(10) Duala Bootsmodelle – Gehandelt, deponiert, zerstört, vergessen, wiederentdeckt

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Zwischenbericht und Fallgeschichte (Krakau, Polen)      

 Ein trendiges Stichwort (wie Sie vielleicht erwarten) fehlt: „geraubt“. Und noch ein Stichwort: „gerettet“.

Der einzige prominente Fall, der dafür in Frage käme, betrifft den originalen Bootssteven aus dem Besitz des Lock Priso, der vom Vertreter der Deutschen Reichs im Dezember 1884 bei einer Kriegshandlung vor der Zerstörung durch die Flammen gerettet wurde. Dr. Buchner konfiszierte formlos dies Eigentum des Rebellen als willkommenes Beutestück für das neuzugründende Völkerkundemuseum in München. (Post 1) : In der jüngsten Phase der ‘Wiederentdeckung’, über ein Jahrhundert später, stellte ein Nachfahre des Lock Priso in seinem Ringen um eine politische Position in Duala eine Restitutionsforderung und betrieb sie zwanzig Jahre publizistisch und juristisch. Das Museum wehrte sich mit wissenschaftlichen Studien, das Land Bayern verwaltungsjuristisch. – Ich weiß, dass jedes Wort über diesen Fall rhetorisch zur Sprengfalle werden kann. Soweit dieser Fall und zurück zu den Modellen.

 

ETHNOGRAPHICA- UND CURIOSA-BUSINESS

Bootsmodelle waren um die vorige Jahrhundertwende eine beliebte Handelsware der Gattung „Curiosa“. Zahlreiche Geschäftsleute, Kolonialisten und Agenten erwarben solche Modelle unterschiedlicher Qualität in Duala, um sie an die neu entstandenen Völkerkundemuseen in ihres jeweiligen Heimatlandes oder an Großhändler wie H.F.G Umlauff zu verkaufen.

Vor einem Jahr wusste ich noch nicht, wie systematisch und international das Geschäft mit Ethnologica und Curiosa betrieben wurde. Der Erwerb von Bootsmodellen durch das Fields-Museum in Chicago 1925 wirft etwas Licht auf das System. (Post 7)

Zugleich muss klar sein dass Duala-Bootsmodelle als ‚Beifang’ eine eher bescheidene Rolle spielten. Das resultierte in nachlässigen Dokumentation – oft wurden sie gar nicht eigens erwähnt.

AUTHENTIZITÄT in einer KONTAKTZONE?

Dabei spielte die abschätzige Bewertung durch die herrschende Doktrin der Ethnologie eine wichtige Rolle, die ich im „Rafai-Blog“ kurz erwähnt habe – im Post (1/5  nach “Yambio-Stil”). 1912 war Prof. Thilenius, der Direktor des Hamburgischen Museums für Völkerkunde, ein Sonderfall unter Ethnographen, indem er ein Auge für Objekte aus den “Kontaktzonen” (Grootaers ebd.) hatte, während die große Mehrheit besessen war von “nicht kontaminierter Kunst“, geschaffen von eindeutig definierten „Stämmen“.

Stimmt die Vergangenheitsform „besessen war“? Die Konkurrenz dauert noch immer an:

Die preisliche Aufwertung ritueller Objekte funktioniert noch heute, glaubhaft gemachte  rituelle Verwendung ist immer noch ein starkes Kriterium für „Authentizität“, wenn das auch nicht widerspruchsfrei zu verwenden ist. Der Seufzer eines Experten – für das Benue Gebiet zwischen Nigeria und Kamerun – illustriert die Situation:  Entschuldigung, ich glaube nicht, dass es hilfreich ist, eindeutig zu sein, wenn dies meiner Meinung nach unmöglich ist. Was wir wissen ist, dass es a) starke regionale Ähnlichkeiten und b) Handel zwischen Gruppen gab, so dass Sie nicht genau wissen können, wo ein Objekt aufgrund seines Aussehens verwendet wurde oder sogar wo es geschnitzt wurde. Schlimmer noch, ich habe Mambila-Beweise dafür, dass die Namen/Verwendungen verschiedener Maskeraden durch die „Medizin“ der Gruppe bestimmt wurden, nicht durch die physischen Eigenschaften der Schnitzerei, die sie irgendwann besaßen – und umgekehrt, dass alle Schnitzereien im Besitz einer dieser Gruppen ordnungsgemäß nach dem Namen der Arznei genannt wurde, unabhängig davon, wie es aussah. Aber all diese Skrupel sind irrelevant, wenn die Objekte ‘für den Handel gemacht’ wären, wie es fast alle Objekte auf dem Markt sind. Sie brauchen eine wirklich starke Provenienz, um festzustellen, dass ein bestimmtes Objekt tatsächlich im Feld gesammelt und rituell verwendet wurde. Und um die Sache noch weiter zu komplizieren, wurden und werden Gegenstände, die für den Handel bestimmt sind, in Ritualen verwendet, so dass sie “authentisch” sind, was immer dieses Wort bedeutet! Kurz gesagt, Sie öffnen eine “Dose mit Würmern”, wenn Sie diese Redewendung kennen!(Email vom 22.2.21 übersetzt)

 Das Kamerun-Delta ist seit dreihundert Jahren eine klassische „Kontaktzone“. Der atlantische Handel florierte seit dem 18. Jahrhundert und seit 1846 war die „zivilisierende“ Arbeit der englischen Missionsstationen erfolgreich. Die Ritualgegenstände der Duala verschwanden im Laufe der Zeit oder veränderten sich, bis deren traditionellen Formen nur noch für den Markt hergestellt wurden. Im Laufe des 19. Jahrhunderts wurden die Bootsrennen offenbar immer mehr zu politisierten Sportereignissen, die natürlich auch mit Unterstützung magischer Kräfte gewonnen wurden, was jedoch nicht überbewertet werden sollte. Generell war bereits die ‘traditionelle’ ästhetische Kultur der Duala von vielfältigen Einflüssen geprägt, von unterworfenen Nachbarn und von Handelspartnern die Küste entlang bis zum Nigerdelta, wie die Studien von Rosalinde Wilcox zeigen. (Post 4:  “Virtuelle Reise ins Nigerdelta”)

Der junge Leo Frobenius, damals noch Stubengelehrter, unternahm es 1897 in seinem Aufsatz, in den “Schiffsschnäbeln” der Duala-Boote Spuren einer Tradition aufzudecken, die mit der Menschheitsgeschichte verbunden war.  Ich werde in einem späteren Beitrag darauf zurückkommen. (10?)

Bei offensichtlich modernisierten und kommerzialisierten Bootsmodellen liegt der Gedanke der Willkür auf der Hand. Aber es muss noch im Detail bewiesen werden!

 

DEPOT UND VERLUST

Die meist mageren Karteikarten der Museen sprechen für sich. Wenn die Literatur über Bootsrennen und Bugspriet kostbar und verstreut ist, so ist es  noch mehr die Literatur über die entsprechenden Modellboote.

Unter der deutschen Kolonialbesatzung sollen die Regatten reglementiert worden sein (“Kaisersgeburtstag”), ausgedünnt und endgültig ausgestorben sein. Das nach 1945 wiederbelebte ‘Ngondo’-Fest am Wuri-Fluss wurde später vom Diktator Ahidjo für zehn Jahre verboten und als es wieder eingeführt wurde, zunächst in der unpassenden Regenzeit .

Else Leuzinger (Die Kunst von Schwarz-Afrika Kat. O8, Coll. P.Harter, 1972) und Maria Kecskési 1982 begannen meines Wissens mit einer Schwarz-Weiß-Abbildung von Bootsschnäbeln (Tange) in Katalogen. “Kamerun” bedeutete damals “Grasland” und unter “Duala”  wurden traditionelle Masken gezeigt, wie sie ironischerweise von den Ijo erfunden worden waren und auch bei den Ijebu am Niger und Kalabari am Cross River existierten (wieder Post 4).

Auch in Amerika wurden sie erst ab 1968 aus dem Depot geholt, restauriert und ausgestellt, z. B. im Fields Museum 1984 (Post 7) .

Die Kriegsfolgen haben nicht nur in Deutschland alle Museumsdepots stark beeinträchtigt und beschädigt. Vieles ging verloren, manchmal blieben nur farbige Zierteile übrig.

Auf meine Anfragen hin tauchten aus verschiedenen Depots unbekannte, unscheinbare und vielleicht nie ausgestellte Bootsmodelle auf.

 

EINE FALLGESCHICHTE AUS KRAKAU (POLEN)

Autor: Jacek Kukuczka in einer Email vom 19.2.2021

 

Doku

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Eine schon tragisch zu nennende Objektbiografie erreicht mich im Februar 2021 aus Krakau. Einem der elegantesten Boote im Katalog von Frobenius, der prominent in Farbe abgebildeten Nr. 5., fehlt seit vielleicht einem halben Jahrhundert der Bugschmuck. Der immer noch eindrucksvolle Bootskörper steht ‚kopflos’ in der Ausstellungshalle.

Ein banaler Verlust wäre nicht ungewöhnlich, wegen der instabilen Verbindung (Stift und Scheibe). Eine Verantwortung der deutschen Besatzer in Krakau liegt nahe.Der Kurator lässt das offen. Eindeutig kritisiert er die Deutschen dafür, den Sammler Stefan Szolc-Rogoziński, einen polnischen Forschungsreisenden und Patrioten, 1885 aus Kamerun vertrieben (oder vergrault) zu haben. Dessen  Porträt verbindet der Kurator mit der Objektbiografie. Ich übersetze das Schreiben aus dem Englischen:

Guten Tag!  Ich bestätige, dass wir Sammlungen aus Afrika einschließlich Kamerun beherbergen. Tatsächlich ist diese Sammlung die größte und älteste unter den historischen afrikanischen Sammlungen in polnischen Museen. Sie ist als Sammlung von Stefan Szolc-Rogoziński (1861-1896) bekannt. Sie wurde zwischen 1882-1885 in Westafrika von den Kanarischen Inseln und Sierra Leone bis Kamerun gesammelt. Die zweite Hälfte dieser Sammlung stammt aus den Jahren 1886-90, aus Äquatorial Guinea

Eines der größten und auch wichtigsten(?) Exponate dieser Sammlung scheint das „Modell des Duala-Kriegskanus/Piroge“ (Nr. 18726/MEK) zu sein. Es ist 241 cm lang, (max) 22 cm breit und etwa 10 cm tief. Das Modell hat 14 Ruderer (früher waren es mehr, aber einige fehlen) mit Rudern. Alle in charakteristischen französischen(?) Mützen. Wir kennen weder den genauen Herkunftsort noch die Umstände des Erwerbs des Objekts. Wahrscheinlich könnte es irgendwo in der Nähe von Limbe oder Victoria sein, sowie im Delta des Wuri-Flusses (von Rogoziński als Kamerun-Fluss bezeichnet).

Ursprünglich hatte das Modell einen verzierten Schnabel (Tange), aber leider hat dieser Schnabel unsere Zeit nicht überlebt (oder er verschwand während oder nach dem Zweiten Weltkrieg). Wir haben nur die Illustration aus dem Buch von Leo Frobenius und einige Archivfotos. Leider kennen wir die Größen und weitere Details zum Schnabel nicht. Kurz gesagt, wissen wir nur, was wir auf Archivfotos sehen. Nach diesen Fotos und Proportionen schätzen wir, dass dieser Tange etwa 50 cm lang sein könnte.

Einige Archivfotos wurden vor 1939 gemacht, als sich unser Museum auf dem Wawelhügel im Komplex des Königsschlosses in Krakau befand (nach dem Zweiten Weltkrieg befindet sich das Museum im ehemaligen Rathaus im Bezirk Kazimierz). Ich kann noch hinzufügen, dass wir zwei originale Duala-Ruder ( ) mit charakteristischen Bemalungen haben – die gleichen wie auf der Seite des Bootsmodells.

Stefan Szolc-Rogoziński (1861-1896)_II 32590 F_MEK

Als Kontext zum Objekt sollten Sie grundlegende Informationen zum Sammler kennen. Sein Leben war kurz und tragisch. Aber er hatte einen Traum und er hat sich (zumindest teilweise) erfüllt. Kurz gesagt, Stefan Szolc-Rogoziński, war ein Mann, der in Afrika Pech hatte. Er erschien in Kamerun am „falschen Ort zur falschen Zeit“. Als Pole, der Bürger des Russischen Reiches war, weil Polen im Neunzehnten Jahrhundert als Staat nicht existierte, er versuchte, Afrika, insbesondere Kamerun, für das „zukünftige Polen“ zu erkunden. Damals teilten zwei Reiche (das britische und das Deutsche) diesen Teil Afrikas zwischen sich auf und Rogoziński saß zwischen den Stühlen. Er musste verlieren und er hat verloren. Er musste 1885 „fliehen“, weil nach 1884 kein Platz mehr für „selbständige polnische Entdecker“ war. Doch er gab nicht auf und kehrte bereits 1886 wieder nach Afrika zurück. Diesmal auf Fernando Po (Bioko) in Spanisch-Guinea (Guinea Äquatoriale), wo er sich als Pflanzer versuchte. Die nächsten vier Jahre verbrachte er in Afrika, teilweise mit seiner Frau.

Stefan Szolc-Rogoziński machte mehrere geographische Entdeckungen, aber er ging nicht in die Geschichte ein, sondern wurde von deutschen Entdeckern und Kolonisatoren aus ihr gelöscht. Auch in der Veröffentlichung von Leo Frobenius (1897) findet man keine Information über ihn oder darüber, wer, wann und wie dieses Modell nach Krakau geliefert hat!

Aber Szolc-Rogoziński und seine beiden Freunde (Leopold Janikowski und Klemens Tomczek, der 1884 in Afrika starb) leisteten hervorragende Arbeit als „Explorer ohne Unterstützung und Regierungsmacht“ (im Gegensatz zu Deutschen und Briten). Sie verbrachten fast 3 Jahre auf der kleinen Insel Mondoleh und organisierten mehrere Inlandsexpeditionen, darunter in Kamerun, Gabun und sogar Kongo. Auf diese Weise sammelte Rogoziński mehr als 300 Objekte und transportierte sie glücklicherweise nach… Krakau. Warum Krakau in Österreich? Weil es eine quasi-freie Stadt war und weil es den Polen ermöglichte, Kultur und Wissenschaft zu gestalten und zu entwickeln (Krakau war eine halb unabhängige Stadt mit nationalen Freiheiten).

Wie wir heute wissen, war es eine gute Wahl, denn Krakau überlebte den Ersten und den Zweiten Weltkrieg. Janikowski hatte übrigens weniger Glück – seine Kamerun- und Gabun-Sammlung wurde durch die deutsche Bombardierung der polnischen Hauptstadt in den ersten Septembertagen 1939 zusammen mit dem gesamten Ethnographischen Museum in Warschau vollständig niedergebrannt.

Das ist eine kurze Geschichte und ein breiterer Kontext zu unserem Duala-Kriegskanu.

Mit bestem Gruß, Jacek Kukuczka,

Kurator für außereuropäische Sammlungen, Ethnographisches Museum Seweryn Udziela in Krakau

 

Randnotiz

Gewiss kam Szolc-Rogoziński zur falschen Zeit nach Kamerun, um dort Forschungen zu betreiben. Hatte er Verbindungen nach London, dem gerade ausmanövrierten Konkurrenten des Deutschen Reiches, wie sein Foto suggeriert?  Auch später verfolgten schwache Kolonialverwaltungen solche Erkundungen argwöhnisch, wie 1911 die die Teilnehmer der ‘wissenschaftlichen’ Zweiten Zentralafrika-Expedition des  Adolf Herzog zu Mecklenburg (“Rafai”Project (LINK) erfuhren.

Interessant fände ich es, den Schicksalen der zahlreichen Menschen verschiedener europäischer  Länder nachzugehen, die damals im vermeinlichen Eldorado Afrika ihr Glück suchten, die Missionare nicht zu vergessen, die ihr junges Leben opferten.

Das schwedische “Världskultur Museerna” in Stockholm (LINK zum Internetauftritt, Englisch auswählen) erzählt im Kontext eines Duala-Objekts von einem Peter Möller: “…In den Jahren 1883-86 arbeitete M. unter anderem als Stationsleiter im Kongo. Er hat seine Erfahrungen ( ) beschrieben. Eine Expedition im heutigen Angola und Namibia 1895-96, hat er in Travel in Africa durch Angola, Ovambo-  und Damaraland (1899) berichtet. In den Jahren 1899 und 1900 reiste Möller durch Süd- und Mittelamerika. Er gründete 1911 eine Kaffeeplantage in Britisch-Ostafrika.” (übersetzt)

Über den Sammler eines interessanten Kanu-Modells (Inventar-Nr.: 1919.05.0082; erworben 1883-86) erfahren wir folgendes: “Georg WilhelmWaldau (Valdau), geboren 17.10.1862 in Västerfernebo, Västmanlands, gestorben 13.12.1942 in Santa Cruz auf Teneriffa. Zusammen mit Knut Knutson gründete Georg Waldau ende des 19.Jahrhunderts ein Handelshaus in Kamerun. Ab 1909 lebte er auf Teneriffa. Er heiratete Ida Maria Lórange Waldau.  (1880-) am 17.8.1909. Sohn von Major Johan Oscar Waldau (1822-1878 und Maria Sofia Sandels (1839-1874) ….” (übersetzt)

Auf meine Frage  “When exactly did he found the trading house at the end of the 19th century”? weist mich Magnus Johannson vom “Världskultur Museerna”  prompt auf eine interessante Publikation hin: “He and Knutson came to Kamerun 1883. You can read more about their time in Cameroon in Swedish Ventures in Cameroon, 1833-1923: Trade and Travel, People and Politics – Knut Knutson – Google Books”.   Die Webseite bietet eine großzügige “Voransicht des Buches”, wo ich unter anderem lese, dass deren weiträumiger Grundbesitz am Fuß des Kamerunbergs bereits 1886 zum Kronland des Reiches gemacht wurde, die verspochene finanzielle Entschädigung aber noch zehn Jahre später nicht geleistet wurde. Wie waren sie selber an das Land gekommen? Ich weiß es noch nicht. Lesen Sie selbst!

Oder Fritz G. Theorin – schwedischer Angestellter z.B. einer englischen Fabrik in Gabun, der ein Bootsmodell aus Duala nach Schweden brachte.

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