Kopffüssler – LEGA , woher sonst?

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IMG_6021 Lega 2.Gesicht Lega Fuß IMG_6024

 

 

 

 

 

 

 

 

BEGEGNUNG

Ich griff am Stand zuletzt nach dem dunkel überkrusteten ‚Klotz’,  um ihn zu Hause auszuprobieren. Und jetzt stelle ich ihn bereits vor.

Der Kopffüßler lässt mir keine Ruhe. Drei Tage schaue ich ihn an, hebe ihn auf und schaue von unten, das Innere ist bis unter die Schädeldecke von einem breiten Kanal durchzogen; gestern habe ich die Figur fotografiert, mit nur einer Lampe, sie ist auch noch fotogen.

Minimalistisch, aber nicht plump. Januskopf mit den entfärbten flaumigen Resten eines Federbusches; zwei herzförmige Gesichter mit pfeilförmigen Nasen; ein Mund verschlossen, einer leicht geöffnet, unterschiedliche Länge des Kinns, darunter gleich ein stämmiges Bein mit ausgeprägtem Knie, mit drei Kerben; darunter ein kräftiger Fuß mit gleichmäßig fünf eingekerbten langen Zehen. Sechs überkrustete Kauris plus die vier der Augen. Die Oberfläche scheint nur mit dem Beitel geglättet und ist von zäher Opferpatina bedeckt, Glanz, Flecken, die Gesichter waren einmal weiß. Wenige dünne und kurze Schwundrisse. Das war’s an Details.

MAGISCHES OBJEKT

Ein magisches Objekt mit ihm anhaftender Geschichte, so wie der Waldgeruch innen. Lakonisch, verschwiegen, ernst. Das Gegenteil von ‚gefällig’. Kein Kompromiss mit einem ‚Bildnis’.

Susan Preston Blier gewann an Fetischen der Fon (Togo, Benin) nach intensiven Studien den Verdacht, dass sie sich dem Begreifen, dem Erklären verweigern: Sind sie vielleicht gar nicht zum ‚Verstehen’ gedacht, was wir Intellektuellen zunächst für selbstverständlich nehmen?

In meinem Blog „BOCCIO CRI-CRI ÀÀLÉ FETISH NKIS(H)I (Link) steht noch folgender Kommentar:

Preston Blier knüpft in der Studie ein enges Netz sprachlicher Bezüge. Für Bliers gedeutete Verknüpfungen steht immer ein eingeweihter oder wenigstens gelehrter Zeuge ein. Wie repräsentativ ist dieser Gewährsmann? Sind solche Bezüge dem gewöhnlichen afrikanischen native speaker wirklich gegenwärtig und nicht bloß im Sprachgewebe eingelagerte Geschichte? Sprechen denn normale Afrikaner wirklich ‚bewusster’ als wir? Ist diese Perspektive nicht bloß einer Reflexion auf Sprache zugänglich? Und die wird durch solche Fragen der Forscherin ja eigens angeregt. (…) Die Eignung bestimmter Materialien soll sich auf der Ebene der Symbolik und der Beziehungen entscheiden. Wohl doch nicht ganz: Blut und Sekrete sprechen ihre eigene emotionale Sprache.

 

ZUORDNUNG ‚LEGA’

Material Differences p.39, cat.26

Material Differences p.39, cat.26

Ich vermutete „Lega“, hörte der Bemerkung des Händlers nur halb zu. Jetzt suche ich Abbildungen, die weiter helfen.

Herman Burssens illustriert seinen Aufsatz „Sculpting in Wood, Ivory and Stone ( in „Material Differences“, N.Y. 2003, cat.26) mit diesem 18,5 cm hohen Elfenbein-Kopf, der durch häufiges Einreiben mit Palmöl honiggelb bis fast schwarz geworden ist.

Die Übereinstimmungen sind so auffällig, dass sie nicht Zufall sein können. Bau und Proportionen, ein runder Kopf mit herzförmigem konkavem Gesicht und Augen, die Kaurischnecken nachahmen, die mit Material verstopfte Öffnung auf dem Schädel, schließlich der Hals, der zugleich ein Bein mit Knie und Fuß darstellt. Die Basis der Elfenbeinfigur lässt an einen Elefantenfuß denken, noch überzeugender als die meiner Figur.

Allerdings wird kein zweites Gesicht erwähnt, und zur Schädelöffnung schreibt Burssens kein Wort. Der Kontext der Darstellung ist auch ein anderer.

 

Auch der Katalog des Musée Quai Branly „L’Art des Lega (Paris 2013) zeigt mehrere Köpfe und Büsten – z. B. siehe unten Ill.151, 130, 116, auch mit ‚Elefantenfuß‘. Die Autorin Elisabeth Cameron dämpft aber gleich die Erwartung des Sammlers:

Zwar habe  Daniel Biebuyck die von ihm in den fünfziger Jahren gesammelten Objekte vor Ort identifizieren können, doch bleibe jede Übertragung auf andere gleiche oder ähnliche Objekte spekulativ (139). Ausnahmen bildeten lediglich spezielle namentlich bekannte Figuren (Links für Beispiele unter: 1 2 3).

Denn der Schnitzer genoss bei der Gestaltung der mit dem Auftraggeber abgesprochenen Eigenschaften künstlerische Freiheit. Körperhaltungen konnten variieren, um den Rang einer Figur anzuzeigen oder, um eine Bedeutung zu verstärken, etwa ein spezielles Sprichwort zu illustrieren (153).

Der Auftraggeber aus dem Bwami Bund wiederum verwendete das Objekt nach Bedarf und den Alternativen, die seine persönliche Sammlung ihm bot (139). Die Figur nahm vielfältige Bedeutungen an, je nach dem Sprichwort, mit dem man sie verband. Sie sollte ohnehin nur von Eingeweihten gesehen werden.

Die meisten Figuren zeigten wünschenswerte körperliche Eigenschaften: hohe Stirn, rasierten Kopf und aufrechte Haltung. In Analogie zum eigenen Körper reinigte, ölte und bestäubte man die Figur vor dem Gebrauch mit weißem oder rotem Pulver, nachdem man sie aus dem Korb entnommen hatte (144).

Die Provenienz verlieh geerbten, ansonsten unauffälligen Stücken besonderes Ansehen. (144) Manche Figuren galten als besonders mächtig, sodass Staub davon als Medizin verwendet wurde (149).

JANUSKOPF UND ‚ELEFANTENFUSS‘

In einem eigenen Abschnitt über Figuren mit mehreren Köpfen wird gesagt, dass die Zahl – von zwei bis zwölf – an Bedeutung und Funktion keinen Unterschied macht (153).

Die mit mehrköpfigen Figuren am häufigsten in Verbindung gebrachte Redensart sei:

Vielkopf, der einen Elefanten am anderen Ufer gesehen hat“ – „Têtes-Multiples qui a vu un éléphant de l’autre côté du fleuve“

De Kun (L’Art Lega, 1966) erläutert: Ein einsamer Jäger sieht am anderen Flussufer einen Elefanten, will im Dorf Unterstützung holen und muss feststellen, dass die anderen Jäger den Elefanten bereits getötet haben.

Cameron: Die Figur unterstreicht, dass kein Mensch ohne die Unterstützung anderer handeln kann. Sie zitiert auch noch die davon abweichende Deutung von Biebuyck, dass Mitglieder der höchsten Ränge des Bwami-Bundes in ‚mehrere Richtungen sehen’ und so weise und gerecht sein können.

Die Interpretation als in Bewegung  erfasstem ‚Elefantenfuß‘  im Sinne von De Kun  ist natürlich verführerisch. Der Künstler könnte im Sinne des Auftraggebers diese Tendenz bewusst betont haben!

Der Elefant ist hoch angesehen und hat große Bedeutung für die Lega (116).  Der Index des Standardwerks von Daniel Biebuyck: Lega Culture (Berkeley 1973) enthält viele Einträge zum Elefanten, zum Beispiel die Redensart: „Majestätisch schreitet der Elefant, wenn er das neue Feld betritt.“ („Stately goes the elefant when he arrives in the new field“). Das Sprichwort bezieht sich auf den Initiationskandidaten, der keine Angst hat, wohl aber Güter und Kraft. (192)

 

WEITERE OBJEKTVERGLEICHE

Branly-Lega ill.130 Januskopf 10,6cm

Branly-Lega ill.130 Januskopf

Ill.130 Januskopf mit langem sich nach unten verbreiterndem Hals (10,6 cm, Holz, Fowler Museum UCLA X2013.25.55):

 

 

Herzgesicht, Bohnenaugen, kleiner Mund, allerdings eine lange Nase und eine Rinne zwischen den beiden Kopfhälften – wie bei den Kalunga der Bembe, entfernten Nachbarn im Osten (Link) dunkle Patina mit zahlreichen Spuren Rot.

Branly-Lega ill.151 Buste

Branly-Lega ill.151 Buste

Ill.151 ‚Büste’ (17,7 cm Elfenbein, Fowler Museum UCLA X2013.25.45 ) mit stark gekerbtem Fuß und mit Kauri-Augen und Kauri-‚Schmuck‘ auf dem Schädel (allem Anschein nach ergänzt oder stark gereinigt)

Quai Branly: Lega ill.116Ill. 116 ‚Büste’ (15 cm Elfenbein, Fowler Museum UCLA X2013.25.46) mit Knie, gekerbtem Fuß, sowie Kauri-Augen und Kauri-‚Schmuck‘ auf dem Schädel.

 

 

 

 

 

 

Umbangu-Kunst uit Congo, Tervuren, Tf40 Lega

Umbangu – Kunst uit Congo, Tervuren, (Mappe) Tf.40  Lega ,18,7 cm, vor 1953

 

Begleitheft von Ubangu:

„Sein hermetischer Charakter wird nicht entscheiert durch seine soziale Funktion, die dem Museum durch die Untersuchungen von D. Biebuyck im Zusammenhang mit der Sammlung  bekannt gemacht wurde….“ (Übersetzung). –  Weiter kann ich den Text auch mit Wörterbuch nicht entschlüsseln. Es geht unter anderem um Besitz und Verwahrung der Figur im Bereich des höchsten Rangs in der Bwami Hierarchie.

(Reihe „Kunst in Belgie III ,“Cultura“-Verlag o.J.(vor 1960 )

 

KLÄRUNGSBEDARF

IMG_6032 Lega SchädeldeckeWenn der Typ der Figur auch soweit identifiziert ist, gilt das auch für die Herkunft?

Die Opferkruste ist ein Argument gegen eine Aufbewahrung im Hause des Besitzers in einem Korb und  Verwendung bei Initiationen und Bwami-Zeremonien, die ja keine Beopferung beeinhalten! Davon habe ich noch nichts gelesen. Fetish oder power objects kommen übrigens im Index von Biebuyck nicht vor.

Dazu kommen die Größe der Figur (26cm Höhe), ihr beträchtliches Gewicht (heute 810 g) und schließlich das durch die Figur geschlagene Loch, das wohl Medizin enthielt!

Ist das Stück gewandert? Ist es von benachbarten Völkern nachgeahmt oder für sie hergestellt worden, als starker Fetisch? – Bisher kenne ich solche Exporte von den Lega noch nicht, von anderen Völkern – wie den Songye – sehr wohl! Wir dürfen auch nicht glauben, dass die Lega  auf Hexerei und Abwehrzauber verzichtet hätten. Alle um sie herum treiben doch Magie!

Ich muss noch viel lernen, aber einmal bin ich „Hexe“ bei den Lega bereits begegnet, bei der Redensart  „Mrs. Earthquake“  in „Die unwürdige Gattin“ (Link). – Ich habe den Eindruck, dass das Thema in kunsthistorischen Darstellungen der Lega  ausgeblendet wird. Kennen wir das nicht bereits von prominenten Ethnien wie Dogon oder Yoruba ?

 

Branly Lega ill.139-141

 

 

28.1.18  ACH DIE ‚ELEFANTENFÜSSE‘ – SIND DAS ETWA  AUCH WELCHE? (Quai Branly „Lega“     ill.139-141)  Immerhin, der „Schiedsrichter“ (unten) braucht Mut und Stehvermögen!                Anklicken!  >

 

6. Februar   W. bringt noch mehr:

IMG_6402 Lega zusammenErstens: Mit einer schlichten Stempelfigur aus demselben Stall: schwarz, mit ebenso gleichmäßigen Hieben gehauen und grob geglättet,  das Gesicht mit seinen Kauri-Auge dunkel überkrustet. Das dichte Holz iist inzwischen gehärtet. An seinem Rumpf fallen zwei Dinge auf: die rechteckigen nach hinten abfallenden Armlöcher und ein im Takt mit den gewinkelten Armen eingezogener Brustkorb. Trotz dieser ‚Besonderheiten‘ ist die Figur ein typischer ‚Allrounder‘, dessen Verwendung(en) während seiner aktiven Zeit wohl für immer ein Geheimnis bleiben wird, so wie bei den abgebildeten Vergleichsstücken aus Elfenbein und Holz (Cameron, Lega, 139 ff. Auf  sie spielt der Untertitel  <Secrets d’Ivoire> an. Ob die Art des Fußes überhaupt eine Rolle spielt?

 

Zweitens: Mit einem abgegriffenen und honigbraunen knöchernen ‚Handschmeichler‘ von 12,5 cm IMG_6430 DoppelLänge, eine Miniatur des ‚Kopffüsslers‘, auf dem Schädeldach eine aufgeklebte  Kauri – für mehr ist nicht Platz. Die oben abgebildeten fünf Vergleichsstücke aus Elfenbein und Holz sind meist größer.Die Knochenstruktur ist in rauhen Flächen am vorstehenden Fuß sichtbar. F. G. findet das Figürchen gut.

 

 

 

 

 

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