Konzeptionell, ethisch, politisch, methodisch und biografisch sind die verschiedenen Kunstszenen Chinas miteinander verbunden. Humanismus in China, eine Zusammenstellung von 600 Fotos von 250 Fotografen ĂŒber 50 Jahre, mit Betonung der letzten 25 Jahre, wurde 2007 in Frankfurt im MMK gezeigt. Da die damaligen Katalogtexte nicht gut zugĂ€nglich sind, fasse ich deren Kernbotschaften hier zusammen und erörtere sie in Richtung Liao Yi-wu und seiner literarischen Interviews.
ErlĂ€uterung des Titels „Humanismus in China“
Der irritierende, weil so ungreifbare und mit dem ersten Eindruck der Ausstellung unvereinbare Begriff Humanismus sollte nicht die gezeigten VerhÀltnisse charakterisieren, die Bilder sollten nicht die Geltung humanistischer Prinzipien vortÀuschen. Er bezeichnet:
1.
eine Haltung von Intellektuellen. Bao Kun zitiert S. 21 eine Definition des bekannten arabischen Gelehrten Edward Said: â âDer zentrale Punkt scheint mir zu sein, dass der Intellektuelle ein Individuum ist, das die FĂ€higkeit besitzt, eine Botschaft, eine Sicht, eine Haltung, Philosophie oder Meinung in der Ăffentlichkeit zu reprĂ€sentieren, zu verkörpern und zu artikulieren.â (vgl. AusfĂŒhrungen S.20!)
2.
Eine Bewegung in mehreren Medien: Musik, Literatur und Poesie, Fotografie und den anderen bildenden KĂŒnsten mit flieĂenden ĂbergĂ€ngen, was den sozialen und kĂŒnstlerischen, formalen Rang angeht.
Yan Wendou stellt fest: Wenn man sich die LebenslĂ€ufe der an der Ausstellung teilnehmenden Fotografen, fĂ€llt einem sofort auf, dass viele von ihnen auch als Kunstmaler und Literaten gearbeitet haben. Viele unter ihnen haben sowohl einen klaren Blick als auch einen scharfen Verstand. Viele schreiben genauso gut wie sie fotografieren könne, oder sie können sogar besser schreiben. Aber warum entscheiden sie sich fĂŒr die Dokumentarfotografie? Ich denke, wenn es in unserer Gesellschaft nicht so viele LĂŒgen und TĂ€uschungen gĂ€be, wĂŒrden viele dieser 250 Fotografen nicht der Dokumentarfotografie nachgehen. sie wĂŒrden sich eher mit den abstrakten KĂŒnsten beschĂ€ftigen oder einen leichteren Job suchen. (…) Der selbstĂ€ndig denkende Kopf hinter dem Objektiv macht das Wesen einer guten Fotografie aus. viele chinesische Dokumentarfotografen sind Denker und Humanisten und drĂŒcken sich mittels âDokumentarfotografie aus. Sie leiden unter den mehrfachen ZwiespĂ€lten und WidersprĂŒchen, denen sie tĂ€glich ausgesetzt sind: zwischen Ideen und Ausdrucksmöglichkeiten, zwischen RealitĂ€t und Abstrahierbarkeit (von?) unserer Welt, zwischen Sprache und Bildern, zwischen Schnelllebigkeit unserer Zeit und RĂŒcksichtsnahme auf die MenschenwĂŒrde, zwischen Beharrlichkeit und Opportunismus. sie wollen sich ihre SchĂŒssel Reis verdiene, gleichzeitig aber auch die Welt retten. (48L-M)
3.
FĂŒr die Fotografie bedeutete Humanismus eine Haltung, die im Widerstand gegen die illusionĂ€re Welt chinesischer Medien der 60er und 70er Jahren entstand, als der Begriff des Menschlichen einfach auf den Kopf gestellt wurde und die Menschen vor den Kameralinsen zu einer Art Amateurschauspielern wurden, wie Shi Baoxiu (S.33 in: Die Darstellung des Menschlichen in der chinesischen Fotografiegeschichte) formuliert. Die Fotografen schenkten den natĂŒrlichen Bildern, dem realistischen Ausdruck und der IndividualitĂ€t keine Aufmerksamkeit mehr. WĂ€hrend der GroĂen Proletarischen Kulturrevolution erreichte die Situation ihren Höhepunkt. Die Fotografie mutierte zu einem bloĂen Werkzeug der Politik und zu einer Waffe fĂŒr Kampagnen.(34)
Yan Wendou spricht in seinem Katalogtext Die Fahne der Menschlichkeit hoch halten vom FĂŒnkchen Humanismus in China seit den 80er Jahren und dass es sich zu einem Feuerchen entwickeln konnte.(46) Das ist 2004 geschrieben worden. Der Recherche zeigen die Jahre um die Jahrtausendwende eine auffĂ€llige HĂ€ufung entsprechender AktivitĂ€ten und Auftritte. Liao Yi-wu schrieb seine Reportagen zur selben Zeit wie das Team von Humanismus in China arbeitete.
Was die Perspektive der ausgestellten Fotos angeht, benutzt Yan Wendou(45) einen Vergleich, den Touristen nachvollziehen können, die schon einmal die Schluchten des Yangtse befahren haben. Gewiss sind sie auf die schmalen Pfade zwischen den DorngestrĂŒppen auf den steilen FelswĂ€nden aufmerksam geworden, die frĂŒher Treidlern zum Ziehen der Boote stromaufwĂ€rts dienten. Die Perspektive, die diese Ausstellung bietet. ist die Perspektive eines Treidlers auf einem Treidelpfad und nicht die eines Reisenden auf einem Schiff. Man braucht daher auch keine pausenlose Belehrung durch einen ReisefĂŒhrer, keine willkĂŒrliche Auslegung der Szenarienâ fĂ€hrt er fort. Auf einem Treidelpfad rĂŒcken die Menschen und das menschliche Dasein in den Mittelpunkt unseres Blickwinkels. Damit entdecken aber die Fotografen die Menschlichkeit in den Individuen wieder. Und das ist die 4., eine anthropologische Bedeutung von Humanismus in China.
Erörterung des theoretischen Konzepts
Vorsicht, da ist die Idealisierung nicht weit, auch bei Yan Wendou, wie seine Beispiele zeigen. Ăberhaupt stellt er sich unsere Situation zu einfach vor. Er will verschiedene Auswahlkriterien bloĂ individuell zugeben. Das ist bei den allermeisten Bildern nicht unser Problem.
Er will aber nicht sehen: Wir sind ja keine Treidler, sondern Fremde, die ihm auf den Treidelpfad folgen. Das sind Motive, bei denen die einfachsten Menschen verstehen, worum es geht. Sind wir aber einfache Menschen? Das Gegenteil ist wahr.
Wir haben zum Beispiel in der Regel einen moralisierten Begriff von Humanismus oder auch HumanitĂ€t. Wenn wir grob unterteilen, gehört in China die Moral, der Konfuzianismus oder der Maoismus, in den Bereich der Institutionen, in der Moderne in den der Politik. Er ignoriert, ja zerquetscht das Individuum. Der Daoismus â fĂŒr das Individuum zustĂ€ndig – seinerseits ist nicht moralisch, obwohl darin tiefste Weisheit anzutreffen ist. (siehe Zhuangzi, auch die Studie âDas ummauerte Ichâ von Sun Longji). Wir Westler brauchen schon die Belehrung, wenn auch nicht ohne Pausen, sensibel fĂŒr unsere Fragen und geschickt im Umgang mit unter uns verbreiteten Aufmerksamkeitsdefiziten.
Yan Wendou vertraut auf die kluge Auswahl: Die ausgewĂ€hlten Fotos sind durchgehend ruhig, zurĂŒckhaltend bis introvertiert. Das ist durchaus verstĂ€ndlich, denn wenn es um die Menschlichkeit geht, muss man nicht sofort Krallen und ZĂ€hne zeigen. Die Fotos auf der Ausstellung sind nicht auf gewollte Effekte aus. sie sind nicht provokativ. Aber eben dadurch, gerade durch ihre authentische und ruhige Art verfĂŒgen sie ĂŒber gröĂere Aussagekraft und GlaubwĂŒrdigkeit als manche Fotos in den Medien.(46) Die notwendige Anpassung an Europa â ist sie dem MMK gelungen? Und dem Katalog mit seinem billig produzierten und nur mit der Lupe lesbaren Textbuch? Meine erste Reaktion 2006 im MMK war dementsprechend kĂŒhl. Die Komposition war mir im Museum weniger durchsichtig als nun im Katalog. Man war zu nah dran, ĂberfĂŒlle und Redundanz haben die Differenzierungen totgeschlagen.
Yan Wendou ist selber ambivalent: Einerseits macht er eine neue GefĂ€hrdung der humanistischen Haltung aus: Aber parallel zum Streben nach Menschlichkeit und Humanismus entwickelte sich die Salon-Doktrin des Formalen.(46), andererseits – Traditionen und Lehrmeister sind sehr chinesisch â misst er die chinesischen Fotografen an der internationalen Konkurrenz: Unser An Ge ist ein Erbe Brassai und Weegee. Unser Liu Sheng steht im Schatten von August Sander und Diane Arbus. Unser alter Herr Hou ragt nicht ĂŒber W.Eugene Smith und Sebastiao Salgado hinaus.(46) Und er stellt entschuldigend fest: Das chinesische Volk hat lange Zeit keinen Platz in der Geschichte der Fotografie gehabt. Oder die Menschen wurden falsch dargestellt. In China fehlte generell das Bewusstsein fĂŒr den Humanismus. (46)
Könnten Sander, Arbus, Delgado und die Fotografen des New Deal (46) nicht einfach vorbildliche Gesinnungsgenossen sein?
Dokumentarfotografie und Oral History â Vorbilder
Das Entscheidende ist das Individuum. Bao Kun liefert einen Grundsatzartikel ĂŒber Chinesische Dokumentarfotografie in Geschichte, Kultur, Politik und Ethik (S.18ff.) und zitiert die linke amerikanische Auffassung von Dokumentarfotografie wĂ€hrend des New Deal nach einem 1981 ins Chinesische ĂŒbersetzten Artikel:
Charakteristisch sei die visuelle Reproduktion eines tief erlebten Augenblicks. So wie die persönlichen Erfahrungen, an die man sich klar und deutlich erinnert, sind die Bilder voll von psychologischer und emotionaler Bedeutung, sie kritisieren die Welt auf visueller Ebene. (…) Sie ist nicht gleich der logischen dokumentarischen Beziehung von âObjekt â Verschluss â Objektiv â Lichtwertâ auf der gewöhnlichen physikalischen Ebene; sie gibt tatsĂ€chlich eine komplizierte emotionale Beziehung zwischen demjenigen, der die Aufnahme macht und der Gesellschaft wieder. Ist dieses GefĂŒhl nicht aus dem Foto zu lesen, gehört es auch nicht zum Genre der Dokumentarfotografie. (20L) Der Autor kann nicht erkennen, dass dieser Artikel und ein weiterer Einfluss gehabt hĂ€tten. Das hĂ€lt ihn nicht davon ab, ihnen eine politische Rolle in den Medien zuzusprechen: eine Stimme, eine Kraft der Kritik, ein Spiegel fĂŒr die problematische Beziehung zwischen Mensch und Umwelt oder Mensch und historischer Kultur zu sein. Zwar können wir nicht erwarten, dass die Dokumentarfotografie die Geschichte von Grund auf verĂ€ndern kann, sie ist jedoch ein Druckmittel, das die Geschichte vorantreibt … (20R)
Auch er wendet sich gegen modische, eigentlich chronische technische Krankheiten in der Komposition, Farbgebung oder Bildsymbolik (?) (21L) und natĂŒrlich gegen Fotografen, die aus einer affektierten Pose heraus ein vergröĂertes, entstelltes und dĂ€monisiertes Bild von China prĂ€sentieren. Alle beliebigen Bilder ĂŒber China seien eine IrrefĂŒhrung der Welt und eine Verletzung der nationalen Psyche.(21M) â Damit bewegt sich Bao Kun auf dem schmalen Grat zwischen Kritiker und Zensor.
Noch einmal: Wir sind keine Treidler! Im Gegenteil.
Zeichen des feudalen Aberglaubens waren nicht nur den Maoisten verhasst, auch uns. Wir stehen in einer GroĂen Koalition fortschrittlicher Menschen. Schon die RevolutionĂ€re von 1919 und die KMT- AnhĂ€nger bekĂ€mpften die Volksreligion ( Siehe âVerblichenes GlĂŒck â neues GlĂŒckâ in âBilder vom GlĂŒckâ, 2002). Die Kommunisten versuchten sie sogar in ihrer anfĂ€nglichen SchwĂ€cheperiode fĂŒr sich zu instrumentalisieren. Die Maoisten an der Macht versuchten sie mit Stumpf und Stiel auszurotten, wie einst die Bolschewiken den russischen Volksglauben. Der absoluten Herrschaft der KP China erscheinen uralte Volkstraditionen noch heute bedrohlich, mit gutem Grund.
Reformerische KrĂ€fte mahnen das Regime bis heute vergeblich, moderne zivilgesellschaftliche Strukturen auĂerhalb der Parteistrukturen zuzulassen (Qinglian He: China in der Modernisierungsfalle, 2006, VR China 1998 â Kap.9: Die Wiederbelebung patriarchalischer Organisationen in den Dörfern und die Herausbildung mafiöser KrĂ€fte in den Regionen). Es wĂ€chst nicht nur die soziale und materielle Kluft, sondern auch die zwischen Peripherien und Zentrum.
Was haben aber wir damit zu tun?
Bereits die Missionare und ihr westlicher UnterstĂŒtzerkreis, dann im zwanzigsten Jahrhundert die Reiseschriftsteller und ihr Lesepublikum entsetzten sich ĂŒber das, was in China normal war. Plakativ: Opium, öffentliche Hinrichtungen und LilienfĂŒĂe. Unter der gelben Gefahr verstanden sie die Aussicht, die Chinesen könnten in einem Mongolensturm ihre VerhĂ€ltnisse auf die westliche Welt ĂŒbertragen. Gerade politisch links engagierte Intellektuelle standen entschlossen auf der Seite der Modernisierer Chinas jeglicher Couleur. Chiang Kai-shek ebenso wie Mao Zedong betrieben Public Relations in Richtung Westen (etwa Edgar Snow). dort setzte sich das Sympathisieren unverdrossen in der Zeit des Kalten Krieges fort bei zunehmender Selbstverblendung ĂŒber das, was die chinesische Revolution hieĂ. Bekannter Höhepunkt waren zehn Jahre der GroĂen Proletarische Kulturrevolution. Nach einer Phase der Zerknirschung und Desorientierung wurde unsere Haltung differenzierter, wenn nicht diffuser, aber immer auf eine Modernisierung Chinas hin gepolt. Die positive WertschĂ€tzung von Traditionen Chinas war auf die SphĂ€re von Philosophie und Weltreligionen und auf die materiellen BestĂ€nde der altchinesischen Hochkultur beschrĂ€nkt. Nach 1989 und erst recht nach dem Zusammenbruch des sowjetischen Imperiums will uns die Staatspartei KPChina – entschlossene RevolutionĂ€re von Gestern – als Ewiggestrige und als Modernisierungshindernis erscheinen â wobei uns erst allmĂ€hlich der Verdacht beschleicht, es handele sich vielleicht um eine Variante eigenen Rechts. Im Land selber sollen die ersten Jahrzehnte der Volksrepublik fĂŒr das erstarkenden Selbstbewusstsein als das heroische Gestern eines turbulenten Heuten und strahlenden Morgen erscheinen. Im Katalog der Ausstellung âChinesische Dingeâ fiel mir die resolute Entscheidung der Kuratoren auf, die grĂŒne Feldflasche der VBA oder das gestickte Banner (10) neben dem kaiserzeitlichen Bauernkalender (70) unter die nationalen Traditionen aufzunehmen.
Nun konfrontieren uns chinesische Intellektuelle â KĂŒnstler und Schriftsteller â mit sanfter Gewalt, wie auf dem Treidelpfad mit dem unverstellten Gesicht des chinesischen Volkes und ungeschönten Resten chinesischer Traditionen. Wir sind aber in der Mehrheit keine jungen Leute mehr, wie sie unbelastet von historischem Wissen und moralischem Rigorismus seit fĂŒnfzig Jahren durch die Welt ziehen und sie nehmen, wie sie ist. Nein auch gestandene, in einem kulturvollen Leben ergraute Menschen. Als moderne EuropĂ€er und als Verehrer chinesischer Hochkultur sind wir sozusagen per Definition keine Freunde des chinesischen Volkes und seiner einfachen Menschen. Auf dem uns angebotenen Treidelpfad sind wir Touristen, was immer wir sonst gern wĂ€ren. Was können wir anderes tun, als unsere einheimischen Begleiter, Schriftsteller, KĂŒnstler, Fotografen zu idealisieren, sie in Helden zu verwandeln, die das fĂŒr uns veredeln mĂŒssen â in Literatur und Kunst verwandeln â was eigentlich unverstĂ€ndlich und wenig anziehend ist.
Gefahren fĂŒr unsere Begleiter
Auf diesem Treidelpfad drohen unserem chinesischen Begleiter oder FĂŒhrer von beiden Seiten Gefahren. ZunĂ€chst der Sturz in den Abgrund:
Indem Liao Yi-wu literarisch und kĂŒnstlerisch seine MenschenwĂŒrde und die anderer Individuen einfordert, es ungeteilt nach traditionellen MaĂstĂ€ben und nach westlichen modernen Normen tut, protestiert er gegen die aktuellen machiavellistischen Praktiken und GrundsĂ€tze der Herrschenden. Er hat am eigenen Körper erfahren, was es heiĂt, sich mit den herrschenden Strategen der chinesischen Modernisierung anzulegen. Bei unerwĂŒnschter Publikation kann immer das Totschlagsargument gegen ihn verwendet werden, er sei Agent des Auslands.
Doch er zieht zugleich als Rebell im traditionellen Sinne â darauf stand im Fall des Scheiterns sowieso immer die Todesstrafe â den Zorn der Obrigkeit auf sich. Es gibt in China keine Tradition, keine Staatsdoktrin, die ihn davor bewahren wĂŒrde. Konfuzius ist darin eindeutig: AuĂer dem Himmelssohn hat niemand das Recht, die Sitten zu bereden, MaĂe zu schaffen und die Schreibart zu prĂŒfen. (…) Wenn einer zwar die Stellung hat, aber nicht die GeisteskrĂ€fte, so soll er nicht wagen, Sitte und Musik zu schaffen. Wer andererseits zwar die nötigen GeisteskrĂ€fte hat, aber nicht die Stellung, der soll auch nicht wagen, Sitte und Musik zu schaffen. (zitiert nach BorromĂ©e/Palmer, S.19)
Die stĂ€ndige existentielle Bedrohung veranlasst einen solchen KĂŒnstler und Literaten, bei unserer globalen kulturellen Olympiade mitspielen, macht ihn aber auch abhĂ€ngig von unserer Anerkennung als KĂŒnstler. Galeristen, Kuratoren, Agenten, Trend-Scouts und Korrespondenten schwĂ€rmen aus und bedienen sich am groĂen Angebot an Talenten. Man lĂ€sst sich, wenn man das GlĂŒck hat, gerne mit unseren Kulturpreisen behĂ€ngen. Man bewirbt sich bei verschiedenen Adressen um Visa oder Asyl. Man hĂ€tte einen Wunsch, aber man muss nehmen, was man kriegt, ob den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels, den Nobelpreis, eine amerikanische Professur oder nur politisches Asyl.
Die zweite Gefahr droht von oben: Entscheidungen aus heiterem Himmel, Steinschlag verstĂ€ndnisloser Kritik oder bloĂer ZurĂŒcksetzung.
Mir gefĂ€llt die Metapher vom Treidler Liao Yi-wu. Er war zweifellos immer ein Mann aus Sichuan, der nur bis Peking kam, weil man ihn gar nicht erst aus dem Land lieĂ. Von siebzehn ReiseantrĂ€gen wurden alle bis auf den letzten abgelehnt. Nach seiner Selbstdarstellung befindet sich Liao Yi-wu noch immer auf der Auslandsreise.
Die doppelte, nein: kompliziertere Frontstellung des Intellektuellen Liao â einmal zur Modernisierung in der Version der KPCh, zum andern gegen die unterdrĂŒckerische Tradition Chinas, wie sie Karl Marx, Karl Wittfogel und schlieĂlich Barington Moore 1966 im Aufsatz âTotalitĂ€re Elemente in vorindustriellen Gesellschaften beschrieben haben. Dazu gehört gerade auch die normative Ordnung, welche die einfachen Menschen, die Erdmenschen noch heute am tiefsten verinnerlicht haben. Gerade sie beweisen in vielen seiner Interviews ihr Geschichtsbewusstsein. Geschichte ist hier Normsetzung. In manchem Interview sitzt L. selber zwischen den StĂŒhlen. Und die GesprĂ€che zeigen dies auch.
Als Intellektueller kann er dem MenschenhÀndler, dem Bauernkaiser, dem alten Mönch u.a. in ihre Welt nicht folgen. Er argumentiert mit der Moderne gegen sie.
Als chinesischer Mann sitzt er auch beim Thema Frauen zwischen den StĂŒhlen, könnte es jedenfalls. Wie hat er denn seine GesprĂ€chspartner gefunden? Er wollte Frauen weder als Kunde, noch MenschenhĂ€ndler geschĂ€ftsmĂ€Ăig benutzen, weder modern noch traditionell prostituieren. Eine Rezensentin hat fehlende Fraueninterviews moniert. Ich vermisse nichts. Bei âPekingmenschenâ wĂŒrde ich es sehr wohl. Schwesterlich solidarische Interviews hat bereits 1993 Ann Kathrin Scherer gefĂŒhrt. Sie wurden damals in Deutschland diskutiert (âSieben Chinesinnenâ, KleinVerlag). Bei der Zeremonie ĂŒber dem Erhu-See hat eine jungen Frau eine Statistenrolle, bis sie die Zither zupft. Und dann greift er ihr respektlos in die Saiten, um seine improvisierte Rezitation energischer zu begleiten. (DVD)
Seine GesprĂ€chspartner sind selber Teil beider Welten. Sie berichten von GeschĂ€ftsideen und GeschĂ€ften, ihren mehr oder weniger verschĂ€rften Erfahrungen mit Behörden aller Art, sie urteilen ĂŒber ihre Enkel oder das Leben in der Stadt, ĂŒber Gestern und Heute (Toilettenmann), Stadt und Land. Sie kennen sich in der Terminologie ihrer Obrigkeit aus wie der ĂŒbertherapierte Klient in der seines Psychotherapeuten. Und auf eine perverse Art handelt es sich um eine unendlich lange und verstörende Psychotherapie. So gehören neben aggressiven Kampagnen auch Umerziehung durch Arbeit und Besserung durch Arbeit seit einem halben Jahrhundert zum festen Repertoire des Regimes. Es drĂ€ngt mich, in das Geflecht eines solchen GesprĂ€chs einzutauchen!
WĂ€hrend die stummen fotografischen Momentaufnahmen von Humanismus in China auf die Bedingung örtlicher und kultureller Vertrautheit angewiesen sind, bringt Liao Yi-wu die jeweils von den Partnern angesagten Themen zur Sprache. Er bringt sie sprachlich zur Welt. Die beiden Ăbersetzer ĂŒbertragen sie in unsere Alltagssprache und noch mal anders als im Hörbuch, ohne den Eindruck kinohafter Synchronisation zu hinterlassen.
Vor einer Lesung sollte man zur Einstimmung ein kraftvolles fremdes MusikstĂŒck hören.
FĂŒr mich zeigt sich lĂ€ngst, dass Humanismus in China und Liao Yi-wus dokumentarische Dichtung wenig mit der modernen internationalen SphĂ€re zu tun haben, worin sich etwa der von uns mit Recht geliebte Klaviervirtuose Lang Lang wie selbstverstĂ€ndlich bewegt. Doch auf dem Treidelpfad soll es fĂŒr uns diesmal kein Ausweichen geben! – Ein Experiment.
7.2.2013, Redaktion Dezember 2013