Fritz Wiegmann, die Benjamin’s und Fritz Fränkel

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Dies ist der aktualisierte Beitrag vom 25.Juni 2016, übrigens im letzten halben Jahr 100mal aufgesucht

Mieter im Elternhaus Walter Benjamins, Freund der Schwester Dora

 

Magnussen:Benjamin-WohnhausMomme Brodersen, eMail vom 15.4.2012:

Sehr geehrter Herr Graeve, meine Frage nach Fritz Wiegmann steht im Kontext eines geplanten Buches über eine Villa in der Berlin-Grunewalder Delbrückstr., über deren Geschichte und Bewohner. Erbaut wurde diese Villa an der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert nach einem Entwurf des Burgenforschers und Architekten Bodo Ebhardt. Ihr erster Besitzer war der Bildhauer Harro Magnussen. Nach dessen Selbstmord erstand der Vater des Schriftstellers Walter Benjamin das Bauwerk, das Mitte der 1930er Jahre dann in einem gewissen Sinne „arisiert“ wurde und im zweiten Weltkrieg den Bomben zum Opfer fiel.

Fritz Wiegmann war nur ein relativ später und kurzer (1932/1933) Mieter in einer Villa, die aufgrund ihres großzügigen Ateliers offenbar nicht wenige bildende Künstler anzog. Hier wohnten nacheinander Carl Ebbinghaus, Paul Oesten, Ernesto de Fiori, Lidy Baronin von Lüttwitz und Felix Kupsch. (….)

Antwort  eMail   20.5.2012

Lieber Momme Brodersen, endlich habe ich die gesuchten Bilder aufgetrieben. Ich hoffte, Wiegmanns undatierter Blick aus einem Dachatelier sei der Treffer, aber um Fritz ist ein blechbeschlagenes Steildach zu sehen und nach dem Bild von der Atelierseite wüsste ich nicht, wo der Fotograf stehen sollte. Doch zwei lose Blätter eines Albums bieten vielleicht etwas: P1180410 Wiegmann am KellerfensterWiegmann blickt durch ein kunstvoll vergittertes Souterrainfenster und das könnte, soweit die Auflösung Ihres Fotos vom integren Zustand des Hauses reicht, mit dem vergitterten Fenster neben dem Ateliertor identisch sein. Die Albumseite ist mit „1932“ beschriftet und zeigt noch drei seiner kubistischen Bilder. Das Album hört 1932 auf. Die relevanten Fotos sind 8 x 5 cm klein. Diese Wohnlage wäre für einen armen Zeichenlehrer und freien Künstler, der bei seinen Freunden unterkommt, durchaus wahrscheinlich.

Ein weiteres Blatt zeigt ihn mit Benjamins Schwester Dora wohl vor dieser Villa an irgendeiner Gartenfront. Auch hier ist ein Stückchen Souterrain mit dem markanten Sims darüber zu sehen. (…)

P1180411-Wiegmann & Dodo

M.B.:   eMail 16.6.12

Hiervon sind 1930 nur die Souterrain-Gitter erhalten

Hiervon sind 1930 nur die Souterrain-Gitter erhalten

Ja, ich denke wie Sie, daß sich Wiegmann – sowohl im „Allein“foto als auch in der Aufnahme mit Dora Benjamin – im Souterrain befindet. Dort, wo er hinter dem Gitter hervorschaut, befindet er sich meines Erachtens im Bereich links vom Eingang zum Atelier (also in der Jagowstr., heute Richard-Strauss-Str.); in der gemeinsamen Aufnahme mit Dora Benjamin, so will es mir scheinen, sitzen die beiden unterhalb des Balkons, der ganz rechts noch auf die Delbrückstr. geht.

Die Ruine "1950-11-07 Delbrueckstrasse 23" zeigt auch den Balkon

Die Ruine „1950-11-07 Delbrueckstrasse 23“ zeigt auch den Balkon

 

Fritz Wiegmann, Dora Benjamin, Fritz Fränkel, …

 M.B.:   eMail. 11.6.12

Foto Aufbau-Verlag. FAZ 8.3.14

Foto Aufbau-Verlag. FAZ 8.3.14

Die Fotos sind für mich eine kleine Überraschung, insofern nämlich, als sie ein Licht auf Benjamins Schwester Dora werfen, die Fritz Wiegmann offenbar näher kannte. Denn warum sonst sollte es Fotos ausgerechnet der beiden zusammen geben? Existiert eigentlich ein Nachlaß Wiegmanns mit Briefen oder gar Tagebüchern – aus denen dann Detaillierteres zu dieser seiner Beziehung mit Dora Benjamin hervorgeht?

Provisorische Antworten ein paar Jahre später

Nein, solche Briefe oder Tagebücher gibt es  nicht, aber inzwischen lässt sich die Frage von verschiedenen Seiten weiterverfolgen.

Da ist zum einen die berühmte Ausstellung Gesunde Nervenim Gesundheitshaus Kreuzberg, Teil des  sozialhygienischen Projekts dreier engagierter Mediziner:

Ernst Joel, Initiator und treibende Kraft hinter dem Projekt, aber unmittelbar vor Fertigstellung vorstorben

Fritz Fränkel, „Suchtmediziner, Psychologe und KPD-Gründungsmitglied“ (Täubert)

Kurt Bejach, Stadtarzt und Mitbegründer des Gesundheitshauses

unter Mitarbeit von Dora Benjamin, die als promovierte Juristin Kinder- und Frauenarbeit zu ihrem Thema machte.

Der Kunstlehrer und Künstler Fritz Wiegmann übernahm die Gestaltung der Ausstellung. Das  gestalterische Konzept fand Walter Benjamin einer eingehenden Analyse wert, in seiner Glosse Bekränzter Eingang – Zur Ausstellung ‚Gesunde Nerven‘ im Gesundheitshaus Kreuzberg. Dort heißt es etwa: „Um den Besucher, wie es hier geschehen ist, in die Schau hineinzumontieren, muss das Optische sich in Schranken halten. Verdummend würde jede Anschauung wirken, der das Moment der Überraschung fehlt. Lesen Sie  den vollständigen Text, wie er in der Frankfurter Zeitung vom 2.9.1929 (nicht ‚1928‚) veröffentlicht wurde!

Klaus Täuberts Biografie von Fritz Fränkel („Unbekannt verzogen …“, Berlin 2005, 52) schildert dicht und farbig die Zeit und das Milieu. Nach seinen Quellen war Dora Benjamin 1929 „seit langem“ mit Fritz Fränkel „liiert“. „Sie liebte ihn sehr, der sich ihr gegenüber hauptsächlich in der Rolle des Beschützers sah.“

Zum anderen existiert im Stadtarchiv Frankfurt der Mietvertrag Wiegmanns von 1932 mit der ‚Erbengemeinschaft Benjamin‘.

Täubert berichtet: „Die Fränkels“ bestiegen im März 1933 am Bahnhof Zoo einen Zug in Richtung Exil. Von einer kleinen Menschengruppe ist an dieser Stelle (65 f.) die Rede, und explizit von Fritz Wiegmann, der dem kleinen Sohn André zwei Teddybären mitbrachte, aber nicht von Dora Benjamin. Im Nachlass Wiegmanns befindet sich ein Familienfoto „der“ Fränkels mit einer anrührenden Widmung, wohl zum Zeitpunkt der Ausreise übergeben.

Nachlass Wiegmann im Stadtarchiv Frankfurt/M

Foto : im Nachlass Wiegmann im Stadtarchiv Frankfurt/M

Rückansicht

Rückansicht : „Dem Wieglein auf dass es behält wie die Gesichter der Emigrierten aussehen“

Das Geflecht von Freundschaften und Arbeitsbeziehungen vermag ich heute noch nicht zu durchschauen. Noch zwei Details:

Im Besitz Wiegmanns fand sich noch ein unbeschriftetes privates Foto von Fritz Fränkel mit seiner Mutter im Kahn auf einem der Berliner Seen, von wem sonst als Wiegmann aufgenommen?

Wiegmann hat vier Sonderdrucke Joels und Fränkels von 1928 zu sozialpsychiatrischen Fragen (Schlaf und Schlaflosigkeit, schulärztliche Erfahrungen, Rausch) aufbewahrt. Auf einem steht launig mit Bleistift eine Widmung für den um zehn Jahre Jüngeren geschrieben: „Meister Wiegmann in Verehrung v. d. Verfassern

 

 

 

 

 

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