“Duala Kanu” (4) – Virtuelle Reise ins Niger-Delta

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Kapitel 1 : INSPIRIERENDER BRIEFWECHSEL

 

DUNCAN (31. Dezember 2020)

Ich habe die französische Version Ihres Blogs über Duala-Bootsmodelle bewundert. Wie Sie, versuche ich so viel wie möglich über Objekte in meiner Sammlung zu lernen.

DUNCAN (10. Januar 2021)

Schauen Sie mein 125-cm langes Modell eines Douala-Kanu genauer an:

c Collection Duncan 2021

  • die Galionsfigur, die aus einer Schlange besteht, die sich um eine Schlaufe wickelt und drei Ovale umschließt, die durch eine horizontale perforierte Stange verbunden sind, als wären sie Räder, die von einer Achse oder Kette angetrieben werden.
  • zwei Männer, die auf beiden Seiten eines großen dekorierten Spritzbretts sitzen,
  •  den Paddler vor einem zentralen Baldachin. Er trägt ein Hemd mit rotem Gürtel, Kragen und Streifen auf der Brust wie die Männer vorn.
  • den zentralen Baldachin, der einen imposanten Mann in Weiß überwölbt, dessen Schädeldecke dieselbe Farbe hat wie die Knollenkappe anderer Figuren (hier unsichtbar)
  • drei Figuren hinter dem Baldachin – zwei Paddler und ein Mann, der am Heck nach hinten blickt und wahrscheinlich ein Ruder in der Hand hält. Alle drei in den gleichen Uniformen, nur dass die roten Elemente weiß sind.
  • Schließlich sind der schwarze Rumpf und der Baldachin mit roten und weißen geometrischen Mustern verziert, deren Schrägen und Vertikale die Haltung der Figuren wiederholen. Die runden Ovale und Punkte auf der “Galionsfigur” (Vorbau) wiederholen sich ebenfalls im Modell , in verwandten Motiven auf dem Baldachin und dem Heck.
DETLEV (10. Januar)

Sie haben ein sehr interessantes Duala-Bootsmodell, aber ist es überhaupt “Duala” ?  Dafür spricht einiges:

  • die Verbindung von einem mit Ruderern bemannten Kanu mit einem überdimensionierten Vorbau („Galionsfigur“).
  • Typisch ist auch ein figürlich dekoriertes Querbrett („Spritzbrett“), an dem die technische Verbindung mit dem Kanu angebracht ist, und natürlich der für „Duala“ typische Schlangenbogen und die ergänzende Symbolik der drei verbundenen Ovale.
  • Es fallen auch die farbigen geometrischen Dekorationen an der Bootswand und die standardisierten gelöcherten Arme der Ruderer auf.

Wichtige Aspekte weisen aber in eine andere Richtung, was ich an meinem zweiten Bootsmodell  aus dem benachbarten Delta des Niger, das Sie noch nicht kennen, zeigen kann. “Yoruba”, erklärte mir der Verkäufer. Es ist mit 72 cm Länge und 27 cm Höhe um einiges gedrungener als Ihres.

Ein paar Entsprechungen an beiden möchte ich hervorheben:

  • den kompakten und hohen Rumpf (nach unten verjüngt) mit einem Baldachin, der von zwei Seitenwänden getragen wird
  • lose verteilte geometrische Zeichnungen, die nur aufgemalt sind
  • die geflochtenen technischen Verbindungen
  • die kleiner Anzahl relativ großer Figuren, ihre großen birnenartigen Köpfe. Ich würde darin ‚Yoruba’ Köpfe und Gesichter vermuten, besonders die großen Bohnenaugen der Ibedji.

c  vG    Yoruba Delta frontal

c  Duncan

DUNCAN (11. Januar)

Glückwunsch zu Ihrer Annahme einer Yoruba-Verbindung! Auch ich bemerkte die Ähnlichkeit der Köpfe mit denen von Yoruba-Figuren – besonders einigen Ibeji – und suchte zunächst in Büchern wie “Yoruba: Sculpture of West Africa” nach vergleichbaren Bootsmodellen.

Als ich keine finden konnte, wandte ich mich den Bootsmodellen zu, die angeblich von den Duala hergestellt wurden, und bemerkte, dass sie oft ähnliche Spritzbretter und ikonographische Elemente in ihren Galionsfiguren hatten (z. B. Schlangen, die sich im Zickzack um radähnliche Formen legen), außerdem Konventionen wie runde flache Hände mit kreisförmigen Löchern für Paddel (was darauf hindeutet, dass mehrere Modelle in derselben Werkstatt hergestellt wurden). Diese Kombination ließ mich glauben, dass meine Skulptur in einer Übergangszone entstanden sein könnte, in der sich kulturelle und ästhetische Einflüsse vermischten. Da Sie zu derselben Schlussfolgerung gelangen, denke ich, die Hypothese könnte stimmen.

Ich muss das Schreiben jetzt wegen einer Häufung dringender Terminen verschieben. Ich freue mich darauf, unsere Detektivarbeit fortzusetzen.

DETLEV (21. Februar)

Lieber Duncan, haben Sie inzwischen Ihre Termine abgearbeitet?

Sie und Ihr ‚hybrides’ Bootsmodell haben mir den Blick auf die Beziehungen Kameruns nach Westen geöffnet, ins Nigerdelta und darüber hinaus. Meine ‚Hauptverdächtigen’ für unsere beiden neu vorgestellten Bootsmodelle heißen jetzt „Ijebu Yoruba“.

(Briefwechsel redigiert und übersetzt. v. Graeve)

 

Kapitel 2 :  ÜBER ROSALINDE G. WILCOX MIT NIGERIA VERBUNDEN

Limbe Victoria – Blick nach NW

 „Commercial Transactions and Cultural Interactions from the Delta to Douala and Beyond, ihre kunsthistorische Pilotstudie voller Details, Denkanstöße und Anspielungen, hilft weiter, obwohl sie nicht direkt über Kanubau und Bootsmodelle handelt, sondern über Kanu-Ruder, horizontale Masken und Maskeraden („African Arts“ tome 35,1; 2002).

Im ersten Blog betrachtete ich die Duala als Mittler zwischen den Flüssen des Hinterlandes des Wuri-Deltas und dem Atlantik jenseits der Insel Fernando Po. Ronald Daus berichtete über die starke Einwanderung in die Stadt Douala seit 1884, der Kolonialzeit, betont jedoch die Binnenwanderung der “Bamiléké”, ein in diesem Zusammenhang weit gefasster ethnischer Begriff. (LINK)

Erst Rosalinde Wilcox klärt den Blick auf die multikulturelle Hafenstadt. Wenn man „Duala“ sagt, muss einem klar sein: Bezieht man den Begriff auf den Ort (Douala), die Wohnbevölkerung (Douala) oder die privilegierte kulturelle Tradition der Duala? (Ich übernehme Wilcox’ Vorschlag für eine differenzierende Schreibweise)

Westermann/Rand McNally.1973, p.126

Wir verlassen in diesem und im folgenden Kapitel Douala mit dem Verkehrsstrom entlang der Atlantikküste in Richtung Nordwesten, zum Cross River (Kalabari), zum großen Nigerdelta (Ijo oder Ijaw, Ibibio, Ijebu-Yoruba usw.) und darüber hinaus. Die Seeleute der Kru aus Liberia und die schwarzen Zimmerleute und Schreiner von der Goldküste (heute: Ghana) waren Inbegriff erfolgreicher Wanderarbeiter entlang der gesamten Atlantikküste.

Rosalinde Wilcox charakterisiert die Region folgendermaßen:

„Bewohner von Afrikas östlicher Guinea-Küste leben in ökologisch ähnlicher Umgebung und haben ähnliche politische und religiöse Überzeugungen, besonders einen Glauben an Wassergeister-Kulte. Ihre Kolonialgeschichte wiederholte sich entlang der Küste. Menschen in Fluss- und Küstengemeinden, in denen Kanus dominierten, insbesondere in Nigeria, Kamerun und Liberia, teilten historische und wirtschaftliche Erfahrungen. Sie nutzten ihre Umgebung für Fischerei und Salzproduktion und waren im Handel mit Gruppen des Landesinneren tätig. Die Gesellschaften an der Küste handelten im 16. bis 19. Jahrhundert mit Europäern und nutzten und erweiterten ihre voreuropäischen Kontakte und Handelsnetzwerke im Hinterland weit über moderne politische Grenzen hinaus.“ (42 M)

Selbst die einander ablösenden europäischen Kolonialisten konnten den Austausch der Waren, Personen und Ideen an ihren neuen politischen Grenzen nicht stoppen, denn  “Handel ist unempfindlich gegenüber modernen Grenzen”. Dazu kam der Umstand, dass Kameruns Südwestprovinz für vierzig Jahre Teil des britischen Nigeria war (1919-1961). Leider ist aus dem multiethnischen Charakter der Region mit dem Sprachenstreit mit den Jahren ein gefährlicher politischer Konfliktherd entstanden (LINK zu ACAPS), typisch für nachkoloniale Diktaturen Afrikas. (Später mehr)

Ijo, Igbo und Efik leben seit langem an der Küste zwischen Douala diesseits der Staatsgrenze Nigerias. Die formalen Konventionen in der Kunst von Duala, Ijo, Ibibio und Efik haben zu einem ‚internationalen’ Kunststil an der Küste beigetragen.

 

Kapitel  3 :  KANUS UND MENSCHEN IM NIGER-DELTA

Wenden wir uns der kultischen Verwendung von Kanus im Niger-Delta zu, wie sie in Museumskatalogen und kunstethnologischen Aufsätzen („African Arts“) auftreten. Manche der beobachteten Phänomene sind typisch für beide Küstenregionen und Flussdeltas. Ich muss mich auf wenige Aspekte beschränken, vor allem auf verschiedene Bootsmodelle und ihre Verwendung.

Ein lebendiger und farbiger Katalog aus Los Angeles (UCLA) begleitet uns in die Windungen der Flussläufe und in die Zusammenhänge von Kunst und Umwelt des Niger-Deltas: „Ways of the Rivers -Art and Environment of the Niger Delta“(2002).

 

 Spezialisten für Küste und  Delta – die Ijo (Ijaw)

Im 4. Kapitel des Buches präsentiert die Mitherausgeberin Martha D. Anderson die IJO als prototypische Flußdeltabewohner:

„In Regionen des Deltas, in denen es keine Straßen gibt und sogar Fußwege auf die saisonale Nutzung beschränkt sind, bilden Kanus immer noch das primäre und manchmal einzige Transportmittel und die Verbindung zwischen Dörfern. (….) Kanus scheinen für ihren Lebensstil am Flussufer so grundlegend zu sein, dass manche davon ausgehen, dass die Kunst des Kanubaus mit ihnen vom Himmel gekommen ist (Alagoa 1970, 323). Nahezu jede traditionelle Beschäftigung  einschließlich Fischerei, Landwirtschaft, Destillation von Gin und Handel – erfordert Wasserreisen. Kanus erfüllen auch andere Funktionen, die schwerer zu klassifizieren sind, sie befriedigen soziale und Freizeitbedürfnisse und spielen bei Aufführungen und Maskeraden verschiedener Art eine herausragende Rolle. Abbilder von Kanus spielen sogar eine Rolle in Schreinen und Ritualen.(137)

Ways of the Rivers p.137 4.08

Paddeln zu lernen scheint weitgehend eine praktische Angelegenheit ohne religiöse oder mythische Bedeutungen zu sein, aber der Prozess spielt eine entscheidende Rolle in der Gestaltung der Sichtweise der Menschen auf die Umwelt. Als Kinder beginnen die Ijo, zwischen zwei Zonen, den Flüssen und Wäldern, zu unterscheiden und jedem unterschiedliche Gefährdungsstufen zuzuordnen.“ (136) Sie lernen spielerisch zu Rudern, sie schwimmen früh, und aufgeweckte Kinder dürfen mit sieben oder acht Jahren allein ins vielleicht eine Stunde entfernte Nachbardorf rudern. (137)

Die Ijo nutzen den Fluss als Aufführungsraum, indem sie Kanus und andere Wasserfahrzeuge als bewegliche Bühnen einsetzen. (140) Spektakuläre Kriegskanus sind Höhepunkte mancher Festivals und erinnern an die kriegerische Vergangenheit der Ijos. Daran hängen Raffia-Wedel und andere „kugelsichere“ Zaubermittel.

       p.141 Abb. 4.13 ,mit waagrechter Sägefisch-Maske

 

Da auch Wassergeister wie Menschen mit dem Boot auf den Wasserstraßen navigieren, nutzen die sie repräsentierenden Maskentänzer das dramatische Moment an der Bootsreise, indem sie vom Wasser her auftreten.

 

“Die meisten Ijo betrachten sich jetzt als Christen, aber die Idee einer anderen Welt, die der Flüsse und Bäche der Deltas, hält sie weiterhin weiterhin im Bann. Einige erzählen Geschichten über Begegnungen mit Wassergeistern oder beschreiben wunderbare Wasserstädte, die sie persönlich oder im Traum besucht haben…. Die Leute beschreiben sie oft als schöne, hellhäutige Wesen mit langen, fließenden Haaren, aber sie können sich auch als Tiere, zusammengesetzte Kreaturen und Gegenstände materialisieren, die im Wasser auftauchen.” (148)                          (Alle Zitate übersetzt, v.Graeve)

 Wir erkennen darin die Jengu (LINK) der Kameruner Küste wieder,  sowie die unter dem Namen Mamiwata bekannten Wassergeister, die man entlang der Atlantikküste bis an den Kongostrom verehrt (LINK;  ich empfehle dazu: Henry J.Drewal : “MamiWata – Arts for Water Spirits in Africa and Diasporas“, UCLA L.A. 2008).

Respekt vor der Wasserwelt – die Ijebu Yoruba

Duncan und ich vermuteten in den Figuren auf unseren Bootsmodellen eine Herkunft von „Yoruba“. Und prompt findet sich in einer frühen Ausgabe von „African Arts“ (Herbst 1973) ein Bericht über den Ekine-Kult der Ijebu Yoruba am westlichen Rande des Niger-Deltas, den sie von den benachbarten Ijaw (Ijo) übernommen haben. Ich benutze wie der Autor meist das Präsens, aber der Beitrag ist bereits fast fünfzig Jahre alt.

Nicht alle Bewohner des Deltas waren mit der Wasserwelt verbunden wie die Ijo. Der Fall ist zugleich ein Beispiel für die Nachbarschaftsbeziehungen unterschiedlicher ethnischer Gruppen und die Ausbreitung angesehener Kulte und die Wanderung ihrer Kultobjekte und sogar ihrer Formen. Mit Roger de la Burde lernen wir das ambivalente Verhältnis der Ijebu Yoruba zum Wasser und seinen Geistern kennen und ihre Kooperation mit den Flussmenschen und Fischern der “Ijaw” (Ijo) in der Nachbarschaft.

„Für die Ijebu-Yoruba, die am Rande des mittleren Küstenabschnitt Nigerias leben, sind Wasser und seine Personifizierung – die unvorhersehbaren Wassergeister – eine der mächtigen Naturgewalten. Im Gegensatz zum nördlichen und mittleren Yorubaland, das überwiegend leicht hügelig ist, ist das südliche Ijebu-Gebiet grundsätzlich flach. Dort ergießen sich Hunderte von Zuflüssen in die großen Flüsse wie Shasha, Owena usw. Obwohl diese Bäche einen niedrigen Wasserstand haben oder in der Trockenzeit völlig austrocknen, schwellen sie während der Regenzeit zu enormen Ausmaßen an und überfluten die umliegenden Ebenen, während sie zum Meer rasen. “ (28)

Doch wie die meisten Yoruba zogen die Ijebu es vor, eine starke Verbindung mit dem Land aufrechtzuerhalten, sichtbar in ihrer Verehrung des “Ogboni edan”, Erdprinzipien, an die sie Königsmacher- und Regierungsfunktionen delegierten (L.E. Roache). Wassergeister waren von geringerer Bedeutung und wurden in relativ wenigen Dörfern und Städten der Ijebu verehrt. Sie wurden als spitzbübische Kreaturen angesehen, die nur auftauchten, um ihre schädlichen Taten zu vollbringen und schnell in ihren dunklen und geheimen Verstecken zu verschwinden. Die Ijebus mieden lieber die Flüsse und Bäche, von denen sie glaubten, dass sie die Heimat dieser Geister waren. G. Afolabi Ojo führt dies auf die Unterlegenheit der Yoruba-Küstengruppen gegenüber den Fluss- und Delta-Leuten in Südnigeria zurück, sowohl in Bezug auf die Fangtechniken als auch in Bezug auf den Fischfang selbst. Sie überließen die Fischerei den eingewanderten Ijaw, Urhobo und Jekri”. (28)

Trotz ihrer Abneigung gegen das Wasser diktierte die Nähe zum Meer und zu schiffbaren Flüssen die Aktivitäten der Ijebu und etablierte sie als Knotenpunkt des Handels. Sowohl das Königreich Oyo als auch die Stadt Ibadan mussten in der Vergangenheit die Routen über Ijebu als Zugang zum Meer nutzen. Dies brachte relativen Reichtum und Schießpulver und garantierte damit ein gewisses Maß an militärischer Unabhängigkeit. Aufgrund ihres Wohlstands mussten die südlichen Ijebu auch  in der Landwirtschaft keine großen Fähigkeiten entwickeln. (28 R) So wurde das südliche Ijebuland zu einem Knotenpunkt  unterschiedlicher Kulturen und Stammestraditionen.

So kooperierten sie auch mit den Kalabari Ijaw, Experten für Fischerei und Kanubau. Ältere Ijebu erkennen sogar an, dass diese ihnen als Händler mit ihrer intimen Kenntnis der Flüsse sehr hilfreich waren. Sie hatten auch den umfangreichsten Wassergeistkult, Ekine, entwickelt, der sich vor allem durch seine unterhaltsamen Maskeraden auszeichnete. Die Ijebu führten den Ekine-Kult bei sich ein, ohne ihm aber politische Aufgaben – etwa in der Rechtsprechung – einzuräumen. Beim Wasserfestival wurden bei Maskeraden sowohl die waagrechten Ijaw- als auch Yoruba-typische Masken verwendet. Man nutzte sie auch beim Geleit der Wassergeister Igodo, Agira und Oni zu überdachten Altären, die man ihnen vor dem Fest an den Ufern der lokalen Bächen und Flüssen errichtet hatte, um möglichst  sicher vor ihnen zu sein, wenn sie besonders unberechenbar waren. Sobald die gefährliche Saison der Überflutungen und Rituale vorbei waren, wurden alle Masken in die Häuser der Kult-Elite zurückgebracht, derjenigen, die flinke Beine und Arme haben und die während des Tanzes Wassergeister in sich tragen.  Dort wurden sie zwischen Dachsparren aufbewahrt, zum Schutz vor Insekten häufig geräuchert und vor dem nächsten zeremoniellen Gebrauch restauriert. Seit den 1920er Jahren wurden wertvolle Stücke zu ihrem Schutz auch mit teuren westlichen Ölfarben angestrichen, die die Ijebu bei ihrer ausgedehnten Handelstätigkeit erworben hatten. (32 R)

Indem der Ijebu Ekine-Kult Kontakt zu den Wassergeistern aufnimmt, sie mit Opfergaben besänftigt und gelegentlich sogar überlistet, hilft er der Gemeinde, mit den Gefahren des Wassers umzugehen. Es gelingt , einige alte Elemente der Yoruba-, Benin- und Kalabar-Ijaw-Kulturen zu destillieren und an eigene spirituellen Bedürfnisse anzupassen. (32 R)   

(Alle Zitate übersetzt, v.Graeve)

 

Beispiele afrikanischer Boote und Bootsmodelle für Kult, Fest und Export

Schauen wir uns noch ein paar bootsförmige Kultobjekte an. Manchmal geben Details Hinweise auf ihre Verwendung. Doch ihre Formen sind im Grunde so vielfältig wie ihre Vorbilder im realen Leben. Warum sollten sie nicht universell einsetzbar gewesen sein und nur entsprechend angepasste Namen bekommen haben? Selten ist Genaueres über die Objekte nachzulesen.

1 – 2

Die ältesten Beispiele stammen aus Altägypten noch vor den Dynastien (ca. 3400 B.C.; Dawn of Egyptian Art, p.65, cat.66 : „Bootsmodell mit aufgemalten Ruderern, Ashmolean Museum Oxford). Ein weiteres (Cahiers d’Art, Christian Zervos, Paris 22e année 1947, p.42, Musée de Berlin) ist 57 cm lang und trägt sogar ein Dach: „Barque funéraire en terre“ (Totenbarke in Terracotta)

Dawn Egypt p.65 cat.66

Cahiers d’art 1947 p.42 barque

 

 

 

 

3    „Kanu zum Himmel“  (‘Urhobo Art’,  p.134f. cat. 75)

Perkins Foss zeigt in diesem Katalog des Museum for African Art, N.Y. eine ausladende Scheitelmaske, die ein vollbesetztes Kanu darstellt. Jede Familiengruppe besitzt so ein ‚Canoe’ und bei einer Beerdigung wird dieser temporäre Schrein mit anderen Dingen im Hof des Anwesens aufgestellt. Auf einem leider viel zu klein abgebildeten Foto von 1971 sieht man eine trauernde Menschengruppe und erahnt das Miniaturboot und Opfergefäße.

Zwischen dem Land der Lebenden und dem der Toten liegt Wasser. Der Tote „reist auf dem Wasser“. Das symbolische Transportmittel soll dem Gestorbenen die Reise erleichtern. Über einen Tanz der Scheitel-Maske in Bootsform sagt der Text nichts.

Foss Urhobo p.134  cat. 75  “canoe to heaven”

Im Boot sitzen fünf Personen, auf der Bugfläche ein Hund. Vorn und hinten stehen die beiden Bootsleute, sie tragen kleine Ruder in der Hand. Alle haben hohe Köpfe und tragen einen traditionellen oder europäischen Hut. Vier Männer rahmen den Toten ein, zwei Musiker (?) blicken ebenso wie der Tote gegen die Fahrtrichtung. Er ist diskret bewacht, aber auch beschützt, denn, so wie im Katalog der Künstler Bruce Onobrakpeya die Urhobo-Kosmologie interpretiert, ist die Passage in die Unterwelt lang und gefährlich. Da niemand weiß, wo sich der Aufenthaltsort der Toten befindet, soll niemand unbedacht Anweisungen geben. Der spurlose Weg verlangt außerordentlichen Spürsinn.

Unentschieden zwischen Hades und Himmel?

Das Boot, „oko-re-Erivwin“ wird gewöhnlich als „canoe-to-heaven“ übersetzt, im weiteren Text ist „Erivwin“ aber „Die Unterwelt derer, die das Land der Lebenden verlassen haben“ : „the underworld of those who have departed from the land of the living.“ ) (135)  Im Katalog schließt sich eine lebhafte Diskussion unter Urhobo an, die in Kanada, in Niagara Falls, Ontario  im Jahr 2000  stattfand. Es geht um die Bewahrung von Traditionen unter Bedingungen der Moderne und der Christianisierung. (137f.)

 4

Ways of the Rivers p.133  fig. 4.2 Urhobo

Auch der Katalog “Ways of the River” zeigt einen  solchen Urhobo Maskenaufsatz (fig. 4.2, 60cm, FMCH X86.2504) und kommentiert:Zahlreiche Delta-Scheitelmasken suggerieren Kanuformen oder enthalten entsprechend verkleinerte Kanus. Die benachbarten Itsekiri machen eine Version so groß, dass zwei Tänzer erforderlich sind, um sie zu tragen. Masken, die moderne Transportmittel darstellen – Fahrräder, Hubschrauber und Flugzeuge – sind ebenfalls populär geworden, und einige der Kalabari Ijo zeigen Ozeandampfer.“ (133)

Bentor Map Delta AA spring 2002, p.28

Wo wir gerade bei der unübersichtlichen Häufung uns unbekannter Ethnien sind – Eli Bento hat sich (African Arts, spring 2002) die Mühe gemacht, unter dem Titel “Spatial Continuities – Masks and Cultural interactions between the Delta and Southeastern Nigeria” die Geschichte des Umgangs der Kunst-Ethnologen mit der ethnisch und stilistisch völligen Unübersichtlichkeit der Region nachzuzeichnen. Die Kartenskizze ist für unsere Orientierung das Beste, was ich bisher finden konnte.

 

5   Bootsmodell  als Altar für Wassergeister (Sacrificional Canoe) der IJO

Ways of the Rivers p.139 4.10 Ijo: Foto Anderson 1992

6  Ein bemanntes Festboot der Urhobo

Urhobo p.38 fig.16. performance

“Urhobo Art” zeigt das Foto eines überdachten und festlich geschmückten Bootes mit (angeblich) dreißig Ruderern, die den Auftritt eines Wassergeistes begleiten. Das Umalokun-Ritual wurde von den benachbarten Itsekiri entwickelt und bei den Urhobo in den 1940er Jahren eingeführt. (Foto Ughelli 1966).

 

7  Das Boot der häuslichen Eintracht  (Ogoni)

Bildunterschrift: „Diese Skulptur diente wahrscheinlich als Maskeradenkopfschmuck. Das „Haus“, das das Gefühl der häuslichen Harmonie fördert, wurde möglicherweise eingebaut, um die Insassen oder die Ladung des Kanus auf einer langen Reise vor Sonne oder Regen zu schützen. Wie die meisten Delta-Frauen sitzt die „Frau“ am Heck und fungiert als Chauffeur ihres Mannes.”

Port Harcourt, Aug. 1,18. Reuters:Ron Bousso

Das hohe künstlerische Ansehen der Ogoni ist eine Sache. Wir sollten aber die  prekäre Situation der kleinen Völker des südlichen Niger-Delta in den nunmehr 60 Jahren katastrophaler Ölförderung von Shell-Nigeria nicht vergessen. Ich empfehle “Genozid in Nigeria – The Ogoni-Tragedy” (London 1992) von Ken Saro-Wiwa, des intellektuellen Ogoni und Aktivisten gegen die ökologische Verwüstung, der 1995 nach einem Schauprozess hingerichtet wurde (LINK zu Artikel der DW-Akademie 2015).

8      PARODIE UND POSSENSPIEL

Positive oder negative Einstellungen zum Wasser sind – bei Ijo/Ijaw und Ijebu – bereits zur Sprache gekommen.  Zu Festen und ihren Maskeraden gehören auch gegenseitige Neckereien und unterhaltsame Späße, oft in erzieherischer Absicht. Dabei deutet sich in der folgenden Anekdote auch die Konkurrenz zwischen Wassergeistern und Buschgeistern an, immerhin bei den Ijo.

Ways of..p.142  4.14 paddle a bench

Bildunterschrift zu Abb. 4.14 in “Ways of the River”: “Ein Mädchen, das vorgibt, auf einer Bank zu paddeln während eines Tanzes Inamu, der von Buschgeistern stammt”  Korokorosei 1991″

Anderson: „Die Ironie, die der Idee des Kanufahrens auf trockenem Land innewohnt, spricht offensichtlich die Ijo an. In einem Tanz, der von Buschgeistern eingeführt und von zahlreichen Dörfern in der Region kopiert wurde, machen junge Mädchen Paddelbewegungen mit entsprechend geformten Tanzstäben und verwandeln dann eine Bank in ein Kanu. Sie paddeln darauf, tanzen darauf, ziehen es durch die Arena und fallen schließlich auf den Boden, wenn sie es ‘kentern’ lassen.  Maskeraden enthalten oft ähnliche Parodien. Einige spielen auch Fischzüge nach. Eine früher in Korokorosei inszenierte Aufführung zeigt die Folgen eines häuslichen Streits. Die Frau bereitet sich darauf vor, in das Haus ihres Vaters zurück zu kehren, indem sie ihr Kanu Stück für Stück einzeln belädt, während die Zuschauer sie bitten, zu bleiben. Zuerst ärgert sie sich über deren Bitten, aber lässt sich schließlich überreden, zu bleiben, als sie nach Hause zurückkehrt, um eine vergessene Machete zu holen. “ (140f.)

Höfisches Handwerk (Benin) – Repräsentatives Sammlerstück

“Bronzeboot mit Oba und Würdenträgern. Vermutich Ende des 19. Jahrhundert, Anfang 20. Jahrhundert”  L 40,5 cm, B. 10,5 cm  H 17,5 cm   Schätzpreis 15.000 DM

Galerie Wolfgang Ketterer, München 31.Auktion1979 Los107a

10   “DIE WEISSEN”  Thomas Ona (Odulate) “Boat with figures” (44,5 cm))

in : Ways of the Rivers  p. 64

Martha G. Anderson kommentiert:  „Ona fertigte charmante Porträts von Kolonialbeamten für eine weitgehend westliche Klientel an. Er arbeitete im typischen Yoruba-Stil, schnitzte jedoch jedes Element einzeln und kombinierte sie dann zu Szenen wie dieser – einem gebieterischen britischen Distriktbeamten, der sich mit einem Kanu über die Bäche paddeln ließ. Obwohl die Europäer manchmal vermuteten, dass sie karikiert wurden, gab Ona an, mehr daran interessiert zu sein, Embleme von Rang und Autorität darzustellen.“ Und Frank Willett schreibt: „Als Ona von William Bascom interviewt wurde, erklärte er, dass er die Welt einfach so darstellte, wie er sie sah“. (“African Art”, Thames & Hudson 1971-91, p.143)    (Zitate übersetzt, v.Graeve)

11      Ein aktuelles Angebot aus Kamerun (‘Ijo’)

Der Kameruner Kunsthändler Salif M. bietet mir im Mai 2020 solche Bootsmodelle der “Ijo”  an, ein Meter lang, Höhe mit Schirm 70 cm, bunt und mit einem hybriden Bootskörper, der mit Attributen eines Fisches den Wassergeistern nähersteht. Ich sehe sie inzwischen viel positiver als damals, aber sie sind mir immer noch zu groß

Salif M. Mai 2020

Salif M. Mai 2020

 

 

 

 

 

 

 

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Literatur

(in der Reihenfolge des Auftritts)       (* nur Abbildungen)

Rosalinde G. Wilcox : „Commercial Transactions and Cultural Interactions from the Delta to Douala and Beyond“ in „African Arts“ vol. 35,1; spring 2002, p. 42-54, 93).

Martha G.Anderson and Philip M. Peek, Editors :„Ways of the Rivers – Art and Environment of the Niger Delta“ , UCLA Fowler Museum L.A.2002

Henry J.Drewal : “MamiWata – Arts for Water Spirits in Africa and Its Diasporas”, Fowler Museum at UCLA, L.A. 2008)

 Roger de la Burde : „The Ijebu-Ekine Cult“ in „African Arts“ vol 7,1 automn 1973, pp.28-32

Diana Craig Patch : Dawn of Egyptian Art, MET N.Y. 2012  *

Christian Zervos : „Sculptures et textes poétiques de l’Égypte“, Cahiers d’Art Paris 22e année 1947, p.42, Abb. Musée de Berlin  *

Perkins Foss : “Where Gods and Mortals Meet – Continuity and Renewal in Urhobo Art“, Museum for African Art N.Y. 2004

Eli Bento : “Spatial Continuities – Masks and Cultural interactions between the Delta and Southeastern Nigeria”, African Arts, spring 2002, p.26-41,91

 

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