Drei junge Männer an der Kamerunküste zwischen 1882 und 1919 – und die Bakwiri (2.5)

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Themen: „Wildwest“ in Kamerun, die drei Abenteurer Knutson, Waldau und Szcolz Rogoczinski, betrügerischer Landraub um 1890 mittels Scheinverträgen und Gewalt, Plantagenwirtschaft zwischen Victoria (Limbe) und Buea (Bild, Besitzverteilung um 1900), Starke negative Nachwirkungen auf die Bakwiri bis heute.   

Die Vorstellung des von Georg Waldau an der Kamerunküste erworbenen Bootsmodells habe ich auf einen neuen Beitrag (2.6) verschoben (LINK). Sie passt nicht zu den hier geschilderten Ereignissen. 30.3.2022

 ‘Wilder Westen’ – was sonst?

In dem halben Jahrhundert vor dem Ersten Weltkrieg herrschte zwischen Nigerdelta und Kongo  ‘Wild West‘. Die Teilnehmerstaaten der Berliner Konferenz, von Lobbyisten getrieben, holten aus den Abmachungen das Maximum heraus, indem sie mit Hilfe von ‘Schutzverträgen’, Kanonenbooten, Agenten und Söldnern vollendete Tatsachen schufen. Rudimentäre Verwaltungen waren  die legalen Fassaden, hinter denen sich weite ‚rechtsfreie’ Räumen erstreckten. Die rekrutierten Söldnertrpps waren nicht zu kontrollieren, sodass ständig in irgendeinem der gerade neu abgesteckten ‘Bezirke’ die Indigenen rebellierten.

Unter der Bevölkerung der europäischen Staaten wurde auf breiter Front erfolgreich Neugier und Goldgräberstimmung erzeugt. Optimismus und Betätigungsdrang waren groß unter verkrachten Unternehmern, potentiellen Siedlern, undurchsichtigen Abenteurern aus ganz Europa, die sich als „Forscher“ ausgaben, von der Kasernenroutine frustrierten Militärs, naiven arbeitslosen jungen Männern und frommen Handwerkern, die nur ‘Seelen retten’ wollten . Es war ein ständiges Kommen und Gehen in der Kolonie. Am stabilsten waren noch die regelmäßigen Schiffsverbindungen der europäischer Reedereien und das Sterben an diversen Fiebern.

Es gab auch ein paar bürgerliche Existenzen wie Reichsbeamte und Juristen, die mit völlig unzureichenden Ressourcen ständig improvisieren mussten, wenn sie im Ernst ihre in Europa ausgedachte ‘Rechtsordnung’ anwenden sollten. Geschäftsleute beriefen sich ständig klagend auf ministerielle Zusicherungen. Romantisch gestimmte Kolonialisten fingen an, im Hochgefühl der jungfräulichen Neuerwerbung vorsorglich Eingeborenensprachen zu protokollieren, obschon “Pidgin”-Englisch längst als lingua franca etabliert war. Mediziner wollten die Kolonie gesünder machen. Investitionsgesellschaften sie umgehend profitabel machen. Mit jedem Dampfer machten auch reiche Touristen auf Weltreise kurz Station, in Douala, Victoria, der Insel Fernando Poo oder Libreville.

Stockholm

Mehrere schöne Objekte der Duala sind  mir auf der gepflegten Webseite http://collections.smvk.se/carlotta-vkm/  begegnet. Vom Völkerkundemuseum Stockholm bin ich auf einen schwedischen Augenzeugenbericht, kommentiert und um supporting material ergänzt. Ich muss mich hier auf ein paar dürre Auszüge beschränken.Einem von seinem Partner Georg Waldau (1862 – 1942) erworbenen ‘Duala’ Bootsmodell, das heute im Stockholmer Welt-Museum steht, verdanke ich überhaupt die Bekanntschaft dieser Menschen und des Buches über sie, genauer: dem Registrator am <varldskulturmuseerna.se> Magnus Johansson. Das Boot erlaubt mir auch, Vermutungen zu Fertigung, Qualität und Entstehungszeit anzustellen (2.6).

Die 1880er Jahre waren turbulent in Kamerun. Nach der Annexion Dualas durch das Deutsche Reich 1884 waren die Grenzen zur entstehenden britischen Kolonie Nigeria noch völlig offen. Es waren Jahre wilden staatlichen und privaten Landraubs mit Mitteln des Betrugs, Diplomatie  und militärischer Gewalt . Zwei Akteure am Rande waren Knutson und Waldau,  Knutson schrieb später eine lange Abhandlung über seine Zeit in Kamerun (1883-1895), die 2002 zum ersten Mal veröffentlicht wird. (LINKs JustBooks.de, Produkt).

 

 Knut Knutson und Georg Waldau , alias Valdau

In “Swedish Ventures in Cameroon 1883-1923  – Trade and Travel, People and Politics” (Cameroon Studies vol.4 Berghahn Books, New York – Oxford 2002)  lässt die Afrikanistin Shirley Ardener diese Jahre an der Kamerunküste unterhalb des Kamerunbergs regelrecht ‘auferstehen’ – in der wissenschaftlichen Edition der Erfahrungen des Schweden Knut Knutson (1857 – 1930), angereichert durch weitere Dokumente und Personen, wie dem polnischen “enfant terrible” Sczolz Rogozinski (Blog 2.3 LINK). Eingeklammerte Zahlen bedeuten Seitenangaben.

Knutson, in einem kleinen Landgut außerhalb von Göteborg geboren, “war zuerst und vor allem ein Abenteurer”. Wie er selbst schrieb, machten die  Bücher der frühen europäischen Erforscher Afrikas große Furore,  speziell unter der Jugend Westeuropas. Diese Geschichten hatten seinen vergeblichen Versuch inspiriert, an Stanleys Kongo-Expedition teilzunehmen. Nach Meinung seines Schwagers, der ihn mit dem weit jüngeren Georg Waldau bekannt machte, war es für junge Männer in Schweden gegen ende des 19. Jahrhunderts schwer, Arbeit zu finden, besonders auf dem Land, selbst für kaufmännisch oder naturwissenschaftlich ausgebildete Menschen. Beide waren vielseitig interessiert und publizierten während ihres Aufenthalts in der geografischen Zeitschrift “Ymer” (seit 1881;LINK).  Beide waren gute Schützen und Knutson erwähnte später wiederholt sein militärisches Training.  (3)

Immerhin mit zwei Stiefelknechten schifften sie sich auf eigene Faust ein und erreichten auf einem Dampfer der deutschen Reederei Woermann im Dezember 1882 erst Douala und von dort nach Victoria, den 1858 durch den Baptistenmissionar Alfred Saker gegründete  Niederlassung (bis 1886-87 britisch (LINK), das heutige Limbe). Sie marschierten direkt auf halbe Höhe des Mt. Cameroon und lebten in einer Hütte oberhalb der ansässigen Bakweri kümmerlich vom Jagen und Sammeln.

Ardener “Swedish Ventures…” fig.5 p.41

Sie erkundeten die Umgebung (4), nicht ohne nach profitablen Geschäftsfeldern zu suchen. Sie entdeckten eher zufällig den überall an Stränden und Flussufern wachsenden wild rubber vine als kommerziell ausbeutbaren Rohstoff , worauf sie ab 1890 in Lobe die “Knutson, Waldau and Heilborns Afrikanska Handelsaktiebolag” gründeten. Dorfbewohner lieferten die Ballen In ihren Faktoreien um den Rio del Rey ab; sie mochten die mühselige Ernte nicht, aber 1897 machte die Firma ohnehin Konkurs. (4)

 

Grundbesitzer – Ein Skandal oder?

Ein weiteres Feld war problematischer. Schon 1885 begannen sie, Landabtretungsverträge mit Notablen der Bakwiri abzuschließen, und zwar in Serie. Sie waren zwar mittellos, aber rafften binnen eines Jahres Land und Dörfer genug für mehrere Plantagen zusammen. Bei Zivilprozessen in den zwanziger Jahren listete Knutson über 30.000 Hektar auf – das gesamte Stadtgebiet der Großstadt Frankfurt am Main umfasst 22.000 – es seien aber vielleicht noch einmal so viel gewesen.

Ich zitiere den Vertrag mit dem Dorf, das die beiden jungen Leute am besten kannten:

“Wir Unterzeichner machen hiermit bekannt, dass wir in Übereinstimmung mit dem Volk von Mapanja town die Stadt und das ganze Territorium von Mapanja den Herren Knut Knutson und George Waldau verkauft haben, welche vom Tag der Unterzeichnung an die gesetzlichen und legitimen Eigentümer und Herren (masters) des genannten Landes sind. Den gesamten Kaufpreis – bestehend aus Sechs (6) Ballen Stoff zu 24 Faden (englisches Maß etwa 43 Meter (?) LINK ), drei (3)  Tischtüchern und drei (3) Regenschirmen – haben wir erhalten. Mapanja am 24. Dezember 1884

King X Mossaso.     Chief Mosingi  X      Chief Lewunjo X.      – die Zeugen –  J. A. Gustavsson.  Mbua – der Dolmetscher und Freund –    Jack.    

Ardener zitiert noch ein halbes Dutzend weitere Verträge. Sie hatte von den Verträgen nur Schreibmaschinendurchschläge vorliegen –  bis auf den mit Bleistift auf ein kleines Blatt Papier geschriebenen ‘Vertrag’ über den Hauptort Buea der Bakwiri. “Dies Papier diente später den Deutschen als juristische Grundlage für das Recht, dort eine Station zu errichten und Pflanzungen einzurichten – Rechte, die heute in Buea angezweifelt werden.” (168)

Die Bakwiri hofften, mit der Präsenz der beiden Weißen etwas vom Wohlstand abzubekommen. Den lächerlichen ‚Kaufpreis’  erklärt Shirley Ardener aber vor allem mit der stillschweigenden Voraussetzung der Einheimischen, dass es sich nur um ein Nutzungsrecht  handele, das mit dem Wegzug der beiden Fremden wieder erlöschen würde.

Man muss sich klar machen, dass die Notablen den Vertragstext nur mündlich übersetzt bekamen und mit drei Kreuzchen absegneten. Reichlich Alkohol wird bei der Besiegelung auch eine Rolle gespielt haben. Das war bei allen den “treaties”, Freundschafts- und Schutzverträgen so. Auch die positive Mundpropaganda durch Häuptlinge trug zum Erfolg der Kampagne bei. Nur einen Fall erwähnt Ardener, wo unter beträchtlicher Unruhe am folgenden Tag vergeblich versucht wurde, den Vertrag zu widerrufen. Und dass einzelne Abmachungen diversen Privatbesitz von der Übereignung ausnahmen. (168-169)

Die Deutschen kommen. Und der Patriot Hugo Zöller.

Gerade zum Zeitpunkt dieser Aktivitäten wollten die Vertreter des Deutschen Reichs das mit den Duala im Juli 1884 vertraglich abgemachte Schutzgebiet über den britisch dominierten Hafen Victoria und über den Mount Cameroon nach Old Calabar (heute Nigeria) ausdehnen .

Der deutsche Journalist Hugo Zöller (*`1852) von der “Rheinischen Rundschau” reiste als glühender Patriot an die Kamerunküste und propagierte in der Heimat die deutsche Kolonialeroberung, gleich 1885 auch in einem Buch. Bereits auf dem Dampfer machte er  Bekanntschaft mit  Szcolz Rogozinski, einem Agenten der konkurrierenden Briten (2.3). Er bemerkte an ihm “ein für die afrikanischen Umstände elegantes Äußeres, eine glatte, großbürgerliche polnische Lässigkeit“ und Erfolg bei den Damen.”  Beide waren zäh und körperlich fit. Beide sprachen deutsch. (Ardener ch.6,p.241) Und sie bestiegen gelegentlich sogar zusammen den Gipfel des Kamerunberges.

Dokument

Der_kleine_Kamerun-Berg_Aus der Bucht von Viktoria (heute Limbe) vor_1910

Zöller hatte von den gentlemen in Victoria nichts zu erwarten. Und da er 1884 neu an der Küste war, fehlten ihm Kontakte zu den Völkern im Hinterland. So suchte er die Einsiedler aus Schweden in den Bergen auf gab sich als fairen Vermittler zwischen ihren und den Interessen des Deutschen Reiches aus.

In der turbulenten Phase der Koloniegründung schien sein Angebot alternativlos, ihre private ‚Schutzherrschaft’ über die Bakwiri der staatlichen des Kaisers zu unterstellen. Auf eine andere Entscheidung würden die Deutschen eine entsprechende Antwort geben. Der Kapitan eines deutschen Kanonenbootes, Kärcher, nahm an einer Vertragszeremonie teil, Zöller an mehreren. Und Zöller hisste die Reichsfahne. Die Rechtmäßigkeit und Gültigkeit der ‘Verträge’ schien zweifelsfrei anerkannt. (172).

Dokument

Wohnhaus_des_Gouverneurs_in_Buea-wikipedia

1891 konnten die Bakwiri noch militärisch Widerstand leisten, aber 1895 wurden sie nach einer vernichtenden Niederlage am Hauptort Buea  gewaltsam und großflächig  von den für die Plantagenwirtschaft idealen Flächen vertrieben. Buea in vergleichsweise angenehmer Höhenlage auf 1000m wurde 1901 Regierungssitz der deutschen Kolonie Kamerun.

Da den beiden Schweden das nötige Investitionskapital fehlte, war es ein Leichtes, ihnen die betreffenden Ländereien wegzunehmen und, einmal in das 1896 geschaffene Kronland integriert, anderweitig zu vergeben. Da half ihnen auch nicht die auf eigene Kosten veranlasste Vermessung und eine durch den deutschen Konsul in Stockholm 1894 erfolgte Zertifizierung. (172) Die von Behördenvertretern zugesagte Entschädigung erhielt sie nie. Knutson begann eine bis zu seinem Tod 1930 hinziehende “Legal Battle” (Ardener), eine nur durch die Kriegsjahre unterbrochene juristische Auseinandersetzung erst mit dem deutschen Staat, dann mit der britischen Kolonialregierung in Nigeria, die seit 1921 für “British Cameroon” zuständig war. Da lebte er seit 1896 bereits verheiratet in Stockholm. Ein Tauschanbot in “Kronland” lehnte er als ungenügend ab. Vor 1914 verlangte er noch 25.000 “Mark”, Goldmark. Zum Vergleich: Das Jahresgehalt Waldaus  als Manager der Dibundscha-Plantage 1916 betrug 450 Mark. Die lächerlichen Erwerbskosten verteidigte Knutson mit einer entsprechenden Bitte seitens der deutschen Autoritäten (173).  Er hatte urprünglich – wie der konkurrierende Pole Rogozinski (5) –  sogar nationale ‘schwedische’ Kolonialträume am Mt. Cameroon gehegt und dabei an Siedlungsland für schwedische Bauern gedacht.

Propaganda-Dokument

Fako-1941.-92×64-Schulwandbild (Ausschnitt).ebay_.deitm324108417906. Bildschirm am 31. März 2022

Waldau zog es vor, als Verwalter in deutschen Plantagen zu arbeiten, er konnte sich bald als Teilhaber einkaufen und durfte selbst in der Kriegszeit seinen Posten behalten. Mit verschiedenen Heimaturlauben lebte er wohl bis 1923 in British Cameroon und erwarb schließlich eine Plantage auf Teneriffa.

Wer denkt an die Opfer? – Enttäuschte Erwartungen

Heiko Möhle hat den Leidensweg der Bakwiri, der mit den Scheinverträgen 1884/85 begann, bis in die Gegenwart nachgezeichnet, in einem differenzierten und menschlich bewegenden Artikel, der 2004 in iz3w, der Zeitschrift des “informationszentrum Dritte Welt” (seit 1970) erschienen ist und im Netz bei “www.freiburg-postkolonial.de” kostenlos abrufbar ist (LINK).

Kaum hat man von Douala kommend den Mungo-River überquert, breitet sich eine endlos erscheinende, grüne Weite links und rechts der Straße aus. Hier beginnt das größte Plantagengebiet Westafrikas, das sich von der Küste bis zu den Hängen des Mount Cameroon zieht. Auf den Zufahrtsschildern zu den Bananenpflanzungen stehen die Firmennamen CDC (Cameroons Development Corporation) und Del Monte. Das kamerunische Staatsunternehmen betreibt heute im Joint Venture mit dem amerikanischen Fruchtmulti die Plantagen. Angelegt wurden sie aber bereits in der deutschen Kolonialzeit. ….

Besitzverteilung um 1900 am Mt. Cameroon

Werner Kündig-Steiner: Die Großplantage CIC in Bota-Victoria gh 20-14-1965 p.15 (pdf im Netz)

Möhle schildert einen typische ‘Weg der Zerstörung’ (John H.Bodley, 1982)!

Bevor die Deutschen kamen, war Buea das größte von etwa sechzig Dörfern der Bakweri, die sich seit dem 18. Jahrhundert an den fruchtbaren Hängen des Kamerunbergs niedergelassen hatten, um Landwirtschaft zu betreiben. An der nahegelegenen Küste tauschten sie die Überschüsse ihrer Produktion bei den benachbarten Isubu und Bamboko gegen Fisch ein. ….

Der deutschen Kolonialverwaltung, die in den ersten Jahren nach der formalen Besitzergreifung Kameruns (1884) kaum mehr als einen schmalen Küstenstreifen kontrollierte, erschien der Ort als ernstes Hindernis für die Ausdehnung des Kolonialhandels und für das Vorhaben, an den Berghängen Plantagen anzulegen. Zweimal wurde Buea daher belagert. Der erste Feldzug 1891 endete mit dem Tod des deutschen Befehlshabers Gravenreuth und einer Niederlage. Doch im Dezember 1894 ließ Hauptmann Hans Dominik an der Spitze der neu aufgestellten “Schutztruppe” Buea dem Erdboden gleichmachen. Die Ereignisse um die Feldzüge haben sich bis heute tief in das kollektive Gedächtnis der Bakweri eingegraben. ….

Auf die Eroberung des Kamerunbergs folgte die Verdrängung der Bevölkerung von ihrem Land. Die umfangreichen Dorfländereien wurden auf Grundlage der 1896 erlassenen “Kronland-Verordnung” als “herrenlos” erklärt und der kaiserlichen Krone übereignet, die nun riesige Flächen zu Dumping-Preisen weiter verkaufen konnte. Bis 1914 gingen auf diese Weise etwa 90.000 Hektar Land rund um den Kamerunberg an eine Handvoll großer Aktiengesellschaften über. Hinter den Unternehmen mit klangvollen Namen wie Kamerun Land- und Plantagengesellschaft oder Westafrikanische Pflanzungsgesellschaft Victoria standen hanseatische Kaufleute und rheinische Schwerindustrielle. Lediglich zwei Hektar pro Hütte verblieben den Dörfern, von denen viele in unfruchtbare Randlagen umgesiedelt wurden, um das beste Kulturland für die entstehenden Großplantagen zu räumen. ….

Die Vertreibung leitete zugleich die Zerstörung der exportorientierten Kakaoproduktion ein, die einige Bakweri seit den 1880er Jahren begonnen hatten. Für Unternehmer wie dem Hamburger Johannes Thormählen bestand die einzige Existenzberechtigung der verbliebenen “Dorfreservate” in der Bereitstellung von Arbeitskräften für die Plantagen. (In kolonialen Zeitschriften sprach den Bakweri jede Fähigkeit zu einer selbständigen Landwirtschaft  ab.) ….

Die wenigsten Bakweri waren jedoch bereit, auf ihrem Land für fremde Herren zu arbeiten. Die BewohnerInnen ganzer Ortschaften wanderten aus, um dem Arbeitszwang oder weiteren Vertreibungswellen zu entkommen. Die Plantagengesellschaften waren gezwungen, ihre Arbeitskräfte aus dem weit entfernten “Grasland” im Nordwesten der Kolonie zu rekrutieren. Mit der Erschließung neuer Anbauflächen in der zwischen Kamerunberg und Duala gelegenen Tikoebene wurde der Bedarf an Arbeitskräften allerdings so groß, dass die Unternehmen sich gezwungen sahen, wieder auf Bakweri als Arbeitskräfte zurückzugreifen. Um den Arbeitszwang durchzusetzen, ließ die Kolonialverwaltung vereinzelt Dörfer niederbrennen und schreckte auch vor Folter nicht zurück. Dem von der deutschen Kolonialverwaltung geschaffenen System von Landvertreibungen und Arbeitszwang hatten die Bakweri wenig mehr entgegenzusetzen als Verweigerung, Rückzug und Resignation. Damit war eine Spirale in Gang gesetzt, welche die Bakweri immer weiter aus der weltmarktorientierten Plantagenökonomie hinaus und in die Marginalität hinein trieb. ….

Neue alte Investoren

Nach der deutschen Niederlage im Ersten Weltkrieg wurde Kamerun geteilt und vom Völkerbund der Verwaltung durch die Siegermächte unterstellt. Die Hafenstadt Douala lag nun im größeren französischen Mandatsgebiet, ihr ökonomisches “Hinterland”, die Plantagen am Kamerunberg, in der britischen Sphäre. Die Plantagen wurden als Feindbesitz enteignet, und somit hätte die Möglichkeit bestanden, das an den Bakweri verübte Unrecht der Landenteignungen rückgängig zu machen. Das Gegenteil trat ein. 1924 konnten die deutschen Unternehmen die Pflanzungen auf einer Londoner Auktion zurückkaufen. Das britische Grundbuchamt – nun seinerseits in Buea angesiedelt – beeilte sich, die Rechtmäßigkeit des Landerwerbs zu bestätigen, um den neuen alten Investoren Planungssicherheit zu garantieren.

Zwar ließen die Briten die Dorfreservate in den 1920er Jahren in bescheidenem Umfang vergrößern. Doch die isolierte Lage vieler Dörfer inmitten ausgedehnter Plantagen produzierte ständig neue Konflikte. Grenzverletzungen durch die Plantagen, die ihre Pflanzungen in die Reservate ausdehnten, sowie Diebstähle von Feldfrüchten durch Plantagenarbeiter demoralisierten die Dorfbewohner, die immer weniger Sinn darin sahen, ihr verbliebenes Land zu bewirtschaften. Innerhalb der Reservatsgrenzen wurde Land immer knapper, da ein reger Zustrom von Arbeitskräften aus Nigeria und dem französischen Mandatsgebiet eingesetzt hatte. Die deutschen Plantagenunternehmer und die britische Kolonialverwaltung waren an der dauerhaften Ansiedlung dieser Arbeitskräfte interessiert, stellten dafür aber kaum Land zur Verfügung.

Viele Dörfer hingegen nahmen bereitwillig Zuwanderer auf. Das freizügige Bodenrecht der Bakweri war jedoch auf eine Massenzuwanderung nicht vorbereitet. Durch den von vielen “immigrants” betriebenen Anbau von Dauerkulturen wie Kakao bildeten sich mit der Zeit Grundeigentumsansprüche heraus. Die lokale Bevölkerung verlor zunehmend die Kontrolle über das ihr verbliebene Reservatsland. ….” (Die unglaublichen Fortsetzungen der  Abwärtsspirale stehen unter dem oben angegebenen (LINK)

 

Stefan Sczolc-Rogozinski war zu keiner Zeit ‘Opfer’

Ein überfälliger ‘Indizienprozess’

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Ich vermutete im vergangenen September: Gewiss kam Szolc-Rogoziński zur falschen Zeit nach Kamerun, um dort Forschungen zu betreiben. Hatte er Verbindungen nach London, dem gerade ausmanövrierten Konkurrenten des Deutschen Reiches, wie sein Foto suggeriert?

Ein kurzer Artikel im deutschen Wikipedia (LINK) gibt darauf eine eindeutige  Antwort:

Szolc-Rogoziński unternahm mehrere Forschungsreisen in das Landesinnere Kameruns. Durch sogenannte Schutzverträge versuchte er die um das heutige Limbe liegende Region zu vergrößern, das von Großbritannien beansprucht wurde, aber 1887 in deutschen Besitz überging”. (….)

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In die Details geht der Beitrag in eng.wikipedia “Stefan Szolc-Rogoziński” (LINK), aus dem ich im Original zitiere:

“After a career in the Imperial Russian Navy, he organised an expedition to Africa with Klemens Tomczek and Leopold Janikowski. His expedition in Cameroon lasted from 1882 to 1884. Rogoziński was commissioned by the British government to act as an agent in the African interior. He had accepted in part because relations between him and local Baptist missionaries had broken down over his decision to sell alcohol to the locals.[2] The missionaries had given him the nickname ‘Rogue Gin and Whiskey’. The German press was extremely angry at a Russian citizen being employed by the British to frustrate their imperial ambitions in Cameroon, and Rogoziński’s hatred of Germany was well known. Chancellor Otto von Bismarck even made specific reference to the explorer in the Reichstag while complaining about Anglo-German relations. German anger and diplomatic pressure caused by the lead up to the Berlin Conference in 1885, led to the British dismissing Rogoziński from their service. They refused to use the many treaties he had negotiated to press claims in what had by now become recognised as German Kamerun. After his return, in 1895, he joined the Royal Geographical Society. In 1892-1893 he organised an expedition to Egypt. He founded the National Ethnographic Museum in Warsaw (Państwowe Muzeum Etnograficzne w Warszawie) (Irrtum!) and donated his collection of items and artefacts to the museum. He died in 1896 in a traffic accident in Paris.   (last edited on 26 August 2021, at 20:33 (UTC)).”

en.wikipedia gibt eine polnische und eine amerikanische Publikation an:

Was war mit Rogozinskis “bekanntem Hass auf Deutschland” gemeint? Hatte der mit der extremen Grenzlage von Kalisz im Russischen Reich zu Niederschlesien und mit der schmerzlichen Teilung seiner Heimat zu tun?

Eine wissenschaftliche Konferenz im Warschauer Ethnologischen Museum,  eine Begleitveranstaltung für die Ausstellung “Wiwat Polonia! Spuren von Polen in Afrika. Geschichte und Gegenwart” 2014 würdigte ihn als “Enfant terrible der Kolonialzeit in Afrika”. Davon lässt Kurator Kukuszka in seinem Beitrag aber nichts spüren!

Shirley Ardener, die in ihrem Vorwort auch zwei Besuche im Völkerkunde-Museum Krakau, – 1998 und 2000 – erwähnt,  widmet Szolc-Rogoziński  auf drei Druckseiten ein Porträt (a.a.O. 241-43) und lässt weitere Stimmen zu Wort kommen..

Demnach wurde der Einundzwanzigjährige (!) vom Britischen Botschafter  als “sort of freelance” (Freiberufler) bezeichnet. Zwei Monate nach der Ankunft mit zwei Kameraden in Fernando Poo (gegenüber dem Wuri-Delta) kauften sie im April 1883 vom Wovea-Volk die kleine Insel Mondoleh auf der Reede der Siedlung Victoria.

Bald fuhren sie den Mungo-Fluss hinauf und publizierten darüber in zwei deutschen geografischen Zeitschriften. Nach Tomczeks Tod am 20.Mai 1884 machten Rogoziński und Janikowski einen kurzen Trip nach Gabun. Bei ihrer Rückkehr erfuhren sie zu ihrer Bestürzung, dass die Deutschen das Protektorat über die Cameroon River area and Bibia errichtet hatten. Im Vertrauen auf seine guten Beziehungen zum Volk von Bota (Wovea) und weiteren Küstenvölkern bis zum Rio del Rey, versuchte Szolc-Rogoziński Teile des Kamerunberges für die Britische Krone zu annektieren und wurde von britischen Vizekonsul vertretungshalber zum Acting Chief Civil Commissioner over the colony of Victoria ernannt.

Die Deutschen waren entrüstet und verfolgten diesen in Polen geborenen Russen teilweise deutscher Abstammung. Das ging sogar bis zur Verwundung und Festnahme seines Freundes Janikowski auf offener See am 12. Februar in dem Glauben, Rogozinski in die Finger bekommen zu haben. Zu dieser Zeit wurden Knutson und Waldau angehalten, ihn zu verhaften und den deutschen Behörden auszuliefern. Auf Protest englischer und jamaikanischer Baptistenmissionare, denen sein Handel mit Spirituosen –  sie nannten ihn Rogue... (‘Gauner’) – nahmen ihm dann die britischen Behörden die offiziellen Titel ab und wiesen seine ‘Annektionen’ zurück. Dem im Umgang angenehmen und jovialen Mann und seinen Partner verfolgte in Victoria auch ein Streit um Land. (242)

Was wäre passiert, wenn Rogozinski die Wege von Knutson und Waldau gekreuzt hätte?  Der deutsche Agent Zöller berichtet von einem Treffen mit Rogozinski damals bei Buassa. (Ardener 266)  Er gibt an, er habe ihn schon deshalb nicht festnehmen können, weil das einzige Vergehen bis dahin im illegalen Hissen einer englischen Flagge bestanden habe.  Mit seiner Truppe am Rande der Meuterei habe er, Zöller, ihn ohnehin nicht fangen können. Rogoziński hingegen habe fünfzehn Burschen aus Victoria kommandiert, die mit brandneuen Gewehren ausgestattet gewesen seien. Und ein bildhübsches Mädchen habe ihn begleitet mit guten Verbindungen nach Victoria. (Ardener 266-67, 242-43).

1886 oder 1887 fuhr Rogozinski zurück nach Krakau.  Damals  schenkte er seine ethnographischen und sprachwissenschaftlichen Aufzeichnungen sowie seine ethnologischen Sammlungen der Polnischen Akademie der Wissenschaften an der Universität. Er machte 1890 noch einen Versuch der Gründung einer Pflanzung auf Fernando Poo, aber erfolglos. (243)

An seinem tragischen Verkehrstod in Paris 1893  hatte die deutsche Kolonie Kamerun nun wirklich keinen Anteil.

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