Ein ganz besonderer Abend und ein ganz persönliches Protokoll

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Ich hatte Nietzsches Aufsatz gelesen und dabei gemarkert: Nietzsche-Schopenhauer als Erzieher-markiert

Schopenhauer der Erzieher – Jour Fixe am 31.Jan.2013 

„Schopenhauer als Erzieher“ (Nietzsche) – Ich platze eigentlich ungewollt mit meiner Enttäuschung heraus, dass er sich bloß auf die Vita beziehe, so als hätte er das Werk Schopenhauers gar nicht gelesen. Thomas widerspricht, verweist auf später. Der neben mir sitzende Lehrerkollege Schubert bietet eine Lösung an: Schopenhauer werde bloß als Erzieher vorgestellt, wie er auf N. wirke. Thomas: als „Lebenslehrer, nicht als Leselehrer“.

Thomas bewertet „Schopenhauer, der Erzieher“ als anspruchsvolleren Titel. Ich reagiere impulsiv auf das Wort „Erzieher“ und nehme „Erzieher, erziehen“ auseinander. Bereits das Wort zeige den Gehalt: „ziehen und Gezogene“, „er-„ zu etwas hin, erst recht „umerziehen“. Ich mobilisiere die Totalitarismen des 20.Jahrhunderts. Heute werde „Erzieher“ für die unterste Kategorie von Pädagogen verwendet. Lasse nicht locker.

Die wunderbare lebendige alte Dame, die sich als Nietzsche-Fan gibt, kontert: „Für mich ist im Gegenteil Lehrer ein belastetes Wort.“ Das sitzt. Sie wird am Ende von der Lebhaftigkeit der Sitzung begeistert sein.

Ob Nietzsche (politisch) „missbraucht“ worden sei? – Habe er nicht entsprechende Vorgaben geliefert? Schon als Gymnasiast habe er „Sparta“ verherrlicht. Dazu wird die Meinung geäußert, er habe sich erst später gegen seinen Erzieher gewandt. Ich habe aber von seinen ganz eigenen Koordinaten erfahren, die er bereits als Gymnasiast zeigte.

Wenn aber Kants „Selber denken“, wenn Schopenhauers „Selbstbildung“ das Ziel der „Erziehung“ seien, dann müsse auch die Haltung der Erzieher dem entsprechen. Selbst die Rechtsordnung trage dem heute Rechnung durch Übergänge auf dem Weg zur Mündigkeit des jungen Menschen. Ich erwähne Kant und zitiere aus Sommers Studie „Identität im Übergang. Kant“. Thomas ist erstaunt, dass ich den Ausdruck „Selbstbildung“ als heutigen akzeptiere. Doch wie ist es heute? Daran bricht eine heftige Generaldebatte über unsere Zeit aus. Die Dame protestiert vergeblich: „Nietzsche, wir wollten doch …“. Der Sturm legt sich erst nach geraumer Zeit. Im Urteil über unsere Zeit herrscht jedoch weitgehende Übereinstimmung. Es sind einzelne Feststellungen, die zu Eklats führen.

Meine Absicht würde ich heute der Gruppe gegenüber so erklären:

Nietzsche ist anders gepolt als Schopenhauer. Wir sollten seinen Kompass zu erkennen versuchen, die zeitliche Entwicklung des äußeren Verhältnisses nicht überbetonen. Sie erklärt für sich genommen noch nichts. Je früher wir die Abweichung ihrer Polung wahrnehmen, desto besser.

Zum Beispiel „Die Einsamkeit des Genies“ – ein ganz schlüpfriges Gelände. Die ‚geradezu empörende’ Einsamkeit Schopenhauers ist nicht dasselbe wie die programmatische Einsamkeit bei Nietzsche. Die von Thomas angesprochenen Polemiken gegen „die Universitätsphilosophie“ und Lehre  allgemein  werden sofort von einigen als überzeugend akzeptiert. Ich sage, er sei in Basel selber die Karikatur eines Universitätslehrers gewesen, ein Sonderling, fachlich vielleicht sogar faul. Natürlich lebte er auch von der Lehre.  Die von ihm angeprangerten Interessen und Handlungsmaximen staatlicher Bildungspolitik seien auch nichts Neues in der Geschichte. Vor allem hätte seine Forderung planmäßiger Aufzucht von „Genies“ mit Schopenhauers Philosophie nichts zu tun.

Natürlich flicke ich Nietzsche bei jedem sich ergebenden Anlass am Zeug, so als müsste ich die ungreifbare Faszination, die von ihm ausgeht, in Schach halten. Er soll ja in den weiteren Sitzungen immer wieder als unverhoffter Gast auftreten. Unangenehmer Gedanke. Zeitweise sehe ich schwarz für mein Verbleiben in der Gruppe. Dann erscheint es mir sinnlos. Obwohl ich im Kreis wieder eine pädagogische Aufgabe sehe, so wie ich das 2010 und 2011 empfunden habe, als es um Glück, Kommunisten u.ä. ging. – „Bei wem habt Ihr denn Geschichte gehabt?!“ (Gelächter)

Ich operiere auch mit Schlaffers Studie: „Das entfesselte Denken“, ich habe eben keine umfassende Kenntnis von N. im Rücken, gebe nicht einmal vor, sie zu haben. Mein Nachbar auf der linken Seite empfiehlt mir statt der Internet-Ausdrucke „eine richtige Ausgabe“, ich erkläre, die Werkausgabe irgendwann verkauft zu haben. Samstag werde ich im Antiquariat einer zehnbändigen Taschenbuchausgabe begegnen, blättere und lege sie weg. Ich will gar nicht wissen, was er alles aber auch geschrieben hat. Dafür ist er ja bekannt. Thomas nennt ihn in diesem Kontext Literat. Ihm Gerechtigkeit widerfahren zu lassen, ist das etwa ein Problem des Jour Fixe? Wir haben bereits ein Thema zur Untersuchung: „Schopenhauer der Erzieher“. Das Ergebnis wird für mich nicht von Nietzsches Urteil abhängen.

Thomas will den Erzieher Schopenhauer an Nietzsche reflektieren. Das könnte ein regelrechter Zerrspiegel sein. Wenn wir prüfen, dann aber zweckgerichtet und zeitökonomisch. Ich habe mich persönlich für die uns genannte Originalschrift und Schlaffers stilkritische Studie entschieden.

Es ist schon beeindruckend, aber durchaus nachvollziehbar, wer alles zu seiner Zeit von Nietzsche etwas gelernt hat, aber müssen wir nach alledem auch von ihm lernen? Wozu den beschwerlichen Landweg über die unmittelbare Nachwelt nehmen? Meiner Generation (68er) verbaut deren Rezeption Nietzsches eher den Zugang zu Schopenhauer. Von seinem Werk will ich zurück treten auf den mir entsprechenden Abstand, das heißt, es in heutigem Licht und aus heutiger Perspektive sehen. Urs Apps Studien gehören dazu, auch Jean-Claude Wolf (z.B. „Pantheismus nach der Aufklärung“, 2013).

Ich praktiziere inzwischen ein Modell des Studiums, das sich an Expeditionen, Notgrabungen und Pilotstudien orientiert. So versuche ich immer noch, mit der „Selbstbildung“ voranzukommen.

Schlaffer kommt mir darin besonders entgegen, indem er analytische Instrumente an die Hand gibt. Überhaupt empfehlen sich erfahrene Gelehrte wie Sommer, App oder Schlaffer – sie lassen die Eigenheiten ihres Zugangs zum Original transparent werden. Polemiker scheiden aus. Das kann ich selber.

Zurück zum Jour Fixe: Thomas schlägt vor, auch den historischen Zeitpunkt der Schrift Nietzsches zu beachten: das Deutsche Reich nach 1871. Bismarck-Deutschland wird unter lauten Rufen zum Buhmann. Growe schleudert stellvertretend das Wort „autoritär“ in den Raum. Bob steht mir beim Thema der Brutalität Amerikas zur Seite. Schopenhauer wertete den wie auch immer gearteten Rechtsstaat sehr hoch. 1848 erwähnte ich.

Ich werde in der Diskussion regelrecht zum Apologeten Schopenhauers, als würden wir bereits zu einer Nietzsche-Gesellschaft mutieren. Ich rufe die Errungenschaften des vergangenen Jahres in Erinnerung. Ich beschwöre den Buddhismus und dessen Haltung zu einer Aufgeregtheit wie der Nietzsches und seinen beleidigten Klagen über fehlende öffentliche Anerkennung und zu seinen kulturrevolutionären Phantasien.

Thomas hält sich in seiner Rolle als Leiter und Moderator zurück, und es gelingt ihm, bis viertel vor acht den Programmüberblick  zu Ende zu bringen.

Ich registriere deutlich, wie er an einzelnen Punkten grundsätzlich kritische Position bezieht:

Nietzsche schreibe als Literat, nicht als Philosoph, und er schreibe gut.

Er sei „ein Übertreibungskünstler“. Er markiere im Text seine Positionen oft nur andeutungsweise.

Und gegen Einsprüche aus dem Kreis bekräftigt Thomas: Ja, er habe später Schopenhauers Lehre als ganze als abgetan, abgefertigt, nicht etwa nur unaktuelle wissenschaftliche Bestandteile. „Woher hätte er darüber auch etwas wissen sollen“, sagt Thomas.

Meine Stimmung ist am Ende ausgesprochen aufgekratzt, fast euphorisch, Gott weiß warum. Anschließend gehen wir hinüber zur Vernissage bei den Rothe’s. Die Japanische Künstlerin: buddhistische Geduld, weibliche Empfindsamkeit, Temperafarben auf Leinwand, recht kleinformatig über Keilrahmen gespannt, das mag eine Zen-Performance ausmachen, aber das Ergebnis ist „Tapete“.

Fotos machen: Die markanten Köpfe der Gesellschaft kommen im ausgeklügelten Licht davor sehr gut. Die Anarchisten im Kreis bilden ein wildes philosophisches Quartett. Wir posieren. Bob macht mir ein sehr willkommenes Kompliment: Ich könne ganz unten und fest in die Eier greifen. Der Anlass: ich habe vom Wein beflügelt N. mit den Teilnehmern des Dschungelcamps verglichen: „Holt mich hier raus. Ich bin ein Star.“ Thomas führt ernste Gespräche, eins nach dem anderen.

Geschrieben Freitag, redigiert am Mittwoch, den 6.2.2013

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