Französ. Version 20.1.26 : LINK
Zuerst begegnete ich Paul Lefèbre auf kleinen Fotos eines Albums von Fritz Wiegmann, die ihn laut Bildunterschrift mit Eric Wolters zeigen, wohl in Lefèvres unaufgeräumtem Wohnraum voll mit Bildern und Objekten, wie ihn Luise Straus-Kahn geschildert hat. Das zentrale Eisenbett dient Maler und Kunden als Ablage. Erich hält ein Blumenbild hinter Lefèbre, um ihn deutlich vom Hintergrund abzugrenzen. Hat er das Bild eben erworben? Lefèvre hat sich in Schale geworfen: Sakko, Weste, Einstecktuch, Uhrkette, Halstuch.
‚Lefevre + Erich-Wolters‘ (Rückenbeschriftung) 1931 Paris (c) Nachlass Wiegmann, ISG Frankfurt a.M.
Auch Fotos aus der Pariser Wohnung Erich Wolters und seiner „Galerie“ in Köln zeigen Paul Lefèbres ’naive‘ Stadtlandschaften und Blumenstücke.
„In Paris bei Eric Wolters“ (loses Albumblatt, (c) Nachlass Wiegmann, ISG Frankfurt a.M.
Der Redakteur der Frankfurter Zeitung Linfert philosophierte 1932 über „Unterirdische Malerei – Über den Reiz der Dilettantenbilder“ und erwähnte (LINK: Faksimile Scan 3 oben links) „eine der besten Sammlungen dieser Art“ und dass sie von „Wolters (Paris)“ „in Köln ausgestellt“ wurde.
Fritz Wiegmann hat am Ende seines Lebens zwei Pariser Anekdoten als Schreibmaschinen-Übungsstücke überliefert, in denen Erich Wolters und Trödelmärkte vorkommen. Paul Lefèbre wird darin nicht erwähnt. (LINK: Beitrag von2016)
Bei mir standen die Bilder zwei Jahre in der Ecke. Das Verhältnis blieb kühl. Dazu trug auch bei, dass in Wiegmanns Nachlass der lange Feuilletonartikel Linfert gegen „Dilettanten“ lag, ohne jeden Kommentar oder auch nur Anstreichungen. Pur.
Ich wollte die beiden Stadtansichten aber wenigstens unterbringen, zumal mir weitere Informationen über den Maler zufielen.
‚NO NAME‘
Im Rheinland fanden im März 2025 meine ersten Versuche statt. Ich hatte die Bilder in der Tasche, mit einwandfreier Provenienz und für einen ‚naiven‘ Maler des 20. Jahrhunderts geradezu perfekter Dokumentation, zumindest für den deutschsprachigen Raum.
Vergeblich , denn auch von „Naiver Kunst“ oder „Outsider Art“ existieren welche mit etablierter Lobby und solche ohne, keine Markenartikel , sondern No Names.
Die Absage der https://kunsthalle-recklinghausen.de/kunsthalle/sammlung/naive-kunst erhielt ich per email: Ja, wir sammeln Laienkunst, aber nur die der Ruhrbergleute, so hat es unser Gründer Grochowiak 1954 bestimmt.
Die skurrilere Version wurde mir am Telefon von einer einschmeichelnden Männerstimme nahegebracht, welche unglaublich bedauerte, in der „Sammlung Zander“ der Charlotte Zander: „Sammlerin, Galeristin, Museumsgründerin“, nur „Laienkünstler“ aufnehmen und betreuen zu dürfen, welche von ihrer Hand gesegnet worden sind, übrigens ein bunter internationaler Haufen, passend zum Auftritt an der ART COLOGNE. Auf der Webseite erscheint Charlotte Zander stilsicher als dramatische Mimin mit herrschaftlichem Hund. https://sammlung-zander.de/aktuelles/.
Ich begreife: Wahrhaft exklusiv ist, mitten im globalen Norden Exotik zu entdecken!
Noch bei diesem Aufenthalt in Köln machte Eva Weissweiler (LINK zu Wikipedia) mich mit einem Zeitungsartikel über Paul Lefèbre bekannt. Als Historikerin und Autorin von Frauenbiografien hat sie Luise Straus-Ernst (1893-1944) bereits vor zehn Jahren eine Biografie – „Notre Dame de Dada … das dramatische Leben der ersten Frau von Max Ernst“ – gewidmet.
Der Artikel ist seit Dezember auch Teil des Buches, das unter dem Titel „Pariser Impressionen – Texte aus dem Exil“ von Luise Straus-Ernst versammelt (Hrsg. Eva Weissweiler, Panima Verlag 2025, ISBN978-3-9827669-0-4; für den Erwerb ein LINK )
Luise Straus-Ernsts „Besuch bei einem Sonntagsmaler“ 1934
Ursprünglich erschien erschien „Besuch bei einem Sonntagsmaler“ im Feuilleton der Neuen Züricher Zeitung am 23. 4. 1934 no.02 .
Luise Straus-Ernst, „die erste Frau von Max Ernst“ oder auch „Notre Dame des Dada“, kämpfte bereits das zweite Jahr als Schriftstellerin tapfer um ihre Existenz im von Emigranten überschwemmten Pariser Exil. Ihre schon etwas bemüht wirkende amüsante Recherche im Trödler-Milieu richtete sich ‚couch potatos‘ im idyllischen Zürich. Der Stil freundlicher Herablassung befremdet mich nicht bloß beim ersten Lesen.
Doch werden darin die Bescheidenheit des Lebenskünstlers und Künstlers Paul Lefèbre für die Nachwelt bewahrt. Ich muss zugeben: ein Privileg für ihn, ein Glücksfall für uns.
Ich zitiere die Glosse aus der NZZ, 23. 4. 1934, Ausgabe 02 :
Anderswo würde er in seinen freien Stunden auf einer Klarinette blasen oder Geige spielen; der Pariser Kleinbürger aber, der sich über seinen Alltag hinweg in höhere Gefilde erheben möchte, beginnt zu malen. Ohne viel Kenntnis von Farbenlehre und Bildaufbau, ohne sich für ein Genie zu halten, sucht er Gesehenes und Geträumtes zu gestalten und freut sich daran. Die Bilder hängt er in sein Zimmer, schenkt sie Freunden, vielleicht sieht sie zufällig einer der Trödler, die in Paris eine feinere Nase haben als anderswo, und stellt sie in seinem Jahrmarktstand zwischen geschnitzte Stühle, schadhafte Kronleuchter, gebrauchte Fahrradreifen und Grammophonplatten.
Lefèbvre handelt auch mit solchen Bildern, die bei aller Ungelenkigkeit erstaunlich lebendig sind; leuchtende Blumen in Vasen auf blauem oder orangenem Grund, Pariser Plätze mit ihren schief gedrückten, bunten Häusern und den phantastisch gezackten Schornsteinen in der dunstigen Luft, duftig hingesetzten Baumgruppen und knallbunten Fußballspielern auf einer Wiese voll kleiner Blümchen. Wenn man ihn fragt, woher die Bilder kommen, blicken seine reinen blauen Augen in dem rotwangigen, wie aus Holz geschnitzten Gesicht fast verlegen; er rückt halb unwillig an seiner Schirmkappe: „Mein Bruder malt sie.“ Und bietet im Bestreben, das Thema zu wechseln, ein feingeschnitztes Döschen aus Buchsbaumholz oder einen schweren Brokat aus der Zeit Louis Philippes zum Kaufe an. Teuer sind die Bilder nicht, und er hat immer eine Menge davon. Der Bruder scheint produktiv zu sein.
„Kann man nicht einmal diesen mysteriösen Bruder in seiner Wohnung besuchen, mit ihm sprechen?“ – „Nein, das geht nicht, er ist so selten zu Hause.“ – Aber hinter dieses Geheimnis müsste man doch kommen! Da Lefèbvre auch die eigene Wohnung nicht verrät – „aber bitte, ich bin ja dreimal in der Woche auf dem Markt, da finden Sie mich stets“; so wendet man sich an andere Trödler, die ihn kennen. Vielleicht findet man dann in dieser Wohnung auch den Bruder, den Maler, den niemand je gesehen hat …
Ein schmutziges, kleines Hotel, ganz oben bei der Porte Clignancourt. „Monsieur Lefèbvre? O ja, links durch den Hof bitte!“ Schmale Tür, dämmrige Kochnische mit blank geputztem Kupfergeschirr, Durchblick in einen kleinen, einfenstrigen Raum, der zur Hälfte von einem Bett ausgefüllt wird; dann gibt’s eine wacklige Kommode, auf der ein Bukett von Blumen aus Perlen und Wachs unter einer Glasglocke steht; auf der schlechten, zerlöcherten Tapete hängen die buntlebendigen Gemälde, die wir schon kennen, über besagter Kommode das Bildnis eines schnauzbärtigen Soldaten, offenbar Lefèbvre in seiner Jugendzeit darstellend, und ein Militärdiplom. Am Fenster aber vor einem Tischchen sitzt ein Mann, der eine Kappe mit Wachstuchschirm trägt und malt. Er wendet sich um; wir sehen in die holzgeschnitzten Züge unseres Freundes Lefèbvre.
Er scheint befangen; doch wir kommen ihm zuvor, bedauern sehr, ihn stören zu müssen. Ein Kunstfreund möchte dringend einige Bilder des Bruders kaufen. Bis zum nächsten Markttage würde er schon wieder abgereist sein. Und er, Lefèbvre selbst, male also auch? – Und nun kommt das Geständnis: der Bruder existiert überhaupt nicht; er hat ihn nur erfunden, um nicht selbst als Künstler hervortreten zu müssen. Seine Schamhaftigkeit ist so echt, dass nun die Reihe an uns ist, verlegen zu werden, weil wir indiskret genug waren, in dieses doch bereits geahnte Geheimnis einzudringen. Doch er selbst hilft uns darüber hinweg, wird rasch zutraulich, zeigt uns seine neuen Arbeiten. Eben malt er an einem seiner Blumenstücke; auf blaugrünem Grund blühen in braunem Kruge geflammte Tulpen und gefleckte Georginen, leuchtend bunt und steil aufgerichtet. Eine kleine Landschaft wurde gestern fertig und steht zum Trocknen. Es ist ein Motiv aus dem Parc Monceau, erklärt er, das er aus der Erinnerung, wie stets, zu malen versuchte. Kleine Menschen spazieren auf gewundenen Wegen, und rosa, gold, türkisfarben hingetupft stehen die dünnen Baumwipfel gegen perlfarbenen Himmel. Bezaubernd diese Voraussetzungslosigkeit eines klaren und einfachen Geistes, der, über das Nur-Gesehene sich hinwegsetzend, Gefühltes so zwingend sichtbar zu machen weiß.
Wir versuchen ihn darüber zum Reden zu bringen. Doch sein Verstand reicht – zum Glück – nicht an die Höhe seiner künstlerischen Kraft. So vermag er nur in seiner sachlichen Weise einiges über die Farbenstimmung zu sagen. Allerdings klingt das im Französischen viel hübscher, wenn er sagt: „Faut, que les couleurs ses marient bien.“ Nein, er denkt nicht daran, mit dem wachsenden Erfolg seiner Bilder etwa seinen Beruf als Trödler aufzugeben. Er wird auch jetzt weiter seine kleinen Altertümer auf den Messen und Märkten von Paris feilbieten, wird weiterhin mit seinen still versonnenen blauen Augen alles umfangen, was das Leben dieser Welt und dieser Stadt ausmacht, und wird in Feierstunden unter seinen Händen jene leuchtend bunten Bilder entstehen lassen.
Luise Straus-Ernst
Lefèbres Bilder

Sacre Coeur – Leinwand. auf genageltem Holzrahmen; eingeritzt: „F.Wiegmann Frankfurt Main Gustav-Freytag-Str. 42“
Lefèbre war kein Pfuscher, aber nicht nur nach Ansicht von Eva Weissweiler auch kein ‚Naiver‘.
Fünfundzwanzig Jahre nach dieser Ausstellung und anderthalb Jahre nach seiner Rückkehr aus Peking (LINK) schrieb Erich Wolters seinem Bruder Alfred am 27.11.1956: „Die Landschaft von Paul Lefèbre besorgte mir Stephan Schwarz in Paris. Inzwischen bekam ich noch ein Lefèbre-Blumenstück von Etta Stangl, das ich ihr früher einmal geschenkt hatte. Auf diese Weise bekommt meine kleine Wohnung– 2 Zimmer – allmählich Gesicht.“ (Institut für Stadtgeschichte Frankfurt a.M., Nachlässe S1/468/93: Briefe an Alfred und HildeWolters 1908-1969)
Meine beiden Bilder wurden von Fritz Wiegmann als Teil seines Bilder-Nachlasses aufgewertet. Ich habe keine befriedigende Erklärung dafür, denn die beiden Bildmotive beschreiben eigentlich den Kern europäischer touristischer Straßenkunst, nahe beim Kitsch. Es sind vielleicht nicht die besten, aber wo sind die vielen anderen gelandet? Weiß jemand mehr?
Wertschätzung tut aber immer gut.
Beide Bilder behaupten sich in meinem Arbeitszimmer, erweisen sich als Ruhepol.
Ich empfehle Bildmeditation! Denn Beschreibungen enden trivial.





