Kinshasa 2000 – apokalyptisches Lebensgefühl

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Kinshasa um die Jahrtausendwende – drei Schlaglichter auf ein apokalyptisches Lebensgefühl, von Filip de Boeck (2001), Anne Melice (2001), Filip de Boeck (2004)

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Ich habe bereits ein paar Kostproben des Lebens in Kinshasa gesammelt, vom Osten aus dem Gebiet der Yaka kommend. Die Szene aus dem Leben am Flusshafen konnte einen Vorgeschmack dieser Stadt geben. Sie steht am Anfang des Readers’ Reinventing Order in the Congo – How People Respond to State Failure in Kinshasa’, London, New York, Kampala 2004.

'MON SEUL ESPOIR JESUS CHRIST' - KLEIDER & LEUTE, KONGO, ARTE 2010

‚MON SEUL ESPOIR JESUS CHRIST‘ – KLEIDER & LEUTE, KONGO, ARTE 2010

Das Team um Theodore Trefon gibt sich betont sachlich und kumpelhaft abgebrüht.Mein erster Eindruck war: Sozialwissenschaftler sind fähig, für jede noch so chaotische Situation maßgerecht die passende ‚Ordnung’ – Order – zu schneidern. Doch was wäre daran unvernünftig? Die Menschen in Kinshasa, die Kinois, würden darüber gar nicht meckern, sie müssen das selbst versuchen, wenn sie in der ‚Normalität’ ihrer Lebenswelt – Disorder und State Failure – nicht verrückt werden wollen. Das Buch ist jedenfalls voller Überraschungen und Wendungen und natürlich spannend zu lesen. So etwas könnte kein Literat sich ausdenken.

Von den versprochenen drei Schlaglichtern auf das Lebensgefühl um die Jahrtausendwende stammt die erste auch aus diesem Buch.

Hier Lesenotizen:

1

Im Aufsatz Dancing the Apocalypse in Congo von Filip de Boeck (2001) geht es speziell um Lebensgefühl und Sinngebung.

Die Hauptstadt eines Failing State – wann gab es in Europa oder Deutschland etwas auch nur entfernt Vergleichbares? Vielleicht während der Großen Inflation 1923 in Berlin – auch da nicht, höchstens im Spiel der Künste – oder kurz nach 1945? Eine Megacity von zehn Millionen Einwohnern, Hauptstadt eines Landes im Kriegszustand, die ein paar Jahre vorher (1992,1993,1997) von marodierenden Soldaten geplündert wurde, in der die öffentliche Infrastruktur – Wasser, Strom, Transport – zusammengebrochen ist, in der jeder gegen jeden kämpft. Das Lebensgefühl dieses Ortes ist nicht nachvollziehbar. Es ist die Hölle.

Aber was ist die Hölle? Im besten Fall ein Zwischenstadium. an der Kongomündung hat der alte Kontakt mit Europa auch die großen Themen der Bibel einwandern lassen. Seit einem Jahrhundert sind hier Zöglinge der Missionsstationen – darunter auch abtrünnige Zöglinge – herangewachsen und haben sich ‚das Buch der Bücher’, die Heilige Schrift leidenschaftlich angeeignet. Wir mögen uns um die Bibel im Bücherregal nicht kümmern und manches Ungereimte aus dem Religionsunterricht vergessen haben – was erscheint außer ein paar dürren Handlungsanweisungen denn noch ‚zeitgemäß’ ? Aber dieser Klassiker der Weltliteratur steht jedermann frei zur Verfügung, der Antworten sucht auf Fragen wie die:

‚Das Leben ist unerträglich, die Hölle. Findet die nicht irgendwann ein Ende? Hat das Leiden überhaupt keinen Sinn?‘

Vero, Anhänger der Eglise Evangelique Libre d’Afrique und Interviewpartner von Filip de Boeck formulierte im September 1999 seine biblische Antwort folgendermaßen:

When we will enter the year 2000 the heavens will open their gates. Then God will descend. (…) The judgment will commence. After the judgement the good people will rise to heavens. The sinners will stay on earth. Behind Jesus, heaven will close itself, and here on earth Hell will be established. There will be much suffering. (….) The Bible tells us that when we arrive towards the end of the world wars start, the end enters, children no longer respect their parents. That is what we live today, that is why we see looting, wars, breakdown of authority. (…) Satan will put a stamp with the number 666 on our arm. Without the number you won’t receive food. (…) The suffering of those who are not on Satan’s side will be eternal. But those who accept to suffer and refuse to wear the 666 sign will be saved when Jesus come down into this world for the second time, for at this moment he will proceed with his final judgement. (…) It will be like in Noah’s time: God will destroy the world and create another one. (…) – (59f.)

Africa Screams-Titel(Übersetzung) Wenn wir in das Jahr 2000 eintreten, werden die Himmel ihre Tore öffnen. Gott wird herabsteigen. (…) Das Gericht wird beginnen. Danach werden die guten Menschen in die Himmel aufsteigen. Die Sünder bleiben auf der Erde zurück. Der Himmel wird sich hinter Jesus schließen und auf der Erde wird die Hölle anbrechen. Es wird viel Leid geben. (…) Die Bibel lehrt uns, dass gegen Ende der Welt Kriege ausbrechen, das Ende seinen Anfang nimmt, dass Kinder nicht länger ihre Eltern respektieren werden. Das ist es, was wir heute erleben. Deshalb sehen wir Plünderungen, Kriege, Zusammenbruch von Autorität. (…) Satan wird uns einen Stempel mit der Nummer 666 auf den Arm drücken. Ohne Nummer wirst du keine Nahrung erhalten. (…) Wer nicht auf der Seite Satans steht, dessen Leiden werden eine Ewigkeit andauern. Doch diejenigen, die das Leiden annehmen und sich weigern, das Zeichen 666 zu tragen, werden gerettet, wenn Jesus ein zweites Mal in diese Welt kommt, denn in dem Moment wird er mit seinem Jüngsten Gericht fortfahren. (…) Es wird wie zu Noahs Zeit sein: Gott wird die Welt zerstören und eine andere erschaffen. (…)

2

Vor hundert Jahren war für Simon Kimbangu, Zögling der Baptistenmissionen an der Kongomündung im Bas-Congo,  die Kolonialmacht Belgien schlicht Satan. Er sah sich als Prophet der Wiederkunft Christi. Der Westen galt ihm als Hure Babylon. Die Lockerung der Sitten, die atheistischen Ideologien und Regierungen, die Geheimgesellschaften (Rosenkreuzler und Freimaurer) bewiesen das. (p.43) Sein Martyrium der lebenslangen Haft in Katanga befeuerte in seiner Familie und unter seinen Anhängern eine – natürlich lange illegale – Glaubensbewegung. Die Kimbangisten bildet heute die größte Freikirche im Kongo. Anne Melice hat in einem detailreichen Aufsatz deren wechselvollen Geschichte nachgezeichnet: Le kimbanguisme : un millénarisme dynamique de la terre aux cieux, Bull.Séanc.Acad. r.Sci. 2001, 35-54.

Im zweiten Teil dokumentiert sie ‚die spirituelle Erneuerung’ der Kirche nach dem Tod des Kimbangu-Sohns, dem es gelungen war, seine straff geführte Organisation bis in die Ökumene der protestantischen Kirchen zu pushen. Diese Erneuerung war mit einer Rückkehr zu Basisbewegungen mit Wahrsagern und Propheten, ekstatischen Nachtwachen von Gebetsgruppen und einer vielgestaltigen theologie populaire verknüpft. Kimbangu wird darin zum Gründer einer Abstammungslinie der Bakongo, die im Heilsplan Gottes für die ganze Welt eine zentrale Rolle übernehmen soll. Die Geschichte muss umgeschrieben werden: Kimbangus Geburtsort Nkamba wird zum neuen Jerusalem. Anne Melice hat dazu Kimbangisten in Kinshasa und in der Diaspora interviewt:

Der Weiße ist la Bête (Satan), denn er hat im Laufe der Zeit seine Intelligenz gegen Gott gewandt. (Interview, Brüssel 1996).Gott hat den Weißen gesegnet, hat ihm alles gegeben: Intelligenz, Kreativität, Technologie, aber der hat sich von der Wahrheit entfernt, hat sich mit Satan verbündet, das heißt mit der Hexerei. (I. 1996 Antwerpen) Die Demokratie wird als dämonische Ordnung bezeichnet, denn die Macht kommt von Gott. Gottes politisches Projekt ist nicht die Demokratie, Er ist Souverän in alle Ewigkeit.( I. Kinshasa 1997). Wir werden das Königreich Gottes auf Erden errichten. (Elebe Kapalay) Kinshasa wird allegorisch als Sodom und Ägypten bezeichnet, wegen der Perversität seiner Bewohner. (alle Zitate p.43)

Was wir eigentlich ständig als Zumutung empfinden, die Benennung des postkolonialen Kongostaats als Demokratische Republik Kongo (DRK oder DRC), hört sich da schon anders an! Irgendwie realistisch, realsatirisch.

VE.tv TitelDas Motiv der ‚Neuen Ordnung der Weißen‘ im Dienste Satans ist beim  Privatsender RDC2VIE/VE.tv  immer wieder Thema.

Da ist der Papst ein Diener Satans, ein neunzigminütiges Referat bekräftigt die Verschwörung des Westens seit den Freimaurern mit passenden Zitaten politischer Prominenz u.s.w.

Papst Franziskus I verherrlicht Luzififer bei der Seligsprechung zweier Vorgänger

Papst Franziskus I verherrlicht Luzififer bei der Seligsprechung zweier Vorgänger

Die Apostel Satans, Video-Vortrag 87'. 40.Minute

Die Apostel Satans, Video-Vortrag 87′. 40.Minute

Die Apostel Satans 28. Minute

‚ Die Apostel Satans 28. Minute

 

 

 

Ein Beispiel:

Paul Henri Spaak (1899-1972) belgischer Politiker und einer der Gründerväter der EWG fordert hier eine Persönlichkeit anstelle eines weiteren Komitees, der aus der Krise herausführt. „Gott oder Dämon, wir werden ihn willkommen heißen“

3

Filip de Boeck schrieb im Katalog zur Ausstellung Africa Screams im Weltkulturenmuseum, Frankfurt 2004 über ‚Die zweite Welt – Kinder und Hexerei in der Demokratischen Republik Kongo. (Hg. Tobias Wendt, 2004,30-47)

Als Motto wählt er ‚Comment vaincre la mort de la vie? / Wie über den Tod des Lebens selbst siegen? (Sony Labou Tansi) und diagnostoziert: Der Tod ist im Kongo inzwischen nicht nur eine Metapher für bestimmte Alltagsbereiche, die „Postkolonie“ an sich hat einen postmortalen Zustand erreicht, in dem Lebende und Tote austauschbar sind, in einem Trend allgemeiner, fast wörtlicher Zombifizierung, welche die gesamte Gesellschaft durchdringt. Daher wurde die RDC in der Umgangssprache der ‚Rdécès’ /’Republik Tod’/, der „toten“ Republik Kongo. (….)

Kurzum, das Gefühl ist weit verbreitet, dass das, was man sieht, nicht ist, was man sieht, dass das, was da ist, nicht „tatsächlich“ da ist, oder wichtiger noch, nicht so sehr von Bedeutung ist. (….) Im Kongo, ebenso wie anderswo in Afrika, gab es immer auf eine recht unproblematische Weise eine andere Wirklichkeit unter der Oberfläche der sichtbaren Realität. Heute jedoch scheint diese „zweite Welt“ (deuxième monde) (…) mehr und mehr die „erste Welt“ der alltäglichen „Realität“ zu verdrängen und zu übernehmen (…) ist es immer üblicher, Menschen und Situationen als mystique zu bezeichnen: schwer zu verorten, zu verstehen und mit Bedeutung zu versehen.“ (31/32)

Szenenfoto aus: Kinshasa Kids/kinozeit.de

Szenenfoto aus: Kinshasa Kids/kinozeit.de

Africa Screams p.41, Kinshasa Sept.1999

In diesem Kontext stellt de Boeck die Kinderhexen in den Straßen von Städten wie Kinshasa, die seit zwanzig Jahren so zahlreich geworden sind, dass sogar internationale Presseagenturen und unsere Fernsehanstalten immer einmal darüber berichten. Oft werden Kinder zwischen vier und achtzehn Jahren von Familienmitgliedern der Hexerei bezichtigt, sie sollen Missgeschicke und Unfälle, aber auch Krankheit oder Tod verursacht haben. Indem die zahlreichen lokalen Pfingstkirchen der Figur des Satans, den Dämonen und dem Kampf zwischen Gut und Böse viel Aufmerksamkeit schenken und den Exorzismus in das Kirchenleben einbeziehen, werden sie zum Teil des Problems. Während der Messen und der gemeinsamen Gebete werden die Kinder zu öffentlichen Geständnissen gedrängt, bei denen sie ihr wahres Wesen als Hexen zu erkennen geben und die Anzahl ihrer Opfer nennen sollen.

Dabei gelingt es nur manchmal, die Hexen, mit ihrer Umgebung zu versöhnen, so wie es traditionell funktionieren sollte. Generell warnt de Boeck davor, westliche Konzepte von Kindheit und Kinderschutz unbesehen auf diese Situation zu übertragen. Kinder sind in Afrika nicht immer nur Opfer, sondern werden auch als aktive Handelnde wahrgenommen, etwa in der öffentlichen témoignage gegen Erwachsene, die sie angeblich in die Hexerei eingeführt haben, als gefürchtete Kindersoldaten (mit Kabila 1997 selbst in Kinshasa eingezogen), als finanziell unabhängige Jugendliche und schließlich in der Mythologie der Großstadt als für Männer gefährliche „Zuckerpuppen“, die häufig mit der mami-wata-Nixe in Verbindung gebracht werden, was die Verknüpfungen zwischen Sexualität, Geschlecht, Alter, Tod, Zugang zu modernen materiellen Gütern und „zweiter Welt“ aufs Beste ausdrückt und ins Bewusstsein hebt. (36-37). (…) Trotz der miserablen Lebensbedingungen sehen die Jugendlichen vom Land die Stadt nach wie vor als Ort der Unabhängigkeit und Freiheit, wo sie der sozialen Kontrolle (auch in Form von Hexerei), die von den Dorfältesten ausgeübt wird, entrinnen können. In Kinshasa und anderen Städten des Kongo schaffen sich junge Menschen regelmäßig selbst Orte der Unabhängigkeit wie Gebetsgruppen oder Ställe, kleine ökonomische Einheiten (39). Er macht darauf aufmerksam, dass gerade in der ‚informellen’ Wirtschaft Jugendliche die besseren Karten als Erwachsene, weil sie häufig über mehr ‚Straßenschläue’ verfügen. So wie Kinder in der’zweiten Welt’ der Hexerei herrschen und diese Schattenwelt die ‚erste Welt’ übernommen hat, kontrollieren Jugendliche die ‚zweite Wirtscahft’ des Landes, die in der Tat zur ‚wahren Wirtschaft’ geworden ist. (47, Anm.20 zu 40).

– Der Aufsatz entfaltet noch weitere Facetten des Lebens, die ein hohes Maß an Unsicherheit, Ungewissheit und Gefährdungen in den zwei kaum unterscheidbaren und austauschbaren Welten beinhalten.

Weiteres Studienmaterial  : Musikvideos „Ein Lied für Jesus

 

 

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