Archiv fĂŒr den Monat: Februar 2013

Besuch bei ‚Hr. Pestaluzzi‘ in Burgdorf 1804

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23.2.13 per eEmail; beim JF vorgelesen (Briefe)

Hr. Pestaluzzi

Beginnen wir  zwei Jahre frĂŒher, 1801, als Pestalozzi sein Erweckungserlebnis als Lehrer in Stans 1799 in seinem Buch „Wie Gertrud ihre Kinder lehrte“ schildert. Er hat es als Folge von Briefen an einen Freund konzipiert. >>

Liao Yi-wu, gesehen durch die Optik von „Humanismus in China“

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Veranstaltungsidee fĂŒr die „Lounge“ des MAK Frankfurt  Januar / Februar 2013:

Liao Yi-wu’s  ErzĂ€hlungen, gesehen durch die Optik von „Humanismus in China – ein fotografisches PortrĂ€t“, MMK 2007

Als ich die Geschichten, genauer die literarischen Interviews, in „FrĂ€ulein Hallo und der Bauernkaiser“ las – in deutscher Übersetzung – schienen die Menschen ganz nah zu sein. Ich meinte sie deutlich wahrzunehmen, zumal beim Lesen mein angesammeltes Hintergrundwissen sich stĂ€ndig bemerkbar machte wie ein junger Hund. (LINK zu ausgewĂ€hlten Kapiteln)

Als ich dann den Katalog von „Humanismus…“ aufschlug, entdeckte ich die Bilder ganz neu. Die Ausstellung in Frankfurt 2007 hatte mich, trotz einer gewissen Aufgeregtheit, mit dem ĂŒberwĂ€ltigenden Strom auftretender Individuen kalt gelassen. Heute weiß ich: Sie waren stumm geblieben. Sie werden das im strengen Sinne auch bleiben. Doch erscheinen sie mir jetzt anders als damals, plastisch, entzifferbar. Es scheint möglich, wenigstens einigen von ihnen Worte oder SĂ€tze in den Mund zu legen – auch erklĂ€rende Worte – die sie selber gesagt haben könnten. Man mag ĂŒber so eine Skrupelhaftigkeit den Kopf schĂŒtteln und auf das Allgemeinmenschliche verweisen, das uns alle verbinde. Mir ist darin zu wenig Greifbares, auch zu wenig Interessantes.

Dann schaue ich mir den gut einstĂŒndigen Film ĂŒber ein Treffen von Freunden mit Yi-wu zum Gedenken an die Opfer der ‚Anti-Rechts’kampagnen in einem abgelegenen ehemaligen HaftgebĂ€ude, einem Kuhstall, in den Bergen ĂŒber Dali  in YĂŒnnan an. Ich sehe ein ziemlich beliebig erscheinendes nĂ€chtliches Ritual und verfolge sehr emotionale Dialoge zwischen den Teilnehmern, höre den Schlag der kleinen Trommel, Yiwus Flötenspiel und seine Beteiligung am Lautenspiel der einzigen Frau unter den Anwesenden.

Die englischen Untertitel sind mĂŒhsam zu verfolgen, die SĂ€tze dunkel und krass, von einsetzender ErmĂŒdung und vom Rausch befeuert. Ich höre Liao Yi-wu schluchzen und seine wilde Rezitation des Klagelieds – sie erinnert mich entfernt an den unvergesslichen heulenden Duktus des Russen J. Brodsky. Er ist wieder fremd. Paradoxerweise kenne ich ausgerechnet die Landschaft um den Erhu-See, auch das Panorama vor den Stallfenstern ist mir bekannt.

Der bescheidene, mit einer wackligen Handkamera gedrehte Film, vermittelt eine neue Dimension. 1988 ging auch ich arglos und ahnungslos ĂŒber diese buschig bewachsenen BerghĂ€nge, einzig berĂŒhrt vom nahe gelegenen kleinen daoistischen Kloster, damals bereits wieder aufgebaut. Von ihm ist im Film aber nichts zu hören oder zu sehen.

Ich denke an einen multimedial gestĂŒtzten Auftritt: Einleitend Liao Yi-wu’s Musik und eine Folge von Bildern aus „Humanismus“, auch entsprechende Reisefotos von 1988. Am Ende eine Filmsequenz. Im Vortrag sollten die Zitate aus Liao  Yi-wu von einer zweiten Stimme gelesen werden.  29.1.2013

Der Film ist Teil der Produktion „Erinnerung bleib…“ (Essays von Herta MĂŒller u.a.,CD,DVD; dt.,engl., chin.; FlyFastConcepts bei  Lieblingsbuch Berlin o.J. 2012

Ich lernte Yao Yi-wu nicht ĂŒber die Medien kennen, sondern ĂŒber sein Buch in der Mitte der Sommerferien. Es gab ja viel Wirbel um ihn. Und der hat sich bis zum Herbst (Friedenspreisrede in Frankfurt) noch verstĂ€rkt. Seither habe ich die nagende Sorge, mein Zugang ĂŒber das Buch könnte verschĂŒttet gehen. Jemand fragte mich: wie Pekingmenschen (dt.1986)? Ich konnte mich gar nicht mehr recht erinnern. Als ich Stephans Angebot einer Veranstaltung bereits angenommen hatte, las ich darin und bemerkte die erste HĂŒrde: Das oberflĂ€chliche, vordergrĂŒndig politische Interesse der Leute an solchen Berichten und die entsprechende Rezeption. Dagegen ist Liao nicht gefeit, wie Wen Huang  in seiner kritischen Rezension der amerikanischen Übersetzung zeigt. Liao Yi-wu ist eminent politisch, aber auch wieder nicht, genau wie seine Rede in der Paulskirche: Er kĂŒndigt der KP einfach das Mandat des Himmels auf. Er hat das Zeug zum visionĂ€ren Bauernkaiser.

Dann kam mir die Sprachbarriere zu Bewusstsein. Selten habe ich es so schmerzlich empfunden, nicht den Originaltext lesen zu können wie diesmal. Übersetzung ist immer Vertrauenssache. In diesem Fall fand ich ein positives Indiz: Eine von Linda Jarvis nĂ€her beleuchtete Textstelle haben die deutschen Übersetzer treu ĂŒbersetzt.

Immerhin: Wir können wenigstens fĂŒr lichte Momente die WĂ€nde um unser Glashaus einreißen und uns chaotischen GefĂŒhlen ĂŒberlassen. Liao hilft dabei. Er ist Reisender durch diese SphĂ€ren, mancher seiner GesprĂ€chspartner auch. Que Yue: Wir sind alle blind – wir wissen alle nicht, wo’s langgeht. (ebd. 486)

SpÀter am Abend.

Soll doch der Hans Peter Hoffmann auftreten! Privatdozent und Übersetzer der Geschichten, der „gerne zu Lesungen kommt“, wie auf seiner Website steht.

Ich spĂŒre eine Menge FĂ€den, aber durchwegs abgerissene FĂ€den zu China! Selbst die chinesischen Rockmusiker der Achtziger sind weit weg! Mich haben meine eigenen Reiseerinnerungen verlassen. Was mich aber immer noch elektrisiert, sind die Bilder. Dabei war der Nachklang von „Humanismus in China“ extrem dissonant. Mit dem Katalog öffnet sich mir eine neue Dimension. Ich hasse Bilderfluten und Bilderinflation. Die alten Fotos aus der französischen Zeitschrift ’VU’, Hedda Hammer, Kollegin Wiegmanns und v.Brandts Zeitungsstiche …. dann die KlĂ€nge, die wilden KlĂ€nge: Von chinesischer Oper und Trauermusik zu Liao’s GebrĂŒll mit Flöte (Das MĂ€dchen Hallo.. , 465) … die Legenden, Opernstoffe und Romane, die Geschichte, der Maoismus als Kulturgeschichte oder die Geschichte der UnterdrĂŒckung in Das ummauerte Ich mit seiner Higher Kind of Loyality.

War ich nicht seit der Zweiten Examensarbeit stolz auf meinen historisch fundierten Durchblick?  Ich stehe fĂŒr unorthodoxe Blickwinkel, den synĂ€sthetischen Medienmix, die Detailbeobachtung, das Crossover zwischen Wissenschaft und Poesie. Ich schrecke heute vor einer so breiten Aufgabenstellung zurĂŒck, ebenso wie vor der Konkurrenz zu Fachleuten. Flusser hat mich lange viel Kraft gekostet, in China werde ich aber immer Analphabet bleiben; jetzt dachte ich sogar an eine Pekingreise. Mir werden die unbeackerten Felder in meiner NĂ€he bewusst. Die Lebensepoche der provozierten Fremdheit ist fĂŒr mich vorĂŒber. Ich werde in rasantem Tempo bescheidener – und bequemer.  Die chinesischen FrĂŒchte hĂ€ngen mir zu hoch. Abschied nehmen? Vielleicht, wenn’s die Geschichten, Bilder und Töne und Legenden zulassen.

 

 

 

 

 

Liao Yi-wu’s literarische Interviews – eine Vorrede

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Vorrede fĂŒr eine (nicht realisierte) PrĂ€sentation auf der Baustelle des MAK Frankfurt im FrĂŒhjahr 2013

Warum fĂ€llt mir Brecht ein, der alte Haudegen unter den Poeten? Oder Lu Xun’s Warnrufe: seine Vergleiche des Alten in seinem Garten oder des brennenden Hauses und der Ruf „Rettet die Kinder!“ >>

„Humanismus in China“ -Fotoausstellung im MMK 2007

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Konzeptionell, ethisch, politisch, methodisch und biografisch sind die verschiedenen Kunstszenen Chinas miteinander verbunden. Humanismus in China, eine Zusammenstellung von 600 Fotos von 250 Fotografen ĂŒber 50 Jahre, mit Betonung der letzten 25 Jahre, wurde 2007 in Frankfurt im MMK gezeigt. Da die damaligen Katalogtexte nicht gut zugĂ€nglich sind, fasse ich deren Kernbotschaften hier zusammen und erörtere sie in Richtung Liao Yi-wu und seiner literarischen Interviews.

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Ein ganz besonderer Abend und ein ganz persönliches Protokoll

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Ich hatte Nietzsches Aufsatz gelesen und dabei gemarkert: Nietzsche-Schopenhauer als Erzieher-markiert

Schopenhauer der Erzieher – Jour Fixe am 31.Jan.2013 

„Schopenhauer als Erzieher“ (Nietzsche) – Ich platze eigentlich ungewollt mit meiner EnttĂ€uschung heraus, dass er sich bloß auf die Vita beziehe, so als hĂ€tte er das Werk Schopenhauers gar nicht gelesen. >>

Der Schopenhauer-Jour-Fixe des Jahres 2013

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SCHOPENHAUER-GESELLSCHAFT   Sitz: Frankfurt am Main

„Der Mensch wird zwar erzogen, aber er bildet sich selbst.“‹(Ernst JĂŒnger)

Der Schopenhauer-Jour-Fixe des Jahres 2013 steht unter dem Titel „Schopenhauer, der Erzieher“. In AnknĂŒpfung an Nietzsches berĂŒhmten Essay „Schopenhauer als Erzieher“ (1874) geht es um die Erziehung des jungen und vor allem die Bildung des ganzen Menschen.FĂŒr den Frankfurter „Selbstdenker“ war die „Selbstbildung“ Pflicht und nie abgeschlossene Lebensaufgabe.
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