Sklaven, HĂ€ndler und Despoten – Bas Congo im 19. Jh.

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‚Kongo Slavery Remembered by Themselves’ von Wyatt MacGaffey, erschienen 2008 im The International Journal of African Historical Studies (vol. 41, no.1 2008, pp.55-76) an der Boston University.

Der Titel ‚Sklaverei unter den BaKongo von ihnen selbst erinnert’ könnte historische Erlebnisberichte erwarten lassen, es geht jedoch um den Wandel gesellschaftlicher Strukturen und ihrer sozialen Mechanismen. Wir erfahren, wie die sozialen Beziehungen unter Ă€ußerem Einfluss sich kommerzialisierten, sodass das Leben der BaKongo sich bereits vor der kolonialen Eroberung schleichend aber radikal verĂ€nderte. Die Formulierung Remembered by Themselves bezieht sich auf die Quellen der Studie, in der MacGaffey ein weiteres Mal die Antworten afrikanischer Katecheten um 1915 auf den Fragenkatalog des Missionars und Ethnologen Karl Laman im Original (Kikongo) auswertet. Der Vorzug solcher zeitnaher Niederschriften mĂŒndlicher Überlieferung liegen auf der Hand.
Alle TextauszĂŒge aus der sehr kompakten Studie habe ich aus dem Englischen ĂŒbersetzt, wichtige im Original (rot) angefĂŒgt. Weitere Facetten der Situation, etwa der Atlantikhandel, lasse ich außen vor. So bald wie möglich werden die verschiedenen Themenartikel untereinander verlinkt.
Wenn man sich in die Kolonialliteratur vertieft, die gut verwahrt in akademischen Bibliotheken liegt – neuerdings aber im Netz öffentlich gemacht wird – ĂŒberkommt einen das Grausen. Wohl nie war die fremde Welt fĂŒr EuropĂ€er hĂ€sslicher, zugleich verschlossener und bedrohlicher als damals. Darin werden nicht nur tiefes UnverstĂ€ndnis und interessengesteuerte Verblendung der Öffentlichkeit sichtbar. Doch ganz das war nicht alles. Die Welt des unteren Kongo war bereits zu Beginn der erzwungenen Kolonialisierung in einem erbĂ€rmlichen Zustand. Der Handel mit den Fremden an den KĂŒsten hatte bereits die Gesellschaften am Kongo tiefgreifend verĂ€ndert, hatte Verhaltensmuster ausgebildet, die sich noch heute in der politischen Kultur der RĂ©publique Democratique Congo ĂŒbel auswirken.

Ausgangsthese des Autors

FĂŒr die zweite HĂ€lfte des neunzehnten Jahrhunderts beschreiben die Texte eine Gesellschaft, die durch einen erbarmungslos kommerziellen Geist und durch eine despotische Alleinherrschaft der Ältesten charakterisiert war. (….) Die IntensitĂ€t der geschĂ€ftlichen AktivitĂ€t in jener Zeit wurde möglich durch die Rolle der BaKongo als MittelsmĂ€nner im Handel zwischen dem Inneren Afrikas und der AtlantikkĂŒste. Im Endeffekt zahlten sie fĂŒr alle ImportgĂŒter mit Elfenbein und vor allem Sklaven, sowohl ihren eigenen Leuten als auch solchen, die sie aus dem Hinterland vermittelten. Ohne den Atlantikhandel hĂ€tte es nur die lokale HandelstĂ€tigkeit gegeben, aber durch den Verkauf von Nahrungsmitteln und handwerklichen Erzeugnissen konnten Gemeinden nicht hoffen, reich zu werden.

The texts describe, for the last half of the nineteenth century, a society characterized by a fiercely commercial spirit and by the autocratic power of elders. (…)
The intense commercial activity of the period was enabled by the role of the BaKongo as middlemen in the trade between the interior and the Atlantic coast. Ultimately, they paid for all the goods they imported by selling ivory and, above all, slaves, both their own people and those they conveyed from further inland. Without the Atlantic trade, there would have been local commerce, but communities could not hope to become wealty by selling foodstuffs and handicrafts. (…)
At the coast , and on the routes toward it, the buying and selling of slaves was entirely commercial; (…)(57)

Wie wirkte sich der Atlantikhandel auf die sozialen Beziehungen aus?

MacGaffey:

Die OberhĂ€upter der Abstammungslinie und die HĂ€uptlinge von niederem Rang waren durch die Notwendigkeit der Absprache mit Gleichgestellten eingeschrĂ€nkt, durch die Möglichkeit, dass ihnen die Untergebenen wegliefen und zweifellos manchmal durch vĂ€terliche Impulse und die notwendige Bewahrung des sozialen Friedens. Hochrangige HĂ€uptlinge und reiche MĂ€nner waren jedoch Tyrannen und wurden als solche gepriesen. Sie sammelten Sklaven und andere AbhĂ€ngige; vor allem von Sklaven wurde außergewöhnlich stark Gebrauch gemacht. Wirklich große Chefs wurden durch das Töten von Sklaven berĂŒhmt, sei es in kultischen ZusammenhĂ€ngen oder schlicht, weil sie das konnten. FĂŒr eine feierliche Inthronisierung von HĂ€uptlingen im Mayombe-Gebiet musste der Kandidat (seinen ihm ĂŒbergeordneten Ältesten) zwischen zehn und dreißig Sklaven aushĂ€ndigen. Die meisten Ältesten waren MĂ€nner, aber Frauen konnten auch Sklaven besitzen und geringere Positionen einnehmen. Niemand jedoch war ‚frei’ im Sinne von Locke und seiner Nachfolger (also EigentĂŒmer ĂŒber sich selbst); die Freien unterschieden sich von Sklaven durch die grĂ¶ĂŸere Zahl von Personen, denen sie durch eine formelle Beziehung verbunden waren und folglich in dem grĂ¶ĂŸeren Ausmaß an politischen Ressourcen. (56/57)

Lineage heads and lesser chiefs were restraint by the need to negotiate with their peers, by the possibility that their subordinates would run away, and no doubt sometimes by paternal impulses and the need to keep the peace. High-ranking chiefs and wealthy men, however, were tyrants, celebrated as such. They accumulated slaves and other dependents; slaves in particular were items of conspicuous consumption, for those who could afford it. Really great chiefs became famous by killing slaves in either ritual contexts or simply because they could. Initiation to chiefly titles in Mayombe required the candidate to hand over from ten to thirty people as slaves. Most elders were men but women could own slaves and acceed to minor titles. No one, however, was ‚free’ in the sense imagined by Locke and his philosophical descendants; the free differed from slaves in the greater number of persons to whom they were formally related and therefore in the greater extent of their political ressources.

Im Prinzip wurde der soziale Status durch Geburt oder einen Akt der Übergabe festgelegt. In der Praxis, in einer Gesellschaft ohne Dokumente, war die soziale Position die eine Frage des durch die öffentlichen Meinung und durch Gewaltanwendung unterstĂŒtzten oder auch, bestrittenen Anspruchs. Die ‚Freien’ waren diejenigen, die Alliierte mobilisieren konnten, um ihre AnsprĂŒche durchzusetzen. Sogar freie Abstammungslinien gerieten vielleicht durch Krieg (eher als mittelalterliche ‚Privatfehde’ zu verstehen!) oder zu hohen Aufwand fĂŒr Rituale oder auferlegten Geldbußen, die mehr durch die Machtbalance als durch unparteiisches Urteil auferlegt wurden, zunehmend in einem Zustand der Verarmung und der Versklavung – oder wurden zumindest reduziert auf den Status von Klienten (unter einem ‚Patron’ wie im alten Rom Plebeier unter einem Patrizier).

In principle, one’s social status was fixed by by birth or by an act of transfer. In practice, in a society, in a society without documents, social position was a matter of assertion supported, or perhaps contested, by public opinion and the use of force. The “free“ were those who could mobilize allies to make the assertions stick. Even free lineages might find themseves progressively impoverished and eventually enslaved (or at least reduced to client status) by warfare or its close associates, ritual erxpenditures and judicial fines, themselves determined more by the balance of power than by an impartial judge. (57)

Der Berichterstatter aus Mukimbungu erzĂ€hlt einen solchen Konflikt zwischen einem erfolgreichen Klan und einem schwĂ€chelnden Klan, der ihn nach Generationen wieder an seine angebliche AbhĂ€ngigkeit erinnerte (71). Das war gerichtlich zu klĂ€ren zumal an manchen Orten Bewerber auf hohe HĂ€uptlingswĂŒrden auf Mutters wie auf Vaters Seite ‚freie’ Vorfahren vorweisen mussten.

Manche Aspekte erinnern an die stĂ€ndige Konkurrenz mittelalterlicher Adelsfamilien in Europa, so angemaßte StammbĂ€ume bis hinunter zu CĂ€sar oder Adam und Eva oder die vor der Durchsetzung eines Ewigen Landfriedens im 14.Jahrhunderts grassierenden Privatfehden. Doch dass Dokumente auch jederzeit gefĂ€lscht werden konnten, wusste nicht erst Louis XIV.

Jeder konnte seine ‚Freiheit’ verlieren

Menschen konnten ohne eigene Verfehlungen zu Sklaven werden oder gar als Sklaven verkauft werden, „wenn der Klan in großen Schwierigkeiten war und auferlegte Strafen nicht bezahlen konnte, verkauften sie jemanden an jeden der Geld hatte. Manchmal wĂ€hlte man einen, mit dem Klanmitglieder im Streit gelegen hatten“ (Kingoyi).

People might be sold or otherwise enslaved for no fault of their own. “They would sell someone if the clan was in a lot of trouble and had insufficient money to pay fines, than they would sell someone to anyone who had money. Sometimes the slave would be a person with whom other members of the clan had quarelled“ (Kingoyi).

FrĂŒher stellten bei einem Gerichtsfall die Parteien Geiseln, MĂ€nner wie Frauen. Nach dem Urteil wurden sie dem Gewinner des Prozesses oder Richtern ĂŒbergeben, solange bis der Verlierer sie auslöste – wenn er das ĂŒberhaupt wollte. Geiseln wurden aber auch fĂŒr das Giftorakel benutzt.

In time past, when there was a court case, the parties would put up sureties, zintela, men or women. When judgment was rendered, the hostage was handed over to the winner or to wardens, until the loser redeemed him – if he wanted to; (64)

Wer immer Familie besaß, konnte bei finanziellen Problemen ein Familienmitglied verkaufen. (62)

„Wenn ein Ältester Geld benötigte und (beispielsweise) seine verheiratete Schwester verpfĂ€nden wollte, deren Ehemann sich aber nicht in der Lage sah, seinem Schwiegervater Geld zu leihen, wĂŒrde er sagen: Gib mir meine Schwester zurĂŒck, damit ich sie verkaufen kann. Ich bin wirklich in Geldnot. Ich hab dich um ein Darlehen gebeten, aber du hast kein Geld. Deshalb pflegten die Ältesten zu sagen: Wenn du heiratest, sei reich; wenn du kein Geld hast, sei ein guter Rechtsanwalt. Viele MĂ€nner litten brennende Scham: ihre Frauen und Kinder wurden ihnen von den SchwiegervĂ€tern weggenommen und verkauft, weil sie (ihnen) kein Geld geben konnten. (Mukimbungu)

Whoever has family members may sell one of them, if he has fallen into difficulties. …. (62)

“If an elder were in financial difficulties, needed money and wanted to pawn his sister (als Pfand, hier dem Schwiegersohn) but the husband had no money to lend to his (father-)in-law, he would say ‚Give me back my sister that I may sell her, I’m really short. I have asked for a loan, but you have no money. Therefore the elders used to say, If you marry, be wealthy; if you have no money, be a good lawyer. Many men felt the shame of their wives and children taken away by the in-laws and then sold, because they had no money to give“ (Mukimbungu). (63)

Das mag vage an Schulstoff erinnern, an Solons Reformen vor zweieinhalbtausend Jahren im vorklassischen Athen, der die Schuldknechtschaft abschaffte, die sich unter der Kommerzialisierung einer nun exportorientierten Landwirtschaft (Oliven und Wein) stark entwickelt hatte, da der Adel seine tradierte patriarchalische GroßzĂŒgigkeit aufgab. Von Rechten der SchwiegervĂ€ter und Abstammungslinien (Klans) weiß ich in diesem Kontext allerdings nichts.

Rituelle und andere Fallen fĂŒr Unvorsichtige und Schwache

Rituale schufen endlos viele Möglichkeiten, Unvorsichtige und Schwache zu versklaven. „Wenn eine Henne ĂŒber das Leopardenfell lĂ€uft, auf dem der MarkthĂ€uptling sitzt, muss ihr Besitzer einen oder zwei Sklaven liefern.“ (Laman I,118 – 64)

Rituals provided endless opportunities to enslave the unwary and the weak. “If a hen runs over the leopardskin on which the market chief is sitting, the owner of the bird must forfeit one or two slaves.“

Wenn es keine Tabus gĂ€be, wie wĂŒrde der Zauberer (nganga) an Geld kommen? Die Verbote der HĂ€uptlinge erfĂŒllen denselben Zweck, sind aber schlimmer. Denn der SchĂ€nder kann angeklagt und getötet oder mit einer Vermögensstrafe belegt werden. Wer aber die Regeln des Zauberers bricht, braucht nichts zu tun, solange er die Krankheit (die ihm angedroht wurde) nicht in sich spĂŒrt“ (Mukimbungu). (64)

„If there were no taboo there would be no way to get money (for the magician, nganga). The prohibitions of the chiefs are the same, but worse, since the violator can be accused and killed or fined by force, whereas one who breaks the nganga’s rules need do nothing unless he falls ill“ (Mukimbungugu).

Der Ahnungslose mag beschuldigt werden, einen erfundenen Fetisch zu entweiht oder Nahrungsmittel gestohlen zu haben, die man nur zu diesem Zweck ausgelegt hat.

The unsuspecting might be accused of profaning a fake magical charm, or of stealing food, both having been put out for this purpose. (63)

AbhĂ€ngige – ArbeitskrĂ€fte, Garantie fĂŒr Nachwuchs, Bauernopfer und Investition

 ZunĂ€chst Mac Gaffey’s Formel:

Sklaven waren die grundlegende ‚konvertible WĂ€hrung’, in der sich sowohl der heimische als auch der Atlantischen Kreislauf darstellen ließ: ein Sklave konnte Einheit fĂŒr die soziale Reproduktion sein wie auch profitable Handelsware. (75)   (freie Übersetzung)

Slaves, in short, were the basic ’convertible currency’, articulating domestic and Atlantic circulation: a slave could be both a unit for social reproduction and a commodity to be bought and sold for gain.

Im Kapitel „Prices“ stehen dazu weitere Details: Man konnte Sklaven als Zins bringende Geldanlage behandeln, neben Huhn, Ziege, Schwein sozusagen als oberste Kategorie von Haustieren (‚Livestock’) (65), man konnte sogar Anteile an Sklaven erwerben und diese wieder verkaufen.

Da geraten wir als Leser leicht in die altbekannte fruchtlose Empörung aus der Schulzeit, als die Institution der ‚Sklaverei’ als Schandfleck an der ansonsten gepriesenen griechischen und römischen Antike verabscheut wurde, und erst Recht ihre ideologischen Rechtfertigungen, etwa bei Aristoteles.

Wie ĂŒberall dominieren soziale und ökonomische Regeln die Lebenswirklichkeit, aber sie sind nicht einunddasselbe. Bei jedem Thema wird in den Berichten auf das Verhalten – bescheiden oder unverschĂ€mt, einsichtig oder trotzig – eingegangen (z.B.67), von der Beliebtheit und den persönlichen QualitĂ€ten sollte das individuelle Schicksal ĂŒberhaupt weitgehend abhĂ€ngen, ob es nun um NotverkĂ€ufe, Stellung von Geiseln etwa fĂŒr das Giftorakel in einem Prozess (71) oder ein rituelles Menschenopfer aus dem Kreis der Familie eines wichtigen HĂ€uptlings ging. (68f.) – ‚Wer hat denn das Geld fĂŒr dich aufgebracht, deine eigenen Leute oder ich?’ sollte sich der AbhĂ€ngige im Konflikt mit seinem Herrn vor Augen fĂŒhren (67). Auch vom ökonomischen Geschick des einzelnen AbhĂ€ngigen ist die Rede und von der damit verbundenen Karriere im Dienst des Herren. (64) Die folgende Schilderung erinnert stark an Sklavenkarrieren im Römischen Reich, dort sogar im kaiserlichen Verwaltungsapparat:

„ … so als ob Herr und Sklave in allem eins wĂ€ren … Er wĂŒrde ‚mayala’, der ‚Manager’ genannt werden, der Sohn seines Herrn, wenn er nur bescheiden, in öffentlichen Angelegenheiten redegewandt und in seiner Persönlichkeit bewundernswert wĂ€re. … Wenn der Besitzer stirbt, könnte er die Leitung der ganzen Gemeinde von ihm erben, er wĂŒrde die Leute und das Vermögen regieren, an dem Ort, wo er Sklave war. …“ (Diadia, 68)

The slave becomes as if it were one with him in everything … He would be called Mayaala, ‚the manager’, the son of his master, if he were humble, eloquent in public affairs, and admirable in his personality. … If the one who bought him died, he might inherit leadership of the whole community, governing the people and the property in that place where he was a slave. … (Diadia,68)

Von Protestformen (69) und von der Flucht zu besseren Herren ist die Rede, vom Einsatz des Fetisch, um den zur RĂŒckkehr zu zwingen, „der sich selbst gestohlen“ hatte, und von den Regeln zur Begleichung des ökonomischen Schadens durch den oder die neuen EigentĂŒmer… (69)

Mit fortschreitender LektĂŒre werden mir die VerhĂ€ltnisse immer unĂŒbersichtlicher. Die Situation war auch nur von weitsichtigen OberhĂ€uptern zu ĂŒberblicken. Ob weitsichtig oder kurzsichtig, Klanchefs kontrollierten die ihrer Herrschaft Unterstellten absolut. Da wurden BrĂ€ute durch eine zusĂ€tzliche GebĂŒhr als Sklavin gekauft, damit kĂŒnftige Kinder nicht Mitglied ihres mĂŒtterlichen Klans wurden, sondern ‚Sklaven’ des Vaters und seines Klans. Mancher Klan hielt sich einen ganzen ‚illegitimen’ Familienzweig, aus dem er ‚endogame Ehepartner bezieht’ – ‚richesses en Ă©pouses gratuites’. Damit verpflichtete er sich nicht mit der Heirat einem fremden Klan, was die Norm der Exogamie forderte und was vor allem strategisch Sinn machte in einem ’deadly game of Monopoly’ (72), in welchem man stĂ€ndig strategische Familienallianzen schmieden musste.

… Das stĂ€ndige und einfach unvermeidliche Powerplay im konkurrierenden Personentransfer von einer Gruppe zur anderen duch Heirat, Kauf, zur Schuldenbegleichung, in Gerichtsprozessen und mit allerlei ritueller Fallenstellerei war in ganz Zentralafrika ziemlich gleich. (72)

MacGaffey stellt ein interessantes Zitat von Mary Douglas zu den The Lele of Kasai in diesen Zusammenhang:

Wenn so ein Spiel gespielt wird, kann keiner sich leisten, abseits zu bleiben. Jeder muss schnell sein, Beleidigungen wahrzunehmen und Verletzung eigener Rechte zu behaupten. Kein Sterbefall darf vorĂŒbergehen, ohne jemandem die Verantwortung dafĂŒr anzuhĂ€ngen, der dafĂŒr ein entsprechendes Bauernopfer(pawn) bringen kann. So ist immer einer da, der ein persönliches Interesse daran hat, auf eine definitive Verurteilung aufgrund einer Hexerei-Beschuldigung zu drĂ€ngen (1964,303 – zitiert 72). – Wer will da noch behaupten: Alle Afrikaner seien aberglĂ€ubisch? Dem ist an anderer Stelle weiter nachzugehen!

Mac Gaffey fÀhrt fort:

Sicherheit in diesem Wettbewerb hieß, dass man VerbĂŒndete zur UnterstĂŒtzung rufen konnte, die Blutverwandte waren oder verwandt durch Heirat oder Heirat von Vorfahren. Ein Mann sollte den Klan seiner Mutter, seines Vaters, des Vaters der Mutter und des Vaters seines Vaters identifizieren können. Von denen konnte er Schutz und Gastfreundschaft auf einer Reise erwarten. Gekaufte Sklaven waren nur mit ihrem Besitzer verbunden und allein von seiner Gnade abhĂ€ngig. … Mit der formellen Einsetzung eines neuen Oberhaupt war die Heirat mit Frauen eines oder mehrerer freier und verbĂŒndeter Klans verbunden. (72)

 

Frauen und Kinder

Die Rolle der Frauen (und Kinder) in einem solchen System haben nichts mit dem zu tun, was man gewöhnlich mit ‚mutterrechtlichen‘ Ordnungen verbindet (vgl.75). Sie erscheinen allein unter dem Aspekt zahlreicher Fortpflanzung. Klar, dass eine kinderlose Frau zurĂŒckgegeben werden konnte, und eine Zahl von zwei Kindern zur Teilerstattung des Brautpreises berechtigte. ( ) Dass auf dem Sklavenmarkt ‚a new girl’ (65) einen höheren Preis erzielte, ist da kein Gegenargument.

Die Formulierung im Titel: Remembered by Themselves fordert den Leser auf, seine spontanen Reaktionen zurĂŒckzustellen und die Tatsachen des Lebens zu respektieren, wie Berichterstatter der BaKongo sie 1915 wahrnehmen. Das mag Ă€lteren JahrgĂ€ngen, insbesondere Achtundsechzigern, grĂ¶ĂŸere Probleme als jungen Leuten. Denn gerade in der heutigen Zeit beruft man sich immer stĂ€rker und selbstverstĂ€ndlicher auf geltende Vorschriften und Vorgaben, so sehr man auch beteuern mag, die GrĂŒnde des GegenĂŒber ‚persönlich’ voll zu verstehen. Aus einem auf der Straße gestern aufgeschnappten GesprĂ€ch (smartphone): …. ich finde, wir sollten die Vorgaben von vorneherein ĂŒbernehmen!

Sklavenhandel in Boma und Cabinda

Das Kapitel ‚Slave Trade’ (72-75 oben) stellt die Handelspartner prĂ€gnant gegenĂŒber. Von den Chiefs, die wochenlang mit ihren Karawanen aus dem Mayumbe nach Boma oder Cabinda marschiert waren, sagt McGaffey: keiner im Landesinnern, Sklave oder VerkĂ€ufer, und wahrscheinlich nicht einmal die (Afrikaner) an der KĂŒste, hatte irgendein VerstĂ€ndnis von dem, was wir heute ‚den Atlantik Sklavenhandel’ bezeichnen. (73) Man kann sich lebhaft die Gestalten in den Kontoren vorstellen, die um einen Teil des versprochenen Preises betrogen wurden und eine Menge Zeugs einkauften, mit dem sie jedoch zu Hause groß herauskamen: Steatit-Figuren und Terracotta-‚Urnen’ von der KĂŒste fĂŒr GrabmĂ€ler, Alkohol, Geschirr und Emailware, alle möglichen ‚TrophĂ€en der Zivilisation’. Auf den GrĂ€bern wichtiger MĂ€nner konnte man um 1970 davon noch welche sehen. Der erfahrene KongohĂ€ndler Harry H.Johnson riet 1884 jedoch zur Vorsicht: Jeder Distrikt pflege seine speziellen Vorlieben. Da könne man mit seiner Produktauswahl leicht durchfallen. (zitiert 74)

Hear hier an der KĂŒste ist auch einmal von ‚MitgefĂŒhl’ (compassion) die Rede, nachdem uns bisher stocknĂŒchtern die Tatsachen prĂ€sentiert worden sind:

Kiananwa ist der einzige Autor, der MitgefĂŒhl fĂŒr die Sklaven, die an die KĂŒste verkauft worden sind, ausdrĂŒckt, von Laman abgesehen, der sagt dass sich nach Abschluss einer Transaktion oft quĂ€lende Szenen abspielen. So versuchten MĂŒtter, ihre Kinder zu verstĂŒmmeln, ihnen etwa ein Auge auszukratzen, um den Verkauf zu verhindern. (74)

Schlussphase

Der Warenumschlag boomte an der KĂŒste bis 1878, als DĂŒrre und eine verheerende Hungersnot schĂ€tzungsweise ein Viertel der Bevölkerung dahinrafften und die Wohlhabenden verarmen ließen.

In ihrer Verzweiflung besteuerten die Könige von Boma den Handel so hoch, dass er völlig verschwand. … In den neunziger Jahren gehörten die Nachfrage nach Plantagenarbeitern im Mayombe und – auf einer niedrigeren Skala – die Bereitschaft von Missionaren, Sklaven zu kaufen (das heißt, sie zu ‚befreien’) wowie die GewalttĂ€tigkeit des Freistaats Kongo zu den Faktoren, welche die Neuverteilung von Personen in und zwischen Communities im Kongo beeinflussten. SpĂ€ter reduzierten Schlafkrankeit und Influenza die Bevölkerung mindestens um die HĂ€lfte. Die Sklaverei wurde vom Belgischen Kongo ‚abgeschafft’, aber die entsprechende Politik der Versklavung (‚politics of slavery’) blieb mindestens noch bis 1970 aktiv. (76, Schlussabsatz)

 

 

 Was ist nun ‚traditionell‘?

‚… many of the societies that anthropology used to think were traditional (meaning original) were in fact late phenomena, created through transformative contact with an expanding Europe …. In Kongo’s case this perspective implies a necessary rethinking of the so-called ‚traditional’ phenomena of fetishism, of witchcraft, cannibalism (real and imaginary) and even the clan/tribe-system‘.

„Viele der Gesellschaften, von denen die Anthropologie dachte, sie wĂ€ren traditionell (im Sinne von ursprĂŒnglich) waren tatsĂ€chlich SpĂ€tphĂ€nomene,  durch einen verwandelnden Kontakt mit einem expandierenden Europa geschaffen … Im Fall der (Ba)Kongo bedeutet (diese Einsicht), die sogenannten ‚traditionellen‘ PhĂ€nomene  Fetischismus, Hexerei und Kannibalismus  (realen und imaginĂ€ren) und sogar das Klan/Stamm-System neu zu denken“. (p.1)

Diese SĂ€tze sind nicht von Wyatt MacGaffey, aber sie fassen seine Darstellung wie auf einer Nadelspitze zusammen. Sie bilden den Ausgangspunkt einer beeindruckenden Studie ĂŒber die Geschichte der Völker um die KongomĂŒndung, vom Niedergang durch den Untergang bis zur Neuerfindung ihrer Kultur.

Kejsa Ekholm Friedman : Catastrophe and Creation – The Transformation of an African culture, Harwood Academic Publishers 1991 ISBN 3-7186-5186-6

Friedman promovierte als junge Frau ĂŒber witchcraft in the Lower Congo, auf der Basis des von Missionaren des Svenska Missionsförbundet um 1900 gesammelten Materials. ‚It made a strong impression on me because of the violent destructiveness that I discovered. (XI) Das gewonnene Bild war vorwiegend finster und negativ:

People were poor, sick and superstitious. They devoted their energies to magic and witch hunting and their social life seemed dangerously brittle (brĂŒchig)  …. The Europeans even pitied the natives for having such an inadequate culture… (2)
This picture had been conceived as ‚the traditional society‘, the way it looked before being influenced and modified by Western civilization. – Ein Trugbild.

‚Europa‘ 1500 – 1880

Der VollstĂ€ndigkeit halber sollten wir den Blick  auf Europa richten. Das hatte sich seit der Epoche der portugiesischen Seefahrer um 1500 bis zur Unkenntlichkeit verĂ€ndert, als die Reiche von Kongo und Loango noch mit Lissabon auf Augenhöhe verkehrten. Handelskapitalismus und beginnender Industriekapitalismus prĂ€gten und ‚modernisierten‘ Westeuropa tiefgreifend. Und gerade, als ganz neue  Schalmeien der MenschheitsbeglĂŒckung aus Nordamerika und Frankreich am sĂŒĂŸesten ĂŒber den Globus schallten, um die Wende zum 19. Jahrhundert, war Europas Hunger nach importierten Zwangsarbeitern in der Kolonialwirtschaft am grĂ¶ĂŸten, und der wurde auch illegal noch ein halbes Jahrhundert mit Macht fortgesetzt.

 

 

Ein  ‚kontaminierender Kontakt‘ anderswo

Der Fall der Kafiren im Hindukush

Friedman verweist mehrfach auf parallele Erfahrungen in anderen außereuropĂ€ische Regionen. Und Beispiele dazu stellen sich spontan ein.

Ich will kurz einen scheinbar ganz anders gelagerten Fall aus dem Hindukush vorstellen. Bei Max Klimburg, einem großen alten Mann der Afghanistan-Forschung (The Kafirs of the Hindu Kush, 2 Bde. 1999) und dem legendĂ€ren Hindukush-Reisenden  G.S.Robertson (1896) habe ich ĂŒber das Bergvolk der Kafiren an der Grenze zu Pakistan gelesen, auch da ĂŒber die letzte Phase ihrer Ă€ußeren Freiheit. Sie entwickelten eine weithin gefĂŒrchtete AggressivitĂ€t nach außen und das Leitbild des gewalttĂ€tigen ‚Big Man’. In den armen Bergdörfern entstanden schroffe soziale BrĂŒche zwischen Kriegeradel (mit dem Recht auf ReprĂ€sentation) und ‚Sklaven’ auf der anderen Seite des Dorfes.

Da war zwar der ‚transformierende Kontakt‘ eine drohende militĂ€rische Eroberung, nicht ein Feuerwerk an VerfĂŒhrungen von cleveren HĂ€ndlern fĂŒr zahlungskrĂ€ftige Eliten. Doch kann man  das militĂ€rische Engagement des afghanischen ‚Staats‘ im islamischen Djihad am Ende des 19. Jahrhunderts nicht auch als Fernwirkung des europĂ€ischen Drucks auf marginalisierte LĂ€nder wie Afghanistan sehen?

 

Vorschau

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 Noch einmal Kejsa E. Friedman: Hoffnungsschimmer nach der Katastrophe

Nach der Katastrophe fĂŒr die Völker des Kongo, die Friedman im Kapitel II eindrĂŒcklich schildert, stehen im letzten Drittel – ‚A Modern Clan Society‘ – wieder SĂ€tze, die auch mit der Floskel  ‚Ein Gutes hatte …‘ hĂ€tten eingeleitet werden können:

„Mit dem Verschwinden der Großen Chiefs verschwanden auch die kulturellen Ausdrucksformen der traditionellen Macht: Menschenopfer, Tötung von Sklaven beim Abschluss von VertrĂ€gen und viele der grausamen Bestrafungen. Das letzte Menschenopfer unter den Yombe in Verbindung mit einem BegrĂ€bnis  wurde 1887 vollzogen, als neun Frauen zusammen mit ihrem toten Ehegatten (lebendig) begraben wurden. Diese Praxis verschwand teils durch Intervention der Kolonialmacht, dem unbestrittenen Machtzentrum, teils durch den Niedergang der traditionellen Machtstruktur. Kriege und Kopfjagden hörten auf und der Kongo wurde merklich friedvoller und unaggressiver, mindestens was ihr sichtbares Verhalten anging. Der (angeblich) friedfertige Charakter der Bakongo wurde fĂŒr Beobachter wieder sichtbar. Die Yombe hörten auf, ihre Dörfer einzuzĂ€unen. Die Belgier wollten darin einen Schritt in die Zivilisation sehen. (…)  In der neuen Kultur wurden Gleichheit und SolidaritĂ€t betont.“ (Friedman 82)

Decken die einschmeichelnden Worte ĂŒberdecken nicht völlig die eben beendete Darstellung des Untergangs, die Katastrophe der kongolesischen Völker? Darauf kann man doch nicht zur Tageordnung ĂŒbergehen!? Bevor uns tiefe Verwirrung ĂŒberkommt, fĂ€hrt die Verfasserin fort:

„Der Gebrauch von Fetischen und Beschuldigungen der Hexerei waren zwei PhĂ€nomene, in die am meisten Energie investiert wurde. Und der ‚witch-doctor‘, ‚Nganga‘ stieg  mit dem weißen Missionar zusammen zu den einflussreichsten Figuren in der sozialen Arena auf.“ (ebd.)

Was kann der Leser dafĂŒr tun, dass er die Lektion der Finsternis nicht gleich wieder ĂŒber den Details von Verwandtschaftssystemen und akademischem Streit unter Anthropologen vergisst? Denn wenn wir die ganze Geschichte am Ende nicht ĂŒberblicken, war die ganze MĂŒhe umsonst.  Auch dagegen biete ich Ihnen an vielen Stellen nach dem Vorbild von ‚wikipedia‘ Links zum raschen Wechsel der Perspektive an.

Eigentlich ĂŒbernimmt Friedman ja die Sichtweise der Überlebenden, etwa der MĂŒtter in den Ruinen: die Scherben zusammenkehren und ihre Verwendbarkeit  prĂŒfen. So betrachtet sie die ’neue Gesellschaft‘ unter dem Gesetz der Eroberer. TrĂ€ume durfte man ja noch haben, und die Volksgruppen um die KongomĂŒndung trĂ€umten heftig. Wer sich unter ‚Neuschöpfung‘  – ‚Creation‘ im Titel  der Studie – etwas anderes, so etwas wie ‚Erlösung‘ vorstellte, wurde nur vertröstet und wird enttĂ€uscht, wie Fall von Simon Kibangu und der anderen ‚Propheten‘. Es begann also nach dem Kongostaat ein langwieriger und mĂŒhseliger ‚Wiederaufbau‘ mit Profiteuren und Verlierern, mit harten VerteilungskĂ€mpfen. Der Mensch kann damit leben. Davon handelt das Kapitel: Die neue Klanordnung.

Unter einer zur Vernunft gekommenen Kolonialverwaltung war es fĂŒr eine gewisse Zeit sogar ein Vorteil, dass nach dem großen Aderlass Knappheit an ArbeitskrĂ€ften herrschte. Schon im mittelalterlichen Europa ging es dem Volk nach der Großen Pest am besten. (13.7.16)