Im Korb des ‘Bwami’-Bundes ( Lega ) : Die unwürdige Gattin

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Neue Bilanz am Ende! 21.11.17

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Im Café hatten wir zwei Lega-Figuren vor uns stehen. Neben einer minimalistischen ‚Figur mit erhobenem Arm’ gleicher Höhe (30cm) wirkte die janusköpfige Frau allmählich ‚konventionell’. Im Lampenlicht am Schreibtisch gewann sie ihre eigene Ausstrahlung zurück und hat sie seither überall behauptet.

 ‚Realistische’ pralle Körperlichkeit

Lega.Frau-Torso-IMG_2943Beginnen wir mit den standsicheren und verwitterten Fußsohlen. Wir bemerken das alte dichte Holz frei von rezenten Rissen – eine ausgebrochene Ecke am linken Fuß wurde vor längerem wieder eingefügt, ein Loch in der Augenbraue gefüllt. Wir genießen die an den Kanten zutage tretende Maserung, die satte Rauchpatina, das dicke Kaolin und den Rauchgeruch. Die unübersichtliche ‚Haut’ der Figur hat Einfluss auf die Gesamtwirkung, sie scheint Geheimnisse zu bergen. So ist über dem hervortretenden Nabel ein Tattoo erkennbar: Rauten mit punktförmigen Vertiefungen, ein beliebter Körperschmuck (Wamenga: Recits Epiques des Lega du Zaire, p.37, Introd. 3.4.1.). Das Muster taucht rückseitig auf gleicher Höhe wieder auf. Über der Nasenwurzel entsteht aus vier runden Vertiefungen eine weitere Raute.

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Ihre Formen sind weniger reduziert als bei vielen anderen Lega. Die typische Abstraktion tritt zurück gegenüber dem ‚Körper’, seinen Volumina und deren Proportionen.

Der Doppelkopf dominiert. Er ist mit fast 13 cm Tiefe und Höhe bei 9 cm Breite doppelt so mächtig wie der Leib, aber der präsentiert zwei kontrastierende Seiten, eine weibliche und eine männliche:

Lega-seitlDie weibliche Seite der Figur ist dominant mit Busen und Bauchnabel und einer kleinen Vulva unten zwischen den Beinen. Beide Gesichter sind vom Typ gleich, doch das Männergesicht scheint etwas gesenkt, es ist auch leicht schräg gehalten, was ihm einen eigenen Ausdruck gibt. Der auf dieser Seite glatte Torso des ‚Mannes’ ist ebenso überzeugend der Rücken der ‚Frau’.

Arme und Beine sind durch Wülste gegliedert und machen so einen kraftvollen Eindruck. Dabei sind die großen Fußstempel und die Wölbungen der Waden und Oberschenkel vorn wie hinten gleich.

Die frei hängenden und spitz zulaufenden Arme der Figur haben unter stark abfallenden Schultern eine auffällige Einkerbung. Sie könnte wie die an den Beinen schmückenden Kettchen Halt gegeben haben. Daran denke ich zuerst. Später leuchtet mir eine andere Deutung mehr ein: Abgespreizte stilisierte Vogelschwingen.

 

Vergleichsobjekte

           Ich suche zuerst nach Figuren von ähnlicher Körperlichkeit.

Cameron.Branly.Lega-ill.226Cameron/Branly/UCLA : Secrets d’Ivoire, 2013p.151, ill.126 zeigt einen ‚Macho’-Mann mit großem Schwanz, mit Nabel, dreigliedrigen Beinen und kantigen hoch gezogenen Schultern, gleiche Größe 30 x 13 x9, gesammelt vor 1918, UCLA Fowler-Museum X2013.25.87

Sein Gesicht ist schmaler, die Glieder länger, ungegliederte Schaufelhände stoßen an die Hüfte, die Oberfläche ist stärker abgerieben, die Kaolinschichten sind bis zur gelben Grundfläche abgetragen, die Augen schräg. Bei gleichem Körpertyp hat die Figur längere Beine, ein schmaleres Gesäß, die Arme zeigen männliche Kraft.

Immer wieder kann man sich fragen: Werkstatt- oder ‚Gender’-Merkmal, so wie sie Zoé Strother als ‚realistisches’ Element an Pende-Masken entdeckte. Einheimische Künstler haben ihr dort entsprechende Merkmale erklärt.

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Daniel Biebuyck. Lega Culture, Berkeley/L.A.1973: Die Figur auf Plate 64 (Chefferie Babene, Pangi Territorium)

Biebuyck.Lega_Culture-pl.64Das zweite Beispiel erscheint vielleicht als etwas weit hergeholt, ist aber ebenso körperbetont und plastisch in einer besondern gebeugten Haltung: lange oben starke Arme mit großen Händen stützen sich auf Knie (?). Die Figur steht auf Fußstempeln. Der gebeugte Rücken, die Schultern und der Schädel sind plastisch ausgeführt, aber in der gewohnten sehr pauschalen Weise. Die expressive Figur illustriert ein Gleichnis vom alten, von der Last der ihm anvertrauten sakralen Objekte gebeugten Mannes. Die Bedeutung des ‚Macho’ wird leider nicht mitgeteilt, ebenso wenig wie ihr ‚Fundort’.

 

Deutungsansätze

Tervuren-Treasures_no.214

Tervuren-Treasures_no.214, 1952 von B. in Pangi, Kivu gesammelt

'Lega Culture' 1973, no.70

‘Lega Culture’ 1973, no.70

Im Tafelteil von ‚Lega Culture’ (nach p.268) zeigt Daniel Biebuyck Plate 70 eine Figur aus einem Initiationskorb der Bwami-Organisation (Link), aber erst in ‘Treasures of the Africa Museum Tervuren’ (Tervuren 1995) no.214 eine viel informativere Farbabbildung in leichter Schrägstellung.

Stilistisch ist meine Figur expressiver und ‘naturalistischer’ (auf die vermutliche ‘Bedeutung’ bezogen), doch die Gemeinsamkeiten der beiden Figuren sind unübersehbar:  ein großes Gesicht, breite Schultern, ‘Stummelarme’ (Biebuyck: stump arms), plastische Brüste, hervortretender Nabel und nach außen gestellte Beine, möglicherweise angedeutetes Brust-Tattoo.

Da die ältere Bildlegende recht missverständlich formuliert war, wird sie hier durch die no.214 beigefügte ersetzt; ich übersetze:

Die  (nach einer Katanda in no.213, Gv) zweite Figur repräsentiert den weiblichen Charakter Mutu Nyabeidilwa, wörtl. ‘Hornvogel, horn-bill, der gern vom Einbruch der Nacht überrascht wird’ (‘Hornbill-Fond-of-Being-Overcome-by-Nightfall’ ). Durch diese Figur wird wieder ein negativer Charakter illustriert. Sie bezieht sich auf eine verheiratete Frau, die immer verspätet zurückkehrt, wenn sie das Dorf des Ehemanns verlässt, um Verwandte zu besuchen; wieder und wieder muss sie zurückgerufen oder gar gezwungen werden, nach Hause zurückzukehren. Dieser Charakter steht in krassem Gegensatz zu dem, was die in den Bwami eingeführte Gattin (kanyawamwa) eines Würdenträgers (kindi) sein sollte: eine verlässliche und vorbildliche Frau, welche durch den gemeinsamen Ritus der ‘unauflöslichen Ehe’ (‘perpetual marriage’) mit ihrem Ehemann eine einzige moralische Persönlichkeit bildet. Diese Figuren und alle anderen Objekte, die als Gemeinbesitz in einem Korb aufbewahrt werden, werden während des ‘kunanuna masengo’-Ritus hervorgeholt, unter Umständen die weiße Farbe an einigen Stellen aufgefrischt, dann in einer Reihe aufgestellt und systematisch interpretiert, eins nach dem anderen  oder mehrere kontrastierende Objekte auf einmal. Die von mehreren hochrangigen Lehrern (nsingia) durchgeführten Aktionen entwickeln sich im Kontext von Tanz, symbolischen Gesten und  gesungenen Sinnsprüchen (aphorism). D. Biebuyck

 

Ist die Deutung übertragbar? – Ja, wenn wir die Blickrichtung umkehren.

Eine Figur kann bei den Lega, schreibt Biebuyck, in verschiedenen Kontexten eingesetzt werden und darin ihre Bedeutung verändern.

Er illustriert dies dankenswerterweise am Hornvogel (nkoko), dessen präparierter Schnabel nicht nur andere Vogelarten vertreten kann, sondern auch einen Menschen, der nach dem Vogel mutu genannt wird. Der Hornvogel lässt sich auch durch eine der ihm beigelegten Eigenschaften oder seinen Spitznamen ersetzen, wie Frau Flügelschlag, Frau-Vom-Einfall-der-Nacht-überrascht, (Mutter) Erdbeben oder Herr Hartherz ….

Biebuyck: Schließlich ist der Gebrauch eines Hornschnabels – wie fast aller anderen Kategorien von Objekten – nicht auf einen einzigen Ritus oder bei Initiationen nicht einmal auf einen einzigen Grad oder eine einzige Stufe darin beschränkt. Alle diese Faktoren beeinflussen die Interpretation der Objekte innerhalb bestimmter Grenzen. Die leitenden und einigenden Kräfte hinter jedem Ritus oder jeder Initiation sind die Moralphilosophie des Bwami, seine Organisationsprinzipien und seine Zielsetzungen. (ebd. 156)

Es muss, ja kann bei einer solchen Einstellung natürlich nicht jedes Detail ikonografisch zu rechtfertigen sein! Dafür kann es assoziativ andere Aspekte des moralischen Kosmos einbeziehen.

 Also fragen wir nicht, ob meine Figur früher Mutu Nyabeidilwa war, sondern, ob genügend starke Indizien dafür sprechen, dass die Doppelfigur als Frau-gern-von-der-Nacht-überrascht funktioniert haben kann!

Lega-FrauHornvogel-IMG_2922Lega-Mann-IMG_2925 Kopie

Doppelfigur – für eine  Mutu Nyabeidilwa kein Problem

Wir müssen nicht einmal über diese Tatsache – unter Hinweis auf einen Ermessensspielraum – hinwegsehen. Wir brauchen auch nicht die sichtbare körperliche Dominanz der Frau und ihren mit der Schwangerschaft  symbolisierten Rang ins Feld führen. Bildet doch das durch einen gemeinsamen Ritus zu unauflöslicher Ehe verbundene hochrangige Paar einen einzigen spirituellen Leib. Eine denkbare Erklärung.

Dass dieser ideale Leib – in der Lehrstunde bloß über einen Aphorismus zur Ermahnung – mit dem Körper eines zwielichtigen Vogels verbunden wurde, konnte der Schnitzer als eine Herausforderung an seine Kunst verstehen.  Der des Objekts in Tervuren hat sich wohl mehr an den Aspekt des idealen Leibs  gehalten.  Vielleicht hatte er strengere Vorgaben in diese Richtung.

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 Äußere Hinweise an der Gestalt der Figur auf eine Hornvogeldarstellung

Schade, dass Biebuyck in der Frage der ‘Stummelarme’ so zurückhaltend ist. Ich frage mich warum. Hat er vor Ort versäumt zu fragen oder selber keine befriedigende Antwort(en) erhalten. Aber den Aphorismus hat man ihm doch mitgeteilt?!  Wenn ich die spitz zulaufenden ‘Stummel’ seiner Figur betrachte, lassen auch die sich als stilisierte Flügel interpretieren, auch sie stehen in einer Kraftpose vom Rumpf ab und lassen an Flügelschlagen denken. Die Beine sind stark wie die eines Laufvogels. Die Schultern an meiner Figur fallen stärker, sind schärfer abgesetzt, die der anderen weniger, entsprechen mehr dem menschlichen Schema. 

Sirene, Odyssee. Furtwaengler1924009, attisch 5.Jh.v.Chr.

Sirenen, Odyssee. Furtwaengler1924009,

Wäre ‘Vogelgesicht’ zu weit hergeholt? Der niedrige Schädel, extrem lange Nase und ein sehr kleiner Mund, der direkt am Rand eines langen und spitz zulaufenden Unterkiefers steht.

Dieses Bild muss in den Beitrag. Ich spüre die ganze Zeit, dass eineSirene 1964 ‘Sirene’ vor mir steht. Vielleicht, weil ich vor fünfzig Jahren solche gezeichnet habe, viel hässlicher, dynamischer und körperlich attraktiver als die auf der attischen Vase (5.Jh. v. Chr.)

 

Die Lega kannten ihre Hornvögel. Begnügen wir uns fürs erste mit einer Kurzinfo.

Bucorvus leadbeateri - Southern Ground Hornbill c Steve Garvic

Bucorvus leadbeateri – Southern Ground Hornbill
c Steve Garvic

http://www.oiseaux-birds.com/article-hornbills.html: „Hornbills belong to the Order Bucerotiformes, Family Bucorvidae. This order gathers the Ground Hornbills (only two species of the genus Bucorvus), and the typical Hornbills, mostly arboreal (52 species). …. Hornbills are strange and beautiful birds, often incorporated in local cultures. In Africa, they are respected by people and involved in mythology and folklores….. The Ground Hornbills nest in natural cavities but they do not seal the entrance and the female may come and go freely during the nesting period ….“      Ist der letzte Satz bereits ein Anknüpfungspunkt?

 

Biebuyck (‘Lega Culture’, 1973)  präsentiert in einer Liste von Initiationsobjekten (p. 152) die Metapher des Hornvogels in weiteren Aphorismen.

Das betreffende Objekt ist ein echter Hornvogelschnabel (Artefakt nkoko), aber das soll ja keinen Unterschied machen.

3.c Aphorismus: Hornbill feeds; the hunters see your spooretwa: Hornbill füttert, die Jäger sehen deine Fährte

Erläuterung: A man runs with other women, whose husbands have heard about it. – Das wird schlimm enden.

3.g Aphorismus: Hornbill passes me with force, Mrs. Wingbeat – etwa: Der Hornvogel fliegt kraftvoll an mir vorbei, Frau Flügelschlag. Erläuterung: This aphorism refers to a woman who likes to run around with her lovers but neglects her husband – etwa „Aphorismus auf die Ehefrau, die mit vielen Liebhabern herumzieht und ihren Mann vernachlässigt.

3.i Aphorismus: Chicks of Earthquake, we are dead altogether; we grow tails etwa: „Kücken des Erdbebens, wir sind ausnahmslos tot; uns wachsen Schwänze“. Erläuterung: If your wife is a sorcerer she will kill all your children. – etwa: Wenn deine Frau eine Hexerin ist, wird sie all deine Kinder töten.

Auch weitere von Biebuyck zitierten Aphorismen zum Hornvogelschnabel (nkoko) bezeichnen kurzsichtiges, rücksichtsloses, ehrgeiziges, angeberisches oder übergriffiges, jedenfalls asoziales Verhalten. Der ‚aufgeblähte’ protzige Schnabel steht als Metapher für störende Abnormität, was nicht verwundern sollte. Wirkt er bereits in der Vogelwelt als Imponier-Signal.

 

Bilanz

Ihre handfeste Erscheinung und Physiognomie passen gut zu den ‚realistischen’ Figuren, die ich von den Feldfotos der 1970er Jahre her kenne: Sie tritt auf wie mitten aus dem Alltag im Dorf gerissen, ist gepflegt unter Abzug der nicht zu vermeidenden Schrammen. Und warum sollte sie nicht fünfzig oder mehr Jahre alt sein?

Eine moralisch ‚hässliche’ Figur ist adäquat transponiert. Der Künstler hat der Nestflüchterin beträchtliche, aber ordinäre Ausdruckskraft verliehen.

Lega-frech-IMG_2940Ein hässliches Gesicht: verlängerte Herzform, der flache Schädel unproportioniert zur sehr langen Nase und zur viel zu kleinen ‚bösen’ Kinnpartie. Die Augenlöcher („Bohnen“) sind so groß wie die – bei der Frau nachlässig gesetzte – Mundkerbe.

Die abgesetzten, gespreizten, unten spitz zulaufenden ‚Arme’ müssen Flügel sein, und sie suggerieren, obwohl Stummel, kraftvolles ‚Flügelschlagen’.

Der hochschwangere Bauch wirkt vorgeschoben, der Po eingezogen, das rechte Bein ist in dynamischem Stand verkürzt. Das unübersehbare konventionelle Attribut einer sexuell attraktiven Frau geben der Figur ihre besondere Spannung. Die ganze freche, wenn nicht aggressive Haltung könnte wohl auch die Aphorismen Frau Flügelschlag (Mrs. Wingbeat 3.g) für skandalöse Untreue oder Earthquake (3.i) für Hexerei  illustrieren.

Eine (a)soziale Figur, die wach in die Welt blickt, Aufmerksamkeit einfordert. Nicht gleichgültig lässt. Als ich vor eins, zwei Jahren noch vor den Lega fremdelte, sah ich noch nicht die vielen Wahlmöglichkeiten der Lega-Ästhetik.

21. November  2017 – Es wird ja immer besser!

Die Figur verkörpert eine Schwachstelle des traditionellen Systems – zumindest bei den matrilinearen Gesellschaften – die geringe Verbindlichkeit der Ehe für die Ehepartner. Josef Franz Thiel erzählt in seinem Erinnerungsbuch “Jahre im Kongo” (2001) seine Erfahrungen als Seelsorger in den sechziger Jahren. Er nennt die Ehe zerbrechlich und vergleicht sie mit unseren Verhältnissen. Man vergröbert nicht allzu sehr, wenn man sagt: Die Abstammungsgruppe lässt sich mit einem europäischen Sozialversicherungssystem vergleichen.

Bei der Lektüre erinnerte ich mich an verschiedenen Stellen an die Sprichwörter der Lega und ihre Sorge, dass wenigstens die höchsten Ränge der Dorfhierarchie ein besseres Bild als  die gängige promiske Lässigkeit abgeben. Denn die Erste Frau eines hohen Bwami-Würdenträgers wird nicht nur in seinen Rang initiiert, sie bewahrt auch seine persönlichen Rangabzeichen und machtvollen Objekte in ihrem Haus auf und vielleicht auch die gemeinschaftlichen des Bundes. Sie sollte auf keinen Fall Skandal verursachen.

 

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