Drei Figuren im „Stil“ der „Kontaktzone“ der Azande (1/5) Neu

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Den ersten Entwurf habe ich am 6. Januar 2021 veröffentlicht und mehrfach aktualisiert. Er wurde bis heute (7.4.23)  150 x aufgerufen. In der Zwischenzeit sind weitere BeitrÀge dazugekommen:

  • zum Sammler der zwei wichtigen VergleichsstĂŒcke, dem Leutnant  Walter von Wiese und Kaiserswaldau: (2) Zur Person  (LINK),
  • Zu der Expedition 1911 und zu den VerhĂ€ltnissen an der Grenze zwischen den von Frankreich, von Belgien und  Großbritannien besetzten Gebieten : (3) Im zweiten ‚Herz der Finsternis“ (LINK ) und (4) : Drei Sultanate der Azande (LINK).

Die  BeitrÀge nutzen v.Wieses Reisebericht und konfrontieren ihn mit anderen Informationen zu den europÀischen Kolonialeroberungen in Zentralafrika .

Meine anfĂ€nglich naive Sicht wurde von  der kunstgeschichtlichen und stilvergleichenden Perspektive der Standardwerke „African Reflections“ und „Ubangi“ dominiert, vor allem der von J.-L.Grootaers. Da ich daran spĂ€ter nicht einfach anknĂŒpfen konnte, schob ich die Fertigstellung Woche um Woche hinaus. Jetzt war die Neuordnung der Kapitel ĂŒberfĂ€llig.   Stand: 8.8.2021

 

 Erwerb

 

Am 15.8.2020 fiel die Figur mir am Stand auf, ich sah sie aber bereits das zweite Mal, hatte sie aber nicht bewusst fotografiert, ich entdeckte sie nachtrÀglich auf einem Foto.

Letztes Jahr war sie aus dem Norden der RDC von einem lokalen Agenten an W. L. geliefert worden. Er pflegt sein Korrespondentennetz und die Connections in Kinshasa seit ĂŒber zwanzig Jahren, hat keine spezifische stilkritische Expertise, nur in Landeskunde, und gibt Informationen der Lieferanten weiter, diesmal wohl „Azande“, wenn ich das recht erinnere. Er hatte anfang des Jahres schon mehr Figuren aus der Region Ubangi im Angebot, die mich durch ihre spröde Ausstrahlung anziehen. Selbst mit Schmuck und in satter Patina sind sie keineswegs schön im herkömmlichen Sinne.

Ich wĂŒrde die Figur so beschreiben:

  • Ein starkes MĂ€dchen mit großen Augen und Ohren – mit wachen Sinnen
  • direkt gehauen, kantig d.h. eigensinnig, aus demselben Holz geschnitzt wie junge Burschen, ein krĂ€ftiger Hahnenkamm zieht sich den ganzen Hinterkopf hinunter.
  • robust und zupackend – man sehe sich nur die HĂ€nde an!
  • Torso und Spalte jungfrĂ€ulich nĂŒchtern
  • sicherer Stand auf großen FĂŒĂŸen, energiegeladene aufrechte Haltung
All das sollte man nicht als Norm missverstehen. Der ‚Ubangi-Stil‘ ist nicht konventionell, wie die auch die Studien und Abbildungstafeln im Buch „Ubangi“ zeigen, sondern expressiv, individuell oder lokal, frei in der Gestaltung. Ich beabsichtige, das noch mit einenm Gruppenbild augenfĂ€llig zu machen.

Erste Orientierung

„Vom Kongo zum Niger und Nil“ 1912 Ausschnitt: v.Wieses Route und Dr.Schubotz‘ Route (punktiert) (2x anzuklicken)

Im Jahr 1911 waren zwischen Kongo und Nil die Einflussbereiche von Belgiern („Belgisch Kongo“ seit 1908), Franzosen und EnglĂ€ndern (jeweils „Sudan“) noch nicht lange definiert. Und das Deutsche Reich hielt die Ausdehnung seiner Kolonie „Kamerun“ nach Osten und SĂŒdosten  noch nicht fĂŒr abgeschlossen.

„Ubangi“ 1.48  v.Wiese 1911

Walter von Wiese und Kaiserswaldau, ein junger Mann aus dem Landadel Schlesiens (Preußen), hatte die militĂ€rische Karriere eingeschlagen, tauschte aber frĂŒh die langweilige Existenz zwischen Garnisonsstadt und Manöver gegen das „Seminar fĂŒr Orientalische Sprachen“ – LINK Wikipedia, LINK (2) – und die „Schutztruppe“ in Ostafrika ein. Er organisierte 1910/11 bereits zum zweiten Mal eine Expedition von Adolf Friedrich Herzog zu Mecklenburg durch Zentralafrika. Sie durchzogen in mehreren Gruppen die gerade recht ‚unruhigen‘ französisch kontrollierten Gebiete „Vom Kongo zum Niger und Nil“ (Buchtitel 1912). v.Wiese wurde beauftragt, den Grenzfluss Mbomu  entlang von West nach Ost den Herrschaftsbereich dreier Azande-Sultanate zu besuchen und ĂŒber den Nil nach Deutschland zurĂŒckzukehren. Zum  Auftrag „wissenschaftlicher Erkundung“ gehörte – typisch fĂŒr die damalige Zeit – auch die Versorgung der neuen Museen im Deutschen Reich mit ethnografischen Objekten (und mit TierprĂ€paraten).

v.Wiese durfte  sein persönliches Steckenpferd „Ethnographie“ reiten und hatte in Hamburg von Prof. Georg Thilenius eine Handreichung, Fragebogen, Kamera und Phonograph erhalten. In der veröffentlichten Übersicht hob Thilenius 1912 eigens die wissenschaftlichen Ergebnisse der Teilexpedition Walter v. Wieses  als besonders ergebnisreich (Bd. I, S.383) hervor: „1700 GegenstĂ€nde, zumal von den Magwandi, Nsakkara, Mandja, Togbo, ausfĂŒhrliche Nachrichten ĂŒber 16 Völkerschaften, 600 Photogramme und Abbildungen, 30 eingehend beantwortete Fragebogen und 40 Phonogramme bilden das mitgebrachte Material...“ Dabei ging ein betrĂ€chtlicher Teil des Materials unterwegs verloren. Die Sammlung wurde zwischen den Völkerkundemuseen in Hamburg („Ubangi“ 1.48) und Frankfurt geteilt.

 

Mitten im „Herzen Afrikas“ zwischen Sudan und Kongo liegt der Ort Rafai:

In dem Dorf des Sultan Rafai am Mbomu-Fluss (24o östl. LĂ€nge) erwarb Wiese zwei Exemplare eines interessanten Figurentyps. Eines ist in „Ubangi“ dokumentiert, dem bisher unentbehrlichen Handbuch fĂŒr die Region (Actes Sud 2007, S. 45 Ill.1.48). Eine zweite Figur dieses Typs befindet sich in Frankfurt, im heutigen Weltkulturenmuseum (WKM). Es ist in dem Buch „African Reflextions“ (Schildkrout/Keim 1990) durch ein lausiges Foto vertreten. Im September 2020 bekam ich die Chance,  die Figur in die Hand zu nehmen und mit meiner Figur zu vergleichen.

v. Wieses Erfahrungen als Sammler in Rafai

Als zweites  Sultanat erreicht v.Wiese Rafai. Auf seinen Aufenthalt gehe ich in Beitrag 4/5  (LINK) nÀher ein, zitiere hier nur die Passagen, die direkten Bezug zur SammeltÀtigkeit haben.

(S.34-36) „Nach Passieren von vielen Stromschnellen kam ich endlich am 12. Mai an die Stelle, wo der Chinko in den Mbomu einmĂŒndet, fuhr noch sechs Stunden den Chinko aufwĂ€rts und erreichte gegen Abend die auf einer Anhöhe unweit des Flusses gelegene Verwaltungsstation Rafai, wo Leutnant Gillette den Befehl hat. In Rafai befindet sich ausserdem der Sitz der Direktion der Gesellschaft des Sultanats de Haut Ubangi und die Residenz des Sultan Hetman, dem zweiten von mir zu besuchenden grossen Sultan des Landes. Damit war ich in dem Gebiet der Azande oder Niam-Niam, den gefĂŒrchteten Menschenfressern Central Afrikas und erhoffte natĂŒrlich eine sehr reiche ethnographische Ausbeute. Leider wurde ich aber arg enttĂ€uscht. Diese EnttĂ€uschung zeigte mir wiederum, dass es selbst im innersten Afrika die allerhöchste Zeit ist, ethnographisch zu sammeln und zu retten, was noch zu retten ist. (…..)

ZunĂ€chst will ich hervorheben, dass die meisten Bewohner des Sultanats Rafai gar keine Azande sind, sondern unterworfene Autochtonen, StĂ€mme wie  die Biri, Gabon, Nsakkara und verschiedene Banda. Im Sultanat befinden sich ca. 23000 Seelen, davon sind AzandĂ©s 4.500 (….) cr. 3500 Leute sind mit Vorderladern verschiedenster Modell bewaffnet. Da die AzandĂ© sehr viele Frauen der genannten unterworfenen StĂ€mme geheiratet haben, so hat natĂŒrlich beim Nachwuchs die Reinheit der Zandi-Rasse sehr gelitten und das Sultanat Rafai ist damit nicht der Platz zu ethnographischen Studien, das muss ich mir auf spĂ€ter aufsparen.

Der jetzige Sultan Hetman, der Sohn Rafais ist gĂ€nzlich europĂ€isiert. (…..) Er lebt in einem nach EuropĂ€erart erbauten Hause mit europĂ€ischer Einrichtung, fĂŒhrt europĂ€ische KĂŒche und Keller und lĂ€dt die EuropĂ€er zum Diner ein. FĂŒr seine und der Unterchefs Kinder hat er eine Schule eingerichtet, in der französisch unterrichtet wird. Wohl wissend, dass die Sitten und GebrĂ€uche der Azande barbarisch sind, leugnet Hetman ihr Bestehen ab. (…..) Nachdem v. Wiese seine Geschenke aufgezĂ€hlt hat, fĂ€hrt er fort: “Als Gegengeschenk erbat ich von ihm ethnographische Objekte fĂŒr die Sammlung. doch machte es ihm sichtliche Schwierigkeiten, die den Azande eigentĂŒmlichen Waffen und GerĂ€te beizuschaffen, und es dauerte einige Tage – es gab nicht viele am Hofe des Sultans, da dort meist alles aus der Faktorei der Compagnie de(s) Sultanats stammt. (
.) Dies alles ganz im Gegensatz zur Residenz des Sultanats Labassu der Nzakkara, bei denen alles noch wie frĂŒher geblieben ist. Doch ich will nicht grollen, denn schließlich ist es ja der Zweck von Kolonien, fĂŒr die europĂ€ischen Waren neue Absatzgebiete zu schaffen.” („Tagebuch“ S.38)

(S. 40) „Wenn auch die heutigen ZustĂ€nde Rafais, wie ich schon sagte, nicht zu ethnographischen Studien geeignet sind, so konnte ich doch von alten Leuten erfahren, wie es frĂŒher war und darĂŒber Material sammeln, sodass ich auch von Rafai scheiden konnte mit einer immerhin ansehnlichen ethnographischen Sammlung und reichlichem Studienmaterial. Leider erlebte ich aber die große EnttĂ€uschung, dass der grösste Teil meiner photographischen Platten trotz doppelter Einlötung infolge der NĂ€sse verdorben ist. Ein schwerer Schlag.“

Wie erfreut  muss v. Wiese ĂŒber den Erwerb der Figuren gewesen sein! Die oben abgebildete Figur  (Abb. 1.48) erhielt das Museum in Hamburg, das WKM in Frankfurt eine zweite Figur desselben Typs, die ich nach Augenschein schildern kann, die einzige Figur im Verzeichnis des WKM  unter rund dreihundert Waffen und ‚profaneren‘ Dingen des tĂ€glichen Lebens: NackenstĂŒtzen, Tabakpfeifen, Speere, Köcher mit Pfeilen, Wurfeisen, Werkzeugen, Rasiermessern, Sieben, BehĂ€ltern wie Körben u.s.w.

Erschwerte Bedingungen

Im „Tagebuch“ und im gedruckten Bericht sind die beiden Figuren nicht erwĂ€hnt, ĂŒber sie finden sich im WKM Frankfurt auch keine weitergehenden Informationen.

Christine Stelzig und Beate Schneider sprechen in ihrem Aufsatz ĂŒber die Zweite Expedition v.Mecklenburg („Ubangi“, pp. 261-283, leider nur auf Französisch!) beim Thema der wissenschaftlichen Ergebnisse der Gesamtexpedition ein Handicap an:  Die Sammlungen erreichten Deutschland in außerordentlicher Unordnung. Das hieß unvollstĂ€ndige und unzulĂ€nglich beschriftete Kisten, verlorene oder unleserliche Dokumentation, verlorene Sendungen…, all das musste dann auch die Museumskonservatoren entmutigen. ( ebd. p.266 ĂŒbersetzt). Sie zitieren außerdem Klagen v. Wieses ĂŒber feindselige Eingeborene und den Mangel an geeigneter Verpackung fĂŒr den Transport und dass es nötig gewesen sei, die TrĂ€ger stĂ€ndig zu ĂŒberwachen. Übertriebene Preisforderungen und die Weigerung der Angesprochenen, sich von ihren materiellen GĂŒtern zu trennen, verfinstern schließlich seine Wahrnehmung, zumal die von ihm angebotenen Tauschobjekte keineswegs mit Begeisterung aufgenommen werden (ebd. p.271). So schreibt er recht bald in seinem Bericht: „Mit den in anderen Kolonien ĂŒblichen Tauschmitteln , wie Stoffen, Perlen, Tabak und Ă€hnlichem fand ich nicht allzu große Gegenliebe. Andere kostbare Geschenke, mit denen man sich das Herz der Neger erobern können, erlaubten aber die schwierigen TransportverhĂ€ltnisse nicht. Der Transport meiner vierzig Lasten bereiteten schon Schwierigkeiten genug.“ (1912 Bd.1, S. 245)

Als Deutscher bewegte er sich auf einem von Konkurrenten erschlossenen Verkehrsweg an der Grenze zweier Kolonien. Er wollte ein knappes Wirtschaftsgut, nĂ€mlich ‚authentische‘ KulturgĂŒter. Und er fand bei den Azande-Chefs keine UnterstĂŒtzung. Nichts wurde aus den geplanten 6 BĂ€nden wissenschaftlicher Ergebnisse der Expedition. Publiziert wurden bereits wĂ€hrend der Expedition einige Zeitungsberichte und bereits im Jahr darauf 1912 populĂ€re Berichte der Reisen „Vom Kongo zum Niger und Nil“ in zwei opulent ausgestatteten und schön illustrierten BĂ€nden, die bis 1926 mehrere Auflagen erlebten. Jeder Teilnehmer (außer Kammerdiener und Koch des Herzogs) lieferte seinen Beitrag.

 

Die Azande und die figĂŒrliche Kunst

Jan Vansina (ch. 4 :pp. 84-87) und John Mack (ch.11: pp. 217-23) portrĂ€tieren die politische Herrschaft und Kultur der Azande in Nachbarschaft mit den Mangbetu seit dem 18. Jahrhundert in dem 1990 erschienenen Standardwerk „African Reflections – Art from Nordeastern Zaire“by Enid Schildkrout und Curtis A. Keim. 

Die Azande bauten seit dem 18. Jahrhundert nördlich des Uele ein expandierendes politisches System aus zwei konkurrierenden Dynastien auf, deren Söhne mehrerer Generationen nach eigenen Herrschaften strebten, durch die Unterwerfung ethnisch bunter autochtoner Bevölkerungen. Deren HĂ€uptlinge verwendete man als niedere Verwalter, man heiratete deren Töchter, holte deren Söhne man an die Höfe holte, damit sie als LeibwĂ€chter, SpeerkĂ€mpfer und sonst Karriere zu machen. Obwohl sie den Zande ’style of life‘ und die Sprache  ĂŒbernehmen sollten, achteten die Azande auf rigide Klassengrenzen zwischen Adel, gewöhnlichen Azande und Autochthonen. Die FĂŒrsten verstanden sich als „reine Warlords“ (Vansina, 85)  und nahmen kulturelle Werte und GebrĂ€uche aus verschiedenen Quellen an, was  anlĂ€sslich unfreiwilliger Phasen der AbhĂ€ngigkeit von Sudanesen, Sansibari oder den EuropĂ€ern augenfĂ€llig wurde . (nach Vansina 84-85). Die Azande-FĂŒrsten beschĂ€ftigten Handwerker mit der Herstellung von Geschenken fĂŒr Vasallen und hohe GĂ€ste, egal ob EnglĂ€nder, Belgier, Franzosen oder Deutsche.

 

DER „YAMBIO-STIL“ UND DIE EUROPÄER

BerĂŒhmt sind die Figuren des HĂ€uptlings König Gbudue (etwa 1835-1905) aus dem Marktflecken Yambio auf sudanesisch-britischer Seite. Drei Beispiele illustrieren einen regelrechten „style Yambio“. Zum einen ein Figurenpaar (ill. 5.29) 35 cm hoch, von Richard Storch zwischen 1909 und 1914 erworben, mit langgezogenen Köpfen und maskenhaft stilisierten Gesichtern, zum anderen eine entsprechend stilisierte salutierende Soldatenfigur (1909, 5.32 Abb. unten).

In allen FĂ€llen bildet die auffĂ€llige kantige Hufeisen-Schulter-Arm-Einheit ein echtes Alleinstellungsmerkmal. Grootaers nennt sie in Kap. III „forme en fer Ă  cheval“, Hufeisenform. Dazu kommen betonte HĂŒften, sowie starke Beine und FĂŒĂŸe in Ă€hnlicher Proportion. Auch hier fĂ€llt die glĂ€nzende SchwĂ€rze auf, von der auf den Figuren aus Rafai – wie auf zwei meiner kleinen Yanda-PĂŒppchen – noch Reste vorhanden sind.

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„Ubangi“ 5.29 Yambio Paar

„Ubangi“ 5.32 Yambio Gendarm

 

 

 

 

 

 

„Reflections“ 11.8 p.224 Yambio Paar

Die Ă€ltere Publkation „African Reflections – Art From Nordeastern Zaire“ (Schildkrout/Keim 1990; p.224, 11.8 und 11.9) zeigt ein Paar von respektablen 81 cm Höhe, die mĂ€nnliche mit beeindruckenden Hodensack. Wenn es nicht vermutlich in den zwanziger Jahren erworben worden wĂ€re, könnte der englische GroßwildjĂ€ger und MuseumsgrĂŒnder Major Powell-Cotton, der typische Kunde gewesen sein. Er erwarb aber erst 1933 in der Gegend Keramiken der Azande. (Vgl. meinen Blog „Kuyu-TanzstĂ€be im Factory Outlet 1927 (LINK).

Aber seien wir fair! Nicht nur MilitĂ€rs, Kolonialbeamten und durchreisenden GroßwildjĂ€gern gefiel diese Art exzentrischer KreativitĂ€t, auch der Bildhauer Henry Moore bekannte sich dazu (1981; nach „African Reflections“ p. 225)

 

JLG (Jan-Lodewik Grootaers) wendet in  „Embodyments – Masterworks of…“ (Ed. Christina Heimich und Manuel Jordan, Prestel 2014) den Stand der Forschung auf  eine solche Figur  (plate 113) an:

Doku

Embodiments 2014 Zande South Sudan pl.113 V

„The figure belongs to a small but striking corpus of Zande sculptures from the Republic of South sudan dating from the first quarter of the twenteeth century and probably originating from a workshop in the smalk town of Yambio. These sculptures represent males and females and sometimes appear in pairs. (….) The male examples are usually carved with pronounced genitals, as is the case here.

The function of the figure was not recorded. It has  been suggested that they were evocations of ancestors or were used in rainmaking rituals (Fagg 1967…, Herold 1990….), but neither idea has been confirmed. Such figures may have been royal presentation pieces, possibly for the court of Zande king Gbudue (ca. 1835-1905), or may even have been specifically carved for sale to European visitors. This sculpture of a male is very similar to a large exemple in the British Museum, London (… see Mack 1990)“   A M E N !

 

 

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In „Ubangi“ (1.32. p.46) diskutiert Grootaers den Yambio-Stil nicht nur im Kontext der Stilmischungen, sondern ausdrĂŒcklich als Produktion fĂŒr EuropĂ€er, als „premier art africain exportation“ .

Unter dem Titel „Une Inspiration europĂ©enne geht er dann auf eine zweite Kategorie von Objekten ein: „la copie des objets europĂ©ens destinĂ©s Ă  une usage locale“, die Kopie europĂ€ischer Objekte zu einem lokalen Gebrauch. Als Beispiel dient ihm ein Salatbesteck aus Elfenbein, das v. Wiese in Yakoma, einer französischen Station auf dem Weg nach Rafai, erwarb, wahrscheinlich von einem Handwerker der Ngbandi-Gruppe.

Wiese vermerkte im offiziellen Reisetagebuch (MWK : HBM Af I 1064, S.21): „… Ferner findet man hier große Kunstfertigkeitin der Bearbeitung von Elfenbein. Man schnitzt daraus sehr kunstvoll Signalhörner, Messergriffe, ArmbĂ€nder, KĂ€mme, Stockgriffe, Dosen u.s.w.“ Das Salatbesteck erwĂ€hnt er nicht.  Er kauft ees, aber fĂŒr ihn war es ethnographisch wertlos, da klar fĂŒr EuropĂ€er bestimmt. Georg Thilenius, Direktor des Ethnographischen Museums in Hamburg, forderte es hingegen bei der Verteilung der Objekte zwischen den beiden Museen ausdrĂŒcklich fĂŒr sein Institut als „Beweis der Anpassung des Negers an die europĂ€ischen Moden„. 1912 war Thilenius ein Sonderfall unter Ethnographen, indem  er ein Auge fĂŒr Objekte aus den „zones de contact“ hatte, wĂ€hrend die große Mehrheit besessen war von „nicht kontaminierter Kunst„. (nach Grootaers p.46).

Grootaers Essay kann zu einer allzu flachen Deutung von „Azande-Figuren“ verfĂŒhren. Der kunstwissenschaftliche Begriff „Kontaktzone“ ist ein Euphemismus.  Das halbe Jahrhundert vor 1910 war in der gesamten Region, auch im Sultanat Rafai nicht gerade gĂŒnstig  fĂŒr die Bewahrung handwerklicher SoliditĂ€t und Ă€sthetischer QualitĂ€t, geschweige denn ‚lokaler’ Stile. Die ‚Autochtonen’ (v.Wiese) wurden von Sudanesen, Sultanen der Azande und EuropĂ€ern mit Krieg ĂŒberzogen, gejagt, beraubt, vertrieben und deportiert und dezimiert.

Doch eigentlich war ganz Afrika sĂŒdlich der Sahara eine einzige große Kontaktzone. Die GrĂŒnde fĂŒr Übernahmen waren so vielfĂ€ltig wie die fĂŒr Abgrenzung. FĂŒr die Professionalisierung von Handwerkern gab es ökonomische GrĂŒnde. Handelswege und ReprĂ€sentationsbedĂŒrfnisse erfolgreicher HĂ€uptlinge, ob sie sich Oba, King oder Sultan nannten, gaben „WerkstĂ€tten“ fĂŒr eine gewisse Zeit Arbeit. „Geschenke“ und „Gegengeschenke“ waren in einer Tauschwirtschaft die aristokratische Form des Tauschs, den auch  v.Wiese auf seinen Besuchen praktizierte. Auf Anerkennung und glĂ€nzende GeschĂ€fte folgte der Niedergang. „Der Stil von Yambio“ war wohl ein – von wem immer geförderter – Hype. – Was bleibt also ĂŒbrig von den Sensationen „Hybridkunst“ und „Kontaktzone“?

 

GAB ES AUCH EINEN ‚STIL RAFAI‘ ?  –  VERGLEICHEN WIR v.WIESES FIGUREN MIT ANDEREN AUS DER WEITEREN UMGEBUNG

v.Wiese Beilage zu Bd.1 „Völkerkarte“ mit Sultanaten der Azande – 2x anzuklicken

Ob zu Recht oder nicht, Rafai ist seit langem bekannt als ‚GrĂŒndungsort‘ des sich um 1900 rasch  verbreitenden Mani-Kults (LINK), welcher eine große Anzahl elementar gestalteter FigĂŒrchen hervorgebracht hat. Rafai wird bis heute hauptsĂ€chlich von Azande bewohnt, aber auch von kleinen Gruppen der Nzakara und Banda.

Burssens : Yanda Beelden… Abb. Gbandi

 

Im Beitrag ĂŒber die Yanda-FigĂŒrchen stellte ich  auch eine Figur der Gbandi vor (aus: Burssens : Yanda Beelden Abb.432) Heute fĂ€llt mir eine grĂ¶ĂŸere Übereinstimmung mit den Figuren aus  „Rafai“ auf:  das breite Gesicht, die abstehenden Ohren, der Zylinder des Halses, die waagrechte eckige Schulterpartie, Armhaltung, KnospenbrĂŒste, stĂ€mmige Beine.

 

 

 

Doku

UBANGI p.174 4.46 Banda

 

Die abgebildete, den Banda zugeschriebene Figur 4.46 in „Ubangi“ – pp.174-76, 59 cm hoch und zwischen 1917 und 1930 gesammelt –  trĂ€gt auf ihrem langen Hals einen kugelförmigen Kopf mit kreisförmigen Augen- und Ohrenscheiben. Kleinere Figuren (ab Ill. 4.50) betonen große ausgehöhlte runde Ohren. Auf einer Übersichtstafel mit schematischen Zeichnungen (p.230f.) werden Nzakara und Azande in einem Atemzug genannt, was  mit der Politik des herrschenden Azande-Klans begrĂŒndet werden kann. Eine breites rundes Gesicht findet sich hĂ€ufig, darunter auch an einer „Yanda“-Puppe des Mani-Kultes, wie ich sie bereits beschrieben habe (LINK), dort aber vor allem ein markanter, nur fĂŒr das Geschlecht eingeschnittener HĂŒftring und kurze dynamische Beine.

Doku

UBANGI p.174 4.46 Banda_2

 

 

 

 

 

 

 

 

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Die Abbildung einer stehenden weiblichen Figur der Bua ist mittlerweile dazugekommen (Slg.Horstmann „5000 Jahre Afrika Ägypten …“ , SMB, Kettler 2008, S.72). Im Nebeneinander wird die Verwandtschaft augenfĂ€llig, hier demonstriert am Exemplar aus dem Weltkulturenmuseum (WKM) in Frankfurt (African Reflections p.225, 11.10) :

‚Azande‘ WKM ‚Afr.Refl.‘       Bua w.Figur Slg.42cm:

  • Die Proportionen
  • Der Kugelkopf, breite Nase und abstehende Ohren, der dĂŒnne Röhrenhals, kantige Schultern und Arme, ausgebildete HĂ€nde,der Torso mit KnospenbrĂŒsten und vorspringendem Nabel, der das Geschlecht muskulös umgebende HĂŒftgĂŒrtel, krĂ€ftige Beine und starke FĂŒĂŸe
  • Die schwarz glĂ€nzende Patinierung des hellen Holzes.

Dabei ist die „Rafai“-Figur vor allem in den Gliedmaßen lakonischer, abstrakter. Die physischen QualitĂ€ten der Beine treten erst bei der „Bua“ hervor und provozieren Fragen. Bei den entfernten Nachbarn im Sudan, etwa den Nuba, tragen auch heiratsfĂ€hige MĂ€dchen RingkĂ€mpfe aus. Oder steckt ein Hinweis auf eine „MasthĂŒtte“ darin, in welcher junge BrĂ€ute vor ihrer Heirat eine Zeit verbringen. Im Kongoraum fĂ€llt mir Ovimbundu als konkretes Beispiel ein.

„Völkerkarte“ – 2x anzuklicken

Dank der von v.Wiese erarbeiteten „Völkerkarte“ in „Vom Kongo zum Niger und Nil“ lokalisieren wir die Bua (rostrot!) oder „Mogwandi“ als Gruppe kleiner Völker zwischen den Stationen Mobaye und Yakoma. Auf der Völkerkarte in „Ituri“ von Marc L. Felix (MĂŒnchen 1992,S. 66/67) firmieren sie als „Bongo“ und „Yakoma“. Ihre sĂŒdlichen Nachbarn sind die „Ngbandi. Doch ethnische „Azande“ sind auf der Karte ĂŒberall und nirgends.

Spekulationen!

Doku

v.Wiese 215. Asande m. Fellschürzen

Die Azande-Bevölkerung verschwindet hinter dem  ‚Glanz‘ ihrer herrschenden Dynastien. Auch v.Wieses Schilderung der drei Sultanate macht keine Ausnahme. Ein einziges Fotos (Nr.215 gegenĂŒber S. 309) zeigt „Asande mit FellschĂŒrzen aus (Sultan) Hiruas Gebiet (S.314)“ – schlichte Bauern oder JĂ€ger auf dem Territorium des Sudan, ĂŒbrigens nicht weit von Yambio.

Könnten die Figuren mit den markanten ‚Hufeisenschultern‘ aus dieser abgelegenen Gegend stammen und vielleicht den ersten Impuls zur ‚manieristischen‘ ReprĂ€sentationskunst des Sultans von Yambio gegeben haben? Könnten die durch v. Wiese erworbenen Figuren erst auf dem Handelsweg den Mbomu abwĂ€rts in den Marktflecken Rafai gekommen sein?

doku Haltung

v.Wiese/Helms – Asande Hiruas Schwester

 

v.Wiese hat die Schwester Sultan Hiruas fotografiert, und E.M. Heims hat daraus ein starkes Aquarell gezaubert.

Ich frage mich: Wie ist die demonstrativ dynamische Haltung dieser Frau entstanden, vor allem die vorgezogenen Schultern? Oder haben die Schnitzer der „Rafai“-Figuren bloß realistisch gearbeitet?

Die Kammfrisur ist nicht zu ĂŒbersehen.

 

 

 

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v.Wiese I 202. Frisuren der Sakkara (Station Yakoma am Zusammenfluss von Uelle und Mbomu

FĂŒr weibliche Frisuren zeigt eine Zeichnung mit dem Titel „Frisuren der Nsakkara“ gleich zwei Ansichten eines Hahnenkamms ( Bd. I Bild 202. S.289, 18.4.11, signiert Ernst M.Heims) Die Signatur mag irritieren. Helms hat v.Wiese nicht begleitet so wenig wie Schubotz. Er hat auch Skizzen und Fotos anderer Teilnehmer bearbeitet, zum Beispiel das tote Okapi auf dem Titelbatt des 1. Bandes ‚auferstehen‘ lassen.

 

 

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„UBANGI“ (2)1.32. Azande Sudan (weibl.! lks. 68cm)

 

 

Ein auf sudanesischer Seite vom britischen Gouverneur Carl Giegler Pasha bereits 1880 gesammeltes Figurenpaar, „Azande“,  (68/60 cm, Abb. 1.32 (1)+(2) p. 36   >> rechts) scheint mir auch verwandt zu sein :

  • Gestalt : Haltung, Pobacken, krĂ€ftige gebogene Beine, mĂ€chtige FĂŒĂŸe
  • Gesicht: breites flaches Gesicht, ovaler Mund, kurze Nase.
  • und wenn die hervorragenden Schwarzweiß-Abbildungen nicht tĂ€uschen, sogar in der OberflĂ€chenbearbeitung und schwarzer glĂ€nzender Patina

Grootaers (p.36): „Leur fonction demeure obscure“ – Ihre Funktion bleibt dunkel.

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UBANGI  1.33 Zande Sudan 56c ( aus dem Osten)

UBANGI  1.54. Mbanza:Ngbaka (aus dem Westen der Region)

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   ‚PrĂŒfung‘ meiner Figur im Weltkulturenmuseum

Nach einem Dreivierteljahr und mit dem Wissen von heute sind die damaligen Beobachtungen fĂŒr mich nur noch typisch unzuverlĂ€ssige Zeugenaussagen.

Was habe ich inzwischen gelernt?

Grootaers und Schildkrout/Mack haben v.Wieses Bericht nicht berĂŒcksichtigt, Christine Stelzig und Beate Schneider haben ĂŒber v.Wiese geschrieben, doch die zwei in Rafai erworbenen Figuren nicht erwĂ€hnt. Grootaers fand seine Themen in „Kontaktzone“ und „Hybridkunst“ und fokussierte den exzentrischen „Yambio-Stil“ der Werkstatt eines östlichen Azande-Sultans, eine Kunst, die wahrscheinlich von zugewanderten Handwerkern aus dem Westen („wahrscheinlich Banda“, ein Sammelname!) betrieben wurden.

Dem Sultan von Rafai (LINK) aber stand offensichtlich nicht der Sinn nach exotischer Folklore, er verfĂŒgte mit Sicherheit nicht ĂŒber eine entsprechende Werkstatt. Ohnehin bildete die Azande-Oberschicht nur fĂŒnfzehn Prozent der Bevölkerung seiner Residenz. Zudem bemerkte  v. Wiese bei dem westlichen Azande-Klan eine Vermischung mit den unterworfenen Völkern. Er schweigt sich im Bericht ĂŒber seine Kontakte außerhalb der europĂ€isierten ‚Residenz’ aus. Er wird auch die beiden Figuren ‚außerhalb‘ erworben haben.

Damit sind wir von falschen Sicherheiten befreit. „ZurĂŒck auf Anfang“ in die vielgestaltige, aber bekanntlich wenig dokumentierte Un-Stilprovinz „Ubangi“ .Im vorigen Abschnitt „Gab es einen Stil Rafai ?“  habe ich vergleichbare Figuren vorgestellt, denen therapeutische und andere Rollen im Kult nicht abgesprochen werden können, weil solche auch in dieser Gegend normal waren. Meine Figur könnte in einem Familienschatz ĂŒberlebt haben.

Der markante kubische HĂŒftring des Figurentyps findet sich hĂ€ufig bei Yanda-Figuren des Mani-Kultes. Der Bund  hat sich vielleicht doch nicht ausgerechnet von Rafai aus verbreitet – bis ins ferne Kinshasa – aber trotz jahrelangem Verbot als ‚Geheimbund’ ĂŒberlebt. Yanda-Figuren sind auch nicht nur klein und minimalistisch geschnitzt. GewĂ€hrsmann Burssens hat nur die Region sĂŒdöstlich von Rafai bearbeitet. (LINK) – Dieser HĂŒftring könnte aber auch ein Signal der LoyalitĂ€t oder einfach der Zugehörigkeit zum Azande-Sultanat gewesen sein.

Ich ging im vorigen September noch davon aus, dass der kommerzielle Charakter der Rafai-Figur(en) von Grootaers in „Ubangi“ ĂŒberzeugend dargelegt worden sei. Ich erwartete also im Museum  einem ‚kommerziellen‘ Objekt zu begegnen.

Das Exemplar im WKM schien das handwerklich wie materiell zu bestĂ€tigen. Der Eindruck war ambivalent. zunĂ€chst: schlanker und edler als meins, aber irritierend leichtgewichtig. Ich hebe das leichte und helle Holz unglĂ€ubig immer wieder an. Ich bemerke die feine GlĂ€ttung, die aber nur einmal dunkel gebeizt wurde, und die Konturen, welche die großen Linien, die ‚Form’ betonen. Da kommt mir die bekannte Vorliebe europĂ€ischer Kunden in den Sinn. Formal stören der spindeldĂŒnne Kamm mit eingeritztem Muster und die Magerkeit der Formen, vor allem von der Seite gesehen. Auf eine schlanke Art ist die Haltung dynamisch, aber weniger kraftvoll: die Arme und die dĂŒnnen HĂ€nde, eine ‚brave‘ HĂŒftpartie und eher dicke als krĂ€ftige Beine.

Die total ebenen AugenflĂ€chen könnten eine bewusste Aussage transportieren: geschlossene Augen, Blindheit, den durchdringenden zweiten Blick. Die geringe Standsicherheit durch hohen Schwerpunkt wĂ€re keine Empfehlung fĂŒr eine reprĂ€sentative Funktion, aber sie hat mit den SchĂ€den an den FĂŒĂŸen zu tun.

Die SchĂ€den an Fingern (abgeschrammt), Ohr (abgefressen) und Fuß (glatt abgeschnitten?) haben offenbar keine gemeinsame Ursache; der Schnitt am rechten Fuß erst im Depot passiert? Frage: Suggerieren sie bloß den Gebrauch? Die exponierten FĂŒĂŸe und HĂ€nde sind aber auch auffĂ€llig dĂŒnn. So etwas konnte das Jahrhundert ĂŒberhaupt nur in einem trockenen europĂ€ischen Depot ĂŒberleben, immerhin ohne Schwundrisse. 

Ich sagte mir schließlich: „Ich möchte nicht tauschen, obwohl beim ‚JĂŒngsten Gericht’ diese Figur auf der Seite der Geretteten stehen wird.

Die von v.Wiese gesammelten Figuren sind ohnehin vor allem  Zeugen seiner Expedition, und in diesem Sinne Reliquien. Die Provenienz steht nach den geschilderten UmstĂ€nden der Reise ĂŒber dem momentan beliebten Verdacht eines ‚Gewaltkontextes‘.

Dem eingebrachten Objekt stehen hingegen nur seine materiellen und Àsthetischen QualitÀten zur Seite, denen diesmal die explizite Anerkennung versagt bleiben musste.

Mir zeigt die Figur die ganze Zeit ĂŒber eine starke, stolze Körpersprache’.

Die Möglichkeit einer spĂ€teren Buchkopie nach frontal aufgenommenen Abbildungen scheidet fĂŒr mich aus: Höchstens eine Neuschöpfung, eine durchdachte individuelle Ausarbeitung, eine gelungene Figur. Seit dem Beginn der Kolonialeroberungen war bei erfolgreichen Schnitzern kommerzielles KalkĂŒl sinnvoll (Strother, u.a.), als Gelderwerb statt Fron fĂŒr die Steuern. Ausgearbeitete Skulpturen wurden ohnehin erst in den HĂ€nden der Heiler ’sakral‘.

Der geringere GlĂ€ttungsgrad kann als kommerzielle Ökonomie gesehen werden, doch eigentlich nur, wenn handwerkliche NachlĂ€ssigkeit an wichtigen Punkten festzustellen wĂ€re. Wird aber aber das Licht durch die Kanten vielfĂ€ltig reflektiert, war das als Effekt erwĂŒnscht. Dann wird der Effekt Teil einer gelungenen Skulptur,

Das Alter? – Das rote, dichte und eher harte Holz und die hier und da erkennbaren (Restauratorin) mehreren Schichten an Tinktur (mit ganz leichtem Geruch) ermöglichen ein Überleben ĂŒber lĂ€ngere Zeit. Unterschiedliche Verwendungen hinterlassen unterschiedliche Spuren. „Gebrauch“ ist nicht nur rituell als Beopferung zu denken oder als WĂ€chterfigur auf der blanken Erde unter freiem Himmel oder in einem wenig geschĂŒtzten Schrein, sondern auch als Auftritt mit einem WĂŒrdentrĂ€ger; in der Zwischenzeit wurde so eine Figur von seiner Ersten Frau gepflegt und aufbewahrt (Beispiele bei den Lega). Ich tendiere zu reprĂ€sentativen WĂŒrdezeichen oder zum Mitgliedsausweis eines exklusiven Vereins.

 

 

Das bleibende Geheimnis an einem Objekt darf man positiv sehen!

Stand: 22.12.2021

Nachtrag aus zeitlichem Abstand

In Werner Schmalenbach: „Afrikanische Kunst aus der Sammlung Barbier-Mueller“, 1988 Seite 294 treffe ich auf eine Figur (Nr.191) von nur 22 cm Höhe und aus Hartholz. Der Bearbeiter Enrico Castelli (EC) datiert das Auftreten des Typs zu spĂ€t auf den Beginn der Dreißiger Jahre aber fĂŒr das Objekt 1027-38 ist das denkbar. Der „Yambio-Stil“  (siehe oben) oder auch – ĂŒbertrieben formuliert! – „Le premier art africain d’exportation“  (Grootaers in „Ubangi“ p. 234-235) ist unverkennbar. Das 5.29 abgebildete Figurenpaar, vor 1914 erworben, ist mit 34 cm höher und schlanker, aber die salutierende Figur  5.32 in aufgemalten Hosen und UniformmĂŒtze von 1909  passt genau zu dieser Figur. Man darf annehmen, dass die kommerzielle Herstellung wĂ€hrend der Kolonialherrschaft weiter ging.

Azande Figur Schmalenbach 1988 no.191   – halb so hoch wie meine Figur und die aus Rafai.

Wenn wir aber einmal von der geringen GrĂ¶ĂŸe, vom weiß bemalten Gesicht, den hoch ansetzten Ohrmuscheln, den Augen und weiteren gestylten Details des Kopfes absehen, zeigt sich am gesamten Rumpf die enge Verwandtschaft zu meiner Figur – mehr noch als die zum Paar (5.29): die kantigen betonten Schultern im kraftvollen Bogen, die jugendlichen BrĂŒste, der vorstehende Nabel, der massive HĂŒft’gĂŒrtel‘ mit Einschnitt, die einfachen Rundungen starker Beine und die großen FĂŒĂŸe mit eingeschnittenen Zehen.

Die Einflussrichtung ist fĂŒr mich klar: Die Yambio-Figuren – vor allem die extrem geformten – sind Weiterentwicklungen eines traditionelleren Typs; Grootaers schlĂ€gt ja auch einen in Yambio eingewanderten Gbandi aus dem Westen der Azande-Reiche vor. Wenn die StĂŒcke aus Yambio ebenso wie meines aus Hartholz auf Ă€sthetische Wirkung geschnitzt sind, was bedeutet dann die schwĂ€chere Weichholz-Variante in Frankfurt ? – „Ubangi“ no. 1.48 Hamburg macht einen formal und materiell stĂ€rkeren Eindruck.

7.4.2023   Wiederholung von Abb. folgt noch.

 

 

 

 

 

 

 

 

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