Archiverfahrungen: Ernst Joel, Fritz Fränkel, Fritz Wiegmann

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Ich hielt Fränkel und Joel für ‚prominent’, also gut dokumentiert. Ich ahnte nicht, wie sehr das Gedächtnis an diese Menschen dauerhaft vom Engagement selber unbekannter Individuen abhängt, etwa von Klaus Täubert und der Gymnasiallehrerin Margarethe Exler aus der Provinz. Und einem kleinen Verlag wie ‚trafo’.

Verführt durch ‚vermischte Nachrichten’ von Drogenexperimenten, linker Sozialmedizin an einem sozialen Brennpunkt, Szeneleben und schließlich der Anbindung an die KPD – hatte ich mir attraktive und lockere Rebellen vorgestellt, nicht so blasse Intellektuelle mit stark hervortretender sozialer Ader. Alle in einem großbürgerlich wirkenden Berlin wohnend, auch Wiegmann, wie die Ortsbesichtigung an der Adresse des Ateliers in Tempelhof zeigt. Die berühmte Urbanstraße, wo ich das wieder aufgebaute „Gesundheitshaus Kreuzberg“ besuche, ist sogar eine herrschaftlich breite grüne Allee. Das Haus selbst war damals einer dieser repräsentativen öffentlichen Bauten, übrigens zuerst eine wilhelminisch großkotzig daherkommende Erziehungsanstalt für ‚gefallene Mädchen’.

Gesundheitshaus am Urban, Urbanstr.24 , 23. Okt.17

Gesundheitshaus am Urban, Urbanstr.24 , 23. Okt.17

Manfred v. Richthofenstr.10, Neu-Tempelhof (Link)

Manfred v. Richthofenstr.10, Neu-Tempelhof (Link)

 

 

 

 

 

 

 

Ich konsultiere im Benjamin-Archiv an der Akademie der Künste vier Druckschriften und einen Briefwechsel aus der „Fritz Fränkel (1892-1944) – Sammlung Klaus Täubert“.

 

Ernst Joel

Gestern las ich die Joel-Biografie von Margarethe Exler: „Von der Jugendbewegung zu ärztlicher Drogenhilfe – Das Leben Ernst Joels (1893–1929) im Umkreis von Benjamin, Landauer und Buber“ ( trafo, Berlin 2005) – den sympathischen Bericht einer Spurensuche zu einem idealistischen jungen Mann aus mütterlich behütetem, aber vaterlosem bürgerlichem Elternhaus.

 

Heute im Archiv las ich Joel’s weitschweifige „Akademische Kundgebung“ von 1916 (Findebuch 1.2 : 275) über die Bestimmung der Universität frei nach Fichte als „derjenige Punkt, in welchem (…) jedes Zeitalter seine höchste Verstandesbildung übergibt dem folgenden Zeitalter …“ – Dann folgte das ganze postpubertäre jugendbewegte Tun, das ihn aber nicht von einem Medizinstudium abhielt, welches vermutlich der Onkel bei ihm durchsetzte.

Joels große Stärke: Er wollte und konnte seine Begeisterungsfähigkeit und die hochfliegende Theorie an eine verlässliche Praxis knoten, so wie dann auch in einem „Gesundheitshaus“ geschehen. Dessen Konzept formulierte er überzeugend im Wohlfahrtsblatt, Dez. 1927. Da war er bereits zehn Jahre älter. Aber musste die Identifikation mit den mühseligen und Beladenen soweit gehen, dass er über narkotischen Selbstversuchen sein Leben riskierte und verlor?

Warum, frage ich mich schließlich wie die Biografin, hat die zehn Jahre ältere Schwester Charlotte Salomon, geb. Joel, die berühmte Porträtfotografin, den kleinen Bruder ‚nie’ fotografiert? Es scheint kein authentisches Foto von Ernst Joel zu existieren.

 

Fritz Fränkel und Fritz Wiegmann

Die Erinnerung der damaligen Ehefrau Fritz Fränkels, Hilda, muss mehr als ein halbes Jahrhundert überbrücken. Ein gewagter Versuch von Klaus Täubert, brieflich bei Hilda Fränkel, seit langem bereits Hilda McLean anzufragen. Gleich zu Anfang lag bereits 1935 eine Scheidung im Weg mit handfestem Streit um den gemeinsamen kleinen Sohn, einschließlich Entführung nach Mallorca .

Umso bewunderungswerter, wie verständnisvoll und kooperativ sie sich für Täuberts Projekt einer Biografie des bedeutenden Sozialmediziners zeigte. (2.1 : 044).

Fränkels Verhältnis zu Mutter und Ehefrau nehme ich mit Kopfschütteln zur Kenntnis, bereits die Einquartierung seiner jungen Frau in die Wohnung, welche er mit seiner Mutter teilte. Warum er diese Frau heiratete, die an seiner Arbeit nicht teilhaben konnte und den Rest ihres Lebens der Überzeugung war, ihm intellektuell nicht folgen zu können? Warum wollte er nach der Scheidung den Sohn André unbedingt für sich behalten, wo er sich von seinen Klienten überhaupt nicht abgrenzen konnte, für sonst nichts Zeit hatte? Den Quatsch kennen wir doch!
Hilda erinnert sich an Fritz Wiegmann nur als an den „Maler und Lehrer“. Die Teddybären für André – hat Fritz Wiegmann erst „am Bahnhof“ gekauft, wie sie einmal formuliert, also spontan, weil ihm der ohne alles Spielzeug aus seiner Welt gerissene Bub leid tat?

Hilda meint sich zu erinnern, dass Wiegmann  Patient bei ihrem Mann gewesen ist, von 1930 bis zu der erzwungenen Abreise der Familie.

Patient und Mitarbeiter? Psychoanalyse? Rorschach? Kokain? Wohl von allem ein wenig.

Die in „Psychoanalytische Bewegung“ 1929/4 (1.2 : 257) gezeigten Beispiele psychoanalytischer Interpretation in der Ausstellung erscheinen mir elementar, oder ‚vulgär’, also naiv. Die zwei zitierten Freud-Sätze waren gesundheitspolitisch – die Neurose als der Tuberkulose vergleichbare Bedrohung der Volksgesundheit – und zivilisationskritisch (aus „Zukunft einer Illusion“).

Aber „Wieglein“ auf der Abschiedskarte?? (Link) War der zehn Jahre ältere Fränkel für ihn Vaterfigur? Warum nicht? Für Sigmund Freud war auch Vermischung von Freundschaft oder gar Verwandtschaft mit Therapie und wiederum Therapie mit Ausbildung selbstverständlich. Ich erinnere nur an Tochter Anna.

Anders als bei Dora Benjamin, die in der Erinnerung von Hilda als „gute Freundin“ oft im Hause Fränkel war, schien Wiegmann eher eine Beziehung zwischen den Männern zu sein.

 

Fritz Wiegmanns Beitrag zu den Ausstellungen 1929 und 1931

Joels Aufsatz vom Dez.1927 (1.2 : 274) betont die praktische Nachbarschaft einer aufklärenden Ausstellung zu den Therapeuten und Diensten im Haus, er zählt die Gebiete auf, nennt Anforderungen, welche „die Lehrmittel“ gewöhnlich nicht erfüllten. „Gute Methoden der Belehrung müssen auf manchen Gebieten erst erarbeitet werden.“ Er fordert, „von der modernen Industriereklame mit ihren einfachen und eindringlichen Formen zu lernen“, „anschauliche Modelle, farbenkräftige überzeugende Darstellungen“ zu entwickeln, „die von einer gewissen Frische, oft sogar von Humor durchdrungen sein müssen.“ „Noch wichtiger ist, dass das Sehen und Lernen zum Erleben wird….“ (386) Er bemerkt: „Der Ausstellungsinhalt ist in ständigem Wachsen...“ (387)

Meine Schlussfolgerung: „Gesunde Nerven“ war nicht mehr als eine Sonderausstellung, welche durch die breite Resonanz in der Öffentlichkeit das bisher Geleistete überstrahlte.

Joel, Fränkel und Dora Benjamin (?) engagierten also Fritz Wiegmann wegen seines Einfallsreichtums und seiner Energie für ihre anspruchsvolle Präsentation; er wiederum konnte sich an einem existierenden Konzept und am Bestand orientieren und an den Schriften Joels und Fränkels auf den Stand der Diskussion bringen. Die Skelette in Aktion (siehe Abbildung, Link) waren jedenfalls nicht unbedingt sein Beitrag, sondern vielleicht Teil des Bestandes.

 

Nachdem der junge Wiegmann erst einmal ‘in den Kreis der Familie’ zurückgekehrt ist, kann man von plakativen Übertreibungen Abstand nehmen. Dafür fühle ich mich ohnehin nicht verantwortlich, schon eher Walter und Dora Benjamin mit ihren überschwänglichen Ausstellungskritiken.

An zwei Stellen moniere ich auf Tafeln Missionierungseifer (z. B. Link). Doch der war Bestandteil der ‚sozialistischen’ Beglückungsidee der Intellektuellen Joel und Fränkel, er war Motor. Nichts anderes war damals von ‚Linken’ zu erwarten.

Der Streit um die Hygieneausstellung 1930/31 in Dresden (Link) war vorprogrammiert. Ich hatte den „Programmentwurf“ vom Januar 1928 (1.2 : 261) bestellt. Fränkel und Wiegmann mussten ihn kennen. Er war von Direktor Dr. Seirig unterzeichnet. Der bezog sich mehrfach auf die Hygieneausstellung in Dresden 1911 und brachte als Programmpunkt 12 unter „Seelenleben als seelische Hygiene“ eine Mischung, unter anderen „Graphologie“ und „Unterbewußtsein“. Ich gewinne den Eindruck: alles sollte sauber und positiv sein, eben „Hygiene“. Kannten die beiden auch Seirigs gesonderte Denkschrift über „die Beteiligung der Industrie“ als Sponsor?

Es ging Seirig um eine niveauvolle formale Gestaltung – und die Berliner hatten gerade großen Erfolg mit „Gesunde Nerven“. Er setzte sich mit den beiden eine Laus in den Pelz, sie agierten subversiv.

 

Noch eine Entdeckung im Archiv

Wie still es sein kann, wie konzentriert die Lektüre, wie klein und fein die Notizschrift wird. Die Regeln zu respektieren – Briefe nicht einmal fotokopieren zu dürfen, geschweige denn ohne Genehmigung der Erben wörtlich zu zitieren – gibt der Lektüre eine Intimität. Der Lesesaal als  Schutzraum, flankiert von zwei durch Glas abgetrennten Arbeitsräumen der Archivare. Aber wenn die Gralshüter so nett sind, geht das klar. Und damit der kreativen Verarbeitung freie Bahn!

Erst habe ich archiviert, dann nutze ich ein Archiv. Widersinnig? Es ist nie zu spät.

Niemand konnte übrigens bisher über die Drei plus Dora berichten und ihr Zusammenwirken. Vielleicht wird das niemals möglich sein. Dann errichtet halt erst einmal drei, vier Denkmäler!

23.Okt. – 6. Nov. 2017

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