Hurtigruten-Dampfer am Kai vor Anker. Sturm. Kreidezeichnung aus Norwegen

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Das Postschiff (?) in Norberts Schaufenster an der Zeil 24  in FrankfurtLINK  zur Version auf Englisch mit Originalzitaten seit 15.1.26

 

Hier  meine Informationen und Fragen aus meinen Emails nach Norwegen:

Beim befreundeten Buchhändler im Schaufenster seines Zeil-Antiquariats habe ich eine starke Kreidezeichnung erworben, die einen stämmigen Dampfer am Quai zeigt. Es stürmt und schneit, wenn ich die diagonal einfallenden schwarzen Striche richtig deute. Das Licht ist unwirklich, der Hintergrund düster bis auf einen schmalen hellen Streifen. Das Schiff trägt an der Seite das norwegische Wappen. Die Striche wurden schnell, aber sicher gezogen. Die Komposition hält einen unmittelbaren Eindruck fest. Der Fluchtpunkt der auffälligen Perspektive liegt rechts außerhalb des Bildrahmens, von wo der stürmische Wind auf das Schiffsheck trifft. Zunächst denke ich an ein Fischereischiff, einen Hecktrawler (wikipedia), dann aber an eins der Hurtigruten-Linie, wie Kong Gudroed oder MS Erling Jarl (Wikipedia).

Norbert hat die elegant eingerahmte Zeichnung aus einer der nachgelassenen privaten Bibliotheken, die er häufiger besucht, aber keine Ahnung, woher. Wie ein gewöhnlicher Entrümpler nimmt er dann als ‚Beifang‘ alles mit, was ihm angeboten wird. Er selbst ist nebenher Maler winziger Landschaften, die gerahmt im Laden stehen.

Zustand?

Unter dem Glas wellt sich das Zeichenpapier ein wenig, der Papprücken ist etwas stockfleckig und wurde über mehr als ein halbes Jahrhundert nicht mehr geöffnet. Das will ich jetzt auch nicht. Über die im Abstand von 4 bis 6 cm eingeschlagenen Nägelchen hat man rundum einen braunen Papierstreifen von 3 cm Breite geklebt.

Rahmen 1,1cm dick, Außenmaß 36×48 cm     Innenmaß 33,8 cm x 45,5 cm.

Warum schreibe ich Ihnen?  Das Bild spricht doch für sich und ich freue mich an seinem Geheimnis. Die fehlende Signatur sehe ich nicht als Mangel an, die dient doch, wenn nicht dem Verkaufspreis, der eigenen Eitelkeit. Was will ich also wissen?

Zuerst: Das Schiff verdeckt bis auf eine angeschnittene Lagerhalle (linksseitig) den Horizont. Mich beunruhigt, was hinter ihm verborgen ist. Das wissen Sie auch nicht, aber vielleicht kommt Ihnen das Schiff oder die Umgebung bekannt vor.

Vielleicht ist Ihnen auch die Stimmung vertraut, gerade in diesen düsteren vorweihnachtlichen Wochen. Das Schiff liegt vor Anker, regulär oder wegen Sturmwarnung? Erinnert Sie das Motiv oder die Zeichentechnik an irgendeinen norwegischen Maler?

 

Der Kurator Bård Gram Økland  vom Bergens Sjøfartsmuseum antwortet am 9. Dezember:

Hallo und vielen Dank für das Foto. Wir haben es hier im Museum besprochen und sind uns einig, dass das Motiv schwer zu deuten ist. Das Gemälde ist nicht besonders gut ausgeführt und liefert uns nur wenige Anhaltspunkte. Weder die Landschaft noch der Hafenbereich geben eindeutige Hinweise auf den Standort des Schiffes. Aufgrund der Größe und Anzahl der Rettungsboote handelt es sich wahrscheinlich um ein Passagierschiff. Die auf den Rumpf gemalte Flagge deutet auf Neutralitätsmarkierungen hin, wie sie im Ersten Weltkrieg und erneut von September 1939 bis April 1940 verwendet wurden. Angesichts der Größe des Schiffes vermuten wir, dass es aus der Zeit von 1939 bis 1940 stammt. Es könnte sich auch um ein Hurtigruten-Schiff handeln. Daher empfehle ich Ihnen, sich für eine genauere Begutachtung an das Hurtigruten-Museum zu wenden.

 

Vom „kunstmuseum Trondheim“  erhalte ich eine verständnisvolle Antwort und  Vereinsadressen. 

Deutsch:
Vielen Dank, dass Sie diese geheimnisvolle Zeichnung eines vor Anker liegenden Schiffes im Wintersturm mit mir geteilt haben. Obwohl mir die Zeichnung gefällt, kann ich weder sagen, woher sie stammt, noch wer sie gezeichnet hat. Ich bin auch kein Experte für Schiffe. Es wäre hilfreich gewesen, das Schiff und den Hafen zu identifizieren, wenn das Schiff einen Namen oder die Zeichnung ein Datum hätte. Steht auf der Rückseite des Rahmens keine Information? Haben Sie Zugang zu Facebook? Dort gibt es Gruppen, die Menschen mit genau diesem Wissen anziehen. Ich habe eine Gruppe namens „Norske skip 1850-2025“ (Norske skip 1850-2025 | Facebook) gefunden. Und auch diese hier: „Dampalderen – Fyrbøterens tidsalder“ (https://www.facebook.com/groups/267674476724418). Ich hoffe, Sie können diese Gruppen kontaktieren und Ihr Rätsel teilen. Alles Gute für die Adventszeit! Åse Fredrikson, Sammlungsverwalterin Trondheim Kunstmuseum“

 

Auch ohne Facebook finde ich Anschluss. Am 17.12. schreibt mir der der Webmaster des Vereins „Norskeskip“:

Hello Detlev, Sorry for the late reply.
I have seen your photo/ painting and this looks like one of the ships that travelled the Coast of Norway with mail and passangers. I will guess late 1920 – 1930 and throught the war due to the Norwegian flag-. I will take a guess that its maybe a ship belonging to The Bergenske Dampskipselskap AS (Bergenske Dampfschiffgesellschaft AG). Have a merry Christmas“

Deutsch: Hallo Detlev, Entschuldigung für die späte Antwort. Ich habe dein Foto/Gemälde gesehen, und es sieht aus wie eines der Schiffe, die mit Post und Passagieren entlang der norwegischen Küste verkehrten. Ich schätze, es stammt aus den späten 1920er- bis 1930er-Jahren und während des Krieges, aufgrund der norwegischen Flagge. Ich vermute, es handelt sich um ein Schiff der Bergenske Dampskipselskap AS (Bergenske Dampfschiffgesellschaft AG). Frohe Weihnachten!  

Auch wenn die Zeichnung den für sie typischen schlanken Schornstein eher nachlässig, verwischt wiedergibt. Die firmentypische Abfolge von schwarz und weiß ist zu erahnen, wenn man das will. Doch hätte die Alternative eindeutiger Kennzeichnung zum skizzenhaften Stil  gepasst?  Im übrigen scheint  der gestreifte Schornstein auf der Hurtigruten-Linie verbreitet gewesen zu sein.

Die Webseite der  „Bergenske Dampskipselskap AS“ weitet den Blick auf die norwegische Küstenschiffahrt und die Weltmeere! Sehen sie selbst!  Die Welt der Vorkriegswerften und der Reedereien und ein zwanzigstes Jahrhundert tauchen auf, das den Schiffen so individuelle Schicksale beschert hat.  Sogar die Südamerika-Route über Madeira aus der Jugendlektüre kehrt wieder.

Die Hurtigruthlinie wurde von mehreren Reedereien befahren. Die Bergen Line setzte zum Beispiel 1936 Irma, Polarlys, Midnatsol und Mira ein. Route operated jointly with ships of Det Nordenfjeldske Dampskibsselskab (Dronning Maud, Erling Jarl, Kong Harald, Prinsesse Ragnhild and Sigurd Jarl), Det Stavangerske Dampskibsselskab (Sanct Svithun) and Vesteraalens Dampskibsselskab (Finmarken, Lofoten and Richard With).

Det Nordenfjeldske Dampskibsselskab.


The Dronning Maud (1,489 grt) was built in 1925 and served on the „Hurtigruten“ coastal service until requisitioned by the Norwegian Navy in 1940. In May of that year she was bombed and sunk by German aircraft in spite of being a hospital ship.
 

Vesteraalens Dampskibsselskab

Quelle : Quelle : timetableimages.com vest39a

Die Geschichte der Hurtigrouten-Schiffahrt nach de.wikipedia.org:

 Der Artikel en-wikipedia.org ist anders aufgebaut und man empfiehlt, die deutschsprachige  Seite einzuarbeiten. Ich übersetze lieber.

 
Schiffsverbindungen entlang der Westküste Norwegens (Karte circa 1890) (wikimedia, ZWEIMAL durch Anklicken zu vergrößern)

Um die Bedeutung und Notwendigkeit der Linienverbindung entlang der norwegischen Küste zu verstehen, ist ein Blick auf die geografische Situation des Landes hilfreich: Das heutige Norwegen erstreckt sich über rund 2.650 Kilometer in Nord-Süd-Richtung. Dabei war es seit jeher der von relativ mildem Klima begünstigte Süden des Landes, der sowohl hinsichtlich Einwohnerzahl als auch Wirtschaftskraft dominierte. Den Küstensiedlungen und Gemeinden im Norden des Landes, die vom Fischfang in den fischreichen Gewässern der Lofoten, Vesterålen und Barentssee lebten, fehlte es vor allem an geeigneten Transportwegen für den angelandeten Fisch, aber auch für die Grundversorgung mit Waren und Wirtschaftsgütern, die vor Ort nicht hergestellt werden konnten.

Es gab beispielsweise ab Anfang des 19. Jahrhunderts nur sporadische Verbindungen zwischen der hoch im Norden gelegenen Inselgruppe der Lofoten und der Handelsmetropole Bergen. Ab 1870 verkehrte entlang der Küste die Hamburgroute. Vor allem in den langen Wintern war der gesamte Norden des Landes aber praktisch von der Außenwelt abgeschnitten. Der norwegische Staat erkannte dieses Nord-Süd-Gefälle und suchte nach Wegen einer besseren Verkehrsanbindung des Nordens. Bei 83.283 Kilometer Gesamtküstenlinie setzte man auf die Handelsschifffahrt. Ab 1875 wurden auf Basis bestehender, kleinerer Schifffahrtslinien erste Pläne für eine regelmäßige, staatlich geförderte Schiffsverbindung zwischen Stavanger und Bergen im Süden und den größeren Küstenorten in Nordnorwegen erarbeitet.

Anfänge

Die Hurtigruten wurde von einer privaten Reederei, der Vesteraalens Dampskibsselskab (VDS), begründet und fuhr erstmals 1893 zwischen Trondheim und Hammerfest. Die erste regelmäßige und vor allem ganzjährige Postverbindung zwischen Süd- und Nordnorwegen war dem Einsatz des erfahrenen Kapitäns Richard With zu verdanken. Zusammen mit dem Lotsen Andreas Holte hatte er ab 1882 akribisch über die Fahrten durch die Gewässer entlang der norwegischen Küste Buch geführt. Er traute sich als Erster zu, die Strecke bis nach Hammerfest auch bei Nacht und in den dunklen Wintermonaten zu fahren – ein Geschwindigkeitsgewinn, der Voraussetzung für die staatlichen Subventionen war, ohne die sich eine Postschiffverbindung nicht hätte finanzieren lassen.[1]

Zuvor war in den Jahren 1889 und 1890 durch den in Diensten des Osloer Innenministeriums stehenden anerkannten Kapitän August Kriegsmann Gran im Auftrag der Regierung ein Konzept zum ganzjährigen Betrieb einer Schifffahrtslinie entlang der gesamten Westküste entwickelt worden. Dieses mündete in einer am 18. April 1891 veröffentlichten Ausschreibung für eine Dampfschifflinie. Am 2. Juli 1893 machte sich die Vesterålen unter Kapitän Richard With auf den Weg von Trondheim nach Hammerfest. Es wurden auf dieser ersten Route, die zu befahren insgesamt 67 Stunden dauerte, neun Orte angelaufen: Rørvik, Brønnøysund, Sandnessjøen, Bodø, Svolvær, Lødingen, Harstad, Tromsø und Skjervøy.[2]

<  Kong Gudrød

Es folgten zwei weitere Hurtigruten-Linien, so dass zur Jahrhundertwende drei Postschifflinien existierten: Die erste führte von Trondheim nach Hammerfest, die zweite von Bergen nach Hammerfest und die dritte von Hammerfest weiter nach Osten bis Vadsø – diese wurde im Jahr 1908 bis zum heutigen Endpunkt Kirkenes verlängert. Diese Strecken wurden nun zweimal pro Woche gefahren – sommers wie winters.

Damit änderte sich das Leben für die Bewohner in der unwegsamen Küstenregion Nordnorwegens entscheidend. Die Hurtigruten prägte und einte das Land. Der beschwerliche Landweg durch die zerklüftete Landschaft konnte nun vermieden werden.[3] Im Jahr 1898 war die Strecke nach Süden über Bergen hinaus bis Stavanger verlängert worden. Jedoch waren um 1919 im dichter besiedelten Süden des Landes die Straßen- und Eisenbahnverbindungen so weit ausgebaut, dass in diesem Bereich der Postschiffverkehr wieder eingestellt wurde. Bergen war und blieb nun südlicher Ausgangs- und Wendepunkt der Linie.

Im Sommer 1922 wurde die Risøyrenna – die Risørinne, ein schiffbar gemachter, natürlicher schmaler Seeweg zwischen den Vesteraaleninseln Andøya und Hinnøya – eingeweiht. Dieser zählt noch heute zu der Route der Schiffe. Ab dem 1. Juni 1936 entstand aus den ehemals drei Linien eine durchgehende Verbindung, die Bergen im Süden mit Kirkenes im Norden verband. Ab sofort konnte mit 14 Schiffen von sechs Reedereien eine tägliche Abfahrt sichergestellt werden.

Zweiter Weltkrieg und Nachkriegszeit

Während der beiden Weltkriege, bei denen vor allem der zweite mit der Besetzung Norwegens verheerende Folgen für die Gemeinden in Nordnorwegen hatte, war ein fahrplanmäßiger Postschiffverkehr weitgehend unmöglich. Dennoch waren Schiffe der Hurtigruten im Küstenverkehr und im Truppentransport eingesetzt;[4] vereinzelt konnte auch der Liniendienst aufrechterhalten werden. In der Zeit von 1940 bis 1945 sind auch die meisten Schiffsverluste und Havarien verzeichnet. Um weiterhin die teilweise überlebenswichtige Versorgung der Gemeinden im Norden aufrechtzuerhalten, griffen die Reedereien, nachdem ihre Hurtigrutenschiffe entweder beschlagnahmt oder havariert waren, in den Jahren 1940 bis 1945 teilweise auf kleine Frachtschiffe und Fischkutter zurück, die als Transportschiffe auf der Hurtigruten eingesetzt wurden.

Die Erling Jarl, 1949 in Dienst gestellt

Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges waren von ehemals 14 Schiffen nur noch 3 fahrtauglich. Durch ein großangelegtes, staatlich unterstütztes Schiffs-Neubauprogramm konnte ab 1950 wieder täglich die Strecke Trondheim–Hammerfest gefahren werden. Bis 1956 wurden insgesamt zehn fast baugleiche Schiffe in Dienst gestellt, so dass wieder ein regelmäßiger Liniendienst eingerichtet werden konnte.[6]

Während zu Beginn der Linie gewöhnliche, oftmals gebraucht angeschaffte Dampfschiffe verwendet wurden, wurde erstmals mit dieser Baureihe ein spezieller, eigens für die Hurtigruten entwickelter Schiffstyp eingesetzt. In jede der folgenden Schiffsgeneration flossen nun neue Entwicklungen und Erfahrungen aus vorherigen Typen ein. Aussehen und Konzept der Schiffe haben sich dadurch mittlerweile erheblich gewandelt; es handelt sich noch immer um speziell für diesen Einsatz konstruierte Schiffstypen. (….)

15.1.2026

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