UrsprĂŒnglich war das Thema in den Blog ĂŒber „drei junge MĂ€nner an der KamerunkĂŒste zwischen 1882 und 1919“ (2.5) (LINK) eingefĂŒgt. Doch es widerstrebte mir die ganze Zeit ĂŒber, die triviale Erwerbung eines so konventionellen Produkts mit den dramatischen und tragischen Ereignissen in Verbindung zu setzen. DafĂŒr können jetzt weitere Objekte und ZusammenhĂ€nge einbezogen werden. 30.3.2022
Das ‚Duala‘- Bootsmodell von Georg Waldau (Carlotta/Stockholm Depotnummer 1919.05.0082)
Das Objekt zeigt alle wichtigen Details, die Kanus angesehener Personen hatten: einen dezenten Steven (Seekuh, Leopard und âFarnâ) mit ausgearbeiteter Befestigung, zehn RuderbĂ€nke, Fahnen vorn und hinten, an der breitesten Stelle zwischen zwei Ruderern den groĂen Herrn mit Hut und Sonnenschirm, Trommler im Heck gegenĂŒber dem Steuermann mit spitzem Hut, auffĂ€llig: auch er mit einem Ruder. Realistische Proportionen eines gedrungenen Bootskörpers, der als Modell entsprechend nur zwei Meter lang ist.
Erwerbszeitraum 1890 bis 1919
Das vorgeschlagene Zeitfenster â1883-1886â fĂŒr den Erwerb ist zu frĂŒh angesetzt, denn Waldaus kleine Gruppe erreichte den Hafen Victoria erst am 27. Dezember 1883 (Knutson in Ardener,24) Man hatte Entdeckungen und Jagdabenteuer am Kamerunberg im Kopf. Dann kamen Hunger und Fieber, die beiden schwedischen Knechte starben, und ein Jahr spĂ€ter, als man von den Bakweri LĂ€ndereien in den territories of Cameroon Mountains erworben hatte, kam man bereits in Kontakt mit Vertretern des Deutschen Reichs, mit denen Waldau zu kooperieren sich entschied. Die LĂ€ndereien wurden 1888 zum Kronland erklĂ€rt und enteignet, im Ergebnis trotz zĂ€hem Ringen mit der Kolonialverwaltung entschĂ€digungslos. Erst als Knutson, Waldau and Heilborns Afrikanska Handelsaktiebolag 1890 mit Hauptsitz Lobe eine Reihe von Faktoreien an StrĂ€nden und riverbanks der KĂŒste zur Ausbeutung des eher zufĂ€llig in seinem Wert entdeckten wild rubber vine betrieben, war Waldau an Orten, wo Kanus und Wasserkulte Bedeutung hatten, und hatte Geld und MuĂe. SpĂ€ter bis in den Weltkrieg hinein und selbst unter britischer Besatzung stand Waldau als Manager im Dienst der 1899 gegrĂŒndeten riesigen Konzessionsgesellschaft Nordwest-Kamerun.
Bevor er wohl sich vermutlich ab 1923 auf die Kanarischen Inseln ĂŒbersiedelte, besuchte er noch zweimal Schweden (Ardener, 7), 1919 fand mit Sicherheit ein Besuch statt.
Auftragsfertigung fĂŒr Waldau?
In Victoria hatten die Baptistenmissionare seit 1846 neben Schulen auch Schreiner- und andere WerkstĂ€tten eingerichtet. Dort war auch vom Hafen her Nachfrage fĂŒr Bootsmodelle aus Holz zu erwarten.
Aufgrund der deutlichen Detailfotos der Carlotta-Datenbank halte ich das Modell fĂŒr eine Auftragsanfertigung fĂŒr Waldau. Es ist nicht nach Duala-Art bemalt, hat die Farbe hellen Holzes und wirkt noch heute frisch bis in die verwendeten Kordeln.
Ich muss zugeben: Der erste Eindruck einer gut proportionierten Skulptur mit klaren und hellen Formen auf den Abbildungen lieĂ mich bestimmte Eigenarten ĂŒbersehen, durch die sie sich von den bisher beschriebenen Bootsmodellen unterscheidet. Lassen wir die grobe Gestaltung des tange beiseite, weil es schwer ist, dabei Grenzen zu ziehen, und beschrĂ€nken wir uns auf die Mannschaft des Bootes.
Anderswo fand ich keine mit dem Messer geschnitzte Arme und Ruder, â ich bin immer noch der Ansicht, dass man gestanzte Teile in Douala von einer speziellen Werkstatt beziehen konnte. Die Köpfe sind auf eine schwer zu beschreibende Art ausdruckslos. Die Körper widersprĂŒchlich: Was sollen die betont langen, schwanger wirkenden BĂ€uche mit Nabelbruch – einmal sogar BrĂŒste? – auf einem Rennboot? Sie sind allerdings ‚typisch afrikanisch‘. Und die abgeschnittenen Beine sind dann nur noch eine ungeschickte, von Vorbildern aufgezwungene Lösung. Irgendein zugewanderter Schreiner und Schnitzer, nehme ich an.
Probleme mit Vergleichen
Ein zweiter Blick auf das Boot von Sczolz-Rogozinski (2.3)
Vergleiche erweisen sich im Detail als unergiebig, an diesem Boot wegen des lĂŒckenhaften Erhaltungszustands, bei anderen Exemplaren schon wegen der beschrĂ€nkten Ansicht und geringen Aufösung der mir vorliegenden Abbildungen.
Beim DurchblĂ€ttern der zusammengestellten Mappe gewinne ich den Eindruck, dass Ăbereinstimmungen mit anderen Exemplaren in einem Merkmal – wie MĂŒtzen oder aufgemalte BackenbĂ€rte oder die Behandlung des Unterleibs – durch auffĂ€llige, manchmal groteske individuelle Eigenheiten, die anderswo nicht vorkommen, durchkreuzt werden. Offensichtlich sind sie in unterschiedlichen WerkstĂ€tten der Region hergestellt worden zu verschiedenen Zeiten. Die Bemalung bietet den schwĂ€chsten Anhaltspunkt, solange man die EinflĂŒsse von Restaurierungen nicht vor Ort einschĂ€tzen kann.
Eine historische Fotografie !
Zu meinem Trost fand ich eine kleine historische Fotografie aus der Sammlung der „Basler Mission“. Die schwache BildqualitĂ€t versuche ich durch sorgfĂ€ltige Beschreibung auszugleichen. Das Foto von Gottlob Walker „Geschnitzes Kanu“ ist eine groĂe Seltenheit. Ich habe es bereits beschrieben und gedeutet, soweit ich die Details erkennen konnte:
Auf dem offenen Platz vor einer typischen Duala-âWohn-Barackeâ (waagrechte Ziegel) steht auf zwei hölzernen Rollen aufgebockt ein wohl drei Meter langes Bootsmodell (Vergleich Personen), geometrisch bemalt mit aufgestecktem hölzernen Bootsschnabel (tange). Der ist kurz, denn die Bootsspitze ist so lang gezogen und schlank wie am Heck. Ein weiĂer Pelikan (vgl. Leuzinger 1972, Abb. O8) steht etwas erhöht ĂŒber einer weiĂen Girlande und schaut nach vorn. Keine weitere Figur?
Das Muster auf der Bordwand wird von aufrechten und liegenden Rechtecken gebildet, keine Rhomben.
Im Boot meine ich acht weiĂe Figuren mit langen Oberkörpern in sechs Reihen zu wahrzunehmen. Sie sitzen etwas zurĂŒck gelehnt, die AbstĂ€nde sind weit, besonders zum BootsfĂŒhrer hinten und zum wohl nach rĂŒckwĂ€rts gerichteten Taktgeber vorn.
Davor das Familienoberhaupt, eine Frau und vier Jungen, rechts in der zweiten Reihe zwei erwachsene Gehilfen. Mann und Frau tragen ortsĂŒbliche Wickelröcke und Hemden, die ĂŒbrigen bloĂ Wickelröcke.
Eine Werkstatt kann ich nicht erkennen. Durch die zwei sichtbaren EingĂ€nge kann der lange Bootskörper nicht bugsiert worden sein. (Vergleich dazu Walkers Foto „Schreinerei in Bonaku. „: BMA E-30.05.052 )
Meine Vermutung : Der Moment der Ăbergabe an den Kunden. Ich stelle mir die Frage: War der Fotograf Gottlob Walker im Auftrag der Mission der Kunde oder bloĂ der Begleiter?
Die Kuratoren Rhyn und Moser vom Archiv in Basel können darĂŒber nichts sagen. Dr.Moser hat mir jedoch die Kurzbiografie des Fotografen Walker und per Email am 12.1. 2022 in dankenswerter Sorgfalt folgende Informationen zukommen lassen:
Gottlob Walker war von 1887 bis 1906 fĂŒr die Basler Mission in Kamerun tĂ€tig. Er arbeitete dort als ordinierter Missionar. In der Beilage sende ich Ihnen den Auszug aus dem BrĂŒderregister mit den wichtigsten biografischen Angaben zusammen mit einer Legende ĂŒber die Bedeutung der einzelnen Spalten.
Das Bild QE-30.011.0006, auf das Sie Bezug nehmen, stammt ursprĂŒnglich aus einer Schachtel mit Aufnahmen, die mit „Alte Bilder aus Nyasoso. Miss. Walker“ angeschrieben war. Es stellte sich jedoch heraus, dass die Fotografien nicht nur aus Nyasoso stammen. Da die einzelnen Bilder nicht datiert sind, wurde bei allen die Laufzeit 1887-1906 eingetragen, also den gesamten Aufenthalt von Gottlob Walker in Kamerun.
Diese lange Laufzeit macht es auch unmöglich, mehr ĂŒber die HintergrĂŒnde des Bildes und des Kanus herauszufinden. Die Missionare schrieben mindestens alle drei Monate einen Bericht ĂŒber ihre TĂ€tigkeit an die Zentrale in Basel. Das heisst, man mĂŒsste im Fall von Gottlob Walker rund 40 umfangreiche handschriftliche Berichte durchgehen. Die Vergangenheit hat gezeigt, dass der Kauf oder die Sammlung von Objekten in den Berichten fast gar nicht erwĂ€hnt ist.
Die Basler Mission hat vor ein paar Jahren ihre Sammlung dem Museum der Kulturen in Basel geschenkt. Falls es dieses Boot oder ein Modell davon noch gibt, mĂŒsste es dort vorhanden sein. Das Museum hat in einem Projekt bereits versucht, die Herkunft von Objekten zu klĂ€ren. Dies erwies sich aber in den allermeisten FĂ€llen als sehr schwierig. In der Sammlung befinden sich vorwiegend AlltagsgegenstĂ€nde und fast keine Kulturobjekte. Sie können aber gerne beim Museum der Kulturen nachfragen, ob das Boot dort bekannt ist.Sie können das Bild gerne auf unsere Seite verlinken. Es bestehen keine Urheberechte mehr daran. Ich hoffe, meine Angaben helfen Ihnen etwas weiter und wĂŒnsche Ihnen viel Erfolg bei Ihren Nachforschungen.
Mit freundlichen GrĂŒssen Patrick Moser
Auszug aus dem BrĂŒder-Register :
Transkription:
BV Fortlaufende Nummer 1208 – Walker, Gottlob  Geburtstag 25. Jan. 1865 – Heimatort Katharinenfeld Transkaukasien – Deutscher ReichsbĂŒrger – Heimat jetzt Uetikon Kt.Zch. (Schweizer) – FrĂŒherer Beruf Schmied – Eintritt 16. Aug. 1886 – Eingesegnet 30. Juni 1887 im MĂŒnster Ordination ( entfĂ€llt. Nach https://de.wikipedia.org/wiki/Luthertum ist âordentlicher Berufâ hinreichend) – Abgereist 28. Aug. 1887 von Basel / 31. Aug. von Hamburg / 3.Juli 1892 v. Basel/ X) zur Erholung heimgekehrt im Mai 1903 Ankunft in Hamburg am 17. Juni 1903 V. Auszug: 10. Okt. 1904. / Nach (…) zurĂŒckgekehrt … Nov. 1906 / (Dez. 21.) Uetikon ZĂŒrich – In wessen Dienst B.M.G.              Arbeitsposten  Kamerun  Bethel (als Ger. Kass.) Mai 1894 â Nov. 1895 – Verheiratet 19. Juni 1892 in Thailfingen mit Walburga, geb. Schmid von Thailfingen, WĂŒrttbg. + (gestorben) 24. Juni 1897 in Bonaberi – Gestorben 12. Juni 1929 in Uetikon Kt. ZĂŒrich
Bemerkungen Ankunft in Kamerun : 12. Okt. 1887. Zur Erholung heimgekehrt im Sept. 1891 / Ankunft im Hamburg: 17. Okt. 1891. Ankunft in in Basel : 23. Okt. 1891. II Wiederausgezogen anfang Juli 1892. Ankunft in Kamerun: 3. Aug. 1892 â Frau Walker zur Erholung heimgekehrt. 7. Aug. 1895 Br(uder zur Erholung heimgekehrt) Dez 1895 â Ankunft in Liverpool : 26. Dez. 1895. III. Wieder ausgezogen im Okt. 1896 – Zur Erholung heimgekehrt im April 1898. Ankunft in Basel : 2.Mai 1898
Die Informationen sind Ă€uĂerst knapp und ganz auf die Zentrale bezogen. Nicht einmal die Ortswechsel innerhalb Kameruns zwischen 1887 und 1906 sind festgehalten. Auch diese Aufenthalte in Nyasoso auf 800 Meter Höhe, wo weitere Fotos entstanden, dienten Walker der Erholung.
In der NĂ€he â zwei Kilometer entfernt ĂŒber der Missionsstation â verzeichnet Google maps den âMont Coupâ, möglicherweise den legendĂ€ren âMont KupĂ©â, auf dem die verlorenen Seelen Zwangsarbeit leisteten? Geriet nicht achtzig Jahre spĂ€ter der Priester de Rosny als WeiĂer in den Verdacht der Hexerei, des Handels mit versklavten Seelen? (LINK zu „Die Augen meiner Ziege“, dort auch die von mir nicht zitierte Stelle S.84-85 im Kapitel „Ekong und der Sklavenhandel“ ).
Die Aspekte : ‚Kaukasiendeutsche‘ und Pietisten
https://de.wikipedia.org/wiki/Kaukasiendeutsche
Radikale Pietisten, auch âSeparatistenâ genannt wegen ihrer Trennung von Landeskirche (https://de.wikipedia.org/wiki/Radikaler_Pietismus), suchten und erhielten bei Zar Alexander I. die Siedlungserlaubnis im Kaukasus, 1818 wurden bei Tiflis in Georgien 8 Kolonien von 800 GroĂfamilien gegrĂŒndet, die gröĂte war Katharinenfeld. (Es folgtdie lebendige Beschreibung des deutschbaltische Forscher Friedrich Parrot auf seiner Expedition zum Berg Ararat 1829, der auf dem Basar von Eriwan wĂŒrttembergische Siedler getroffen hatte !)
In einer Kultur frommer Kolonisten aufgewachsen, die friedlich als religiöse Emigranten unter Kaukasusvölkern (in diesem Fall unter Georgiern) lebten, zum Handwerker (Schmied) ausgebildet, entscheidet er sich mit 21 Jahren zur Mission im âdunkelsten Afrikaâ. Ich muss sofort an schwedische Pietisten wie Karl Laman denken, der zur gleichen Zeit im Mayombe-Gebirge an der Kongo-MĂŒndung stationiert war (* 1867-1944, 1891-1919 mit Frau Selma im Kongo), (LINK zu: âErweckungsbewegung im Kongo 1921 und schwedische Missionareâ) . Anders als Laman, https://en.wikipedia.org/wiki/Karl_Edvard_Laman hatte Walker aber nicht den enzyklopĂ€dischen Forschergeist und die akademische Ausbildung (eine 2jĂ€hrige betont wissenschaftlich orientierte Missionsschule) in Stockholm, fĂŒr deren Kosten bei dem jungen Schweden aus einfachen VerhĂ€ltnissen die durch Heirat zu Geld gekommene Schwester aufkam.
Auf den Spuren der Livingstone Inland Mission (LIM) machten sich Missionare des SMF ab 1878 auf den Weg einer âMissionierung ganz Zentralafrikas möglichst in einer Generationâ. Der Bund hatte sich gerade erst gegrĂŒndet â erst 1860 war die Zwangsmitgliedschaft ausnahmslos aller Schweden in der lutherischen Reichskirche gelockert worden, unter der auch Pietisten gelitten hatten. Das Kongobecken war seit Livingstone und Stanley das Drehkreuz Afrikas. Und die baldige Wiederkehr Christi lag in der Luft. Es war keine Zeit zu verlieren, die Menschheit sollte endlich zu ihrer Rettung âerwachenâ ( Jean-Luc Vellut*: Simon Kibangu Bd. I.2, 3-5, LINK siehe oben).
Wikipedia (anfang April 2016) liefert die folgende kurze allgemeine Skizze des âPietismusâ:
Der Pietismus entsprang einem GefĂŒhl der mangelhaften Frömmigkeit, unzureichender christlicher LebensfĂŒhrung und dem Drang zur Verifizierbarkeit des persönlichen Glaubens. âŠ. Der Pietismus versteht sich als eine Bibel-, Laien- und Heiligungsbewegung. Er betonte die subjektive Seite des Glaubens, entwickelte aber auch einen starken missionarischen und sozialen Grundzug. In der pietistischen Praxis haben Konventikel (heute: Hauskreise) mit gemeinsamem Bibelstudium und Gebet oft eine Ă€hnlich groĂe oder gröĂere Bedeutung als GottesdiensteâŠ.. AuĂerdem betont er das Priestertum aller GlĂ€ubigen. Neben Theologen wurden und werden auch Laien ohne akademische Bildung als Prediger geschĂ€tzt, als Redner, âredende BrĂŒderâ, in den Hauskreisen.
Es ist sicher kein Zufall, dass ein Handwerker und Pietist das einzige existierende Foto eines Duala-Schreiners gemacht hat. Vielleicht kannte er ja auch die Familie.
Vielleicht wĂŒrde es doch lohnen, den schriftlichen Nachlass Gottlob Walkers zu studieren!  5.4.2022  Ich habe mich im Archiv angemeldet. 6.7.2022