Zweites ‘Herz der Finsternis’ – Frankreichs Äquatorialafrika 1911 (3/5)

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Hochgeladen 9. Juni 2021 – Stand 5.Juli

Nach der Aufteilung der Expedition und seinem Abschied von Herzog zu Mecklenburg am 1. Februar 1911 in Fort Lamy (dem heutigen Djamena/Tschad) reist v.Wiese auf der kolonialen „Hauptroute“ zurück in den Süden zum Kongobecken. Damit beginnt seine eigene Reiseerzählung – im „Tagebuch“ ebenso wie im 1.Band von „Vom Kongo zum Niger und Nil“ 3. Kapitel. Er hat den Auftrag, drei bedeutende “Sultanate” der Azande am Mbomu in Augenschein zu nehmen. Am ersten, dem  “Sultanat Bangassu” lassen sich die Themen “Pazifizierung” und “Konzessionsgesellschaften” gut exemplifizieren. Der Vergleich von Bangassu, Rafai und Semio erfolgt in 4/5. (LINK)

Themenstichworte : „Pazifikation“ („Befriedung“) und “Konzessionsgesellschaften”, in zweiter Linie auch das Transportproblem, Frondienste, einheimische „Sultanate“ und die krasse Entvölkerung des Gebiets

 

Rufen wir uns vielleicht das folgende Zitat von Jan Vansina aus “Paths in the Rainforests” (1990) in Erinnerung!  (LINK zum Überblick im Blog “Die Weissen halten unsere Seele gefangen”) :

  • Nach 1890 begannen bedeutende europäische Militäreinsätze und systematische Eroberungen im Regenwald. Vom unbarmherzigen Terror der Gummiunternehmen ging der stärkste Impuls zur Gewalt aus. Sie spannten auch die Armee des Staates ein, um den Widerstand der lokalen Bevölkerung zu unterdrücken. Manchmal wurden beträchtliche Truppenkontingente eingesetzt. Die Gummikriege dauerten im kongolesischen Teil der Regenwälder von 1893 bis etwa 1910.  (244)
  • „Die Gewalt und völlige Zerstörungskraft solcher Kolonialkriege werden oft noch immer nicht richtig eingeschätzt“, schreibt Vansina. „Routinemäßig wurde Dorf für Dorf niedergebrannt, die Menschen flohen, manchmal jahrelang, in tiefe Wälder, in denen sie nur die elementarste Schutzhütten bauten und in hohem Maße von dem abhingen, was sie zum Essen sammeln konnten. Während der Kämpfe und unmittelbar danach waren die Verluste unter den Afrikanern hoch, jedoch starben später noch mehr an den kombinierten Folgen von Unterernährung, Überlastung und Epidemien wie Pocken, Masern, Ruhr und vor allem der Schlafkrankheit. In einigen Bezirken dauerte die Phase der Eroberung Jahre. Der daraus resultierende Tribut an Krieg, Hunger und Krankheit war furchterregend. Die vertrauten alten Lebensweisen kollabierten unter den neuartigen Katastrophen. (244)

Da  die Situation in der Region  sich im Bericht des Durchreisenden v. Wiese verkürzt abbildet, beginne ich mit Hintergrundstexten aus einem Standardwerk der Kolonialgeschichte und montiere sie mit Zitaten v.Wieses (Tagebuch bis S.31, Druckwerk Bd.I bis S.273).

 

Wer war  Jean Suret-Canale

“Jean Suret-Canale (27 April 1921 – 23 June 2007) was a French historian of Africa, Marxist theoretician, political activist, and World War II French Resistance fighter” (LINK zu en.wikipedia)

Der Historiker Jean Suret-Canale war nicht irgendwer. en.wikipedia ist informativ, das in fr.wikipedia Gebotene ist beschämend mager. Also Johnson! Unter dem sprechenden Titel “Forever on the Wrong Side” hat R.W.Johnson – auf der Basis einer Biografie von Pascal Biancini (2011) – auf sechs Druckseiten ein aufregendes und engagiertes Leben nachgezeichnet (LRB vol34 No.18, 27. September 2012;LINK zum Download. (https://www.lrb.co.uk/the-paper/v34/n18/r.w.-johnson/forever-on-the-wrong-side)

Der Sohn eines Korsen und einer Deutschen, erzogen im Lycée Henri IV, wo sein kommunistischer Philosophielehrer ihn beeindruckte,1938 Reise nach Westafrika, vom Kolonialministerium als Talentwerbung bezahlt, 1940 von der Sorbonne in den Widerstand, Haft und die Einsicht, “dass Frankreich nun auch kolonisiert war” und “Das Problem ist, dass ich immer auf der falschen seite bin.”Organisationsarbeit im nichtbesetzten Süden, nach 1944 Gymnasiallehrer, ab 1946 in Dakar, wo sein Lycée sich rasch afrikanisierte und junger Funktionär in PCF-nahen Gruppen…. Von der Forschung im französischen CNRS bis 1966 ferngehalten, publizierte er bis 1965 eine zweibändige “Geschichte West- und Zentralafrikas” bei den Editions Sociales Paris.

Den Bd. 2 von “Schwarzafrika”  über das französische Kolonialsystem bis 1945 las ich 1973. In einer der linken Buchhandlungen Frankfurts hatte ich die beiden Bände  erworben. Sie waren 1969 in deutscher Übersetzung im Akademie-Verlag Berlin erschienen, wieder “auf der falschen Seite” ausgerechnet der heuchlerischen DDR. Suret-Canale überwand meine Skepsis, schon weil seine ungeschminkte Darstellung in Westdeutschland keine Konkurrenz hatte. Vielleicht geht sie mir heute mehr an die Nieren als damals.

 

EROBERUNG UND “BEFRIEDUNG“ ÄQUATORIALAFRIKAS

Suret-Canale Kap. IV   Die Pazifizierung   3. Operationen in ÄquatorialafrikaDas Kapitel 3 behandelt ein größeres Gebiet, aber auch am Atlantik und im Sahel kämpft französisches Militär um die dauernde Kontrolle.

 „Auf begrenztem Gebiet (im Waldland der Elfenbeinküste) hatte (der französische Gouverneur, 125ff) Angoulvant durch ein achtjähriges systematisches Vorgehen die Widerstandsfähigkeit der Bewohner brechen können. Nun waren die Voraussetzungen für die Zivilverwaltung und für die weitere Ausdehnung des Stationsnetzes gegeben, da die einheimische Häuptlingsschaft künftig als Vermittlerin zur Verwaltung diente, welche sporadische Aufstände ohne viel Gefahr unterdrücken konnte, zumal die Bevölkerung praktisch entwaffnet war.“

Im ausgedehnten und viel dünner bevölkerten Territorium Äquatorialafrikas hatten die „Pazifikatoren“ mit völlig „ungenügenden Einsatzmitteln“ , die man hin- und her verlagerte – 1000 ‘Senegalschützen’ und ebenso viele im Tschad – weit größere Probleme. (142)

„Im Jahre 1900 beschränkte sich die wirklich Besetzung auf einige Stationen und auf die Kontrolle der großen Verkehrsachsen. Von 1900 bis 1908 lösten Empörungen und Strafexpeditionen einander ab.“ (144) Es war unendlich schwieriger, die endgültige Entwaffnung der vielen kleinen Völkerschaften vorzunehmen. Die weiten Savannen boten ihnen die Möglichkeit auszuweichen. Selbst einfache Bewaffnung – Wurfwaffen – genügte zur Organisierung eines wirkungsvollen und mit Hinterhalten geführten Krieges. Der Gouverneur gibt 1909 eine neue Direktive aus: „die Zahl der für dauernd errichteten Stationen zu vermehren, anstatt das Land mit Expeditionen zu durchkämmen. Deren Einsatz sich nach ihrem Abmarsch nicht mehr auswirkt. Im Umkreis dieser festen Basen sollten die Truppen in Aktion treten, die Widerstrebenden umzingeln und einschließen, um ihnen jegliche Möglichkeit zur Flucht zu nehmen.“(148)

Zwei Kartenskizzen  1910 (147), 1912 (151) zeigen rasche Veränderungen, lassen Vormarsch und Rückzug erahnen.

J.S.-C. p.147, Stand der Pazifikation  1910

 

J.S.-C. p.151, Stand der Pazifikation 1912

 

 

 

 

 

 

 

 

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„Unterwerfungen in pauschalerer Form“ waren nur dort möglich, wo man bereits die von sudanesischen Sklavenjägern etablierten „Sultani einspannen konnte. Die Chronik von Rafai in v.Wieses Bericht lassen deren Verwundbarkeit erkennen: die Lage an einem Hauptverkehrsweg und vor allem die Zerstrittenheit, insbesondere durch wechselseitige Eroberungszüge. 1906 durfte der Gouverneur den Grenzkonflikt zwischen Rafai und Semio durch „Befehl“ beenden. (I 280)

v.Wiese besucht „drei große Sultanate“ nicht nur zu „ethnographischen“ Studienzwecken. Praktizieren doch auch die Deutschen mangels Personal ihre „Pazifizierung“ durch Bündnisse mit ‘traditionellen’ Herrschern. Ich verrate schon einmal, dass der Beobachter v.Wiese am Ende seines Leidensmarsches überraschend klare Worte findet, nicht weit von Jan Vansinas zitierten Einschätzungen.

MÖRDERISCHE FRONDIENSTE

 Wie auch in ‘Leopolds Kongo’ bildeten Ruderer- und Trägerdienste anfangs den größten Engpass bei der militärischen Durchdringung und ökonomischen Ausbeutung der weglosen Weite. Eine an sich geringe Bevölkerungsanzahl musste unzählige Träger auf Hunderte von Kilometern stellen, die weder Verpflegung noch Bezahlung erhielten. Die ständige Inanspruchnahme dezimierte die Bevölkerung und rief unaufhörlich Revolten hervor. Systematische Repression der Revolten nach dem Motto „Die Niederbrennung eines Dorfes entpricht einfach einer Strafe von einigen Arbeitstagen“ (General Mangin in seinen souvenir d’Afrique ; 45) bewirkte auch die Flucht nach Belgisch-Kongo. Die auferlegte Last konzentrierte sich auf etwa ein Zehntel der dem Dienst unterworfenen Bevölkerung, da Frauen, kinder, Greise, Häuptlinge und Adlige von der Fron entbunden waren. In einer Spirale der Gewalt schritt man dazu, Frauen und Kinder als Geiseln zu nehmen, die drohten in den Geisellagern zu verhungern. Geiselnahme wandte man auch bei Steuerschulden an. (49)

Auf der Basis offizieller Zahlen berechnet Suret-Canale die tatsächliche Belastung für die tatsächlich dem Trägerdienst Unterworfenen aufgrund des Bulletin du Comité de l’Afrique francaise von 1905 auf das mindestens Zehnfache, wenn nicht Achtzigfache der offiziellen Schätzungen. Er zitiert auch das Fazit des Berichts:

Schlecht ernährt, überbürdet, oft von Karawanenführern misshandelt, erreichen dese Unglücklichen das Ziel ihrer Reise entkräftet und krank. Nach einigen Tagen Ruhe müssen sie, wenn sie ihr Land wiedersehen wollen, sich entschließen oder sogar darum bitten, in entgegengesetzter Richtung den gleichen Weg wiederholen zu dürfen ….In die Dörfer zurückgekehrt, finden sie ihre Felder verwüstet und die Güter geplündert.“ (47, Autor: R. Cuvillier-Fleury)

Suret-Canale konnte sich in seiner kolonialkritischen Studie auf nicht wenige  zeitgenössische Stimmen aus der Kolonie berufen, deren Veröffentlichungen aber lange unbeachtet blieben – ‘Whistleblowern ‘und ‘Recherchenetzwerke’ machen heute im Normalfall ähnliche Erfahrungen.

Als ich in Louis-Ferdinand Céline berühmtem Roman “Reise ans Ende der Nacht” (dt. 1937) das  Kapitel über die fiktive “Kolonie Bambola-Bragamance” zum ersten Mal las, habe ich den Realitätsgehalt der Satire noch nicht ganz erfassen können. Der Arzt und Autor war ja vor 1936 im Auftrag der Seuchenforschungsstelle des Völkerbunds auch in Afrika gewesen. (LINK)

1981 erweckt die Filmsatire “Der Saustall” von Bernard Tavernier (*1941;  LINK,) in der fiktiven Polizeistation “Bourkassa Ourbangui” koloniale Realitäten “1938” zu satirischem Leben. „Ein faszinierendes, aber auch schwieriges und zwiespältiges Werk, das sowohl politische als auch ethische Rückschlüsse auf das Wertesystem der Weißen mit seinen brüchigen Moralprinzipien erlaubt.” (Lexikon des internationalen Films)

 

WAS ERLEBTE DER REISENDE von WIESE  1911?

Das Gewimmel auf der strategischen Route Crampel – Sibut (KARTE!) zu Beginn seiner Teilexpedition beobachtet ( I 241-42), betrachtet er kopfschüttelnd und erschreckt:

Auf der Route Crampel – Sibut, wohi ich nun marschierte, herrschte reges Leben.Ein IOffizier arbeitete dort mit 600 Leuten an der Automobilstraße. Ferner traf ich etwa 2000 Eingeborene mit Lasten für den Bau der Telegraphenlinie von Bangi nach dem Tschad, eine aus dem Senegal für Wadai gesandte Ersatzkompagnie, größere Lebensmittel- und Munitionstransporte und schließlich 59 europäische Offiziere, Ärzte und Unteroffiziere, die direkt aus Frankreich für Wadai eingetroffen waren (…) Die Transporte nahmen und alle Boote vollkommen in Anspruch. Würde sich nun unsere gesamte Expedition auch noch auf dieser Route befunden haben, (….) hätten (wir) uns wahrscheinlich monatelang damit beschäftigen müssen, auf der öden Verkehrsstraße untätig herumzuliegen. Auch aus diesen und nicht nur aus politischen Gründen stellte sich also die Teilung der Expedition als unbedingt erforderlich heraus.

Die Widrigkeiten des auf sich gestellten Ausländers mit 5 fest engagierten Begleitern und 40 Lasten Gepäck lassen sich unter diesen Umständen gut nachvollzehen. Sein bewährtes internationales Personal bestand  aus “einem Bornumann als Koch, zwei Suaheliboys von früheren Expeditionen und zwei Jaunde-Leuten, ehemaligen Soldaten der Schutztruppe in Kamerun” ( I, 244).

Selten gelang es, Eingeborene zu finden, die sich bereit erklärten, auf einige Tage mitzugehen.“ Dann stellten die Leute „kaum glaubliche Lohnforderungen“. Der übliche Lohnsatz für die Ruderer am Ubangi betrug 2 Franken täglich und freie Verpflegung. (….)Oft traten die Ruderer wohl ihren Dienst an, weigerten sich aber unterwegs, weiterzufahren, falls ich ihnen nicht außer dem Lohn ein großes Geschenk in Aussicht stellte. Da halfen nur die energischsten Maßnahmen, oder wenn diese fehlschlugen, klein beizugeben. Sehr oft suchten die Leute einfach das Weite, und dann saß man weit vom nächsten Dorf entfernt ohne Leute.

Die Regierungsposten gewährten keine Hilfe, denn einmal waren die Entfernungen zwischen den einzelnen Posten viel zu groß, um im rechten Moment Klagen anbringen zu können, und wenn man es tat, war meist ein bedauerndes Achselzucken des betreffenden Beamten die Antwort. Die Autorität der Verwaltungen und ihre Machtmittel waren eben zu gering, um durchgreifende Reformen einführen und die Widerwilligen bestrafen zu können. An der Straße Possel-Crampel zwang die rauhe Notwendigkeit das Gouvernement zu amtlicher Trägerrequisition, nicht aber am Ubangi und Mbomu, wo keine großen Transporte passieren. Die wenigen Handelsgesellschaften hatten ihr eigenes, fest engagiertes Personal, und die Regierungsangestellten kamen fast niemals aus ihren Stationen heraus. War aber wirklich einmal ein Regierungstransport nötig, so borgte sich die Verwaltung von den Faktoreien Boote, Ruderer oder Träger. (I 244-45)

Er wendet sich von den unwilligen Trägern zu den Bootsleuten. Am Ubangi hat er es bis Mobaye bereits am mit Banziri und Buraka zu tun, die ihre Monopolstellung nutzen.

Diese beiden Stämme sind scheinbar die ältesten Bewohner des Flußgebiets. Sie treiben keinen Ackerbau, sondern leben nur von Fischerei. Sie sind Besitzer sämtlicher Boote auf demFlusse und fahren mit diesen handeltreibend auch weit in die Nebenflüsse hinauf. Dabei tauschen sie ihre Fische gegen Feldfrüchte ein und betreiben einen lebhaften Sklavenhandel. Man mietet sie als Ruderer, da die Banda keinerlei Boote besitzen und daher auch des Ruderns unkundig sind.” (I 248 )

Aus dem preußischen Gentleman wird ein Sklaventreiber….

(gekürzt nach  (2/5 LINK)

Zwei Monate später ist v.Wiese nicht wählerisch in den Mitteln, um mit  seiner kleinen Gruppe zu überleben. Auch in seinem Bericht legt er sich keine Zurückhaltung auf. Die Strecke von Semio, dem letzten der drei Sultanate vor der Grenze zum anglo-ägyptischen Sudan, wird zur vierwöchigen Qual. Regenzeit und Fieberanfälle. Die Region ist entvölkert. Eigentlich sollte der Sultan von Semio alles geregelt haben. Die französische Station hatte ohnehin nicht die Mittel dazu. (LINK zu 3/5)

Nachdem er (der Sultan) mir die Versicherung gegeben hatte, daß ich freien ungehinderten Durchmarsch durch sein Gebiet bis zur Bahr-el-Ghazal-Grenze erhalten solle und er Befehle heraussenden würde, mich mit Trägern , Booten, Ruderern und Verpflegung in seinem Lande zu unterstützen, schied ich frohen Mutes von ihm (292)  Durch Vermittlung des französischen Postens erhielt ich vom Sultan Semio seinen Sohn Samuengi als Begleiter und Dolmetscher mit sowie 22 Kare als Träger. Beim Anblick dieserKare sank meine Begeisterung für den Landmarsch bedeutend, denn es präsentiertensich mir wahre Bilder des Jammers, total unterernährte, von Lepra und Schlafkrankheit befallene Leute, von denen ich kein e besonderen Marsch- und Tragleistungen erwarten konnte: im wahrsten Sinne des Wortes Vertreters eines unterjochten Volkes.(-54-/293) …..

Bd. I 216.Lianenbrücke

Von den 22 Kare brachen bereits wenige Kilometer hinter dem Posten 2 Mann ohnmächtig zusammen, 2 erkrankten im ersten Lager und 3 rissen unterwegs im Busch aus, einer davon unter Mitnahme eines Segeltuchsacks, enthaltend mein gesamtes Bettzeug, Moskitonetz, meinen einzigen warmen Mantel und verschiedene Stiefel. Da die Gegend östlich von Semio sehr dünn bevölkert ist und viele Dorfbewohner auf die meist mit Trommelsprache übermittelte Nachricht meines Anmarschs in den Busch flüchteten, hielt es sehr schwer, Trägerersatz zu finden.

Eine provisorischen Laufbrücke bricht unter der Last zusammen. Verschiedene Leute stürzen in den reißenden Fluss. Einige Träger nutzten die Verwirrung zur Flucht ins hohe Gras. Erst nach energischem Einschreiten gegen einen Azande.Chef, welcher das nächstliegende Dorf kommandierte, gelang es mir nach langem Warten, Ersatzträger zu erhalten. Im Tagebuch wird von Wiese deutlich:  „Ich führte den widerspenstigen Herrn mit der leider bei den Franzosen viel zu wenig angewandten cravate nationale d.i. einfach einen Strick um den Hals, solange unter ständiger gelinder Aufmunterung durch Kolbenstöße mit mir, bis sein Sohn die verlangten Träger mit meinen Lasten im Galopp nachbrachte.(-56-)  Seine Fieberanfälle  versetzen ihn für den Transport in den Zustand eines willen- und hilflosen Collis (= Traglast). Er wechselt bei nächster Gelegenheit zum unendlich langsamen Bootstransport (294). Und der Mbomu, in dessen Ufergebüschen es auch hier von uns übel belästigenden Schlafkrankheit- und Tsetse-Fliegen wimmelte, hat nur noch eine Breite von ca. 35 m (-56-).

Von Kadjema aus kann der kleine Tross  am linken Ufer des Mboku entlang eine Etappe mit ausgesucht starken und flinken Trägern der Bassiri Richtung Sudan marschieren (-57-). Auch das Jagdglück ist Wiese hold: Krokodile, Büffel, ein Elefant….  Ins Lager zurückgekehrt, sandte ich meine träger an den Platz,um diese das Fleisch, das für sie eine große Delikatesse ist, holen zu lassen. Sie brachten auch am abend Unmengen Fleisch ins Lager, frassen sich ordentlich voll und empfahlen sich dann auf Nimmerwiedersehen. (-58-) Träger sind nicht zu bekommen.  Ihm kommt der Gedanke, bei den Resten des Elefantenkadavers hungrigen Dorfbewohnern aufzulauern. Er kidnappt sechs Männer aufs Geratewohl. Mit den 6 gefangenen Leuten, alle zusammen an einem langen Stricke angebunden, kehrte ich ins Lager zurück. (-59-) Die meisten Lasten bleiben bis auf weiteres zurück. Irgendwann kommen sie in Gubere an, nachdem ich ständig Leute ausgesandt und dem Distrikthäuptling gehörig zugesetzt hatte, aber in welchem Zustande! (-61-) Durchweicht, teilweise geöffnet, das schöne Fell des Riesenschimpansen durch die Nässe fast verfault, eine Last mit ethnographischen  Gegenständen gestohlen u.s.w. Würde das einem in einem aderen Gebiet passieren, so würde man gehörig unter diese Bande fahren. Hierzulande darf man aber den Schwarzen überhaupt nicht anrühren. Ein Herr, der seinem Boy, der ihm den cognac ausgetrunnken hatte, wurde dafür zu Gefängnis verurteilt. Das ganze hiesige System der französischen Kolonialverwaltung erscheint mir ls ein Verbrechen gegen die weisse Rasse! Ich habe mich um diese Gesetze einfach nicht mehr gekümmert und habe so dazwischengedroschen, wie ich es bei uns gewohnt bin und hätte ich dies nicht getan, dann wäre ich heut nicht hier und läge irgendwo im Busch und mein Personal wäre längst verhungert. In gubere ging nun wieder die not los, neue träger – ich brauchte 60 Mann – zusammenzubringen (….) Am 10. Juli trat ich den Marsch nach der Bahr-el-Gazal-Grenze zu an, meine Träger streng bewachend – alle, immer 10 Mann zusammen an einem Stricke von Hals zu Hals gebunden. Im Lager wurden die Leute stets in Hütten eingesperrt. Dass ich auf dem Marsch oder im Lager, fortwährend nur damit beschäftigt, auf diese Kerls aufzupassen, nicht sammeln (-62-) konnte, keine Studien machen, nicht auf die Jagd gehen, brauche ich nicht erst zu betonen. Ausserden war in den Dörfern alles ausgerissen…... Ich schoss einen Bullen… Das Fleisch war mir für meine Träger sehr willkommen…. Ich hatte (-64-) die Träger in meinem Lager frei herumlaufen lassen, ohne sie ständig an der Leine zu haben. – Da ich mir sagte, wenn die Leute so lange ausgehalten hätten, so würden sie es nun auch im Hinblick auf die winkende gute Bezahlung noch einen Tag bis Tambura aushalten. Doch man lernt nie aus.  Die Kerls ließen ihren bereits verdienten Lohn im Stich und wieder sass ich im Busch ohne Träger. Glücklicherweise sandte mir der Posten Tambura 2 Sudansoldaten, welche ich aussandte, um Träger in den verstreuten Hütten zu greifen. Nach 2 Tagen hatte ich 7 Mann zusammen….. Als ich die Häuser des englisch-egyptischen Sudanpostens Tambura vor mir sah, wurde mir leichter ums Herz und als ich Capitan Stephenson, einem reizend netten englischen Offizier auf das Liebenswürdigste begrüßt und aufgenommen wurde, verbgass ich bald, was an Ärger, Anstrengungen und Schwierigkeiten der letzten Wochen hinter mir lag. ….(-65-)

Die Lektüre des prächtig ausgestatteten wilhelminischen Reisebuchs lässt keinen Zweifel daran, dass Jean Suret-Canale in seiner Studie die Verhältnisse realistisch dargestellt hat. Gehen wir zum zweiten großen Thema über!

 

KONZESSIONSGESELLSCHAFTEN IN ÄQUATORIALAFRIKA

J.S.-C. 59, Konzessionen franz. Äquatorialafrika 1911  Rechts oben: Societé des Sultanats

Als weiteren Auslöser von Aufständen beschreibt Suret-Canale die Konzessionsgesellschaften. Er beschreibt ebenso das Geschäftsmodell wie „die Umtriebe von Angestellten“.

doku. wiki

Konzessionen in Leopolds Kongo 1890 markiert Wikipedia

v.Wiese Beilage zu Bd.1 “Völkerkarte” mit Sultanaten der Azande

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Die unter den europäischen Mächten aufgeteilten immensen Landflächen zogen – wie in den Jahrhunderten zuvor – Gewürz- und Sklavenhandel nationales und internationales Spekulationskapital an. Die wichtigste Investionsform nach 1884 waren Aktiengesellschaften auf der Basis staatlich garantierte Handelsmonopole. In den 1890er Jahren wurde das ‘zentralafrikanische Modell’ aus der Taufe gehoben. (Beleg folgt)

„In Französisch Äquatorialafrika herrscht der Tauschhandel mittels der großen Kolonialkompanien vor, die über rechtliche Monopole verfügen. 1900 bilden sie zwei Syndikate, um gemeinsam wenigstens den in ihren Konzessionsbedingungen vorgesehenen Flußschiffahrtsdienst zu organisieren. ( I, 43) In ihren Statuten und Prospekten geben sie vor, bedeutende land-wald- und minenwirtschaftliche Investitionen zu tätigen, in Wirklichkeit geht es um Import und Export, wobei der ‚freie’ Handel oft der Plünderung weicht, da die Kompanien die Menschen und das Produkt ihrer Arbeit als ihr Eigentum betrachten (43/44). Er zitiert den Kommandanten J. Saintoyant (L’Affaire du Congo, 1905, 1960):

Wenn also ein Eingeborener einige Bodenprodukte zu einer Faktorei trug, die er zum Beispiel auf drei Franken schätzte, so sah er sich bloß mit einem Franken bezahlt oder es wurde ihm gesagt: Ich kann dir nicht bezahlen was mir gehört, sondern nur deine Erntetätigkeit. Und dieser Franken wurde ihm in Waren gegeben – und in was für Waren! Oft waren es die unmöglichsten, alte Uniformstücke, Helme, Spazierstöcke ….“ (44) Erst die Konkurrenz freier (französischer) Händler kann “die schamloseste Ausbeutung” verringern.

Die Konzessionsbesitzer verlangten von er Kolonialverwaltung alles, so die Anwendung von Gewalt, um die „unheilbar faule“ Bevölkerung zur Arbeit zu zwingen und zu berauben. Sie dagegen verweigerten jede Kontrolle. (44/45) Sie beschränkten  ihre Aktivität fast ausschließlich auf Jagd- und Sammelprodukte, Kautschuk und Elfenbein. (50) Sie erhielten überdies das Privileg, die neu eingeführte Kopfsteuer in der Naturalie „Kautschuk“ einziehen zu dürfen, mit gewaltiger Gewinnmarge. (45 48, 49)

Zu ihrem weißen Personal zitiert er den Kommandanten J. Saintoyant: ”

Ihr weißes Personal war im allgemeinen aus der Hefe der Gesellschaftangeworben, Hitzköpfe oder Gewohnheitsverbrecher. “Eingestellt hat man Leute, die bereit sind, jeden beliebigen Posten in den ungünsten Ländern zu übernehmen. Schlecht bezahlt, manchmal gezwungen, ihre Arbeitgeber gerichtlich zu belangen, um an ihr Gehalt zu kommen, suchen sie sich durch zweifelhafte Mittel besserzustellen. ( ….) Ich will gerne glauben, daß in den Rowdyreden, die sie nach dem Trinken halten, etwas Großsprecherei liegt. Aber es ist wirklich beunruhigend, daran zu denken, daß diese Leute ohne Überwachung in direktem Kontakt mit den Bewohnern stehen, denen wir noch völlig neu sind.” (50)

Mangels Personal war die Verwaltung nicht in der Lage, über die Angestellten der Gesellschaften irgendeine Kontrolle auszuüben. 1905 zählte man in Mittel-Kongo 100 Kolonialbeamte, davon nur 34 im weiten Gebiet außerhalb von Brazzaville und Loango. Auch die dreißig Prozent nicht an die Konzessionäre vergebenen Gebiete, die “Reservate” , standen nicht unter Verwaltung. Außerdem zogen die Beamten es meistens vor, den Nachgiebigen zu spielen, so lästig ihnen die Anmaßungen und Unverschämtheiten des Gesellschaftspersonal auch waren. Ihre Beförderung und ihre Laufbahn hingen von den Meinungen ab, die Vertreter der Gesellschaften höheren Orts äußerten. (51)

Da die meisten Dörfer den Befehl zur Kautschukernte verweigerten, sich im Busch oder in Höhlen verbargen oder in den nahen Belgisch-Kongo flüchteten, bat die Verwaltung die Gesellschaften, Wachleute und Hilfskrieger in die Dörfer zu schicken.

Die Ausbeutng des  “Lianenkautschuk” (Landophilia humilis) ist weit arbeitsintensiver als die des bekannteren “Baumkautschuk”. Der in allen Savannen sehr verbreitete Strauch hat sehr tiefe Wurzeln, die einen zweitrangigen Gummisaft absondern.

“Nach dem Morgenappell  zerstreuten sich Männer und Frauen, um Wurzelstöcke auszureißen. Nach strenger Kontrolle wurden die Wurzeln unter fließendem Wasser im Dorf lange geklopft, um den Gummi von der Rinde zu trennen. Am Monatsende kam die Ernte in den Hauptort und wurde für 15 Sous pro Kilo verkauft.” (Pater Daigre)  Zur selben Zeit war der Kautschukpreis in Guinea etwa 9 Franken das Kilo.  Sind die Aktionäre der Konzessionsgesellschaften gierig nach Dividende, so die Agenten aller Ebenen nach Provision. “Bald wurden Produktionsaufgelder, bestehend aus Alkohol, Fleisch, verschiedenen Waren und sogar Pferden, welche Einwohner Bornus aus dem Tschad heranführten von den Käufern (Gesellschaften) an die Dorfhäuptlinge und Wachmannschaften verteilt ….”(51)

Von vielen Dörfern blieben nur Ruinen. die Pflanzungen existierten nicht mehr. Die Bevölkerung war verelendet und verzweifelt. Siehatte selbst in den schlimmsten Tagen der Arabereinfälle derartige Zeiten nicht erlebt. Zur Ablenkung der Öffentlichkeit rechtfertigte man alle durch die unmenschliche Ausbeutung des Kautschuks verursachten Folgeerscheinungenmit der Schlafkrankheit, die seit etwa zehn Jahren ebenfalls große Verheerungen angerichtet hatte”. (53, Pater Daigre). Man braucht eigentlich nicht zu betonen, dass Erschöpfung,  Auszehrung und Hunger in den Dörfern die Anfälligkeit der Menschen für Krankheiten verstärken.

 

WIE URTEILTE von WIESE ?

Im Sultanat Bangassu zeigt v.Wieses Darstellung Verständnis für die Klagen der Monopolgesellschaft, die aufgrund einer Klausel im Konzessionsvertrag sich von “freien Händlern” und örtlichem Sultan geschädigt sieht. Er findet es nicht für nötig, die Überlegungen und Absichten des französischen Staates zu thematisieren. Er ist aber auch noch neu in der Kolonie. Vielleicht hat der frische Ärger über einen dreisten Freihändler eine Rolle gespielt. v.Wiese hatte telegrafisch 7 Boote und dazugehörige Ruderer “reserviert” und mit ihnen am Vorabend einen Vertrag geschlossen, bevor sie ihm ein “französischer Kaufmann von unangenehmem Äußeren” “durch Bestechung” wegschnappte.

Doku

Carpenter Ivory_trade Daressalam um 1890 wiki.

Im Dorf Gubere im östlichsten Winkel der Kolonie direkt an der Grenze zum Sudan, begegnet von Wiese drei Elefantenjägern aus England und Österreich – ihre 45 (Waniamwesi) Nyamwesi-Träger (LINK) wird er neidvoll registriert haben. Sie betreiben die Jagd gewerbsmäßig  und sind bewusst auf französisches Territorium gekommen. Es regt v.Wiese auf, dass man bei den Franzosen für 6 Frs. Jagderlaubnis-gebührso viel man will schießen darf, während man in allen anderen Kolonien für einen Jagdschein von ca. 1000 Mark nur das Recht auf 2 Elefanten erwerbe. „Diese sogenannte englische Sportexpedition erschien mir als weiter nichts, wie Fleischer und Krämer, denn ich hörte sie berechnen, dass sie mindestens 200 Elefanten schiessen müssten, um mit einem guten Verdienst heimzukehren” …. (-60-)

Warum sollte man ihm das nicht glauben, wo doch die Konzessionsgesellschaften denselben Raubbau trieben und zur Kontrolle von Konkurrenten gar kein Personal hatten.In diesem Falle hatten allerdings auch sie Versorgungsprobleme, die sie zunächst in den Sudan zwang.

v. Wiese holt an dieser Stelle im Text zu einer Generalabrechnung mit Frankreichs kolonisatorischem Versagen in Zentralafrika aus. Man könnte die folgenden Sätze für ‘prophetisch’ halten, aber sah es in Deutsch-Ostafrika oder in Kamerun damals so viel besser aus? Ich wage das noch nicht zu beurteilen.

Nur so weiter und es gibt in wenigen Jahren keine Elefanten mehr. Mit dem Kautschuk ist es ja ganz dasselbe. Die Lianen werden auch sinnlos verschnitten, und Gesetze, hier neue zu pflanzen, existieren hier nicht. Wenn nur die Herren Aktionäre der Konzessionsgesellschaften momentan gute Dividenden und die hiesigen Agenten gute Prozente erhalten, dann ist alles gut,…. Man muss sich hier recht besorgt fragen, was eigentlich in dieser Kolonie später einmal an Stelle von Kautschuk und Elfenbein Gewinn bringen soll, denn man hat auch nicht im entferntesten den Versuch mit Kulturen gemacht. Vieh existiert überhaupt kaum, ausser einigen Dutzend Kühen bei den Sultanen; nach Bodenschätzen hat man nirgends gesucht und die geradezu auffallend dünne Bevölkerung ist mehr als indolent und von üblen Krankheiten wie Lepra. Schlafkrankheit und Elefantiasis heimgesucht. Die französische Regierung täte gut daran, sich bei Zeiten über die traurige Zukunft dieses Landes Gedanken zu machen. (-61- / 299-300)

 

Ein paar Text-Ergänzungen werden gelegentlich nachgeliefert!   5. Juli

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