Amerika! – John Becker, 520 Madison Avenue N.Y.C.

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Zwei Dokumente im Nachlass belegen konkret Wiegmanns Kontakt mit dem amerikanischen Kunstmarkt für das Jahr 1932, mit Perspektiven für 1933. In dem getippten „Lebenslauf“ steht unter „Ausstellungen meiner Bilder fanden statt“: „1931 und 32 in der Galerie John Becker, Madison Avenue N.Y. city, durch diese Galerie auch auf der Weltausstellung Chicago“.

Beginnen wir mit dem zweiten Dokument, einem Brief. Unter dem Datum des 12. November 1932 erhielt W. einen Brief und einen Scheck von John, dem Leiter der Galerie John Becker in New York.

12. Nov.1932

Brief John Becker Nov

Lieber Wieg (im Original deutsch):

Ich lege den Scheck No. 7897 über $ 87,50 bei, der den Verkauf des Ölbildes abdeckt, das an eine Frau aus dem Westen verkauft wurde.

Senden Sie uns bitte genügend Aquarelle und Ölbilder, um eine gute Ausstellung zu machen. Bitte ungerahmt, denn wir müssen Zoll auf die Rahmen bezahlen, und stellen Sie sicher, eine korrekte konsularische Rechnung aufzustellen so wie zuvor.

Wenn Edwin in Berlin ist, lassen Sie ihn eine Einführung für Ihren Katalog schreiben und uns biografische Informationen übermitteln. Zeigen Sie ihm die beilgelegten Kataloge. Wir werden etwa 20 Bilder brauchen und die (auf den) beigelegten Fotos, die wir wahrscheinlich (zeigen) wollen. Bitte machen Sie das bald und senden Sie sie so preisgünstig wie möglich.                                    Yours John

(handgeschriebener Zusatz, soweit zu entziffern)

Look, Wieg, I am busy. I hope you are well. We all like all your pictures, but we like the still-lives best. Better not send any none in glass unless you want to awfully. See bucks 8 photographs. Please return photos + new photos.                       Love John.

Schau Wieg, ich habe viel zu tun. Ich hoffe, dir geht’s gut. Wir mögen alle deine Bilder, aber wir mögen die Stilleben am meisten. Schicke besser keine unter Glas außer du willst es ganz dringend. Schau’ …. 8 Fotos. Bitte schicke sie zurück + neue.                              Liebe Grüße   John

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Rückseite des Flyers, der die Künstler alphabetisch aufreihte

Rückseite des Flyers, der die Künstler alphabetisch aufreihte

Das zeitlich erste Dokument ist ein ‚Flyer’ der ‚John Becker’ Galerie: „AN EXHIBITION OF SIX YOUNG EUROPEANS MARCH 15 TO APRIL 10“, worin Wiegmann folgendermaßen vorgestellt wird:

FIVE PAINTINGS BY FRITZ WEIGMANN: German, born in 1903. Lives in Berlin. Wiegmann is a passionate admirer of Braque, Gris and Picasso. His abstract compositions are often painted behind glas which has an undulated surface that lends mobility to the painting. Wiegmann has never before exhibited in America.

Das  Jahr ist nicht angegeben, aber die beiden letzten Sätze ( „glass“, „never before“) und die geringe Zahl der Exponate sprechen für den März 1932. 1931 ist nicht auszuschließen.

Was bedeutete „John Becker, 520 Madison Avenue New York“ ?

Wieg hatte die Aufmerksamkeit einer Ersten Adresse für zeitgenössische Kunst in New York.

In Nicholas Fox Weber : Patron Saints, Yale Univ.Press 1992,1995 – über das Engagement der  studentischen „Harvard Society of Contemporary Art“ – wird ‚John Becker’ an sechs Stellen erwähnt:

  • Als eine der „more pioneering commercial galleries in New York – Valentine, Kraushaar, Downtown, Reinhardt, John Becker, and Weye“, welche  die jungen Leute aus reichem Hause erfreut als künftige Sammler begrüßten. (p.60)
  • Als zweiten Ort der  von Harvard Society kuratierten „first Bauhaus show ever held in America in Dezember 1930 and January 1931“, „pivotal in introducing the American public to art and ideas that have since penetrated our society“. (118)
  • Ende Mai 1931 lieh der Sammler Chick Austin für eine Ausstellung „a group of Picasso drawings from John Becker’s gallery in New York“. Derselbe Sammler zeigte im November eine Schau  unter dem Titel „Newer Super-Realism“, this was the first Surrealist show in America“. (159)
  • Zweimal erscheint John Becker in einer Aufzählung  New Yorker Galerien mit „fairly regular shows – mostly of drawings and gouaches“ von Picasso  mit seinem „curvilinear Cubism of the 1920s“. (231, 234)

Mit Walker Evans tauchte auch die neue Fotografie und mit Alexander Calder das Mobile als Kunstformen bei John Becker auf. Man hatte die Nase vorn. Damals reiste ein Braque für die Eröffnung seiner ersten Ausstellung bei John Becker eigens nach New York. Um den Surrealismus kümmerte John sich persönlich in einem Artikel des „Fifth Floor Window“ Febr. 1932, (M5050_X0031_DES_P03211932003.pdf), ein anderer Autor um „Dadaism and Super-Realism“, ein Dritter um „Lewis Caroll and the Moderns“. Damals pilgerte die amerikanische Kunstwelt noch nach Paris, suchte Anschluss an die europäische Avantgarde, auch Frauen wie Peggy Guggenheim, daher die Figur der woman from the west.  Die Filmdokumentation „Peggy Guggenheim – Ein Leben für die Kunst“ (TAZ Rezension 9.5.2016) zeigt Chancen, Risiken und die Aufbruchsstimmung seit den dreißiger Jahren sehr schön. Ein paar Jahre später kam die europäische Avantgarde nur zu gerne nach New York und nach Kalifornien ins Exil. Doch die Galerien in New York waren schon gut aufgestellt (Lee Seldes: Das Vermächtnis  Mark Rothkos) und bereits wenig später bereit, Paris als Kunstmetropole abzulösen. Guilbaut: Wie New York die Idee der Modernen Kunst gestohlen hat).

 

Denby (?) NewYork

Denby (?) NewYork  (Nachlass Wiegmann)

 

 

Der von John im Brief erwähnte „Edwin“ ist auf dem Rücken einer kleinen Bildreproduktion (6×6) von 1932 mit vollem Namen erwähnt. Dort ist mit Bleistift notiert: “Stilleben (Sammlung Edwin Denby !) deckende Wasserfarben auf Papier“ und in anderer Schrift mit kräftigen Strichen vermerkt: „wonderful“ , dies übrigens auf zwei weiteren Abbildungen. Von solchen Fotos war wohl im Brief die Rede. Sammler und Stammkunde oder Agent von John Becker? Das muss vortläufig offen bleiben. Jedenfalls existiert im Nachlass das Foto eines jungen Mannes über den Dächern von Manhattan, das auf der Rückseite von fremder Hand mit „Denby?“ beschrieben wurde.

WgmWgm. Bild 1932, Denby - wonderful_0005

 

Schauen wir uns kurz die Präsentation Wiegmanns im Telegrammstil an.

„Jung“ und „das erste Mal in Amerika“! Die Präsentation ist klar vom Kalkül diktiert, einen bereits dreißigjährigen Debütanten in das Fahrwasser der aktuellen Trends einzuschleusen, für einen kleinen, aber risikofreudigen Einsatz auf Seiten der Sammler.

Ob sich Wiegmann  sich 1931-32 überhaupt noch als „leidenschaftlichen Bewunderer von Braque, Gris und Picasso“ betrachtete? Oder ob das in seiner Malerei noch eine Rolle spielte? Er begegnete auf seinen Reisen in Europa – vielleicht fanden die aber auch erst ab 1933 statt –  den Meisterwerken italienischer, spanischer und französischer alter Meister und nahm von der ‚modernen Schule, wie er sie kannte’ Abstand, um seinen eigenen Stil zu finden. So diktierte er es jedenfalls ein paar Jahre später dem PEIPING CHRONICLE, Sunday February 16, 1936 in den Notizblock.

Warum die Beziehung zwischen Galerie und Künstler keine Fortsetzung fand, weiß ich nicht. Die Galerie ‚John Becker‘ existiert übrigens noch heute an derselben Adresse in Manhattan.

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