Upload: 20.10.2018Â Â Revision: 17.5.2020
Couturiers Auffassung von Weltkunst sollte uns heute selbstverstÀndlich sein. Sie verzichtet auf Wahrnehmungsbarrieren zwischen den Kulturen, Funktionen, Stilen und unterschiedlichem gesellschaftlichem Status, doch sie bleibt ein RandphÀnomen!
Die kĂŒnstlerische TĂ€tigkeit steht im Zentrum und wird anerkannt â unabhĂ€ngig vom Grad der Bekanntheit oder relativen AnonymitĂ€t des KĂŒnstlers, von seiner Bildung, sozialen Klasse, Kulturzugehörigkeit und praktiziertem Stil.
Ăberall lassen sich relevante KĂŒnstler finden, unabhĂ€ngig vom sozialen und kulturellen Rahmen, in dem sie arbeiten, in welcher Zeit auch immer.
Der Formbegriff bleibt aufs das Menschliche bezogen und wird nur gegen Formalismus und Manierismen aus kĂŒnstlerischer SchwĂ€che abgegrenzt
In âKunstâ verkörperte Religion wird als ĂŒberkonfessionelle universelle Gemeinsamkeit aller Traditionen und sogar Rebellionen gedacht, abgegrenzt bloĂ zu gemalter Doktrin. Und selbst bei der hĂ€ngt alles vom Einzelfall ab.
Couturiers Projekt der Erneuerung der christlichen Kunst von den kĂŒnstlerischen Mitteln aus war ein Projekt ganz am Rande der Nachkriegsgesellschaft. Da Frankreichs Kirchen bereits seit hundert Jahren mit religiösem Kitsch vollgestopft waren, war ihm klar, dass eine Erneuerung nicht von denThemen und Motiven ausgehen konnte, sondern von den kĂŒnstlerischen Mitteln her, und dass dazu die Ă€sthetische und ethische Haltung der KĂŒnstler neu zu formulieren war.
Er projektierte eine ideelle Koalition aus alter christlicher Kunst, unterdrĂŒckten auĂereuropĂ€ischen Kulturen und profilierten KĂŒnstlern abstrakter und figĂŒrlicher Avantgarde.
Ich habe die publizierten Tagebuchnotizen der Jahre 1947-1954 in einer deutschen Ausgabe durchgelesen und exzerpiert. (Link)
Nur einen kostbaren Moment lang bestand in Frankreich die ungewöhnlich enge Nachbarschaft von âchristlicher Kunstâ und kĂŒnstlerischer Avantgarde, den âArts Premiersâ und dem Mittelalter, der Bewegung des âArt Brutâ (Link), von selbstbewussten KĂŒnstlern und katholischem Klerus, nicht zu vergessen der angestoĂene Dialog ĂŒber kĂŒnstlerische Mittel und SpiritualitĂ€t.
Das war eine Zeit, als die âVolkskirchenâ in einem von Diktaturen, Krieg und Besatzung gebeutelten Europa wieder ihren festen Platz zu einzunehmen schienen. In der Bonner Republik machten sie sogar politisch Karriere, mit spĂŒrbaren Folgen bis heute.. Im Nachkriegsfrankreich setzte sich unter der laizistischen Verfassung bloĂ das alte Elend der ProvinzialitĂ€t und Armut der katholischen Kirche fort. In ihrer religiösen Kunst sahen Geistliche wie Couturier Vorboten ihres weiteren Verfalls.
Die KĂŒnstlerrebellen von einst wurden in ihrer Heimat selber nie wirklich populĂ€r. Die gesellschaftliche Anerkennung, welche ihre kolonisierten âLehrmeisterâ in ihrer BedrĂ€ngnis dringend gebraucht hĂ€tten, konnten sie ihnen gar nicht verschaffen. Dass die bereits ausgelaugte Akademiekunst noch einmal in den Kolonien Einfluss ausĂŒben konnte, ist vielleicht tragisch, aber nicht ohne Komik. Couturier hat sich im Namen ’seiner‘ Kirche dafĂŒr entschuldigt (Link) in einem Beitrag zu L’Art SacrĂ©.
Heute sind alle im Elend: die âchristlicheâ Kunst und traditionelle auĂereuropĂ€ische Kulturen sind verkommen. Die abstrakte und figĂŒrliche âKlassische Moderneâ wird musealisiert und als Geldanlage kapitalisiert, neuerdings zusammen mit einer âEliteâ ehemals âprimitiverâ Kunst.
ZWEI ASPEKTE IM DETAIL
Als Afrika-Sammler möchte ich auf zwei Aspekte nĂ€her eingehen. 1. auf seinen weiten Begriff religiöser Kunst, 2. auf das VerhĂ€ltnis von Zweck und kĂŒnstlerischen Mitteln als eine komplexe Balance von Elementen.
1
Couturiers tolerante und weite Auslegung ergibt sich in den privaten Notizen ( dt.âVon der Freiheit eines Christenâ 1964, , Link zu weiteren Zitaten) und darin aus kurzen ErwĂ€hnungen, Anspielungen und Kontexten. Dieser katholischen Ordensmann wurde ziemlich deutlich:
Ich sehe die Kirche immer mehr als eine groĂe verstĂŒmmelte Platane: Ein groĂer Stamm, (…) dessen HauptĂ€ste aber einer nach dem anderen abgeschnitten worden sind: die griechische Welt, die slawische Welt, die germanische Welt, die angelsĂ€chsische Welt. â Was an Heiligkeit verloren wurde, ist zweifellos in Zahlen nicht feststellbar, aber auf dem Gebiet der Gotteserkenntnis ist eine furchtbare Verarmung eingetreten. (…) (145)
âMan sagt zu mir, dass ich einseitig bin. Gewiss, aber dadurch gehe ich weiter als die anderen. Die in der Mitte taugen zu nichts.â (144)
Sein Begriff religiöser Kunst ist mit dem Leben der Menschen untrennbar verbunden, mit individueller und mit Volksfrömmigkeitâ, mit Moral, Sitten und GebrĂ€uchen, mit magischen Vorstellungen und Praktiken, dem Wirken von âWundernâ, mit Erziehung und Propaganda….. âReligiöse Kunstâ, die sich nicht auf elitĂ€re Extreme beschrĂ€nkt wie etwa Askese, VerzĂŒckung, , gemalte oder geschnitzte theologische oder kosmologische Spekulation, und eine, die keine âReligionâ auf Kosten anderer bevorzugt. So wie âreligiöse Kunstâ nicht an eine einzelne Religion oder Konfession gekettet ist, sondern findet sich bei âglĂ€ubigenâ Menschen in aller Welt und allen sozialen Schichten. (126/127)
Das ist nur realistisch. Die meisten Afrikaner betrachte ich sogar heute als desinteressiert an ‚Religion‘ im emphatischen Sinn etwa der christlichen Heilserwartung. Wenn ich die ethnographischen GewĂ€hrsleute richtig verstanden habe, geht es um LebensbewĂ€ltigung im Alltag, um die Beziehungen innerhalb der Verwandtschaft, um Tod und andere SchicksalsschlĂ€ge; âErlösungâ von dieser Welt hat erst seit den BedrĂŒckungen der Versklavung und Kolonisierung Konjunktur. Im VerhĂ€ltnis zu den jenseitigen MĂ€chten spielt Ambivalenz eine groĂe Rolle, die Zweischneidigkeit der Macht und des Erfolgs, das VerhĂ€ltnis von Geben und Nehmen.
Die unter Pariser Intellektuellen modische GroĂideologie fand ebensowenig seine Sympathie:
âDie Kommunisten, LĂ©ger und ich. Sie stehen in einer Ordnung der Dinge, bei welcher der Zweck die Mittel rechtfertigt, und ich befinde mich in einer Ordnung, bei der letztlich die Mittel, insofern sie sauber sind, den Zweck rechtfertigenâ. (143)
2.
Dieselbe UniversalitĂ€t beweist Couturier in der Frage der eingesetzten kĂŒnstlerischen Mittel, mit einer EinschrĂ€nkung, die sich fĂŒr ihn aus der Kunstgeschichte Europas ergibt, worin Renaissance und Barock durch frivole, naturalistische und dekorative Darstellung die christliche Kunst in ihren schleichenden Tod gelenkt hĂ€tten. Was sich von selbst versteht: unter tatkrĂ€ftiger Mitwirkung seiner Katholischen Kirche. Wenn man Clouturiers Notizen liest, sieht man beide auf Anfang gesetzt: âSelig sind die Armenâ, was sich erst sechzig Jahre spĂ€ter bis in die Spitze der Hierarchie herumgesprochen haben soll.
Couturier zeigte sich nach zwei Seiten empfĂ€nglich, fĂŒr die vielen âprimitivenâ kĂŒnstlerischen Traditionen ohne Ausnahme und fĂŒr die LösungsansĂ€tze seiner Zeitgenossen in der Kunstavantgarde.
Er prĂŒfte die möglichen Partner in der Kunstavantgarde, von denen er einige persönlich   kannte. Er wollte von der âVollkommenheit der (abstrakten) Lösungen durch strengste Vereinfachung der gegebenen Problemeâ (54) nichts wissen. Und: âSobald irgendein Prinzip anstelle einer sinnlich wahrnehmbaren Form tritt, entsteht âAkademismusâ: Die Schönheit der besonderen Formen ist die einzige reine Ausdrucksweise in der Kunst.â (104) â
Wenige Namen kehren in den Aufzeichnungen immer wieder:
âBraque erscheint mir oft eng und Picasso oberflĂ€chlich und akrobatisch. Rouault schrecklich summarisch, Matisse wankelmĂŒtig. das alles trotz der Erfolge, die aus ihnen unsere gröĂten Maler machen.â (53)
Der alte Matisse (1869-1954) wurde sein wichtigster GewĂ€hrsmann – zahlreiche Zitate belegen das â schon deshalb, weil der aus der Kapelle von Vence sein opus magnum machen wollte und vor ihm sozusagen in Fortsetzungen eine kĂŒnstlerische Lebensbeichte ablegte.
So notierte er 1948:
Er sagte zu mir: »Das ganze Leben lang habe ich eine Heidenangst gehabt, die Angst nĂ€mlich, daĂ ich meine Aufgabe (in der Malerei) nicht erfĂŒlle. Wenn man keine Gesetze hat, die einen fĂŒhren.« Er versteht unter den Gesetzen die Tradition der Meister. (60)
Und 1950:
Matisse, 29. Dezember: »Das muss in mir wachsen wie eine Pflanze in der Erde.« Heute morgen bestand er auf der Einheit der Empfindung in seinem ganzen Werk, auf der »religiösen« Empfindung, in der er immer gemalt hat. »Selbst die Odalisken«, sagt er. (138/139)
Couturiers Ausgangspunkt und Sichtweise ermöglicht ein tieferes VerstĂ€ndnis âprimitiverâ auĂereuropĂ€ischer Kunst. Die SpontaneitĂ€t und PrĂ€gnanz seiner privaten Notizhefte eignen sich fĂŒr höchst komplexe Fragen, die keine einfachen widerspruchsfreien Antworten erlauben.  Er umkreist in verschiedenen AnsĂ€tzen die Fragen der Form und des Sujets, etwa in dem bewusst paradox formulierten Satz: „Die Schönheit der besonderen Formen ist die einzige reine Ausdrucksweise in der Kunst.â (104) â Damit stöĂt âreinâ in andere SphĂ€ren vor.
Couturier erweitert diesen Satz in einer weiteren Notiz:
Eins ist gewiĂ: die figurative Darstellung der »Primitiven« (der Neger und der romanischen KĂŒnstler), enthĂ€lt selbst in ihren Abstraktionen einen Willen zum Menschlichen, ein Streben nach dem Menschlichen. Sie ist auf eine Darstellung der menschlichen Form »ausgerichtet«, insofern sie menschlich ist (auf die Geschmeidigkeit des Lebens, ja sogar auf die GesichtsausdrĂŒcke); »ausgerichtet« sage ich, gewendet und nicht mehr, denn man kann bewusst von irgendeinem Ziel sehr weit entfernt bleiben, obgleich man ganz auf es hin »gewendet bleibt« . WĂ€hrend unsere dekorativen Bildhauer genau das Gegenteil tun: obwohl sie das Menschliche sehr gut kennen, machen sie aus ihm eine abstrakte, geometrische Umschreibung .Deshalb interessieren uns ihre Werke nur als Kraftprobe, als eine (oft bezaubernde) SeiltĂ€nzerkunst: Sie berĂŒhren uns nicht; wĂ€hrend das, was wir aus der Gebundenheit der primitiven KĂŒnste sich entwickeln sehen, eben dieser Funke der brĂŒderlichen Menschheit (und der Liebe) ist, die uns ans Herz greift. (….) (21)
Er wird dann noch sagen, daĂ es einen immer verĂ€nderlichen und immer schwer zu bewahrenden Gleichgewichtszustand (zwischen kĂŒnstlerischen Notwendigkeiten und dem Ausdruck des Menschlichen) gibt. (21)
So souverĂ€n kann man religiöse Kunst definieren! Diese offenen und undramatischen Formulierungen bewahren selber den Gleichgewichtszustand und die Mittellage zwischen der expressionistischen Theatralik eines Carl Einstein (1917: Das Werk als Gottheit ist frei und losgelöst von jeglichem; Arbeiter und Adorant stehen zu ihm in unmessbarem Abstand. (Link) und dem unverschĂ€mten Hochmut des arrivierten Transsylvaners Brancusi: âChristliche Primitive und schwarze Wilde lassen sich von Glaube und Instinkt leiten; der moderne KĂŒnstler entwickelt sich durch einen Instinkt, der von der Vernunft gelenkt wird. So auch an anderer Stelle, dass primitive KĂŒnstler nicht wie er befĂ€higt seien, mit PrĂ€zision bis zum Ende zu arbeiten. (Link)