Die Internationale Hygiene-Ausstellung in Dresden 1930/31

|

IMG_4718

Auch hier war Wiegmann wieder politisch und künstlerisch engagiert. In seinem Nachlass findet sich ein Dankschreiben der Leitung mit dem Hinweis auf die knappen Kassen der Institution, sowie eine Ehrenurkunde, von der Art, wie sie bei Sportfesten verteilt wird.

IMG_4719

Einen scharfen Lichtstrahl richtet Klaus Täubert in seiner Fritz-Fränkel-Biografie „Unbekannt verzogen …“ (trafo, Berlin 2005, S.69 f.) auf die Szenerie. Es handelte sich um eine Etappe des Konflikts zwischen Suchtprävention, genauer Bekämpfung des Alkoholismus, worin die Ausstellungskuratoren Dora Benjamin und Fritz Fränkel seit längerem engagiert waren, und  den Wirtschaftsinteressen des Braugewerbes. Ich referiere Täubert:

Auf der Internationalen Hygiene-Ausstellung waren aus der von Fränkel zusammengestellten Abteilung ‚Kampf gegen Rauschgifte‘ zwei Stücke entfernt worden, ohne daß man ihn gefragt  oder ihm wenigstens später offiziell mitgeteilt hätte. Täubert zitiert aus der WELTBÜHNE:

Es handelt sich um ein Bild des Malers Wiegmann, auf dem ein wohlgenährter Bürger behaglich das Steigen der Brauerei-Aktien verfolgt. Im Hintergrund  steht eine abgehärmte Frau, die Frau eines Trinkers. Das zweite Stück ist ein Bierglas mit einer durchschimmernden Leiche; Unterschrift: Wieviel sterben jährlich durch Alkohol? Darauf legte die ‚Tageszeitung für Brauerei‘ los: ‚Auch sonst sind in dieser Abteilung unerhörte Angriffe gegen den Alkohol, vor allem gegen das Bier zu sehen. Auf wiederholte Reklamationen sind einige dieser Gemeinheiten – anders können sie nicht bezeichnet werden – entfernt worden. Aber dieses Bierglas blieb stehen.‘ Nun es blieb nicht mehr lange stehen: Der Deutsche Brauereibund erreichte bald die Entfernung (….)“(59/60)

Der Redakteur der WELTBÜHNE fragte:  Warum aber klappt das Präsidium der Hygiene-Ausstellung vor der Allmacht des Alkoholkapitals zusammen? Was hat das Unternehmen davon zu befürchten? Oder haben die Brauer auch hier subventioniert? Sie sollen ihre eigenen Ausstellungen finanzieren; das ist eine gerade Sache, aber hier haben sie nichts verloren.(60)

Täubert ergänzt: „Und ironischerweise bekam bald nach dem Vorfall der Präsident der Dresdner Institution, Dr. med. Seirig, das Angebot, Generaldirektor der Schultheiß-Patzenhofer Brauereien zu werden.“ (60/61)

Ein Wort zum Inhalt der Tafeln: In hohem Grade moralisierend. Nicht gerade einfallsreich. Fränkels Vorgaben waren strikt. Ob die höflich verweigerte Vergütung des Künstlers aber damit oder etwa mit den Problemen, die er der Direktion bereitete, zu tun hatte, kann ich nicht sagen.

Die beiden Originaldokumente liegen im Stadtarchiv Frankfurt/Main (Nachlass:  S 1-513

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *