ID 2.267Â Â Â Â Â Â Â Stand: 30.10.2023
Afrikanische und ozeanische Objekte könnten wieder zu objets sauvages werden, Quellen der Faszination mit der Kraft zu beunruhigen. Ihre WiderstĂ€ndigkeit gegenĂŒber Klassifikationen könnte uns an unseren Mangel an Besessenheit und die vielen MĂŒhen erinnern, uns eine Welt durch Sammeln aufzubauen.
 James Clifford, zitiert im Blog „Geschichten ums Sammeln“(LINK )
)
Der Sammler atmet durch
Ein wenig hat mir der kĂŒrzlich gemeldete dumpfe Generalverdacht (LINK) meine methodisch behauptete Unbefangenheit gestört – verstĂ€rkt durch die Mitteilung eines erfahrenen Gelehrten ĂŒber einen Maskentyp. Denn es ist Trotz dabei, wenn ich meine âfĂŒr kleines Geldâ erworbenen Lieblinge inzwischen offensiv verteidige. Ich bin einfach kein naiver âBedenkentrĂ€gerâ mehr. Die Haltung hat mich ĂŒber zehn Jahre an lohnenden Entdeckungen gehindert. Angesichts der unĂŒbersichtlichen Situation erweist sich âTrial and Errorâ als erfolgreicher und fĂŒr einen gelernten PĂ€dagogen angemessener: Zu versuchen, dem Objekt möglichst etwas von seiner âWahrheitâ zu entlocken! Selbstbewusst zeigt auch ein groĂes Museum wie Tervuren sogar mediokre Nachbildungen, wie der Kurator Julien in einem Booklet zur ersten Ausstellung nach Wiedereröffnung âUnrivalled Artâ 2018 mitteilt.
Die Mbole-Maske, die ich im August bereits fĂŒr eine andere eintauschte, bietet die Gelegenheit, gleich zwei solcher âWahrheitenâ nĂ€her zu kommen.
Masken-Schilde mit Sehschlitzen der Lilwa-Gesellschaft
Die âLilwaâ-Gesellschaft bei den Mbole hat unter uns Afrika-Sammlern einen schlechten Ruf, da ihre Figuren âGehenkterâ weit verbreitet sind â Ich habe meine eindrucksvolle Skulptur seinerzeit psychologisch stark aufgeladen (LINK zum Beitrag). Auch sind mir abstrakte Gesichtsmasken mit Sehschlitzen schon immer unheimlich, zu stark. Sie hatten (und haben) ihre einschĂŒchternde Funktion vor allem bei âInitiationenâ, und ich fĂŒrchte nichts mehr als Initiationsriten mit Unterwerfung, Schmerzen, Ekel und Mutproben. Was ich etwa von (britischen Elite-)Internaten hörte, las und sah (inszeniert in der Filmsatire âIfâ 1968, LINK), fand ich widerwĂ€rtig.
KĂŒrzlich erwarb ich eine Maske der KELA, der ich eine Ă€hnliche Ausstrahlung unterstellt habe â deren Rillen assoziierte ich mit solchen Schlitzen – zu Unrecht. (LINK).
Der Tausch der Masken
Ich notierte am 1.August : âEintausch der spannungslosen Mbole! Da soll der âbraveâ ovale Ritzmaskenschild mit schlampig eingeschlagenen Sichtspalten ausgerechnet einem Notabeln und âHenkerâ, als WĂŒrdentrĂ€ger gehört haben?â
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Die kleine Schildmaske aber hat Spannung in der Wölbung und ist Ă€uĂerst praktisch bei rituellen Bewegungen, wenn eben nur â innerhalb des geschĂŒtzten Ritualplatzes –  phasenweise das Gesicht bedeckt werden soll.â
Beschreibung
MaĂe 32,5 x 22,5 cm, Tiefe knapp 10cm, der Griff ist integriert.
Das âGesichtâ ist ĂŒberlebensgroĂ. Von vorn gesehen ist es als Kugelausschnitt sinnlich prĂ€sent. Ein senkrechter hölzerner BĂŒgel gibt der nach vorn drĂ€ngenden Halbkugel eine Fassung. Die Schlitze lassen Mimik und Bewegung des hinter der hölzernen Panzerung verborgenen Kopfes erahnen, aber machen auch die materielle StĂ€rke der Wand sichtbar. Die (Ă€sthetische) Energie kann ich direkt spĂŒren.
Beim Umdrehen der Maske genieĂe ich â immer wieder â den Anblick des krĂ€ftigen Griffs, der aus dem Holz heraus wĂ€chst und sich in die Hand schmiegt, ebenso die groĂen Bohrungen sowie Stroh und Geflecht, die dem kleinen Tanzschild âFrisurâ und âBartâ verpassen.
Der Griff lĂ€sst das ein Pfund schweres RitualgerĂ€t als sehr praktisch erscheinen. Ob diese Maske âtanztâ oder nicht, sie ist kein passives AnhĂ€ngsel eines KostĂŒms, wie wir EuropĂ€er uns afrikanische Maskengesichter mangels Anschauung meist vorstellen. Kein Fragment, sondern Akteur!
Kontext
Julien Volper schreibt in „Unrivalled Art“(no.49) ĂŒber die Lilwa:âEine Gesellschaft, die auch bei anderen östlichen Mongo-Gruppen wie den Yela oder den Kela zu finden war. Es wird angenommen, dass Lilwa in den 1890er Jahren bei den Mbole entstand. Ein erheblicher Teil der mĂ€nnlichen Mbole-Bevölkerung wurde initiiert, ebenso wie ein viel kleinerer Teil der weiblichen Bevölkerung. Die IdentitĂ€t von Lilwas hohen WĂŒrdentrĂ€gern war allen bekannt. Daher, Es wĂ€re falsch, diese Gesellschaft als âGeheimgesellschaftâ zu bezeichnen, wie es die Kolonialverwalter manchmal taten. Der Zweck von Lilwa bestand darin, die Initiation junger Menschen zu ĂŒberwachen, um sie zu eigenstĂ€ndigen Mitgliedern zu machen. Vor allem ĂŒberwachte die Gesellschaft viele Aspekte des Rechtslebens, des sozialen und religiösen Lebens der Mbole-Gemeinschaft.“ (Ăbersetzung Gv.)
Welche handwerklichen AnsprĂŒche stellen wir an das Objekt? Zu den Fotos von Henault aus den siebziger Jahren – zum Anlass seiner eigenen âInitiationâ â scheint das GerĂ€t zu passen. Es könnte damals entstanden und benutzt worden sein. Henaults âInitiationâ war fĂŒr Forscher bereits eine gĂ€ngige FormalitĂ€t. Das daran anschlieĂende Fest im Rahmen der dörflichen Ăffentlichkeit mit Musik, Tanz, Frauen und Kindern bot ihm die gewĂŒnschte Gelegenheit zum Fotografieren.
Zwei weitere Lilwa-Masken oder Maskenschilde zum Vergleich
Frisur und Bart und intakte weiĂ-rote Farbfassung. Der âBĂŒgelâ löst sich hier formal in eine rote Nase und ganz kleinen geschlossenen Mund auf. Das Holz ist breiter und lĂ€nger und macht einen weit weniger dramatischen Eindruck. Da passt zum Einsatz bei unterschiedlichen Gelegenheiten ebenso wie zur Tatsache der Verschiedenheit der Menschen und sozialen Gruppen.
Heute gefÀllt sie mir, oder doch nur das Foto?
Das zweite Beispiel hat einem anderen Sammler viel bedeutet. Er ist mir aus dem Kontext der Duala-Rennboote recht gut bekannt (LINK). Denn Elizabeth Morton hat fĂŒr das Snite-Museum seine SammlungstĂ€tigkeit recherchiert und in einer digitalen BroschĂŒre publiziert. (LINK).
Der Aufbau ist Ă€hnlich zu meiner – z.B. der BĂŒgel
Aber die Form ist noch etwas weniger oval und weniger plastisch
Die FĂ€rbung in Rot, Schwarz und WeiĂ ist lebhafter, zudem nicht so vergilbt
Die Sehschlitze wurden vielleicht noch disziplinierter eingeschlagen
Die Umrandung fehlt oder ist nicht sichtbar, auch die GröĂe ist mir noch nicht bekannt.
Elizabeth Morton ergĂ€nzt im Katalog „Dimension of Power“ 2018 (LINK gleich zum pdf):
„Die Lilwa-Maske im Snite Museum ist wirklich auĂergewöhnlich und Mort betrachtete sie zu Recht als eines der schönsten Werke seiner Sammlung. Die OberflĂ€che ist kleiner und runder als andere bekannte Lilwa-Masken und weist ein erhabenes, geschwungenes âXâ-Muster auf, dessen Bedeutung unklar ist.“Â
Das SammlerportrÀt Owen D. Mort jr. im Katalog
Es ist unter mehreren Aspekten interessant. Darum wiederhole ich Passagen aus meinem Beitrag „Duala-Boote 2.2“ vom September 2021 (in Ăbersetzung):
„Mort hielt sich als Ingenieur zwischen 1974 und 1982 im damaligen Zaire auf. Er begann mit begrenztem Budget zu sammeln, gerade als die Wirtschaftskrise unter Mobutu begann. Der Ankaufsetat des ehrgeizigen Institut des MusĂ©es nationaux du ZaĂŻre. (I.N.M.Z.) war bald erschöpft.. Die Lieferanten suchten vermehrt ihre Kunden unter den ansĂ€ssigen WeiĂen. Auch Experten des I.M.N.Z. wurden zu HĂ€ndlern. Mort besuchte regelmĂ€Ăig die Treffen von âexpatriate collectors and connoisseursâ in Hotels und PrivathĂ€usern. Dieser Kreis stand unter dem Einfluss des schillernden KunsthĂ€ndlers Patrick Claes, der zuvor hauptsĂ€chlich fĂŒr das I.M.N.Z. eingekauft hatte. Die Konkurrenz unter den Sammlern um âauthentische StĂŒckeâ war geradezu obsessiv. Daher wuchs Morts Bestreben, sich nicht lĂ€nger von Experten, HĂ€ndlern und Kopisten manipulieren zu lassen. Nun nutzte er Arbeitsaufenthalte im Landesinnern dafĂŒr, in den Dörfern âKunstâ gĂŒnstig einzuhandeln.Mit anderen Sammlern besuchte er auch Kopisten-WerkstĂ€tten in Kinshasa, wo sie sich fĂŒr die Methoden der FĂ€lschung und VerfĂ€lschung interessierten. Auf der Basis seiner dem Snite-Museum hinterlassenen Aufzeichnungen beschreibt Frau Morton verschiedene Formen des Katz- und Mausspiels zwischen Handwerkern und Kunden. Solche kommerziellen Schnitzer arbeiteten ohnehin ebenso fĂŒr ihre Umgebung wie fĂŒr Fremde. Das ist ja seit langem ĂŒblich. Mit der Zeit gelangte Mort zu hoher WertschĂ€tzung dieser Handwerker. So begann er auf zwei verschiedene Weisen zu sammeln. Da waren die âauthentischenâ Erwerbungen im Rahmen der Gruppe, daneben erwarb er âKunstâ, er kaufte bewusst âfakesâ, wenn deren Machart in seinen Augen brillant war.(17)
Anfang der Neunziger Jahre kehrte er nach Amerika zurĂŒck und kaufte bei reisenden HĂ€ndlern (itinerant dealers), wie wir sie auch in Europa kennen. ZunĂ€chst beschrĂ€nkte er sich auf â vom Museen und Handel weniger beachtete â âantikeâ GegenstĂ€nde (items) wie Waffen und GerĂ€te. Im Hinblick auf eine Publikation seiner Sammlung fing er an, sich mit FachbĂŒchern vertraut zu machen, Zugleich sammelte er wieder fine authentic pieces. Hinweise erhielt er von den ex-Mitarbeitern Joseph Cornet und Charles Henault des I.M.N.Z. Es âimplodierteâ, als der schwerkranke Mobutu 1998 in groĂem Stil Objekte aus dem Museum in den internationalen Handel brachte. Unter dem siegreichen Kabila fiel das IMNZ dann in die HĂ€nde einer regime-linked mafia. (19)     ( ….)
Mort stand zunĂ€chst unter starkem Einfluss von Cornet, er teilte also den Kongo in geografische Regionen ein und unterteilte diese nach ethnischen Gruppen. Die Frage der âAuthentizitĂ€tâ beschĂ€ftigte ihn sehr. Dabei bereiteten ihm westlich beeinflusste und christliche Kunst kaum Probleme, und er gestand sich die Sackgasse ein, in die sein Versuch der Verortung im Einzelfall geriet. Wegen Cornets Einfluss waren die zahlreichen Kunstwerken, die keinem bekannten Stil entsprachen, eins seiner gröĂten Probleme. In Kinshasa waren sie typischerweise als FĂ€lschungen abgetan worden. Doch viele Regionen, die manchmal nicht einmal zusammenhingen, hatten austauschbare Stile. In anderen FĂ€llen, fand Mort, entstanden brandneue Kunststile in gewissen Königreichen und ethnischen Gruppen, wenn sie gröĂer wurden oder AuĂenseitern begegneten (6). Die Anerkennung der Dynamik traditioneller Kunst öffnete ihm den Blick fĂŒr die Innovationen von zeitgenössischen Handwerkern, und fĂŒr den Wert ihrer Arbeit, selbst wenn sie nicht fĂŒr âauthentischeâ Zwecke bestimmt war. Mort glaubte auch, dass viele ethnische Gruppen noch in den 1970er Jahren verschiedene Objekte rituell verwendeten, und Handwerker noch immer fĂŒr diesen Markt produzierten. Und solche Schnitzereien waren seiner Ăberzeugung nach ebenso âauthentischâ wie irgendein Objekt, das wann auch immer in Afrika hergestellt wurdeâ. WĂ€hrend verschiedener Ingenieurprojekte in Amerika kaufte er bei reisenden HĂ€ndlern, so auch das Bootsmodell. Mit dem Direktor des Snite-Museum hatte er frĂŒh Kontakt. Vor seinem Tod 2012 vermachte Mort seine Sammlung dem Snite Museum.“ (….)
Sie mögen sich fragen, welche Schlussfolgerungen Sie aus den Informationen ĂŒber den Sammler Mort jr. ziehen sollen, fĂŒr die EinschĂ€tzung seiner Lilwa-Maske und darĂŒber hinaus?
Er war als ‚Ethnologe‘ Autodidakt, aber ein leidenschaftlicher Sammler mit jahrzehntelanger Erfahrung im Umgang mit Experten und Kollegen, mit guter Orts- und Landeskenntnis als Ingenieur. Er kombinierte Beharrlichkeit und Mut. Also ich vertraue seinem Urteil ein ganzes StĂŒck weit , auch wenn ich damit ĂŒber die Mbole und Lwilwa noch fast nichts weiĂ.
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