Liao Yi-wu – Der Weg ist zu weit. 9.2.2013

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Ich lernte ihn nicht über die Medien kennen, sondern über ein Buch in der Mitte der Sommerferien. Es gab ja viel Wirbel um ihn. Und der hat sich bis zum Herbst (Friedenspreisrede in Frankfurt) noch verstärkt. Seither habe ich die nagende Sorge, mein Zugang über das Buch könnte verschüttet gehen. Jemand fragte mich: wie Pekingmenschen (dt.1986)? Ich konnte mich gar nicht mehr recht erinnern. Als ich Stephans Angebot einer Veranstaltung bereits angenommen hatte, las ich darin und bemerkte die erste Hürde: Das oberflächliche, vordergründig politische Interesse der Leute an solchen Berichten und die entsprechende Rezeption. Dagegen ist Liao nicht gefeit, wie Wen Huang  in seiner kritischen Rezension der amerikanischen Übersetzung zeigt. Liao Yi-wu ist eminent politisch, aber auch wieder nicht, genau wie seine Rede in der Paulskirche: Er kündigt der KP einfach das Mandat des Himmels auf. Er hat das Zeug zum visionären Bauernkaiser.

Dann kam mir die Sprachbarriere zu Bewusstsein. Selten habe ich es so schmerzlich empfunden, nicht den Originaltext lesen zu können wie diesmal. Übersetzung ist immer Vertrauenssache. In diesem Fall fand ich ein positives Indiz: Eine von Linda Jarvis näher beleuchtete Textstelle haben die deutschen Übersetzer treu übersetzt.

Immerhin: Wir können wenigstens für lichte Momente die Wände um unser Glashaus einreißen und uns chaotischen Gefühlen überlassen. Liao hilft dabei. Er ist Reisender durch diese Sphären, mancher seiner Gesprächspartner auch. Que Yue: Wir sind alle blind – wir wissen alle nicht, wo’s langgeht. (ebd. 486)

 

Später am Abend.

Soll doch der Hans Peter Hoffmann auftreten! Privatdozent und Übersetzer der Geschichten, der „gerne zu Lesungen kommt“, wie auf seiner Website steht.

Ich spüre eine Menge Fäden, aber durchwegs abgerissene Fäden zu China! Selbst die chinesischen Rockmusiker der Achtziger sind weit weg! Mich haben meine eigenen Reiseerinnerungen verlassen. Was mich aber immer noch elektrisiert, sind die Bilder. Dabei war der Nachklang von „Humanismus in China“ extrem dissonant. Mit dem Katalog öffnet sich mir eine neue Dimension. Ich hasse Bilderfluten und Bilderinflation. Die alten Fotos aus der französischen Zeitschrift ’VU’, Hedda Hammer, Kollegin Wiegmanns und v.Brandts Zeitungsstiche …. dann die Klänge, die wilden Klänge: Von chinesischer Oper und Trauermusik zu Liao’s Gebrüll mit Flöte (Das Mädchen Hallo.. , 465) … die Legenden, Opernstoffe und Romane, die Geschichte, der Maoismus als Kulturgeschichte oder die Geschichte der Unterdrückung in Das ummauerte Ich mit seiner Higher Kind of Loyality.

War ich nicht seit der Zweiten Examensarbeit stolz auf meinen historisch fundierten Durchblick?  Ich stehe für unorthodoxe Blickwinkel, den synästhetischen Medienmix, die Detailbeobachtung, das Crossover zwischen Wissenschaft und Poesie. Ich schrecke heute vor einer so breiten Aufgabenstellung zurück, ebenso wie vor der Konkurrenz zu Fachleuten. Flusser hat mich lange viel Kraft gekostet, in China werde ich aber immer Analphabet bleiben; jetzt dachte ich sogar an eine Pekingreise. Mir werden die unbeackerten Felder in meiner Nähe bewusst. Die Lebensepoche der provozierten Fremdheit ist für mich vorüber. Ich werde in rasantem Tempo bescheidener – und bequemer.  Die chinesischen Früchte hängen mir zu hoch. Abschied nehmen? Vielleicht, wenn’s die Geschichten, Bilder und Töne und Legenden zulassen.

 

 

 

 

 

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