PAUL LEFÈBRE – ‚OUTSIDER ARTIST‘ OHNE LIZENZ

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PAUL LEFÈBRE – NICHT-LIZENSIERTE <OUTSIDER ART>

Zuerst begegnete ich Paul Lefèbre auf kleinen Fotos eines Albums von Fritz Wiegmann, die ihn laut Bildunterschrift mit Eric Wolters zeigen, vielleicht in Lefèvres unaufgeräumtem Wohnraum mit Bildern und Objekten, wie ihn Luise Straus-Kahn schilderte. Das zentrale Eisenbett diente Maler und Kunden als Ablage. Erich hält ein Blumenbild, zur besseren Abgrenzung von Lefevres Oberkörper? Hat er das Bild eben erworben? Lefèvre hat sich in Schale geworfen: Sakko, Weste, Einstecktuch, Uhrkette, Krawatte (?).( Siehe auch LINK).

‚Lefevre + Erich-Wolters‘ (Rückenbeschriftung) 1931 Paris (c) Nachlass Wiegmann

Erich Wolters lebte von den Zuwendungen seiner erfolgreichen Industriellenfamilie.  Pauls naive Stadtlandschaften und Blumenstücke sieht man auch auf Fotos seiner Pariser Wohnung und der „Galerie“ in Köln, von der ich noch nichts weiß. Fritz Wiegmann hat am Ende seines Lebens ein paar Anekdoten als Schreibmaschinen-Übungsstücke überliefert, in denen Pariser Trödelmärkte mit Erich Wolters vorkommen, aber Paul nicht erwähnt wird. (LINK zum Post von 2016)

Die Bilder standen jedenfalls auch bei mir in der Ecke. Das Verhältnis blieb kühl. Dazu trug auch bei, dass in Wiegmanns Nachlass ein langer Feuilletonartikel gegen „Dilettanten“ lag, ohne jeden Kommentar oder auch nur Anstreichungen. Pur.

Ich wollte sie aber wenigstens unterbringen, zumal mir weitere Informationen über den Maler zufielen.

 

NO NAME

Im Rheinland fanden im März 2025 meine ersten Versuche  statt. Ich hatte die Bilder in der Tasche, mit einwandfreier Provenienz und für einen ‚naiven‘ Maler des 20. Jahrhunderts geradezu perfekter Dokumentation, zumindest für den deutschsprachigen Raum.

Vergeblich , denn auch von „Naiver Kunst“ oder „Outsider Art“ existieren solche mit etablierter Lobby und ohne, Markenartikel oder No Name.

 Die Absage der https://kunsthalle-recklinghausen.de/kunsthalle/sammlung/naive-kunst erhielt ich per email: Ja, wir sammeln Laienkunst, aber nur die der Ruhrbergleute, so hat es unser Gründer Grochowiak 1954  bestimmt.

Die skurrilere Version wurde mir am Telefon von einer einschmeichelnden Männerstimme nahegebracht, welche unglaublich bedauerte, in der „Sammlung Zander“ der Charlotte Zander: „Sammlerin, Galeristin, Museumsgründerin“, nur „Laienkünstler“ aufnehmen und betreuen zu dürfen, welche von  ihrer Hand gesegnet worden sind, übrigens ein bunter internationaler Haufen, passend zum Auftritt an der ART COLOGNE. Auf der Webseite erscheint Charlotte Zander stilsicher als dramatische Mimin mit herrschaftlichem Hund.   https://sammlung-zander.de/aktuelles/. Ich begreife: Wahrhaft exklusiv ist, mitten im globalen Norden Exotik zu entdecken!

 

Luise Straus-Ernsts „Besuch bei einem Sonntagsmaler“ 1934

Titelfoto von Luise Bing 1937 im Jardin de Luxembourg

Noch während meines Aufenthalts in Köln machte mich Eva Weissweiler (LINK zu Wikipedia) Historikerin und Autorin von Frauenbiografien, mich mit einem Zeitungsartikel über Paul Lefèbre bekannt. Der Artikel ist seit Dezember auch Teil eines Buches, das unter dem Titel „Pariser Impressionen – Texte aus dem Exil“ von Luise Straus-Ernst (1893-1944) versammelt (Hrsg. Eva Weissweiler, Panima Verlag 2025, ISBN978-3-9827669-0-4; ein LINK unter anderen)

Am 23. 4. 1934 erschien das Feuilleton „Besuch bei einem Sonntagsmaler“ in der Neuen Züricher Zeitung. Luise Straus-Ernst, „die erste Frau von Max Ernst“ oder „Notre Dame des Dada“, schlug sich tapfer das zweite Jahr als Schriftstellerin im Pariser Exil durch. Sie bietet  ihren bürgerlichen Lesern eine hier etwas bemüht wirkende amüsante Recherche im Trödler-Milieu.

Die demonstrierte Herablassung befremdet mich unwillkürlich bei jedem Lesen.  Doch selbst in der Karikatur eines „Pariser Kleinbürgers“ werden die Bescheidenheit des Lebenskünstlers und Künstlers Paul Lefèbre für die Nachwelt bewahrt. Lesen Sie selbst und bilden sich Ihr Urteil.

 

Ich zitiere die Glosse aus der NZZ, 23. 4. 1934, Ausgabe 02

 Anderswo würde er in seinen freien Stunden auf einer Klarinette blasen oder Geige spielen; der Pariser Kleinbürger aber, der sich über seinen Alltag hinweg in höhere Gefilde erheben möchte, beginnt zu malen. Ohne viel Kenntnis von Farbenlehre und Bildaufbau, ohne sich für ein Genie zu halten, sucht er Gesehenes und Geträumtes zu gestalten und freut sich daran. Die Bilder hängt er in sein Zimmer, schenkt sie Freunden, vielleicht sieht sie zufällig einer der Trödler, die in Paris eine feinere Nase haben als anderswo, und stellt sie in seinem Jahrmarktstand zwischen geschnitzte Stühle, schadhafte Kronleuchter, gebrauchte Fahrradreifen und Grammophonplatten.

Lefèbvre handelt auch mit solchen Bildern, die bei aller Ungelenkigkeit erstaunlich lebendig sind; leuchtende Blumen in Vasen auf blauem oder orangenem Grund, Pariser Plätze mit ihren schief gedrückten, bunten Häusern und den phantastisch gezackten Schornsteinen in der dunstigen Luft, duftig hingesetzten Baumgruppen und knallbunten Fußballspielern auf einer Wiese voll kleiner Blümchen. Wenn man ihn fragt, woher die Bilder kommen, blicken seine reinen blauen Augen in dem rotwangigen, wie aus Holz geschnitzten Gesicht fast verlegen; er rückt halb unwillig an seiner Schirmkappe: „Mein Bruder malt sie.“ Und bietet im Bestreben, das Thema zu wechseln, ein feingeschnitztes Döschen aus Buchsbaumholz oder einen schweren Brokat aus der Zeit Louis Philippes zum Kaufe an. Teuer sind die Bilder nicht, und er hat immer eine Menge davon. Der Bruder scheint produktiv zu sein.

„Kann man nicht einmal diesen mysteriösen Bruder in seiner Wohnung besuchen, mit ihm sprechen?“ – „Nein, das geht nicht, er ist so selten zu Hause.“ – Aber hinter dieses Geheimnis müsste man doch kommen! Da Lefèbvre auch die eigene Wohnung nicht verrät – „aber bitte, ich bin ja dreimal in der Woche auf dem Markt, da finden Sie mich stets“; so wendet man sich an andere Trödler, die ihn kennen. Vielleicht findet man dann in dieser Wohnung auch den Bruder, den Maler, den niemand je gesehen hat …

Ein schmutziges, kleines Hotel, ganz oben bei der Porte Clignancourt. „Monsieur Lefèbvre? O ja, links durch den Hof bitte!“ Schmale Tür, dämmrige Kochnische mit blank geputztem Kupfergeschirr, Durchblick in einen kleinen, einfenstrigen Raum, der zur Hälfte von einem Bett ausgefüllt wird; dann gibt’s eine wacklige Kommode, auf der ein Bukett von Blumen aus Perlen und Wachs unter einer Glasglocke steht; auf der schlechten, zerlöcherten Tapete hängen die buntlebendigen Gemälde, die wir schon kennen, über besagter Kommode das Bildnis eines schnauzbärtigen Soldaten, offenbar Lefèbvre in seiner Jugendzeit darstellend, und ein Militärdiplom. Am Fenster aber vor einem Tischchen sitzt ein Mann, der eine Kappe mit Wachstuchschirm trägt und malt. Er wendet sich um; wir sehen in die holzgeschnitzten Züge unseres Freundes Lefèbvre.

Er scheint befangen; doch wir kommen ihm zuvor, bedauern sehr, ihn stören zu müssen. Ein Kunstfreund möchte dringend einige Bilder des Bruders kaufen. Bis zum nächsten Markttage würde er schon wieder abgereist sein. Und er, Lefèbvre selbst, male also auch? – Und nun kommt das Geständnis: der Bruder existiert überhaupt nicht; er hat ihn nur erfunden, um nicht selbst als Künstler hervortreten zu müssen. Seine Schamhaftigkeit ist so echt, dass nun die Reihe an uns ist, verlegen zu werden, weil wir indiskret genug waren, in dieses doch bereits geahnte Geheimnis einzudringen. Doch er selbst hilft uns darüber hinweg, wird rasch zutraulich, zeigt uns seine neuen Arbeiten. Eben malt er an einem seiner Blumenstücke; auf blaugrünem Grund blühen in braunem Kruge geflammte Tulpen und gefleckte Georginen, leuchtend bunt und steil aufgerichtet. Eine kleine Landschaft wurde gestern fertig und steht zum Trocknen. Es ist ein Motiv aus dem Parc Monceau, erklärt er, das er aus der Erinnerung, wie stets, zu malen versuchte. Kleine Menschen spazieren auf gewundenen Wegen, und rosa, gold, türkisfarben hingetupft stehen die dünnen Baumwipfel gegen perlfarbenen Himmel. Bezaubernd diese Voraussetzungslosigkeit eines klaren und einfachen Geistes, der, über das Nur-Gesehene sich hinwegsetzend, Gefühltes so zwingend sichtbar zu machen weiß.

Wir versuchen ihn darüber zum Reden zu bringen. Doch sein Verstand reicht – zum Glück – nicht an die Höhe seiner künstlerischen Kraft. So vermag er nur in seiner sachlichen Weise einiges über die Farbenstimmung zu sagen. Allerdings klingt das im Französischen viel hübscher, wenn er sagt: „Faut, que les couleurs ses marient bien.“ Nein, er denkt nicht daran, mit dem wachsenden Erfolg seiner Bilder etwa seinen Beruf als Trödler aufzugeben. Er wird auch jetzt weiter seine kleinen Altertümer auf den Messen und Märkten von Paris feilbieten, wird weiterhin mit seinen still versonnenen blauen Augen alles umfangen, was das Leben dieser Welt und dieser Stadt ausmacht, und wird in Feierstunden unter seinen Händen jene leuchtend bunten Bilder entstehen lassen.

Luise Straus-Ernst

 

Fragen an den Text

Luise Straus-Ernst scheint in der Beurteilung jener „leuchtend bunten Bilder“ zu schwanken zwischen ‚genre-typisch‘ und ‚einzigartig‘.

Ich möchte nicht voreilig beurteilen, ob sie sich in diesem  Feuilleton sprachlich auf das vermeintlich „naive“ Niveau „des Kleinbürgers“ herabließ oder sich den vermuteten Erwartungen eines gutsituierten Zürcher ‚couch-potato‘ anpassen musste. Ihr Maskenspiel blitzt auf, als sie den Leser, die Leserin in ein „schmutziges kleines Hotel“ entführt. Wie hausten damals denn die zigtausend deutschen Emigranten in Paris?

Was ging in ihrem Kopf vor, wenn sie formulierte:

Bezaubernd diese Voraussetzungslosigkeit eines klaren und einfachen Geistes, der, über das Nur-Gesehene sich hinwegsetzend, Gefühltes so zwingend sichtbar zu machen weiß.

Wir versuchen ihn darüber zum Reden zu bringen. Doch sein Verstand reicht – zum Glück – nicht an die Höhe seiner künstlerischen Kraft. So vermag er nur in seiner sachlichen Weise einiges über die Farbenstimmung zu sagen. Allerdings klingt das im Französischen viel hübscher, wenn er sagt: „Faut, que les couleurs ses marient bien.“  (Auf Google-Deutsch etwas blasser: Die Farben müssen gut miteinander harmonieren.)

Hätte das ein Cezanne, Monet etwa elaborierter formuliert? Was erwartete die Kunsthistorikerin und zeitweilige Dadaistin überhaupt von Künstler-Theorien?

Ich übergehe nicht die verschwurbelte Formulierung „Höhe seiner künstlerischen Kraft“. Wie ambivalent war das Verhältnis der Schriftstellerin Luise zur Malerei?

Wie ist das „Wir“ zu lesen in „Wir versuchen ihn zum Sprechen zu bringen“? Ein gönnerhafter Plural majestatis? Oder Hinweis auf einen ungenannten Begleiter aus ihrem Bekanntenkreis?

Luise Straus-Ernst war eine kämpferische Frau, und sie geriet über das Internierungslager 1944 schließlich nach Auschwitz. Darf ich ihre Allzu-Menschlichkeit zu gegebener Zeit überhaupt kritisieren? Ja. Aber: Der Zeitzeugin gegenüber nicht undankbar sein!

 

Lefèbres Bilder

Damit zurück zu Lefèbre und seinen Bildern (Endlich!):

Sacre Coeur – Leinwand. auf genageltem Holzrahmen; eingeritzt: „F.Wiegmann Frankfurt Main Gustav-Freytag-Str. 42“

Lefèbre war kein Pfuscher, nach Ansicht von Eva Weissweiler auch kein ‚Naiver‘. Ich versäumte leider zu fragen, warum nicht, obwohl Luise ihn genau so behandelt?

Die Wertschätzung tut mir trotzdem gut. Und beide Bilder erweisen sich in meinem Arbeitszimmer als Ruhepol.

In der Nachkriegszeit schrieb Erich Wolters seinem Bruder anderthalb Jahre nach seiner Rückkehr aus Peking aus Köln (35, am27.11.56): „Die Landschaft von Paul Lefèbre besorgte mir Stephan Schwarz in Paris.  Inzwischen bekam ich noch ein Lefèbre-Blumenstück von Etta Stangl, das ich ihr früher einmal geschenkt hatte. Auf diese Weise bekommt meine kleine Wohnung – 2 Zimmer – allmählich Gesicht.“

„Gesicht“ ja, und Atmosphäre!

Meine beiden Bilder wurden von Fritz Wiegmann als Teil seines Bilder-Nachlasses aufgewertet. Ich habe keine befriedigende Erklärung dafür, denn die beiden Bildmotive beschreiben eigentlich den Kern europäischer touristischer Straßenkunst, nahe beim Kitsch.

Notre Dame – Karton, 62×51 (c) DvG

Ich empfehle die Bildmeditation! Denn Beschreibungen enden trivial.

‚In Paris bei Eric Wolters‘ (Albumblätter, (c) Nachlass Wiegmann)

 

 

 

 

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