Historisches Bewusstsein wäre nützlich – gerade jetzt „Die ersten Israeli“ – lesen!

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Das aktuelle aktuelle “Nationalstaatsgesetz” der Knessetmehrheit empört wieder einmal die zugleich bedingungslosen  und  verfassungstreuen deutschen Freunde des Staates Israel. Typisch für deren extrem verkürzte Sicht auf die 70 Jahre Staatsgeschichte Israels ist der heutige Kommentar in der Süddeutschen Zeitung (SZ.de 19.7.2018) :

Kommentar von Alexandra Föderl-Schmid:

Israel ist eine Demokratie – die einzige im Nahen Osten. Aber mit der Verabschiedung des Nationalstaatsgesetzes könnte es das Attribut “liberal” verspielen. Indem sich Israel als “Heimstatt des jüdischen Volkes” bezeichnet und der Ausbau jüdischer Kommunen als “nationaler Wert” definiert wird, signalisiert dieses Gesetz der arabischen Bevölkerung: Ihr seid nicht willkommen! Und dass nun nur noch Hebräisch offizielle Amtssprache ist, hat mehr als Symbolkraft. Auch wenn Arabisch einen Sonderstatus erhält, wird diese Abstufung Auswirkungen im Alltag haben, etwa bei der Beschriftung von Schildern oder im Umgang mit Behörden.

Das Gesetz ist ein Affront gegenüber einem Fünftel der Bevölkerung. Die arabischen Israelis fühlen sich zu Recht ausgestoßen durch diese zum Gesetz gewordene Zurückweisung. Diskriminierung ist nun erlaubt, Minderheitenrechte müssen nicht mehr respektiert werden. Dieses Gesetz ist auch ein Verrat an der vor 70 Jahren zur Staatsgründung beschlossenen Unabhängigkeitserklärung. Dort heißt es, der Staat sichere “all seinen Bürgern ohne Unterschied von Religion, Rasse und Geschlecht soziale und politische Gleichberechtigung” zu. Dieses Versprechen ist nun gebrochen. (…)

Schön, wenn das nun der erste ‘Sündenfall’ wäre und nicht die Ratifizierung einer langen politischen und sozialen Realität, nicht erst seit dem Jahrzehnt der rechtsextremen und verschrobenen Regierungkoalition unter Netanjahu, der dieser Tage nach Trump auch Victor Orbán zum Freund erkoren hat. Alles egal, wir kaufen Drohnen und Orangen!

Die FAZ berichtet von einem weiteren Gesetz, dem gegen Auftritt besatzungskritischer Organisationen in Schulen, da in diesen “auf eine engagierte Teilnahme am Wehrdienst oder Zivildienst hingearbeitet werden ” soll (18. Juli 2018, Nr. 164 S.5). Ich möchte hier  auf die im Blog vorgestellten Publikationen israelischer Oppositioneller hinweisen im Kapitel Israel (Link) und außerdem auf den Film von Eyal Sivan (1991) “Izkor – Sklaven der Erinnerung” (Link)

Föderl-Schmid klagt im Kommentar pathetisch, das Versprechen bei der Staatsgründung 1948 sei ‘nun gebrochen’. Die von Segev zitierten Akten sprechen eine andere Sprache.

 

 Tom Segev : Die ersten Israelis – Die Anfänge des jüdischen Staates
Siedler Verlag, Berlin 2008       ISBN 9783886808892

 

Herbst 2014   (gekürzt und überarbeitet im Mai 2018, aktualisiert im  Juli 2018 )

Stil

Das Buch basiert auf der zivilisierten Archivpolitik des Staates Israel – mit der Amerikas vergleichbar – die so gar nicht zum permanenten Ausnahmezustand im Land, und nicht nur in der hier betroffenen Frühzeit, zu passen scheint.

Seine historische Erzählung stellt auf Grund ihrer nicht chronologischen, sondern thematischen Ordnung hohe Anforderungen, was Vorwissen und Übersicht angeht. Probleme und Debatten folgen aufeinander mit unterschiedlichem Personal, das nur skizzenhaft vorgestellt wird. Ich bringe entsprechendes Vorwissen mit, das verschiedentlich Bestätigung und Konturierung erfährt. Anderes ist mir ganz neu, etwa die Rolle bestimmter Individuen, die zumindest zu googeln sich lohnen würde.

Die  Argumention steht für den Historiker Segev nicht im Vordergrund. Er lässt die Quellen, insbesondere die handelnden Personen ‚sprechen’, freilich oft ‚beiseite’ ins Tagebuch wie Ben-Gurion, in aufgeregten Debatten oder diplomatischer Korrespondenz – das wenigste für die damalige Öffentlichkeit bestimmt, die ohnehin – verroht und auf bestimmte Feindbilder „erzogen“ (Segev) – an entsprechenden Statements keinen Anstoß nahm.

Segev wählt einen harmlosen Plauderton, aber er montiert lange Zitate, die das Potential zum Sprengstoff haben. Das Verfahren könnte den Leser zum Isolieren von skandalösen oder anderen Zitaten verleiten.

Ich denke schon daran, die Darstellung anhand einer Zeitleiste zu strukturieren, damit mir davon mehr als von ein spannender Roman mit großem Personal bleiben soll, aber ich schaffe es nicht.

Ergebnisse des ersten Kapitels.

Im Hintergrund ist das verfehlte zionistisch-nationalistische Konzept immer präsent, das – begleitet von ständigen Warnungen vernünftiger, weitsichtiger Beobachter – zu Vertreibung der ‚Eingeborenen’, zu Kriegsverbrechen und bleibender Unterdrückung führte. Man verrannte sich immer tiefer im Gestrüpp der Konsequenzen. Ben-Gurions zielorientierter und hemdsärmeliger Zweckoptimismus (die Zeit soll alles heilen, typisch für Kolonialisten!) gab die Orientierung vor. Ich war im zweiten Kapitel noch nicht weit vorgedrungen, als ich auf die  Emergency Defence Regulations stieß, die Israel von der britischen Kolonialbehörde übernommen hatte (86ff.) (Link zur Analyse von Geries/Löbel, bereits vor fünfzig Jahren auch auf Deutsch publiziert!)

Nicht ganz neue Lehren daraus:

Auch und gerade eine Demokratie ist nicht imstande, den Versuchungen zu widerstehen, die greifbare zeitnahe Vorteile bieten. Sie lässt sich von den absehbaren Fehlentwicklungen nicht abhalten. Der Philosoph Joshua Leibowitz musste eigentlich wissen, dass der Sieg 1967 nach alldem vorhergegangenen keine „historische Chance“ zum Verlassen dieser Politik gewesen ist (Link).

Wer Wind sät, wird Sturm ernten – ist das nicht auch eine Lehre des Alten Testaments? (Hosea 8,7)   Davon hörte ich aber wenig in meiner Jugend. (Link)

Zudem sind ein paar Muster der Geschichte interessant. Die Beobachtung, dass sogar angebliche ‘Marionettenregimes’ durch ihre Mentoren zu beeinflussen sind – anfang der siebziger Jahre etwa ‘Südvietnam’ –  und dass sich Entscheidungen der Vereinten Nationen straflos ignorieren lassen, von fast jedem. „Aufforderung zum Selbstmord Israels“ war damals die Erklärung für Israels Verweigerung. Israel war nie bereit, den Preis für einen Frieden zu zahlen, damals nicht – so zeigt es Tom Segev in verschiedenen Facetten – und heute nicht. Die in Europa besonders angesehenen Stimmen von Schriftstellern wie wie Amoz Oz gehören zur ohnmächtigen intellektuellen Begleitmusik.

Zweite Beobachtung: Hemdsärmeligkeit

Kritiker des politischen Kurses sollten sich gegen  Schmähkritik und grelle Polemik abhärten, im Blick auf deren lange Tradition im Land. Die rhetorischen  Mittel reichen bereits bei den Staatsgründern von freimütig geäußerter nackter Interessenslogik über Dramatisierung oder Beschönigung bis zum Rufmord. ‚Antisemitismus’ ist nicht erst heute ein abgelutschtes Bonbon, ein durch häufigen Gebrauch verschlissenes Netz, ein immer in Reichweite liegender Knüppel, den man auch als ‘Jude’ übergezogen bekommt, wenn man sich ihm ungeschickt ausgesetzt hat. Geschrei und Prügeleien sind im israelischen Parlament  – wie in Griechenland oder Italien – auch nicht ganz ungewöhnlich.

Ein paar sensible israelische Politiker aus den Anfangsjahren zitiert Segev mit dem empörten Ausruf „nationalsozialistische Politik“ oder entsprechenden Vergleichen. Es gab zu Anfang israelische Politiker, die Palästinenser integrieren oder im Interesse Israels mit einem politisch souveränen palästinensischen Staat ‚versorgen’ wollten, aber diese wurden von Ben-Gurion ausgebremst mit dem Argument, das sei ihr persönliches Problem. Sollte die westliche Welt nicht auch so argumentieren: Ein bedingungsloses ‘Existenzrecht’ Israels sei dessen eigenes Problem?

Keinen Preis zahlen?

Die arabische Diplomatie wird von Segev – gegen kolonialistische Vorurteile – als betrachtenswert dargestellt. Ich weiß nur zu wenig über den Nahen Osten nach 1919!

Die Bereitschaft zur Anerkennung Israels war unter den arabischen Nachbarn in ihren noch provisorischen internationalen Beziehungen, ja sogar Grenzziehungen durchaus vorhanden. Segev macht verschiedentlich deutlich: Israel wollte keinen Preis dafür zahlen.

Immer mehr wurde es ein ‚sakralisiertes’ Stück Land, um Flusser zu zitieren, wobei der von ihm damit verknüpfte Begriff ‚Heimat’ hier noch ins Irrwitzige, ins Mythische gesteigert wurde. Ich kann das nachvollziehen nur auf Bibelstundenniveau überhaupt nachvollziehen. In einer Langdokumentation – ‘Izkor – Sklaven der Erinnerung’ – hat Eyal Sivan bereits 1990 und ausgehend von seiner eigenen Schulerfahrung dargestellt, wie eine kollektive Erinnerung zum Schmelztiegel seines Volkes gemacht worden ist und spricht darüber mit Leibowitz. (Link; Link youtube).

Die innerjüdische Seite des Anfangs, die Segev schildert, war auch schlimm

In späteren Kapiteln (2.Teil: Zwischen Veteranen und Neuankömmlingen) lässt Segev vor unseren Augen die unbeschreiblichen Zustände in den Einwandererlagern von 1948 und das Elend der Einwanderer wieder entstehen, deren ‚Flut’ der an allen Ecken improvisierende Kleinstaat am Rande des Kollapses nicht bewältigen konnte. Er zeigt aber auch die Befürchtung von Politikern und Strategen, das Zeitfenster für eine Masseneinwanderung könnte sich bald schließen…. Ja, ich empfinde hier spontan Mitgefühl mit den ‚ersten Israeli’, bis wieder kühle Überlegungen Platz greifen.

Zu keiner Zeit war in Palästina Platz für das zionistischen Projekt. Der jüdische Staat überlebte durch Entschlossenheit der politischen Führung und, lebte von dem verzweifelten Beharrungsvermögen derer, die ihre Existenz mit der Einwanderung aufs Spiel gesetzt hatten. Dieses ‚in seinen Anfängen’ (Segev) revolutionäre Staatsgebilde wandelte sich zum ‚Einwanderungsland’ nach der trotzig befolgten Logik immer neuer, erdrückender ‚Sachzwänge’. Israel hat sich in drei Generationen aus der Logik mitverantworteter ‚Bedrohung’ nicht befreit. Aus den Ideen eines Zusammenrückens von Arabern und Juden und der Lösung aller Probleme durch ökonomische und soziale Entwicklung wurde nackte Vertreibung und perfide, bloß rechtförmige Unterdrückung.

Im Vergleich dazu mag man die Vertreibungen in Europa – wenn auch ein wenig zynisch – als Erfolg bezeichnen, als gelungene strategische Bevölkerungsverschiebungen mit allmählicher Integration am neuen Lebensmittelpunkt. Und dann gab es ja auch immer noch  die überseeischen Einwanderungsländer in Amerika als Überlaufbecken für Europäer, ‘jüdische’ eingeschlossen.

Da sich in Israel die Vertreiber in ihrem selbst angerichteten Chaos nicht auch noch um das Schicksal der Vertriebenen kümmern wollten, damit wohl auch überfordert gewesen wären, entstand mit den Palästinensern eine neuartige Nation von Lagerinsassen, Kolonisierten und – im besten Fall – Bürgern zweiter Klasse des modernen Israel, eine Nation, die zwar wissenschaftlich äußerst interessant ist, aber zur Quelle dauernden Leides und Verletzung der menschlichen Würde und zur Quelle tiefen, bereits mehrfach vererbten Hasses geworden ist.

Ende der Aufzeichnungen im Oktober 2014. Eigentlich schade.

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