- hochgeladen am 8. Juni 2021Â Aktueller Stand:Â Zwei Kommentare bis zum 9. Dezember 2021 Â Â Â
    MOMENTAUFNAHME
Ein französischer Kolonialoffizier, Capitaine Devaux, trifft den ZweiunddreiĂigjĂ€hrigen am 24. Februar 1911 in einem Dorf am Ubangi.
Ich stieg herab und ein schöner groĂer Junge in Felduniform kam mir entgegen und prĂ€sentierte sich militĂ€risch im Deutschen Stil, die Hacken zusammenschlagend: Leutnant von Wies (sic!), Adjutant von Herzog Adolf-Friedrich von Mecklenburg-Schwerin. (âŠ) Zwischen Soldaten konnte der Abend nur in einem sehr interessanten GesprĂ€ch gut verlaufen. Aus den Geschichten, die Leutnant von Wies uns erzĂ€hlte, wurden wir auf seine bemerkenswerte Informiertheit aufmerksam, wie zuletzt in einem Interview. Herr von Wies konnte seine sehr genaue EinschĂ€tzung des Wertes eines unserer Posten abgeben, da von ihm wie von allen anderen Mitgliedern der Mission die beste und vollstĂ€ndigste Bestandsaufnahme unseres Kongo vorgenommen wurde. Als die deutsche Regierung ĂŒber die Berichte von der Mission des Herzogs von Mecklenburg erfuhr, konnte sie den âPantherâ nach Agadir schicken, weil sie besser als wir wusste, was unser Kongo wert war und welche Teile als erste abzutrennen wĂ€ren.
Devaux spricht von der berĂŒhmten Entsendung des Kanonenboots Juli 1911 (Link „Zweite Marokkokrise“ ) . Aus seinen MĂ©moiren zitiert von Schneider/Stelzig in „Ubangi“ p.279, meine Ăbersetzung.
Im gedruckten Bericht “ Vom Kongo zu Niger und Nil“ (1912) erwĂ€hnt auch v. Wiese das Treffen:
âVon Kuango weiterfahrend, traf ich unterwegs den aus Mobaye abglösten und heimwĂ€rts fahrenden Hauptmann Devaux, der mir AufschluĂ ĂŒber die VerhĂ€ltnisse seines Bezirks gab. Am ersten MĂ€rz lagerte ich zum ersten Mal in einem Dorf der Sango, beim Chef Mambetto.â ( I : 249)
      WERDEGANG UND KARRIERE
Ăber diesen preuĂischen Offizier scheint wenig bekannt zu sein. Ich stelle die dĂŒrren Nachrichten seines Lebenslaufs zusammen.
Die unten abgebildete Offizier-Stammliste des 1.GRzF. zeichnet die Karriere des jungen Mannes penibel nach vom Abgang vom Gymnasium 1897 bis ins Jahr nach der zweiten Afrika-Expedition 1912. Der halbjĂ€hrige Besuch des „Seminars fĂŒr orientalische Sprachen“ 1902/3 in Berlin signalisiert eine Richtungsentscheidung.
1902/03 :Â ZIVILE STUDIEN AM „SEMINAR FĂR ORIENTALISCHE SPRACHEN“
Es lohnt sich, das von Wiese als ZweiundzwanzigjĂ€hriger FĂ€hnrich in Berlin besuchte „Seminar fĂŒr orientalische Sprachen“ (SOS) nĂ€her zu betrachten. Ich zitiere zunĂ€chst aus Wikipedia (LINK de.wikipedia.org):
Reichkanzler Bismarck war schon 1878 wĂ€hrend des Berliner Kongresses (Balkankrise , LINK) darĂŒber verĂ€rgert, dass ihm fĂŒr das TĂŒrkische kein Dolmetscher zur VerfĂŒgung stand. Er veranlasste nach dem Eintritt Deutschlands unter die KolonialmĂ€chte die GrĂŒndung des IOS 1887 in Berlin, um dem Mangel an Fachwissen und Sprachkenntnissen hinsichtlich des Orients abzuhelfen. Es sollte Kolonialbeamte, Offiziere der Schutztruppe und Handelsreisende auf ihren Einsatz in den Kolonien und in Ăbersee vorbereiten.Das Institut war an die Friedrich-Wilhelms-UniversitĂ€t angeschlossen, wurde gemeinsam von Preussen und dem Reich verwaltet, vom AuswĂ€rtigen Amt und vom Reichkolonialamt finanziert und von einem Ordinarius fĂŒr Orientalistik geleitet. Ăber die „orientalischen Sprachen“ hinaus (Arabisch, Chinesisch, Hindustani, Japanisch, Persisch und TĂŒrkisch) wurden auch afrikanische Sprachen wie Suaheli, Haussa u.s.w. unterrichtet. Neben einem deutschen Gelehrten unterrichtete zumeist noch ein Lektor in seiner Muttersprache. LehrgegenstĂ€nde waren auĂerdem „Realien“, d.h. praktische Kenntnisse wie Tropenhygiene, Kolonialrecht, wirtschaftliche VerhĂ€ltnisse, Geographie und Geschichte der betreffenden Kolonien.
G. Kampffmeyer prĂ€zisiert 1923 im Jahrbuch „Die Welt Des Islams“ (vol.8 no.1, 1923) als Insider die mit dem Institut verbundenen anspruchsvollen Ziele:
„Auslandsbeamte des Reichs, weiter aber auch Kaufleute, Missionare usw., kurz alle, die sich ernstlich in Auslandsgebieten betĂ€tigen wollten, sollten hier in eine eindringende Kenntnis besonderer Auslandsgebiete eingefĂŒhrt werden, d. h. sie sollten in einem mehrjĂ€hrigen Lehrgange nicht nur sich eine grĂŒndliche Kenntnis heute gesprochener Sprachen aneignen, sondern auch den besonderen VerhĂ€ltnissen der von ihnen gewĂ€hlten Auslandsgebiete, nach Geschichte, Religion, Recht, Wirtschaft usw., ein zusammenfassendes Studium zuwenden.“ Die besondere Zielsetzung des Instituts verlangte nach anderen Methoden, als an den UniversitĂ€ten vermittelt wurden. „Ob Philologe, Jurist, Nationalökonom, Geograph, oder der Theologe, jeder wirft fĂŒr sich nur gelegentlich einen Blick auf einen Teil des Lebens einer Nation. (6)
Nun war aber die Organisation der SOS Sache des PreuĂischen Unterrichtsministeriums, das die Welt drauĂen nicht kannte, und das sich seinen Rat von der UniversitĂ€t holte, die sie auch nicht kannte. (7) Wegen der Weltfremdheit der UniversitĂ€ten und im PreuĂischen Unterrichtsministerium mussten die Dozenten des Seminars ĂŒber Jahrzehnte gegen die Seminarverwaltung und die Unterrichtsbehörde kĂ€mpfen, um fĂŒr den Kenner selbstverstĂ€ndliche Forderungen durchzusetzen, unsachgemĂ€Ăe Forderungen ad absurdum zu fĂŒhren und um einer unheilvollen Verflachung des Unterrichts entgegenzuwirken. „Dagegen, daĂ die Ausbildung unserer Dolmetscher sich von der eines Oberkellners nicht wesentlich unterschieden hĂ€tte, haben die Dozenten einen ununterbrochenen zĂ€hen Kampf gefĂŒhrt“. Kampffmeyer nennt ein Beispiel: „Ist mir nicht selbst, der ich unsere Dolmetscher in die Erfordernisse ihrer BetĂ€tigung in Marokko einzufĂŒhren hatte, im Jahre 1913 schriftlich untersagt worden, das in Marokko allgemein ĂŒbliche Handbuch des arabischen Rechts von Sidi Khalil zu erklĂ€ren?“ (8) Kurzum, Kampffmeyer argumentiert, das SOS eine selbstĂ€ndige „Auslandshochschule“ werden sollen. Neidvoll blickt er auf die Ecole des langues orientales vivantes in Paris, zu der bereits Kardinal Mazarin im 17. Jh. den AnstoĂ gegeben hatte. (5)
Warum v.Wiese das SOS bereits nach einem Semester verlassen hat, wissen wir nicht. Als Student lernte er aber den Konflikt einer modernen praxisorientierten Fachhochschule innerhalb der etablierten UniversitĂ€tsstrukturen kennen. SpĂ€ter hat er sich als als begabter Planer, systematischer Arbeiter und scharfer Kritiker von MaĂnahmen gezeigt, die nicht zielfĂŒhrend nach seinem Urteil nicht zielfĂŒhrend waren. Auch in seinen Reiseberichten aus den zentralafrikanischen Kolonien Frankreichs ist diese Einstellung zu finden.
Im „Koloniallexikon“ sind seine „topographischen Aufnahmen in der Massai-Steppe erwĂ€hnt“.
Die Erweiterung und VervollstĂ€ndigung der deutschen ethnographischen Sammlungen war v.Wiese auf den beiden Expeditionen, die er unter Herzog von Mecklenburg 1907/08 und 1910/11 organisierte, ein Anliegen. An der Zweiten ĂŒbernahm er offiziell die Sparte „Ethnographie“ und lieĂ sich von Prof. in Hamburg eigens instruieren und mit Anweisungen und Fragebogen ausstatten.
 1903 – 1908 : AUFENTHALT BEI DER KOLONIALTRUPPE IN DEUTSCH-OSTAFRIKA
(Vor allem zu 1905-1907 besteht eine InformationslĂŒcke!! Â 7.6.21)
Schon im September 1903 scheidet Wiese aus dem Heer aus, um der „Schutztruppe fĂŒr Deutsch-Ostafrika“ beizutreten, zunĂ€chst fĂŒr drei Jahre, doch im MĂ€rz 1906 wird dem Antrag auf VerlĂ€ngerung stattgegeben. „1905 bis 1907 KĂ€mpfe in Deutsch-Ostafrika“, sagt die Chronik.
NĂ€heres habe ich noch nicht erfahren; auf der Suche nach Dr. Michael Pesek, momentan Projektleiter an der Humboldt UniversitĂ€t, habe ich mich in einer DrehtĂŒr zwischen mehreren Sekretariaten im Homeoffice verfangen.6.7.21 SchlieĂlich erhalte ich von Dr. Pesek am 26.7.2022 per Mail Antwort: “ Vielen Dank fĂŒr die Anfrage. Leider kann ich Ihnen da ĂŒberhaupt nicht weiterhelfen. Mir ist diese Person nicht bekannt. Eine kurze Recherche in meiner Datenbank hat leider auch keine Ergebnisse gebracht. Mfg Michael Pesek“
Wenn selbst er in der kleinen deutschen ‚Schutztruppe‘ v. Wiese noch nicht begegnet ist, dann ist auf dem Forschungsgebiet deutscher Kolonialgeschichte wohl noch einiges an Ermittlungsarbeit zu leisten.
Â

Offizier-Stammliste 1.GRz.F in: History Forum (screenshots am 2021-01-31)    2.Teil: 1912-1920 :
1907 – 1912 : ADJUTANT VON ADOLF FRIEDRICH HERZOG VON MECKLENBURG
Ăber die Dienstleistung fĂŒr den Herzog in den Jahren 1907 bis 1912 erfĂ€hrt man Folgendes aus dem Archivblatt des WKM („aus: Grootaers“)
„1907/08 war v.Wiese militĂ€rischer FĂŒhrer der Deutschen Wissenschaftlichen Zentralafrika-Expedition des Herzogs. Bei dessen zweiter Expedition 1910/11 war er auch Ethnograph. Er hatte den Herzog bereits 1905 kennengelernt, als dieser eine mehrmonatige Safari am Ostufer des Viktoriasees unternahm. Als militĂ€rischer Leiter der Expedition war es seine Aufgabe, auf beiden Expeditionen des Herzogs den Ablauf der Reise zu organisieren,, Transportmittel und dolmetscher zu beschaffen, die Postdienste zu regeln und die Finanzierung des Unternehmens im Auge zu behalten. von Wiese schrieb die Kapitel eins bis drei („Die Ausreise ins Forschungsgebiet“, „Vom Kongo zum Schari“) sowie zehn bis dreizehn ( „Zum Nil hinaus“) des ersten Bandes des zweibĂ€ndigen Reiseberichts „Vom Kongo zum Niger und Nil“ (1912).“
Die Erste Expedition 1907/08 fokussierte sich auf das Grenzgebiet von Uganda und Ostkongo und bleibt daher unberĂŒcksichtigt .
1910 – 1911 :Â ZWEITE EXPEDITION UNTER HERZOGÂ MECKLENBURG
(DER VERLAUF MACHT ZU RECHT EINEN UNĂBERSICHTLICHEN EINDRUCK)
Auf der fĂŒnfzehn Monate dauernden Expedition teilen sich â erst verabredungsgemĂ€Ă, dann durch Widrigkeiten â die neun deutschen Teilnehmer in vier unterschiedliche ZĂŒge auf: Zwei verlassen am 30. August 1910 das Kongobecken ĂŒber nördlichen Nebenfluss Sanga in Richtung der Kolonie âDeutsch-Kamerunâ â die Region wird im November 1911 zu âNeu-Kamerunâ â die ĂŒbrigen sieben Deutschen die Hauptexpedition â 7 EuropĂ€er mit 56 Afrikanern und zwölf Tonnen GepĂ€ck â schiffen sich nach Libenge am Ubangi ein. Von dort âmarschiertâ man nach Norden in Richtung Tschadsee, muss das Ziel wegen eines groĂflĂ€chigen Aufstands bereits im September 1910 (I : 265) aufgeben und den französischen ‚Sudan‘ nach einem Abstecher um den Tschadsee in Richtung des Nigerflusses verlassen. Die âKlĂ€rung mancher, den Islam betreffenden Fragenâ bleibt auch im Norden Nigerias ergebnislos ( I: 110). Der Herzog erhĂ€lt letzte Berichte von Wiese am 2. MĂ€rz 1911 aus Mobaye und von Schubotz am 6. MĂ€rz aus Crampel am Ubangi.
Drei Mitglieder sind in Fort Lamy (dem heutigen Djamena) umgekehrt, um durch das Kongobecken âWeiter nach Ostenâ zu marschieren. Einer muss gleich zu Beginn wegen Krankheit aufgeben, beiden anderen verfehlen sich in Crampel und schlagen sich auf parallelen Routen zum (britischen) Sudan/Nil durch. v.Wiese unternimmt eine politisch und ethnographisch orientierte Tour durch drei Sultanate entlang des Mbomu-Flusses. Daran will der Zoologe Schubotz nicht teilnehmen und wĂ€hlt eine Route durch den Ituri-Urwald, wo er u. a. das Okapi fotografiert (und jagt). Sie treffen sich erst in Ăgypten wieder. Am 19. Juli 1911 schifft der Herzog voon Mecklenburg sich (mit wem?) in Lagos ein und reist ĂŒber Togo nach Hamburg.
Hg.v.Mecklenburg : âVom Kongo zum Niger und Nilâ1912, Kartenbeilage „Ăbersichtskarte“
Die Ăbersichtskarte (2 x vergröĂern!) erlaubt, die in den fĂŒnfzehn Monaten zusammen oder einzeln zurĂŒckgelegten Strecken zwischen Kongo, Niger und Nil nachzuverfolgen. Ein tausend Meilen breiter Landstreifen unter nominell französischer, belgischer oder britischer Kontrolle liegt zwischen den deutschen Kolonien Kamerun am Atlantik und Deutsch-Ostafrika am Indischen Ozean. Der Korridor weckt Begehrlichkeiten, denn die imperialistische Aufteilung der InteressenssphĂ€ren hat bis 1914 keine stabilen Grenzen erzeugt. Die lĂ€cherlich geringe Zahl an europĂ€ischen Eroberern ist mit der Unterwerfung und dauernden Kontrolle der Bevölkerungen ĂŒberfordert. Doch diese ist nur mit Terror dazu zu bringen, die natĂŒrlichen Ressourcen des Landes zum Spottpreis zu liefern und fĂŒr die Errichtung der imperialen Infrastruktur zu fronen. Das hĂ€lt ĂŒber Jahrzehnte eine Spirale der Gewalt in Gang. Diese „Befriedung“ – Voraussetzung fĂŒr die Errichtung einer geordneten Zivilverwaltung – kommt in manchen Gegenden noch bis zum Zweiten Weltkrieg nicht zum Erfolg. Die europĂ€ischen Konkurrenten, die hinter ihren provisorisch abgesteckten Grenzen dieselben Probleme haben, sind natĂŒrlich neugierig, wie die anderen sie lösen oder eben nicht lösen. Und so begibt sich der Herzog von Mecklenburg ein zweites Mal auf eine Expedition.
 „EXPEDITION“ UND „NACHRICHTENGEWINNUNG“
Wir sollten uns den schillernden – und ursprĂŒnglich militĂ€rischen – Charakter des Begriffs „Expedition“ vor Augen fĂŒhren, warum nicht mit de.wikipedia ? (LINK)
âEine Expedition, von lateinisch expeditio âFeldzugâ,[1] expedire âlosmachenâ,[2] ist eine Entdeckungsreise oder Forschungsreise in eine entlegene oder unerschlossene Region.
FrĂŒhere Expeditionen wie die berĂŒhmten von Marco Polo und Christoph Kolumbus wurden durch den Handel veranlasst. Regierungen machten entdeckte Gebiete zu Kolonien oder Protektoraten. Bis in die Gegenwart dienen Expeditionen zur Exploration von Rohstoffvorkommen. Seit dem 18. Jahrhundert mit seinen etablierten Gelehrtengesellschaften dienen Expeditionen hĂ€ufig der wissenschaftlichen Forschung,
- etwa zur Entdeckung von neuen Pflanzen- und Tierarten
- Â Â um Gebiete von besonderem Interesse zu durchqueren,
- Â um herausragende geografische Ziele wie den Nord- und SĂŒdpol zu erreichen.(….)
Was v. Wiese und seine Kollegen unternehmen, ist im Grunde ein Teil des klassischen MilitĂ€rischen Nachrichtenwesens, die âNachrichtengewinnung und AufklĂ€rung (NG&A) durch militĂ€rische KrĂ€fteâ, in Wikipedia beschrieben als âGewinnung und Erfassung von Informationen und Nachrichten zur Lage in Interessen-, Krisen- und Einsatzgebieten, deren Auswertung sowie lageabhĂ€ngige, auftragsbezogene und bedarfsgerechte Bereitstellungâ((LINK).
Capitaine Devaux schlĂ€gt in seinen eingangs zitierten Bemerkungen ĂŒber „Leutnant von Wies“ eben dieses Thema an:
(….) Zwischen Soldaten konnte der Abend nur in einem sehr interessanten GesprĂ€ch gut verlaufen. Aus den Geschichten, die Leutnant von Wies uns erzĂ€hlte, wurden wir auf seine bemerkenswerte Informiertheit aufmerksam, wie zuletzt in einem Interview. Herr von Wies konnte seine sehr genaue EinschĂ€tzung des Wertes eines unserer Posten abgeben, da von ihm wie von allen anderen Mitgliedern der Mission die beste und vollstĂ€ndigste Bestandsaufnahme unseres Kongo vorgenommen wurde. Als die deutsche Regierung ĂŒber die Berichte von der Mission des Herzogs von Mecklenburg erfuhr, konnte sie den âPantherâ (ein Kriegsschiff) nach Agadir schicken, weil sie besser als wir wusste, was unser Kongo wert war und welche Teile als erste abzutrennen wĂ€ren.“Â
Diese Darstellung hat einiges fĂŒr sich. Die Idee ging vom Herzog aus, die Expedition wurde vom Kolonialministerium gesponsert. Trotzdem war die Vorbereitung der Expedition schwierig. Erst im April 1910 fiel die positive Entscheidung, die Finanzierung war bis Februar 1911 nicht sicher – als man bereits auf getrennten Routen zwischen Tschadsee und Ubangi marschierte. Die Expedition mit Botaniker, Zoologe, Geograf/Insektenkundler, Arzt/Anthropologe, und drei MilitĂ€rs, vom denen v.Wiese auch die Ethnographie vertrat, durchquerte groĂe Gebiete. v.Wiese beklagt am Ubangi wiederholt einen bedauerlichen Zeitmangel.
Unter ethnographischem Aspekt vergleicht Johannes Fabian „das Sammeln bei kurzen Aufenthalten am Flussufer“ mit „OberflĂ€chenarchĂ€ologie“ („Im Tropenfieber“ S.261/62, 2001). Dazu kam die völlige AbhĂ€ngigkeit von verfĂŒgbaren Dolmetschern und ortskundigen FĂŒhrern.
Am wertvollsten waren gewiss Wieses fachkundige Feststellungen ĂŒber die Hauptverkehrswege, die militĂ€rischen und zivilen Stationen, ĂŒber Zahl und Art ihres Personals. Diese Informationen waren aber nicht fĂŒr die Ăffentlichkeit bestimmt. Der wurden im publizierten Reisebericht mit Ressentiment gewĂŒrzte ‚Sittenbilder‘ serviert. Das zweibĂ€ndige Werk war ein reich illustriertes coffee table book, mit Karten ausgestattet, vielleicht im Schuber, ein Gesamtkunstwerk mit Potential zur Kolonialpropaganda. Mehrere Neuauflagen bis 1926 und ungewöhnlich schlechte PapierqualitĂ€t der Textseiten bereits in der ersten Auflage 1912 – heute oft sehr stockfleckig – weisen in Richtung preisgĂŒnstiger ‚Volksausgaben‘.
    VOM PREUSSISCHEN GENTLEMAN ZUM SKLAVENTREIBER .. UND ZURĂCK
Zwei Monate nach der Trennung von der Hauptexpedition – der Aufenthalt in drei Sultanaten der Azande ist absolviert – kĂ€mpft Hauptmann von Wiese und Kaiserwaldau in entvölkerten Gebieten des Sultanats Semio um das Ăberleben, allein auf sich gestellt â oder doch nicht ganz allein?
Vergessen wir nicht die bewĂ€hrten âBoysâ aus vier LĂ€ndern, die er ĂŒbrigens ein einziges Mal erwĂ€hnt, als wieder alle TrĂ€ger fortgelaufen sind. Wie hĂ€tte er ohne sie ĂŒberlebt, aber in seinen Augen verdient nur die Schusswaffe lobende ErwĂ€hnung !
Der Aufenthalt in Semio (3/5 LINK), dem letzten der drei Sultanate vor der Grenze zum anglo-Ă€gyptischen Sudan, markiert einen Absturz, wie ihn der Afrika-erfahrene Mann nun doch nicht erwartet hat. Er befindet sich schlieĂlich auf einem strategisch bedeutsamen Fernverkehrsweg.
Regenzeit und FieberanfĂ€lle bringen ihn fast um. Der Weg von Semio zum sudanesischen Grenzort Tambura wird immer lĂ€nger, dauert schlieĂlich lebensgefĂ€hrliche vier Wochen. Immer mehr an Komfort und VorrĂ€ten gehen mit dem GepĂ€ck verloren. Das nimmt dabei zwar ab, aber bereitet immer gröĂere Probleme. Wenn man bedenkt, was da auftragsgemÀà alles mitgeschleppt wird!
v.Wiese I 181-201. Nsakkara Objekte â wohl noch aus Bangassu flussabwĂ€rts expediert, aber vieles ging verloren. Ob die Figur aus Rafai schon da ihren FuĂ verloren hat? Man sollte diese unattraktiven Sammlungen in den Depots einmal unter dem Aspekt wĂŒrdigen!
Nachdem er (der Sultan Semio Ikpiro) mir die Versicherung gegeben hatte, daĂ ich freien ungehinderten Durchmarsch durch sein Gebiet bis zur Bahr-el-Ghazal-Grenze erhalten solle und er Befehle heraussenden wĂŒrde, mich mit TrĂ€gern , Booten, Ruderern und Verpflegung in seinem Lande zu unterstĂŒtzen, schied ich frohen Mutes von ihm ⊠(292)
Schon der erste Abstecher mit leichtem GepÀck entwickelt sich zum Alptraum. Wiese beabsichtigt, das Volk der Kare durch Besuch in ihren Dörfern kennen zu lernen (-54-) . Ihn interessieren ethnographisch die seit 130 Jahren von den Azande unterworfenen Ureinwohner des Mbomulandes zwischen dem heutigen Semio und Kadjena. Doch was er ertrÀumt, gibt es gar nicht mehr.
Durch Vermittlung des französischen Postens erhielt ich vom Sultan Semio seinen Sohn Samuengi als Begleiter und Dolmetscher mit sowie 22 Kare als TrĂ€ger. Beim Anblick dieser Kare sank meine Begeisterung fĂŒr den Landmarsch bedeutend, denn es prĂ€sentierten sich mir wahre Bilder des Jammers, total unterernĂ€hrte, von Lepra und Schlafkrankheit befallene Leute, von denen ich kein e besonderen Marsch- und Tragleistungen erwarten konnte: im wahrsten Sinne des Wortes Vertreters eines unterjochten Volkes. (-54-/293) âŠ.. Von den 22 Kare brachen bereits wenige Kilometer hinter dem Posten 2 Mann ohnmĂ€chtig zusammen, 2 erkrankten im ersten Lager und 3 rissen unterwegs im Busch aus, einer davon unter Mitnahme eines Segeltuchsacks, enthaltend mein gesamtes Bettzeug, Moskitonetz, meinen einzigen warmen Mantel und verschiedene Stiefel. Da die Gegend östlich von Semio sehr dĂŒnn bevölkert ist und viele Dorfbewohner auf die meist mit Trommelsprache ĂŒbermittelte Nachricht meines Anmarschs in den Busch flĂŒchteten, hielt es sehr schwer, TrĂ€gerersatz zu finden.
Es ist Regenzeit. Eine provisorischen LaufbrĂŒcke bricht unter der Last zusammen. Verschiedene Leute stĂŒrzen von hoch oben in den reiĂenden Fluss. Sie erlitten erhebliche Verletzungen und wurden dadurch fĂŒr den Weitermarsch untauglich. 2 meiner Verpflegungs-Kisten gingen im Fluss verloren. Einige TrĂ€ger nutzten die Verwirrung zur Flucht ins hohe Gras. Erst nach energischem Einschreiten gegen einen Azande.Chef, welcher das nĂ€chstliegende Dorf kommandierte, gelang es mir nach langem Warten, ErsatztrĂ€ger zu erhalten. Im Tagebuch wird von Wiese deutlicher als in der offiziellen Publikation: âIch fĂŒhrte den widerspenstigen Herrn mit der leider bei den Franzosen viel zu wenig angewandten cravate nationale d.i. einfach einen Strick um den Hals, solange unter stĂ€ndiger gelinder Aufmunterung durch KolbenstöĂe mit mir, bis sein Sohn die verlangten TrĂ€ger mit meinen Lasten im Galopp nachbrachte.â (-56-) In der Endfassung heiĂt es: âIch fĂŒhrte den widerspenstigen HĂ€uptling so lange mit mir, bis sein Sohn die verlangten TrĂ€ger mit meinen Lasten nachbrachte.â (294) FieberanfĂ€lle versetzen den Expeditionsleiter fĂŒr den Transport in den Zustand eines willen- und hilflosen Collis (= Traglast). Er wechselt bei nĂ€chster Gelegenheit wieder zum unendlich langsamen Bootstransport (294).
Und der Mbomu, in dessen UfergebĂŒschen es auch hier von uns ĂŒbel belĂ€stigenden Schlafkrankheit- und Tsetse-Fliegen wimmelte, hat nur noch eine Breite von ca. 35 Metern (-56-).
Von Kadjema aus kann der kleine Tross am linken Ufer des Mboku entlang eine Etappe mit ausgesucht starken und flinken TrĂ€gern der Bassiri Richtung Sudan marschieren (-57-). Auch das JagdglĂŒck ist Wiese hold: Krokodile, BĂŒffel, ein ElefantâŠ. Ins Lager zurĂŒckgekehrt, sandte ich meine TrĂ€ger an den Platz,um diese das Fleisch, das fĂŒr sie eine groĂe Delikatesse ist, holen zu lassen. Sie brachten auch am Abend Unmengen Fleisch ins Lager, fraĂen sich ordentlich voll und empfahlen sich dann auf Nimmerwiedersehen. (-58-) TrĂ€ger sind nicht zu bekommen. Ihm kommt der Gedanke, bei den Resten des Elefantenkadavers hungrigen Dorfbewohnern aufzulauern. Er kidnappt sechs MĂ€nner aufs Geratewohl. Mit den 6 gefangenen Leuten, alle zusammen an einem langen Stricke angebunden, kehrte ich ins Lager zurĂŒck. (-59-) Die meisten Lasten bleiben bis auf weiteres zurĂŒck. Irgendwann kommen sie in Gubere an, nachdem ich stĂ€ndig Leute ausgesandt und dem DistrikthĂ€uptling gehörig zugesetzt hatte, aber in welchem Zustande! (-61-) Durchweicht, teilweise geöffnet, das schöne Fell des Riesenschimpansen durch die NĂ€sse fast verfault, eine Last mit ethnographischen GegenstĂ€nden gestohlen u.s.w.
WĂŒrde das einem in einem anderen Gebiet passieren, so wĂŒrde man gehörig unter diese Bande fahren. Hierzulande darf man aber den Schwarzen ĂŒberhaupt nicht anrĂŒhren. Ein Herr, der seinem Boy, der ihm den Cognac ausgetrunken hatte, eine Ohrfeige gab, wurde dafĂŒr zu GefĂ€ngnis verurteilt. Das ganze hiesige System der französischen Kolonialverwaltung erscheint mir als ein Verbrechen gegen die weisse Rasse! Ich habe mich um diese Gesetze einfach nicht mehr gekĂŒmmert und habe so dazwischengedroschen, wie ich es bei uns gewohnt bin und hĂ€tte ich dies nicht getan, dann wĂ€re ich heut nicht hier und lĂ€ge irgendwo im Busch und mein Personal wĂ€re lĂ€ngst verhungert. In Gubere ging nun wieder die Not los, neue TrĂ€ger â ich brauchte 60 Mann â zusammenzubringen (âŠ.) Am 10. Juli trat ich den Marsch nach der Bahr-el-Gazal-Grenze zu an, meine TrĂ€ger streng bewachend â alle, immer 10 Mann zusammen an einem Stricke von Hals zu Hals gebunden. Im Lager wurden die Leute stets in HĂŒtten eingesperrt. Dass ich auf dem Marsch oder im Lager, fortwĂ€hrend nur damit beschĂ€ftigt, auf diese Kerls aufzupassen, nicht sammeln (-62-) konnte, keine Studien machen, nicht auf die Jagd gehen, brauche ich nicht erst zu betonen. Ausserden war in den Dörfern alles ausgerissenâŠ. Bei Ăberschreiten eines ziemlich reissenden Baches auf einem darĂŒbergelegten gefĂ€llten grossen Baum glitt ich aus, fiel in den Bach und verlor meinen Tropenhut⊠holte mir infolge der prallen Sonne einen ekelhaften Sonnenstich, der sich in fortwĂ€hrenden OhnmachtsanfĂ€llen, Erbrechen, Fieber und wahnsinnige(n) Kopf- und Gliederschmerzen Ă€usserte âŠ. erholte ich mich doch nach 2 Tagen wieder so weit, dass ich den Marsch fortsetzen konnte; ich musste ja auch, denn meine Kolonne aus ca. 70 Köpfen hatte nichts zu essenâŠ. frische ElefantenfĂ€hrten, folgte diesen cr. 3 Stunden weit⊠Ich schoss einen Bullen, leider wogen die ZĂ€hne nur 12 1/2 und 13 Kilo. Das Fleisch war mir fĂŒr meine TrĂ€ger sehr willkommenâŠ. Ich hatte (-64-) die TrĂ€ger in meinem Lager frei herumlaufen lassen, ohne sie stĂ€ndig an der Leine zu haben. â Da ich mir sagte, wenn die Leute so lange ausgehalten hĂ€tten, so wĂŒrden sie es nun auch im Hinblick auf die winkende gute Bezahlung noch einen Tag bis Tambura aushalten. Doch man lernt nie aus. Die Kerls lieĂen ihren bereits verdienten Lohn im Stich und wieder sass ich im Busch ohne TrĂ€ger.
GlĂŒcklicherweise sandte mir der Posten Tambura 2 Sudansoldaten, welche ich aussandte, um TrĂ€ger in den verstreuten HĂŒtten zu greifen. Nach 2 Tagen hatte ich 7 Mann zusammenâŠ.. Als ich die HĂ€user des englisch-egyptischen Sudanpostens Tambura vor mir sah, wurde mir leichter ums Herz und als ich Capitan Stephenson, einem reizend netten englischen Offizier auf das LiebenswĂŒrdigste begrĂŒĂt und aufgenommen wurde, vergass ich bald, was an Ărger, Anstrengungen und Schwierigkeiten der letzten Wochen hinter mir lag. âŠ.(-65-)
Dieser sich immer wieder erneuernde Optimismus charakterisiert v. Wiese. Und ein weiteres: Die sechs Wochen Aufenthalt im Tambura nutzte er zu ethnologischen Erkundungen bei kleinen von den Azande unterworfenen Völkern und in ihrem höhlenreichen RĂŒckzugsgebieten. Er befragte, fotografierte und sammelte, kam auch an zwei bescheidenen Azande ‚Residenzen‘ vorbei, die unter britischer Aufsicht ein harmloses Bild boten. Ihn interessierte jetzt, wie sie durch die Zeit der sudanesischen SklavenjĂ€gerbesatzung gekommen waren.
Doch v.Wieses Odyssee war noch nicht zu Ende, die GewĂ€sser des Bahr-el-Ghazal lagen vor ihm. Mit genĂŒgend TrĂ€gern und militĂ€rischer Eskorte kĂ€mpfte er sich „meist im Wasser oder Sumpf watend“ nach Wau, um den letzten kleinen Dampfer zum Nil zu erreichen, bevor die FlĂŒsse des Bahr-el-Ghazal durch Grasbarren blockiert waren und dann fĂŒr ein halbes Jahr ganz austrockneten. Dank der logistischen KĂŒnste der britisch-Ă€gyptischen MilitĂ€rs konnte v.Wiese das verbliebene Zeitfenster nutzen und schlieĂlich ĂŒber Ăgypten Deutschland erreichen.
ZeichenerklÀrung:
(xxx) bezieht sich auf Band 1 der zweibĂ€ndigen Buchausgabe „Vom Kongo zum Niger und zum Nil“ (erschienen 1912 unter dem Namen des Expeditionsleiters Adolf Friedrich zu Mecklenburg; v. Wiese hat sie in dessen Auftrag ediert).
Direkt aus dem offiziellen „Tagebuch“, das im Weltkulturenmuseum Frankfurt als Fotokopie vorliegt HBM Af I 1064), zitiere ich manchmal unter (-xx-). Beide Quellen sind weitgehend textidentisch. Schreibweisen weichen voneinander ab, die im Buch sind standardisiert. Und die Ăsthetik der Schreibmaschine scheint mir dem Thema angemessener als der spĂ€twilhelminische Buchdruck (verschönert durch Stockflecken).
Exkurs : Sind ‚Herrenmenschen‘ wie Dr. Schubotz ‚zivil‘?
Zwischenzeitlich hielt ich v.Wiese nur noch fĂŒr einen ‚durchschnittlichen‘Â Vertreter solcher ‚Kolonialhelden‘, aber das Beispiel eines Zivilisten und Naturwissenschaftlers, des Zoologen Dr. H. Schubotz, der ĂŒberwiegend auf belgischem Gebiet sĂŒdlich sich zum Nil bewegte, hat mich eines Besseren belehrt.
Im schmalen Bericht im zweiten Band des Sammelwerks erweist er sich als eitler, etwas wehleidiger TrophĂ€enjĂ€ger mit dem ‚Jagdschein‘ der Wissenschaft . Er nimmt seine Jagdbeute ungeheuer wichtig, dabei hat er sie meist gegen Waren von den einheimischen JĂ€gern eingetauscht. Man geht lieber ohne ihn auf die Pirsch; auch der PrĂ€parator, ein Afrikaner, arbeitet autonom. Wie eine Diva beanspruchte Schubotz fĂŒr seine Lasten absolute Vorfahrt – trotzdem geht sie – auf einer anderen Route als vorher verabredet – teilweise im Wasser verloren. Das Okapi-Skelett fĂŒr das Senckenberg-Museum in Frankfurt kann herausgefischt werden. Seitenlang nervt Schubotz mit der Schilderung vergeblicher Jagd auf das Okapi und nach einer ersehnten ‚ersten Fotografie‘ eines toten, aber noch nicht ausgestopften Exemplares. Endlich: „Das Warten wurde mir unertrĂ€glich. Um die Minuten schneller und nicht untĂ€tig vorĂŒbergehen zu lassen, reinige ich selbst den Fleck, an dem ich photographeren wollte. Und endlich, endlich löste sich der Zug aus der grĂŒnen Kulisse vor mir. Ein fĂŒrchterlicher Anblick! An einem jungen Baum mit den Beinen befestigt hing ein Tier, so groĂ und schwer wie ein mittleres Pferd, vorn und hinten von je fĂŒnfzehn taumelnden keuchenden Schwarzen getragen, die von schimpfenden Soldaten dirigiert wurden. Ich kann nicht leugnen, daĂ mich noch das Bild des toten Tieres ein wenig erregte (…) Nach der in Abbildung 7 wiedergegebenen Photographie (auf der Seite liegend) malte E.M.Heims das Bild des lebenden Okapi, welches die Einbanddecke dieses Bandes schmĂŒckt. (Bd. I 39)
Schubotz hatteÂ ĂŒbrigens die stĂ€rker begangene und sogar befahrene Route am Uelle nach Osten gewĂ€hlt, in Abstimmung mit dem Expeditionsleiter – was er beides hervorhebt – meist dicht bevölkert und von der belgischen Kolonialverwaltung effektiv verwaltet. Die Azande- und Mangbetu-HĂ€uptlinge gehorchten und lieferten TrĂ€ger und Ruderer. Ihm reichte generell die Fassade, was sein Eindruck vom Sultanat Bangassu illustriert. Zwar war v.Wiese gerade einmal fĂŒnf Wochen vor ihm in Bangassu gewesen (LINK), dennoch erzĂ€hlte Schubotz in der Publikation1912 JĂ€gerlatein : „Der Sultan erwartete mich, umgeben von einer groĂen Menschenmenge, nahe an meinem schon errichteten Zelt und begrĂŒĂe mich respektvoll. Ich war der erste WeiĂe, der sein Dorf besuchte, und die groĂe Menge meines GepĂ€cks, die Soldaten und Pistonniers, mein gerĂ€umiges Zelt, und vor allem das Pferd, das diesen Wilden etwas ganz Neues war, schienen groĂen Eindruck auf sie zu machen. Meinen Befehl, am nĂ€chsten Tag hundert TrĂ€ger zu stellen, nahm Bangassu mit Gleichmut entgegen. Bald nach Mitternacht ertönte der mĂ€chtige Gong vor des HĂ€uptlings HĂŒtte und rief aus den benachbarten Dörfern die MĂ€nner zum TrĂ€gerdienst herbei. (….) Ihrem Ruf waren in dieser Nacht 160 MĂ€nner gefolgt , die am andern morgen bereitstanden, meine 80 Lasten nach dem eine Tagereise entfernten Dorfe Ngurru zu tragen. Ich belohnte den Sultan Bangassu mit ein paar Kilo Salz, zwei Bechern Schwarzpulver und 50 ZĂŒndhĂŒtchen, den hierzulande begehrtesten Artikel, und trat sehr vergnĂŒgt meinen Weitermarsch an.“ ( I S.18) Ging alles mit rechten Dingen zu? Egal. Mehr interessierte ihn als ‚zivilen‘ Wissenschaftstouristen doch gar nicht. Ăberdies er lieĂ sich ausfĂŒhrlich ĂŒber den Nutzen der PrĂŒgelstrafe aus (Bd. I S.9 ) Den ganzen Bericht ĂŒber ist mir schleierhaft, warum französische und belgische MilitĂ€rs und selbst der Sultan von Bangassu ihn offensichtlich mehr unterstĂŒtzten als v.Wiese.
BIOGRAFISCHE SPLITTER AUS SPĂTEREN LEBENSJAHREN
2.Teil von „Axis History Forum“: 1912-1920Â :
1914 – 1917
Zwischen 28. November und 5. Dezember 1914 in Polen zweimal verwundet, das zweite Mal „schwer“, wird er im Juni 1916 an die Unteroffziziersschule in Potsdam kommandiert. Bereits ein gutes Vierteljahr spĂ€ter – als SOS-Absolvent – nach Konstantinopel versetzt in den Stab des „Deutschen MilitĂ€r-BevollmĂ€chtigten“. Vier Monate spĂ€ter zurĂŒck nach Potsdam versetzt. Ăber ein Jahr nach der Revolution (9. November 1918) wird er am 31. MĂ€rz 1920 „mit der Uniform“ ins Zivilleben „verabschiedet“. „Lebt in Potsam“, so endet die Regiments-Stammliste.
1915 heiratete Walther von Wiese und Kaiserswaldau die BĂŒrgerliche Martha Woermann, eine Tochter der bekannten Hamburger Reederfamilie Woermann. („aus Grootaers“, WKM) – Die Reederei dominierte in Deutschland die Atlantik-Route entlang der afrikanischen WestkĂŒste. Die Reederei hatte bekanntlich die deutsche Inbesitznahme Kameruns betrieben und organisiert. Zwei ihrer Agenten schlossen 1884 im MĂŒndungsdelta des Wuri den berĂŒchtigten „Schutzvertrag“ mit den Klanchefs King Bell und Akwa von Duala. (LINK)
1919 publizierte v. Wiese einen Essay ĂŒber die Notwendigkeit von Kolonien fĂŒr das Deutsche Reich.
1945 Tod in sowjetischem Internierungslager in Bautzen.
2.12.2021: Ein Leserkommentar vermittelt Angaben ĂŒber seine Karriere im Dritten Reich.
Ein Albtraum dieser Mann. „Das ganze hiesige System der französischen Kolonialverwaltung erscheint mir als ein Verbrechen gegen die weisse Rasse! Ich habe mich um diese Gesetze einfach nicht mehr gekĂŒmmert und habe so dazwischengedroschen, wie ich es bei uns gewohnt bin und hĂ€tte ich dies nicht getan, dann wĂ€re ich heut nicht hier und lĂ€ge irgendwo im Busch und mein Personal wĂ€re lĂ€ngst verhungert.“
Allein diese Sprache sagt alles.
Wirklich, lieber GMZ? (Ich sieze Sie aus rein stilistischen GrĂŒnden, von wegen Ernst des Themas)
Gut dass ich in Ihrer âGeschmackstablette â Kunst und Karmaâ (LINK: http://geschmackstablette.de) den neuen Beitrag âDie Apokalypse des Pornostarsâ lese. Zwar hat das Schicksal des göttergleichen Callboys ein harmloses Format. Er ist nicht einmal gewalttĂ€tig geworden, aber sehr fremd ist er mir auch.
Ich teile Ihr Zitat von Wieses in handliche Portionen. Erstens:
„Ich …. lĂ€ge irgendwo im Busch und mein Personal wĂ€re lĂ€ngst verhungert.“
Das mĂŒssen wir ihm wohl abnehmen. EinschlĂ€gige Stellen des Berichts habe ich zitiert. Aus solchen Kriegserfahrungen resultieren gewöhnlich âposttraumatische Störungenâ. Ich komme darauf zurĂŒck.
Der Hinweis auf „mein Personal“ signalisiert glaubwĂŒrdig Verantwortungsbewusstsein, also Moral. SchlieĂlich handelt es sich um seine Diener â wir befinden uns in der patriarchalen Wertewelt eines geborenen Gutsherren â und vielleicht nicht nur diese treue Schar, die er eigens aus Togo und Ostafrika anreisen lieĂ, sondern auch der zum Dienst gepresste oder verlockte Rest.
âDas ganze hiesige System der französischen Kolonialverwaltung erscheint mir als ein Verbrechen …â – ich wollte nach meinem Kenntnisstand (siehe 3.Folge) bereits einverstĂ€ndig mit dem Kopf nicken, da folgt im Zitat âgegen die weisse Rasse!â Was sollte das? Der brachiale Gesetzesbrecher – 1911 waren diese âKolonialgesetzeâ aber druckfrisch und das Papier nicht wert – war doch im Busch ein einsamer ReprĂ€sentant dieser „Rasse“.
âAllein diese Sprache sagt allesâ, aber verstehen wir auch, was sie uns sagen will?
Erst ĂŒber einen gedanklichen Umweg gelangen wir zu dem, was von Wiese im Idiom seiner Epoche wohl ausdrĂŒcken wollte: „Die weisse Rasse“ reprĂ€sentiert die höchste Stufe von Zivilisation als vernĂŒnftiger Ordnung und hat damit den Auftrag, den Rest der Menschheit zu zivilisieren â ‚White Manâs Burden‘, wie es Cecil Rhodes mit steifer Oberlippe, also um einiges zivilisierter, formulierte.
Gerade bei den herrschenden Berliner VerhĂ€ltnissen mĂŒssten Sie von Wieses Verzweiflung nachvollziehen können. Wir verlangen eine funktionierende Stadt und darĂŒber hinaus ein Land, in dem die grundlegenden Dienste funktionieren. von Wiese hatte die Vision einer funktionierenden zukunftsfĂ€higen Kolonie und war von den Leistungen der Briten im Sudan angetan – ein gewisser Unterschied, aber so groĂ auch wieder nicht.
Unklar ist mir: Was meinte er mit âso dazwischengedroschen, wie ich es bei uns gewohnt binâ? Dachte er etwa an prĂŒgelnde Lehrherren, an den militĂ€rischen Drill oder gar den Strafvollzug in PreuĂen, wo HĂ€ftlinge mit PrĂŒgel und eine Woche Fasten empfangen und am Ende verabschiedet wurden? Wie wĂ€re es ĂŒbrigens mit einem ‚Modellversuch‘, weil diese Körpersprache ĂŒberall auf dem Globus gelehrt und verstanden wird?
âIch habe mich …einfach nicht mehr gekĂŒmmertâ â Ist das PhĂ€nomen etwa in unserer Gesellschaft ausgestorben?
Was mich bereits bei der LektĂŒre seines Reiseberichts irritiert hat, ist die wiederholt demonstrierte umstandslose RĂŒckkehr in âzivilisierteâ normative Muster. Haben vielleicht eine notorisch strenge wilhelminisch strenge Erziehung und ein militĂ€rischer Korpsgeist, der den starken Nationalstolz ĂŒberwölbte, eine entscheidende Rolle gespielt?
Wie gut kennen wir eigentlich im Nachkriegsdeutschland die Psyche der MilitĂ€rs der Bundeswehr, die sich hinter endlosen Material- und Beschaffungsproblemen zu verstecken pflegen und nur nostalgischen in symbolischen Spielereien, wenn sie gelegentlich zutage treten, fĂŒr öffentliche Aufregung sorgen und dies nur, weil sie nicht so ‚clean’sind wie ‚intelligente‘ Helme, bewaffnete Drohnen und unbewaffnete Ethikkommissionen.
Ich kann nicht wie Sie aus persönlicher Begegnung schöpfen, konnte mich sozusagen nur forensisch an verrÀterischen Spuren von Wieses Rhetorik orientieren. Sie haben Emotionen und Phantasien entwickeln können.
Ich verbinde mit Kommentaren wie Ihrem die Hoffnung, dass ĂŒber Menschen wie von Wiese und Kaiserswaldau, der spĂ€ter ’noch viel tiefer gesunkenâ ist, ernsthafte Diskussionen beginnen. Die Empfindungslosigkeit wissenschaftlicher Verlautbarungen tut mir schon weh.
Sehr geehrter Herr von Graeve,
ich habe Ihren Artikel mit Interesse gelesen und kann zumindest mittelbar noch einige Daten hinzufĂŒgen, die ich auf der Homepage der „Axis Biographical Research“ gefunden habe. Link: (….) Ggf. mĂŒssen Sie mehrfach versuchen, die Seite zu öffnen, da Sie zum Teil auch an andere Seiten weitergeleitet werden. Scheint ein Fehler der Seite zu sein.
Anbei jedenfalls die Daten:
WIESE und KAISERSWALDAU, Walther
(1879 – 19 xx)
SS-StandartenfĂŒhrer / Oberstleutnant z.V.:
Born: 12. Feb. 1879.
NSDAP-Nr.: 2 504 018
SS-Nr.: 276 330
Promotions:
SS-StandartenfĂŒhrer: 9. Nov. 1937
Career:
Attached to Staff, SS-Abschnitt XXIII: (9. Nov. 1944)
Decorations & Awards:
1914 Eisernes Kreuz I. Klasse
1914 Eisernes Kreuz II. Klasse
Kriegsverdienstkreuz I. Klasse mit Schwertern
Kriegsverdienstkreuz II. Klasse mit Schwertern
Verwundetenabzeichen, 1918 in Silber
Ehrenkreuz fĂŒr FrontkĂ€mpfer
Landesorden
Ehrendegen des RF SS
Totenkopfring der SS
Danke, Herr Kohrt fĂŒr die biografischen Angaben. Den Link zu der betreffenden Seite habe ich gelöscht, da sie durch bewusst gesetzte ‚technische‘ Warnmeldungen oder Versprechungen unzumutbar gestört ist. Man bewegt sich schon selber auf ‚vermintem‘ GelĂ€nde.
Ihre Initiative war fĂŒr mich als AnstoĂ gut, mich mit ‚zweiten Leben‘ dieses Kolonialisten von ‚preuĂischem‘ Zuschnitt ĂŒberhaupt zu beschĂ€ftigen, in der Weimarer Republik und danach. Erfreuliche Ăberraschungen waren ja nicht zu erwarten, Ausblendung also das Bequemste, zumal der Fokus meines Essays auf den ersten vier Jahrzehnten seiner Vita liegt und ‚die groĂen Linien‘ der Zeitgeschichte momentan gern von einer moralisierenden Art ‚Volkserziehung‘ instrumentalisiert werden. Dem möchte ich mit genauer Beobachtung von Gesten, Taten, Wahrnehmungen und Stilisierungen seitens profilierter Akteure begegnen, wie Walther von Wiese und Kaiserswaldau einer war.
Ich spĂŒre zwischen den montierten ‚reinen‘ Daten die Wirkung einer DĂ€monisierung des Personals der Nazis. Die Verwundetenabzeichen geraten zum Beispiel unverdient auf eine Ebene mit dem „Ehrendegen des ReichsfĂŒhrers SS“. Ich halte es aus politischer Erfahrung eher mit Hannah Arendts Konzept der „BanalitĂ€t des Bösen“: Der mecklenburgische kleinadlige MilitĂ€r wĂ€re demnach in nachvollziehbaren Schritten heruntergekommen zu einem Mordgehilfen Hitlers. Jedenfalls muss die Versachlichung der Diskussion nach der erfolgreichen Emotionalisierung der veröffentlichten Meinung unser Interesse sein.
Schauen wir uns die Daten an.
Die LĂŒcke zwischen 1920 bis 1933 fĂŒllen wir mit einer abgebrochenen militĂ€rischen Karriere, die ohnehin nie im Mainstream verlief, aber typisch fĂŒr viele ‚ĂŒberflĂŒssige‘ MilitĂ€rs war, und das mit der familiĂ€ren Verbindung zu einer Reederei, die ihr lukratives KerngeschĂ€ft verloren hatte. Die NSDAP-Parteinummer verweist auf einen Beitritt im Mai 1933 („Liste von NSDAP-Parteinummern Wikipedia“). Sie versprach einem klangvollen Adelsnamen die ‚Reaktivierung‘ in einer im Aufbau befindlichen nationalsozialistischen Parteitruppe in Konkurrenz zur ‚Reichswehr‘. Der mittlerweile achtundfĂŒnfzigjĂ€hrige Walther von Wiese brachte zudem seine Kolonialerfahrung und seine StabstĂ€tigkeit ein. Er ĂŒbernahm 1937 eine Abteilung in RegimentsstĂ€rke und war – jedenfalls im November 1944 – im SS-Stab des Abschnitts XXII („Berlin“, nach Wikipedia: „Organisationsstruktur der SS“) tĂ€tig, wofĂŒr immer er da zustĂ€ndig war. Die anderswo verbreitete Mitteilung, 1945 sei der VierundsechzigjĂ€hrige in sowjetischer Internierung in Bautzen gestorben, wird mir damit plausibel.
Dies sind nur Gedankenspiele. Von Wieses Lebensweg hĂ€tte das Zeug zu einer sicher lesenswerten Biografie, in der die naheliegende KontinuitĂ€t von Kolonialeroberung in Afrika und Europa Thema wĂ€re. Reizen die dĂŒrftigen Brocken dieser Vita nicht schon jemanden zu diesem Wagnis?
So viel fĂŒr heute. Mit freundlichen GrĂŒĂen Ihr v. Graeve (5.12. 01.00)