Besuch bei ‚Hr. Pestaluzzi‘ in Burgdorf 1804

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23.2.13 per eEmail; beim JF vorgelesen (Briefe)

Hr. Pestaluzzi

Beginnen wir  zwei Jahre früher, 1801, als Pestalozzi sein Erweckungserlebnis als Lehrer in Stans 1799 in seinem Buch „Wie Gertrud ihre Kinder lehrte“ schildert. Er hat es als Folge von Briefen an einen Freund konzipiert. Den irreführenden Titel („Wie Gertrud …“) hat sein Verleger gewählt, in Anlehnung an einen früheren Bucherfolg. Die zeittypischen Herzensergüsse Pestalozzis kürze ich weg. Im Netz: www.heinrich-pestalozzi.info/

 

1.Brief:

„Ich lebte jahrelang im Kreise von mehr als fünfzig Bettlerkindern; teilte in Armut mit ihnen mein Brot; lebte selbst wie ein Bettler, um zu lernen, Bettler wie Menschen leben zu machen.

Das Ideal ihrer Bildung umfaßte Feldbau, Fabrik und Handlung. Ich war in allen drei Fächern voll hohen und sicheren Taktes für das Große und Wesentliche dieses Plans, und noch heute kenne ich keinen Irrtum in den Fundamenten desselben. Das ist denn aber hingegen auch ganz wahr, es mangelte mir ebenso in allen drei Fächern, die Fertigkeiten des Details und eine Seele, die sich an die Kleinigkeiten desselben mit Festigkeit anschloß; auch war ich nicht reich genug, und zu verlassen, um durch ein genügsames Personal unter mir auszufüllen, was mir mangelte. Mein Plan scheiterte.

 

Ich kannte das Volk, wie es um mich her niemand kannte. Der Jubel seines Baumwollverdienstes, sein steigender Reichtum, seine geweißten Häuser, seine prächtigen Ernten, selbst das Sokratisieren einiger seiner Lehrer, und die Lesezirkel unter Untervogtssöhnen und Barbieren täuschten mich nicht. Ich sah sein Elend; aber ich verlor mich in dem umfassenden Bild seiner zerstreuten isolierten Quellen, und rückte in der praktischen Kraft, seinen Übeln zu helfen nicht in dem Grade vorwärts, in dem sich meine Einsichten über die Wahrheit seiner Lage ausdehnten; und selbst das Buch, das mein Gefühl von diesen Lagen meiner Unschuld auspreßte, selbst Lienhard und Gertrud war ein Werk dieser meiner inneren Unbehilflichkeit, und stand unter meinen Zeitgenossen da, wie ein Stein, der Leben redet und tot ist. Viele Menschen gaben ihm einen Blick, aber fanden sich so wenig in mir und meinen Zwecken, als ich mich im Detail der Kräfte und Einsichten, die seine Ausführung voraussetzten, fand.

Ich vernachlässigte mich selber, und verlor mich im Wirbel des gewaltsamen Drangs nach äußeren Wirkungen, deren innere Fundamente ich nicht tief genug in mir selbst bearbeitete.

//Er verfasste einige Bücher//

Stans 1799

Freund! Ich will dir den Umfang meines Seins und meines Tuns seit diesem Zeitpunkt offen enthüllen. Ich hatte bei dem ersten Direktorium durch Legrand für den Gegenstand der Volksbildung Vertrauen gewonnen; und war auf dem Punkt einen ausgedehnten Erziehungsplan im Aargau zu eröffnen, als Stans verbrannte, und Legrand mich bat, den Ort des Unglücks für einmal zu dem Ort meines Aufenthalts zu wählen. Ich ging. – Ich wäre in die hintersten Klüfte der Berge gegangen, um mich meinem Ziel zu nähern, und näherte mich ihm wirklich; aber denke dir meine Lage – ich einzig; gänzlich von allen Hilfsmitteln der Erziehung entblößt; ich einzig – Oberaufseher, Zahlmeister, Hausknecht und fast Dienstmagd, in einem ungebauten Haus, unter Unkunde, Krankheiten und Neuheiten von aller Art. Die Kinder stiegen allmählich bis auf achtzig, alle von ungleichem Alter, einige von vieler Anmaßung, andere aus dem offenen Bettel; alle, wenige ausgenommen, ganz unwissend. Welch eine Aufgabe! sie zu bilden, diese Kinder zu entwickeln, welch eine Aufgabe!

Ich wagte es sie zu lösen, und stand in ihrer Mitte, sprach ihnen Töne vor, machte sie selbige nachsprechen; wer es sah, staunte über die Wirkung. Sie war freilich ein Meteor, der sich in der Luft zeigt, und wieder verschwindet, niemand kannte ihr Wesen, ich erkannte es selbst nicht. Sie war die Wirkung einer einfachen, psychologischen Idee, die in meinem Gefühl lag, der ich mir aber selbst nicht deutlich bewußt war.

Es war eigentlich das Pulsgreifen der Kunst, die ich suchte – ein ungeheurer Griff, – ein Sehender hätte ihn gewiß nicht gewagt; ich war zum Glück blind, sonst hätte ich ihn auch nicht gewagt. Ich wußte bestimmt nicht, was ich tat, aber ich wußte, was ich wollte, und das war: Tod oder Durchsetzung meines Zwecks.

Aber die Mittel zu demselben waren unbedingt nur Resultate der Not, mit der ich mich durch die grenzenloseste Verwirrung meiner Lage durcharbeiten mußte.

Ich will ein wenig ins Umständliche gehen. Da ich mich genötigt sah, den Kindern allein und ohne alle Hilfe Unterricht zu geben, lernte ich die Kunst viele miteinander zu lehren, – und da ich kein Mittel hatte, als lautes Vorsprechen, ward der Gedanke, sie während dem Lernen zeichnen, schreiben und arbeiten zu machen, natürlich entwickelt. Die Verwirrung der nachsprechenden Menge führte mich auf das Bedürfnis des Taktes, und der Takt erhöhte den Eindruck der Lehre. Die gänzliche Unwissenheit von allem machte mich auf den Anfangspunkten lange stehenbleiben, und dieses führte mich zu Erfahrungen von der erhöhten inneren Kraft, die durch die Vollendung der ersten Anfangspunkte erzielt wird, und von den Folgen des Gefühls der Vollendung und der Vollkommenheit auch auf der niedersten Stufe. Ich ahnte den Zusammenhang der Anfangspunkte eines jeden Erkenntnisfaches mit seinem vollendeten Umriß wie noch nie, und fühlte die unermeßlichen Lücken, die aus der Verwirrung und der Nichtvollendung dieser Punkte in jeder Reihenfolge von Kenntnissen erzeugt werden müssen, ebenso wie noch nie. Die Folgen der Aufmerksamkeit auf diese Vollendung übertrafen meine Erwartungen weit, es entwickelte sich in den Kindern schnell ein Bewußtsein von Kräften, die sie nicht kannten, und besonders ein allgemeines Schönheits- und Ordnungsgefühl; sie fühlten sich selbst, und die Mühseligkeit der gewöhnlichen Schulstimmung verschwand wie ein Gespenst aus meinen Stuben; sie wollten, – konnten, – harrten aus, – vollendeten, und lachten, – ihre Stimmung war nicht die Stimmung der Lernenden, es war die Stimmung aus dem Schlaf erweckter, unbekannter Kräfte, und ein geist- und herzerhebendes Gefühl, wohin diese Kräfte sie führen könnten und führen würden.

Kinder lehrten Kinder, sie versuchten, was ich nur sagte. Auch hierzu führte mich die Not. Da ich keine Mitlehrer hatte, setzte ich das fähigere Kind zwischen zwei unfähigere, es umschlang sie mit beiden Händen, sagte ihnen vor, was es konnte, und sie lernten ihm nachsprechen, was sie nicht konnten.

Meine Überzeugung ist jetzt vollendet; sie war es lange nicht, aber ich hatte in Stans auch Kinder, deren Kräfte noch ungelähmt von der Ermüdung einer unpsychologischen Haus- und Schulzucht sich schneller entfalteten. Es war ein anderes Geschlecht; selbst ihre Armen waren andere Menschen als die städtischen Armen, und als die Schwächlinge unserer Korn- und Weingegenden. Ich sah die Kraft der Menschennatur und ihre Eigenheiten in dem vielseitigsten und offensten Spiel, ihr Verderben war das Verderben der gesunden Natur, ein unermeßlicher Unterschied gegen das Verderben der hoffnungslosen Erschlaffung und der vollendeten Verkrüppelung.

Ich sah in dieser Mischung der unverschuldeten Unwissenheit eine Kraft der Anschauung und ein festes Bewußtsein des Anerkannten und Gesehenen, von der unsere ABC-Puppen auch nur kein Vorgefühl haben.

Ich lernte bei ihnen, ich hätte blind sein müssen, wenn ich es nicht gelernt hätte, – das Naturverhältnis kennen, in welchem Realkenntnisse gegen Buchstabenkenntnisse stehen müssen; ich lernte bei ihnen, – was die einseitige Buchstabenkenntnis, und das ohne einen Hintergrund gelassene Vertrauen auf Worte, die nur Schall und Laut sind, der wirklichen Kraft der Anschauung, und dem festen Bewußtsein, der uns umschwebenden Gegenstände für einen Nachteil gewähren könne.            So weit war ich in Stans. Ich fühlte meine Erfahrungen über die Möglichkeit den Volksunterricht auf psychologische Fundamente zu gründen, wirkliche Anschauungserkenntnisse zu seinem Fundament zu legen, und der Leerheit seines oberflächlichen Wortgepränges die Larve abzuziehen, entschieden. Ich fühlte, daß ich das Problem dem Mann von Tiefblick und unbefangener Kraft auflösen könne; aber der befangenen Menge, die, wie Gänse, welche, seitdem sie aus der Schale geschlüpft, im Stall und in der Küche gefüttert wurden, alle Flug- und Schwimmkraft verloren hat – dieser befangenen Menge konnte ich noch nicht weiß machen, was ich wohl wußte.

Es war Burgdorf vorbehalten, mich hierfür in die Schule zu nehmen. “ ( …)

 

Arthur Schopenhauer schildert seinen Besuch des Elementarunterrichts in der  Anstalt im Juni 1803 (?).

Ich resümiere seine Beobachtungen. (Zitate kursiv.)

Eine neue Methode, ganz ohne Hülfe des Gedächtnisses und ohne die Aufmerksamkeit von der Sache selbst durch Begriffe oder Zahlen abzulenken.

Die sinnliche Vorstellung von der Sache geben –  wird am Rechnen und an den Sprachen illustriert.

Arthur versetzt sich in die Schüler und findet die Methode auf jeden Fall sonderbar. Sowohl beim Kopfrechnen mit Pappstücken, als auch am Sprachunterricht mit Demonstration der Körperteile stellt er die Dressur in den Vordergrund, bei letzterem muss die Schülergruppe als Chor agieren. Von den frei gezeichneten geometrischen Figuren zeigt er sich später uneingeschränkt beeindruckt. Arthur vertritt den selbstbewussten erfahrenen Schüler, der seine eigene Lernökonomie entwickelt hat (beschwerliche Verlängerung; den Begriff DREY schon haben muß; gewohnt, mit der Feder zu rechnen)

Aus moderner Sicht ist das Einbeziehen aller Sinne gut, aber das Versteifen auf eine Lehr- und Lernmethode für Alle ist ungünstig.

Kann durchaus nicht Schüler gebrauchen, die schon einen anderen Unterricht genossen haben. – Mir missfällt spontan, dass Pestalozzi ‚jungfräuliche’ Schüler verlangt. Es passt zwar zum Elementarunterricht – die Fähigkeiten und Kenntnisse sollen eingeschliffen werden. Ich denke da an den ‚richtigen’ Beginn etwa im Geigenunterricht – Es passt aber verallgemeinert auch zu einem rechthaberischen Methoden-Monismus, nicht nur 18. Jahrhundert.

Arthur spricht das Wort mechanisch im Zusammenhang des Rechen-Drills aus, der bis zur Zahlenakrobatik der geübtesten Kopfrechner führen kann. Arthur äußert Zweifel, ob sie damit (den Stücken Papp) bei großen zusammengesetzten Aufgaben durchkommen, fragt sich aber auch generell, ob durch diese Methode verständigere Menschen gebildet werden.

Zur Unterrichtssprache: Das schlechte Schweizerdeutsch macht pädagogisch Sinn: 1. in einer Elementarschule, wenn man ohne die Aufmerksamkeit von der Sache selbst abzulenken unterrichten will, 2. im provinziellen Milieu Schweizer Bauern. – Etwas anderes ist der Niedergang des Hochdeutsch seit 1945 in der Schweiz und die Renaissance des Dialekts, übrigens auf Kosten der Welschschweizer, die Schriftdeutsch lernen.

Der persönliche Eindruck Pestalozzis auf Arthur: ein außerordentlicher Grad von Lebhaftigkeit. Damit erfüllt er das Klischee des beseelten Reformpädagogen und Schulgründers, dennoch scheint Arthur enttäuscht. Das ganze Projekt erscheint in Arthurs Bericht eher kurios, Von den Lehrern aus den niederen Volcksklassen, sagt Pestalozzi, dass sie seine Methode befolgen und nicht nach eigenen Grundsätzen arbeiten.

Ich kann Pestalozzis Gründe nachvollziehen, aber die Hierarchie macht sie zu Handlangern bei seinen Experimenten. Ohne Vorurteile heißt hier bereitwillig und gutmüthig. Vom gesunden Menschenverstand der Leute hat Arthur – im Abschnitt über den Jahrmarckt im Flecken Burgdorf – keine gute Meinung. Kein Jahr später verlegt Pestalozzi sein Institut nach Yverdon-les-Bains (Kanton Waadt). Warum eigentlich?

 

Noch etwas zum Bild des Grundschullehrers: Es gibt viele Schilderungen und filmische Dokumente wunderbarer, engagierter und kreativer Lehrer überall in der Welt, die teilweise unter schwierigen Bedingungen arbeiten. Pestalozzi war einer von ihnen in Stanz. Schön ist z.B. auch der Dokumentarfilm „Sein und Haben“ von Nicolas Philibert von 2003 aus dem französischen Massif Central. (DVD)

Arthur deutet das überwölbende Konzept nur an, hält sich an von ihm beobachtete Details von Pestalozzis Methode. Er spiegelt ungeschönt seinen persönlichen Eindruck vom berühmten Mann. Er trifft auf eine Schule und ihren Alltag. Von ihrer Krise erfährt er ohnehin nichts.

 

Wikipedia:

1804 verlegte Pestalozzi sein Institut, wo er – gemeinsam mit einer Reihe bedeutender Mitarbeiter – seine Methode weiterentwickelte und in zahlreichen Schriften  publizierte. (…)

Im Wesentlichen forderte seine ‚Idee der Elementarbildung‘ eine naturgemäße Erziehung und Bildung, die die Kräfte und Anlagen des Kopfs (intellektuelle Kräfte), des Herzens (sittlich-religiöse Kräfte) und der Hand (handwerkliche Kräfte) in Harmonie entfaltet. Die Bayerische Akademie der Wissenschaften nahm ihn 1808 als auswärtiges Mitglied auf.

Interne Streitigkeiten in der Lehrerschaft um seine Nachfolge, die schon den Schüler Friedrich Fröbel 1810 zum Verlassen der Anstalt bewogen hatten, führten das Institut in Yverdon in den Ruin. 1825 musste Pestalozzi auch diese Anstalt schließen und zog sich auf den Neuhof zurück. Am 17. Februar 1827 wurde er wegen einer schweren Erkrankung nach Brugg gebracht, was die ärztliche Pflege erleichtern sollte. Zwei Tage später verstarb er dort im Alter von 81 Jahren in den Morgenstunden.

 

Für Kontext und Einschätzung der Reiseerfahrungen Arthurs ist folgender Aufsatz  zu empfehlen: Lüdtkehaus-ausfahrt des Buddha-1988

 

 

 

 

 

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