Erworben in Rafai (1911) und anderswo im Zande-Gebiet… (Entwurf

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Themen sind mehrere Beispiele von Exportkunst in der Kontaktzone konkurrierender Kolonialisten und Reisender in Zentralafrika und der Erwerb eines einschägig bekannten Figurentyps in meiner Heimatstadt

Nach dem ersten ‘Lockdown’ erwarb ich diese Figur von meinem Markthändler W.L., der ihren Typ und ihre Herkunft nicht kannte, aber sie von seinem Zuträger erhalten hatte, der das Grenzgebiet am nördlichen Rand des Kongobeckens bereist. Er hatte anfang des Jahres schon mehr alte Objekte aus der Region Ubangi im Angebot, die mich durch ihre spröde Ausstrahlung anzogen. Selbst mit Schmuck und in satter Patina sind sie keineswegs schön im herkömmlichen Sinne.

Diese Neuerwerbung führt mich an interessante Wegkreuzungen unterschiedlicher stilistischer Einflüsse und in die Zeit des Ersten Weltkriegs.

 

Mitten im “Herzen Afrikas” zwischen Sudan und Kongo liegt der Ort Rafai

“Ubangi” map p.11 (rechte Hälfte von Rafai bis Yambio; moderne Staatsgrenzen orange) Zum Vergrößern bitte anklicken!

Im Jahr 1911 waren zwischen Kongo und Nil die Einflussbereiche von Belgiern („Belgisch Kongo“ seit 1908), Franzosen und Engländern (jeweils „Sudan“) noch nicht lange definiert. Und das Deutsche Reich hielt die Ausdehnung ihrer Kolonie „Kamerun“ nach Osten und Südosten  noch nicht für abgeschlossen.

“Ubangi” 1.48  v.Wiese 1911

1910-11 durchzog – misstrauisch beobachtet – Walther von Wiese und Kaiserswaldau „Vom Kongo zum Niger und Nil“ (Buchtitel 1912). Zu seinem Auftrag „wissenschaftlicher Erkundung“ gehörte – typisch für die damalige Zeit – die Versorgung der neuen Museen im Deutschen Reich mit ethnografischen Objekten, auch wenn es für ihn Wichtigeres zu erkunden gab .

In dem Marktflecken Rafai am Mbomu-Fluss (24o östl. Länge) erwarb er zwei Exemplare eines interessanten Figurentyps. Eins ist in „Ubangi“, dem unentbehrlichen Handbuch für die Region, dokumentiert (Actes Sud 2007, S. 45 Ill.1.48). Eine der Figuren landete schließlich in Frankfurt, dem heutigen Weltkulturenmuseum.

Würde  ich die Chance bekommen, sie in die Hand nehmen und mit meiner Figur zu vergleichen?

 

RAFAI

Ob zu Recht oder nicht (…. ), Rafai ist jedenfalls bekannt als Gründungsort des sich bald an den Atlantik verbreitenden Mani-Kults (LINK), der eine große Anzahl elementar gestalteter Figürchen hervorgebracht hat. Rafai wird bis heute hauptsächlich von (A)zande bewohnt, aber auch von kleinen Gruppen der Nzakara und Banda.

“Ubangi” 4.46 Banda

 

Die abgebildete den Banda zugeschriebene Figur 4.46 in „Ubangi“ (pp.174-76), 59 cm hoch und zwischen 1917 und 1930 gesammelt, ist meiner Figur nur bedingt ähnlich, aber trägt auf einem langen Hals einen kugelförmigen Kopf mit kreisförmigen Augen- und Ohrenscheiben. Kleinere Figuren (ab Ill. 4.50) betonen große ausgehöhlte runde Ohren. Auf einer Übersichtstafel mit schematischen Zeichnungen (p.230f.) werden Nzakara und Azande in einem Atemzug genannt. Eine breites rundes Gesicht findet sich häufiger, darunter auch an einer „Yanda“-Puppe des Mani-Kultes, wie ich sie bereits beschrieben habe (LINK), außerdem ein markanter, für das Geschlecht eingeschnittener Hüftring.

 

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„AZANDE“

Das politische System („polititical system“) der Azande expandierte von Nordwesten nach Süden als eine Reihe von mehr oder weniger ausgedehnten Königreichen, die sich unabhängig voneinander konstituierten“ („as a series of more or less extensive kingdoms, each constituted independently of the others“). Auch deren Untereinheiten waren nur locker organisiert (226). Die Azande-Fürsten beschäftigten Handwerker mit der Herstellung von Geschenken für Vasallen und hohe Gäste, egal ob Engländer, Belgier, Franzosen oder Deutsche. (John Mack, Schildkrout & Co. „African Reflections“ 1990, 217-231)

“UBANGI” 1.32. Azande Sudan

Das Herrschafts- und Siedlungsgebiet der Azande zog sich vom Kongobecken über tausend Kilometer bis zum damals ‚ägyptischen’ Sudan. (KARTE)

Ein dort vom britischen Gouverneur Carl Giegler Pasha 1880 gesammeltes Figurenpaar (68 cm, Abb. 1.32/1.33 p. 36) scheint mir durchaus verwandt, in

  • Gestalt : Haltung, Pobacken, kräftige gebogene Beine, mächtige Füße
  • Gesicht: breites flaches Gesicht, ovaler Mund, kurze Nase.
  • und wenn die hervorragenden Schwarzweiß-Abbildungen nicht täuschen, sogar in der Oberflächenbearbeitung und schwarzer glänzender Patina

 

DER YAMBIO-STIL UND DIE EUROPÄER

Noch deutlicher ist die Nähe zu Figuren des Häuptlings König Gbudue (etwa 1835-1905) aus dem Marktflecken Yambio bereits auf sudanesischer Seite. Drei Beispiele illustrieren einen regelrechten „style Yambio“. Zum einen ein Figurenpaar (ill. 5.29) 35 cm hoch, von Richard Storch zwischen 1909 und 1914 erworben, mit langgezogenen Köpfen und maskenhaft stilisierten Gesichtern, zum anderen eine entsprechend stilisierte salutierende Soldatenfigur (1909, 5.32).

In allen Fällen bildet die auffällige Hufeisen-Schulter-Arm-Einheit ein echtes Alleinstellungsmerkmal. Grootaers nennt sie in Kap. III „forme en fer à cheval“, Hufeisenform. Dazu kommen betonte Hüften, sowie starke Beine und Füße in ähnlicher Proportion. Auch hier fällt die glänzende Schwärze auf, von der auf den Figuren aus Rafai – wie auf zwei weiteren kleinen Yanda-Püppchen – noch Reste vorhanden sind.

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“Ubangi” 5.29 Yambio Paar

“Ubangi” 5.32 Yambio Gendarm

 

 

 

 

 

 

 

 

 

“Reflections” 11.8 p.224 Yambio Paar

Die ältere Sammlung „African Reflections – Art From Nordeastern Zaire“ (Schildkrout/Keim 1990; p.224, 11.8 und 11.9) zeigt ein Paar von respektablen 81 cm Höhe, die männliche mit beeindruckenden Hodensack. Wenn es nicht vermutlich in den zwanziger Jahren erworben worden wäre, könnte der englische Großwildjäger und Museumsgründer Major Powell-Cotton, der typische Kunde gewesen sein. Er erwarb aber erst 1933 in der Gegend Keramiken der Azande. (Vgl. meinen Blog „Kuyu-Tanzstäbe im Factory Outlet 1927 (LINK).

Aber seien wir fair! Nicht nur Militärs, Kolonialbeamten und durchreisenden Großwildjägern gefiel diese Art exzentrischer Kreativität, auch der Bildhauer Henry Moore bekannte sich dazu (1981; “African Reflectons” p. 225)

Zurück nach Rafai und zum dortigen Angebot an authentischer “Exportkunst”

Grootaers diskutiert den Yambio-Stil und Kaiserswaldaus Erwerbungen (1.32. p.46 (links) nicht nur im Kontext der Stilmischungen, sondern explizit der Produktion für Europäer und bezeichnet sie vielleicht überspitzt als „premier art africain exportation“.

(Fortsetzung folgt)

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