Zwei Blicke auf John Iliffe : Geschichte Afrikas(1997)
(Cambridge 1995, C.H.Beck MĂŒnchen 1997,2000)     Upload 13.3.2019; kontrolliert 4.5.21
(S.8-9 – VergröĂern durch Anklicken!)
„EIN KONTINENT HAT DIE BEWEGUNGSFREIHEIT VERLOREN, OHNE RUHE ZU FINDEN“
Geschrieben am 8.5.2018.
Ich lese mich in eine Geschichte Afrikas ein (John Iliffe: Geschichte Afrikas. Cambridge 1995, dt.2000) und gerate auf der ersten Seite an ein Zitat David Livingstones: Die Untertanen entzogen sich dem Zugriff eines tyrannischen Oberhaupts durch Abwanderung in die benachbarten LĂ€nder. âDas ist hierzulande, wo FlĂŒchtlinge niemals zurĂŒckkehren, die allgemein ĂŒbliche Art, Tyrannenherrschaft zu beseitigen. Der derzeitige Casembe ist sehr arm.â (141)
Till Förster schildert im Aufsatz (LINK zum Blog-Kommentar) sogar noch aktuelle FĂ€lle der Abwanderung und wendet sie gegen das ĂŒbliche Bild des allmĂ€chtigen kolonialen und nachkolonialen Staats.
Doch gibt es fĂŒr dieses Bild nicht gewichtige GrĂŒnde?
1    Die kolonialen Grenzziehungen, welche im Prinzip lĂŒckenlos die Geltung fremder âRechtsordnungenâ ermöglichen, aber doch nur so weit, wie die KrĂ€fte des Eroberers reichen.
2Â Â Â Â Im Innern die Kooperation von lizensierten Wirtschaftsunternehmen mit der Verwaltung.
3      Das gewaltige MachtgefĂ€lle zwischen Kolonial- und Staatsapparat und den âEingeborenenâ. Wann konnte je eine traditionelle Oberherrschaft (âReichâ) Repression so gebĂŒndelt einsetzen, notfalls auf Kredit, moderne Geldquellen im Hintergrund?
Die Menschen flĂŒchten noch immer und mehr denn je vor Krieg, UnterdrĂŒckung und Verarmung, aber sie werden heute von internationalen âHilfsorganisationenâ in Empfang genommen und mit Vorliebe in Lager gesperrt und âversorgtâ, damit sie das Gastland nicht auch noch, oder noch zusĂ€tzlich destabilisieren.
Die Fixierung der Untertanen am jeweiligen Ort, auf den Status quo also, war ebenso Teil der âBefriedungspolitikâ wie ihre planmĂ€Ăigen Umsiedlungen.
Die Synthetisierung diverser ethnischer IdentitĂ€ten hat im Laufe der Zeit ein Eigenleben entwickelt und sich dabei mit nostalgischer Geschichtsklitterung zu Herrschafts- und TerritorialansprĂŒchen verbunden. Tribaler Chauvinismus wurde zum rhetorischen Mittel der Innenpolitiker.
Sie sollte aber auch Basis fĂŒr eine wirtschaftliche und soziale âEntwicklungâ sein, fĂŒr den Ausbau von Infrastruktur, von Medizin und Familienplanung, von Bildung und Erziehung sowie moderner ArbeitsplĂ€tze nicht nur Rohstoffausbeutung, so etwas wie eine abhĂ€ngige Industrialisierung mit Wissenstransfer ermöglichen. Mit dem Abbruch der Kolonialisierung 1957-60 konnten sich die EuropĂ€er jeder Verantwortung entledigen und sich allein auf Erhaltung und Ausbau der fĂŒr die Ausbeutung notwendigen Strukturen konzentrieren. DarĂŒber hinaus blieb âEntwicklungshilfeâ eine PR-Agentur zur Beruhigung der heimischen Ăffentlichkeit.
Alle vom Kolonialismus angestoĂenen Entwicklungen sind aus dem Ruder gelaufen. Aus den âoffenen Adernâ Afrikas strömen nicht nur Rohstoffe und Profite, sondern auch Menschen, FlĂŒchtlinge geheiĂen. Ich weiĂ nicht, was bei weitergefĂŒhrter Kolonisation aus dem Projekt geworden wĂ€re. Familienplanung wĂ€re sicher Teil gewesen. In Zentralafrika vegetieren die Dörfer vor sich hin. Ohne den Verdienst der LandflĂŒchtigen – und der FlĂŒchtlinge auĂer Landes – wĂŒrden sie verhungern. Die Metropolen platzen aus allen NĂ€hten und verkommen zu einem Patchwork an Slums.
Die europĂ€ischen Verfassungsprinzipien wurden nach Afrika verpflanzt. FĂŒr die ĂŒberforderten Regierenden verlockend waren mehrere Aspekte verlockend:
- der Anspruch auf SouverĂ€nitĂ€t auf einem prinzipiell unverletzbaren Territorium (âterritoriale IntegritĂ€tâ),
- die EinfĂŒhrung der StaatsbĂŒrgerschaft â die bereits in Europa die Menschen im 20. Jahrhundert nicht vor Despoten und völliger Entrechtung bewahrt hat
- und das Prinzip des staatlichen Gewaltmonopols, das die Selbstverteidigung von vorneherein kriminalisiert â die dickköpfigen US-BĂŒrger einmal ausgenommen.
âStaatsbĂŒrgerschaftâ ist meist eine sehr einseitige Sache. Was steht denn schrankenlosen staatlichen Zugriffsrechten und AusschluĂrechten an Gewinn verglichen mit âAuslĂ€ndernâ oder âStaatenlosenâ gegenĂŒber? Etwa ein von den Behörden zu erbittender âReisepassâ und Ă€hnliche Gnadenerweise eines korrupten Polizeistaates? Da können Nepotismus und âKorruptionâ zu den einzigen akzeptablen Lösungswegen werden.
Was zeigen die Wahlen, die in Europa angeblich ‚aufmerksam beobachtetâ werden? In welchen Staaten und wann gelingen sie ĂŒberhaupt, diese Musterbeispiele an erlogenem ânation buildingâ?
âPolitische Parteienâ mĂŒssen einfach ‚ethnozentrische‘ Wahlvereine sein. Man muss seine Sache schon in der Metropole vertreten, wenn man nicht ĂŒbergangen werden will. Die beklagte Klientelpolitik ist die selbstverstĂ€ndlichste Sache der Welt. Mit allen Zeichen der Ungleichheit. (Eine sĂŒdamerikanische Anekdote: mit dem Bus zum Wahllokal, aber zu FuĂ zurĂŒck). Die Institutionen sind Clearingstellen. Es geht um weitreichende Entscheidungen wie Provinzgrenzen und Personalfragen, jedenfalls um viel Geld und oft um rĂ€umlich weit entfernte Bevölkerungsgruppen, mit denen man frĂŒher nichts zu tun hatte, auch wenn man vielleicht durch eine Handelskette verbunden war.
Die stĂ€ndige Vermehrung der politischen und bĂŒrokratischen Posten wird seit langem beklagt. Was bleibt anderes als Proporz denn ĂŒbrig? Die Alternative heiĂt Abspaltung und BĂŒrgerkrieg. Solange es ums Verteilen geht, lĂ€sst sich vielleicht noch ein Kompromiss aushandeln, aber wenn es um eine ânationale Haltung der Demokratischen Republik Kongoâ gegenĂŒber etwa Tansania, Uganda, … oder Angola geht?
Wanderungen – erzwungen durch VerdrĂ€ngung oder als Reaktion auf drohende Verarmung oder sich auftuende Chancen – sowie der Wechsel von VertrĂ€gen und Kriegen waren immer die unfriedliche NormalitĂ€t Afrikas.
Afrika hat nun aber mehr als ein Jahrhundert einer bĂŒrokratischen Kartierung und Parzellierung, von ethnischen zerstrittenen neuen IdentitĂ€ten, auferlegten fremden Begriffen und Konzepten hinter sich, dazu massive Ă€uĂere Eingriffe aller Art. Sie wurden â wie etwa die Kolonialmedizin â nicht zu einem guten Ende gefĂŒhrt oder dienten ohnehin nur dem fremden Interesse, wurden den LĂ€ndern durch Ăbertölpelung (Bergbau, NestlĂ©, …) oder Verlockung einheimischer Eliten als vorteilhaft verkauft .
Fortschritte gibt es wie seit jeher durch individuelle AktivitĂ€t; doch viele initiative Leute resignieren nach der RĂŒckkehr in ihre Heimat. Die in den elenden VerhĂ€ltnissen ZurĂŒckgebliebenen bremsen auch die Migranten in der Diaspora, halten sie mit permanenten materiellen Forderungen fest. Der Heimatersatz âDiasporaâ erschwert selbst noch die Integration in die âGelobten LĂ€nderâ.
MUSS DAS SO STEHEN BLEIBEN? NEIN, SOLANGE WIR MENSCHEN SIND!
Ausgerechnet das Zehnte Kapitel von âGeschichte Afrikasâ: „Auswirkungen des Kolonialismus 1918 â 1950â und der Unterabschnitt âBildung und Religionâ â auf nur zehn Druckseiten â zeigt uns, wie sich die Geschichtsschreibung Afrikas beleben und aufhellen lĂ€sst. Die richten unseren Blick auf eine vielfĂ€ltige Dynamik und weisen auf das fĂŒr den Kontinent spezielle Potential dieser Epoche – und lassen uns nach Entsprechendem heute Ausschau halten.
Wie gelingt es Iliffe, trotz eines extrem weit gespannten Rahmens Phrasen zu vermeiden? Ein Vergleich mag das Verfahren veranschaulichen. Jeder kennt den Blick aus dem Flugzeug bei leicht bewölktem Himmel. Gerade im FrĂŒhjahr ist oft die Sicht zwischen den Wolkenfetzen detailreich und konturiert. Bei Iliffe erhalten unzĂ€hlige Detailinformationen Kontur, ohne den Eindruck zu erwecken, âdie ganze Wahrheitâ zu reprĂ€sentieren. Die zahlreichen Blindstellen sind dem Bewusstsein stets prĂ€sent. Als begabter ErzĂ€hler nutzt er Ăberspitzungen, vermag aber auch noch die disparatesten EinzelfĂ€lle miteinander ins GesprĂ€ch zu bringen.
Wo immer ich ĂŒber Vorwissen zur Kolonialepoche verfĂŒge, registriere ich sachlich gebotene Zwischentöne oder Korrekturen am Gesamtbild. Dazu reichen schon kurze einzelne SĂ€tze oder einzelne statistische Zahlen. Ein Beispiel:
Der islamische Norden Nigerias, den ich bei Harnischfeger kennenlernen durfte (LINK): â….Dennoch erlegte Lugard den nichtislamischen Völkern die islamische Herrschaft der Fulbe auf.â (Iliffe 306). Der Passus zum resultierenden Bildungsnotstand lautet: âwohingegen in ganz Nordnigeria 1951 nur ein einziger SchĂŒler (ein Christ) einen Abschluss vorweisen konnte.â (ebd. 300).
Zuweilen muss man das bittere Bewusstsein spÀteren Scheiterns einfach ausblenden, um aus dem Olymp der Neunmalklugen auf die Ebene der handelnden Menschen abzusteigen, um ihnen an ihrem konkreten Ort zu begegnen, ihrer Selbstwahrnehmung, den sich ihnen bietenden Chancen, ihren EnttÀuschungen und Scheitern, ebenso wie der Umorientierung.
Es war schon bitter, wenn etwa die Kolonialmacht befand: „Keine Eliten, keine Problemeâ (Rhodesien, Belgisch- Kongo â 300), aber anderswo in Afrika existierten schon UniversitĂ€ten. âDie regionalen Unterschiede waren enorm und blieben lange bestehen.â (300) Immerhin âförderte Bildung in Afrika zu dieser Zeit â anders als in Indien â eher die DurchlĂ€ssigkeit der Gesellschaft, statt alte Privilegien zu festigen.â (300). âLesen und Schreiben besaĂen dieselbe Faszination wie zu jenen Zeiten, als sie das Monopol der Muslime gewesen waren, brachten aber auch materielle Vorteile (…) und verschafften Zugang zu AufklĂ€rung und Macht, von denen die Ungebildeten, wie sie selbst wussten, ausgeschlossen waren.â (301)
Dann ist von ZeitungsgrĂŒndungen die Rede, von politischen Klubs, der Rolle der europĂ€schen Mission. âDie enge Verbindung mit Alphabetisierung und Bildung verliehen dem Christentum in der FrĂŒhphase der Kolonialzeit neue AttraktivitĂ€t. Erstmals wurde die afrikanische Kirche eine Kirche der Jugend. (…) Da die polygynen Gesellschaften Afrikas die Jugend unterdrĂŒckt hatten*, stellte nun das Christentum eine Revolte der Jugend gegen die Ă€ltere Generation dar, vergleichbar der Annahme des Kommunismus im Asien des 20. Jahrhunderts.â (302; *z.B. der LINK zu MacGaffey, 2008). NatĂŒrlich ist die explodierende Ausbreitung afrikanischer âFreikirchenâ differenziert und ĂŒbersichtlich Thema.
Sind die sich abzeichnenden Tendenzen in den zeitgenössischen Afrika-Wissenschaften dem Erscheinen solcher BĂŒcher förderlich, die unser VerstĂ€ndnis ebenso disziplinieren wie befreien können?
Ich glaube kaum, wenn nicht Menschen mehrerer Disziplinen engagiert zusammenwirken. Jede von ihnen ist in der Gefahr, durch mehr Desselben (Watzlawik) ihre Horizonte zuzustellen.
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