein über den Berliner Stadtarzt und Sozialmediziner Curt Bejach veröffentlicht. (Rezension taz 2010) Ich glaube, er war ein Bekannter von Dora Benjamin und wohl auch ihres Bruders, des kommunistischen Arztes Georg Benjamin. (….)   eMail Momme Brodersen 23.12.14

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