Liao Yi-wu’s literarische Interviews – eine Vorrede

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Vorrede fĂŒr eine (nicht realisierte) PrĂ€sentation auf der Baustelle des MAK Frankfurt im FrĂŒhjahr 2013

Warum fĂ€llt mir Brecht ein, der alte Haudegen unter den Poeten? Oder Lu Xun’s Warnrufe: seine Vergleiche des Alten in seinem Garten oder des brennenden Hauses und der Ruf „Rettet die Kinder!“ Heute lese ich: „Viel Norden im SĂŒden – viel SĂŒden im Norden – Globale Entgleisungen“ oder  „Der SĂŒden als Vorreiter der Globalisierung“. Die Autoren des in der FAZ 9.1.13 besprochenen Buches reden von Indien, Afrika, Brasilien. China eingeschlossen wĂŒrden sie von ĂŒber Dreiviertel der Menschheit reden. Angesichts solcher Zahlen ĂŒberheben sich politische Projekte, Argumentation und vor allem Polemiken. Wie gut, dass wir unsere Klassiker haben, dann wissen wir auch schon, was ihre Ermahnungen und Warnungen fruchten: Nichts. So wenig wie die Anstrengungen der Publizisten, Ausstellungsmacher und Lehrer.

Ich darf in meinem Vortrag also Abstand halten von der Politik, zumal ich in einem wenn auch entkernten Museumsbau spreche. Unser Standpunkt ist ohnehin abgehoben.

Leisten wir uns den Luxus der individuellen SensibilitĂ€t und des persönlichen Horizonts auch in den Menschheitsfragen, die mit „MenschenwĂŒrde“ und „Menschenrechten“ umrissen sind. Ich darf also von dem Erwachen eines alten Mannes im Garten des Lu Xun sprechen, von einer bemerkenswerten Augen-OP und der folgenden Neuentdeckung der sichtbaren Welt. Auch die hĂ€lt bekanntlich nur ein paar Tage an. Der Chirurg heißt Liao Yi-wu und seine Methode ist das literarische Interview.

Die Wirkung habe ich jetzt am Katalog einer großen Fotoausstellung vor mittlerweile sieben Jahren 2006 im MMK gespĂŒrt. Ich kann mich an keinen nachhaltigen Effekt der Ausstellung erinnern, obwohl meine Frau behauptet, schon damals beeindruckt gewesen zu sein. Die FĂŒlle der Momentaufnahmen auf der ganzen Wand in drei Reihen ĂŒbereinander, die auf uns einstĂŒrmte schockierte als Gesamtkunstwerk. Was hatte das mit „Humanismus in China“ zu tun? War das nicht Etikettenschwindel, eine zynische Version von “The Family of Men“ (1951, seit 2003 ‚Weltdokumentenerbe’) ? *

Selbst wo Individuen gezeigt wurden, wurden sie ausgestellt als aus einem chaotischen Kosmos heraus zufĂ€llig vergrĂ¶ĂŸerte Ameisen. Dabei kamen die Fotografen offensichtlich nicht einmal ĂŒberall hin. Vor allem: Auch sie blieben bis auf lakonische Bildtitel stumm. Nun geschieht das Wunder dank Liao Yi-wu und seiner deutschen Übersetzer Hans Peter Hoffmann und Brigitte Höhenrieder: Einige ‚Ameisen’ beginnen zu sprechen! Was auf Fotos zu wenigen gestisch gelang (z.B. Kat. S.302). Der Autor hĂ€lt uns jeweils geraume Zeit bei seinen GesprĂ€chspartnern. Welchem Fotografen wĂŒrde das gelingen? Wir hören ihnen zu – vom gedruckten Text gesteuert. Ein Hörbuch wĂ€re noch einmal etwas anderes.

Was sie sagen, öffnet uns weitere Dimensionen. Wir sind ja nicht ganz ungebildet. Wir haben vielleicht altchinesische Romane gelesen- wie „Die drei Reiche“, „Die RĂ€uber von Liang Shan Moor“ oder irgendwann eine Weltmusik-CD etwa mit dem Titel „Folk Instrumental Traditions“ erstanden und dann im Regal vergessen, eine Peking-Oper gesehen oder Propagandafilme aus dem China der siebziger Jahre, wir haben vor allem Fernsehreportagen ohne Ende gesehen und Zeitungsberichte in den Sparten Feuilleton oder „Aus aller Welt“ gelesen… Was wir alles im Laufe der Jahre aus China vernommen haben …. Wir mĂŒssen den Gang der Unterredungen nur anhalten und unser GedĂ€chtnis befragen. Vielleicht stellt es uns Passendes zur VerfĂŒgung.

Ich nehme meinen Mut zusammen und beschrĂ€nke mich heute aufs – modellhafte – Illustrieren.

10.2.2013 geschrieben, 4.12. redigiert

 

 

*     25.6. 2006           Sonntagmorgen auf dem Balkon.

Ich horche in die Welt hinaus.: Kein Laut dringt aus China, dem Sweatshop fĂŒr die ganze Welt, nur ein paar hundert Bilder, die man erst zu einer Feststellung zusammenzĂ€hlen muss. Von den Massen im Stadion nebenan oder denen am Mainufer ist ja auch nichts zu vernehmen, wenn sie zu ihrem VergnĂŒgen zusammenströmen.

Kein Aufschrei ist aus dem Museum fĂŒr Moderne Kunst zu hören, das wĂ€re auch sehr verwunderlich. Überhaupt entspricht es dem Zeitgeist, Wahrheiten aus dem politischen Raum zu verbannen, den unbedarften Leuten der gehobenen Ästhetik- und Eventproduktion zu ĂŒberlassen. Den Mantel der sprachlosen Beliebigkeit darĂŒber zu breiten. Der Ethnologie ist das China der einen Milliarde Han auch zu groß.

Der politischen Zensur in der Heimat unter den Schutz des Kunst-Labels entkommen, gerÀt die Dokumentation international in die  KUNST-Falle. Die einzelnen Fotos  tragen oft nicht. Es ist schon die Komposition, und die ist  mir im Museum weniger durchsichtig gewesen als nun im Katalog. Man war zu nah dran, das Redundante hat die Differenzierungen totgeschlagen. 

 

 

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