Ein paar Handicaps
Das kleine Volk ist kaum dokumentiert. Die „Kela“ haben auch bei Felix „100 Peoples…“ keinen eigenen Beitrag , aber werden p.44 fĂŒr die „Jonga“ als eins der ‚relevanten Völker‘ genannt. Auch sie leben im dichten Regenwald auf 300 bis 500 m Höhe im Kongobogen.
Die Masken mĂŒssen fĂŒr sich sprechen, tun das aber auch. Sparsam verwendete optische Erkennungszeichen unterscheiden sie nach Tierarten und -geistern, sagt W.. Wie diese reprĂ€sentiert werden, ist faszinierend.
Das Ensemble in meiner Sammlung besteht seit August 2023 aus sechs stilisierten Gesichtsmasken desselben Grundtyps, drei ohne HinzufĂŒgungen und drei weiteren mit umlaufenden geflochtenen Ring. DarĂŒber hinaus habe ich mehrere Exemplare nur fotografisch dokumentiert, weil ich sie nicht mochte, zu spĂ€t kam oder zu lange zögerte. Der Erwerb zog sich ĂŒber ein Dreivierteljahr hin.
22.11.22. : W. sagt mit Bestimmtheit, dass die Kela – nördlich der Yela und sĂŒdlich der (westlichen) Mbole – diese Masken machten. Die anderen HĂ€ndler wĂŒssten das nicht. Er selber stammt aus der Region. Das soll fĂŒr alle fĂŒnf gestreiften Masken gelten, die er vor zwei Wochen vom Zoll geholt habe und nicht recht anschauen konnte.
< Karte aus „Kilengi“ (Kestner-Gesellschaft 1997, S. 403 (Anklicken) „Kela“ sind violett unterlegt.
Wenn, was ich bei Felix (?) gelesen habe, Kela und Yela mit Jonga und ‚Wald‘-Tetela aus dem Ubangi-Gebiet ĂŒber das Ituri eingewandert sind, brauchen wir uns ĂŒber die gemeinsame flache Maskenform nicht zu wundern, die typisch fĂŒr die Waldvölker des Ost-Kongo ist.
Die Grundform – abgewandelte Kugelausschnitte mit Furchen versehen
Die Maskenkörper bilden mehr oder minder abgeflachte Halbkugeln. Sie erinnern mich aber auch an mein Einmannzelt âMoonlightâ mit einer durchgehenden Alustange. Die halbkreisförmig gebogene Furchen in groĂzĂŒgiger Daumesbreite erscheinen wie mit dem Daumen (Rundung!) in weiche Tonerde gezogen, vom Gehörn oder Kamm bis zum Kinn. Dabei musste das Holz ausgekehlt werden! – Zehn Furchen bei der ZWERGANTILOPE (no.1), zwölf bei der MEERKATZE (no. 2), vierzehn bei der puren Helmform des LAMMS (no.3). Die sich abwechselnden Erdfarben sind Schwarz, Rot oder Ocker und Weiss.
Die drei entscheidenden Ăffnungen – Augen und Mund – wurden harmonisch eingeschnitten. Die (bis auf no.3) bohnenförmigen Augen sind – fĂŒr die Gegend typisch – schrĂ€g eingesetzt und so umrandet, dass jeweils der Kamm zweier Furchen verbunden ist. Der kleine spitze Mund – ein SchnĂ€uzchen oder Schnabel – unterbricht sehr weit unten den langen schmalen Bogen des NasenrĂŒckens.
ZWERGANTILOPE (water chevrotain) MBOLOKO
Im Kontext der Rennboote der Duala entstand 2022 auch ein Beitrag zu den Festen der Ijebu-Yoruba zu Ehren der Wassergeister. In ihrer Tiersymbolik spielt die Zwergantilope als Verkörperung eine zentrale Rolle (LINK). Ihre Zoologie war fĂŒr einen Laien unĂŒbersichtlich und passende Abbildungen fanden sich kaum; aber wesentlich waren die ihr ĂŒbereinstimmend zugeschriebenen erstaunlichen FĂ€higkeiten, die auch unter den Mongo-Völkern Zentralafrikas anerkannt waren.
Wenn W. als Jugendlicher die Erwachsenen fragte: Warum sind die Mongo (LINK Wiki) in viele StĂ€mme zerfallen? Warum haben sie Streit auf vielen Gebieten, von der Jagd bis zu den gesellschaftlichen Regeln (gouvernance)? Da habe man ihm bei verschiedenen Gelegenheiten mit dem Spruch geantwortet: „der Kopf der Antilope“. Sollte heiĂen: Um das zu verstehen, mĂŒsste man den klugen Kopf des chevrotain besitzen. Das Tier reprĂ€sentiere aber auch Reichtum, Fruchtbarkeit und Respekt vor den Vorfahren (Mail 18.11.22). Wieso ist diese Vielfalt ein Problem? Auch fĂŒr W.? Er hat öfters den Satz „Sie essen aus demselben Topf“ zitiert. Und das Wort „gouvernance“ stammt aus der politischen Diskussion und ist in westlichen NGOs als „good governance“ populĂ€r.
Ich las im Bd. 4 von THE KONGO des schwedischen Missionars und Ethnografen Karl Laman (wiki LINK; Blog: LINK) ĂŒber die Sundi im Mayombe (KongomĂŒndung). Im Kapitel „ErzĂ€hlungen, Fabeln“ kommt eine gewitzte Zwerggazelle vor, Nsesi : Laman schreibt S.117:“ Und so gewann er, Nsesi, durch seine Gerissenheit und Intelligenz die allseits begehrte Jungfrau, was beweist, dass diese QualitĂ€ten mehr zĂ€hlen als KörpergröĂe.“ (p.117, ĂŒbersetzt). Bei einer der PrĂŒfungen kam aber auch seine Kletterkunst zu Geltung: Mit Leichtigkeit hatte er mehrfach die Spitze des mfuma-Baums bestiegen. Auch rĂŒhmte er sich, „mit seinen FĂŒĂen Wasser zu trinken“. Dann bewĂ€ltigt Nsesi die unmögliche Aufgabe, „einen Kochtopf mit seinen TrĂ€nen zu fĂŒllen“. Damit nimmt er eine zweite attraktive und eifersĂŒchtig gehĂŒtete Frau dem Brautvater ab.
Nach dem Anschauen von ein paar Youtubes muss es sich auch hier um die berĂŒhmte Zwergantilope handeln, die nicht gröĂer als vierzig Zentimeter wird, geschickt klettert, bei Gefahr bis zu zehn Minuten abtauchen und unter Wasser laufen kann. – Die Abbildung eines „bushbock“ (aus dem oben genannten Beitrag) weist W. sofort zurĂŒck. Nun ’sehe‘ ich in dem „Ypsilon“ ĂŒber der Stirn kein Gehörn mehr, sondern die groĂen transparenten Ohren. Und finde eine Deutung fĂŒr eine aufwendigere Maske aus diesem Sommer (no.4).
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Am 18. August 2023 fotografierte ich auch am Stand zwei andere Exemplare, die mir – ich muss es eingestehen – ĂŒberhaupt nicht gefielen.
Ăffchen – Meerkatze (Cercopide)
K. mag diese Maske sehr, was mich verwundert. Mich stört zunĂ€chst der ‚Bruch‘ zwischen Augenpartie und Mundpartie. Die Maske wurde vielleicht auf dem Kopf getragen. Die Geschlossenheit der Form zeigt sich von der Seite her und bei ausgeglichener Beleuchtung.
Der Typ Halbkugel mit dem starken konkaven Einschnitt ist formal anspruchsvoll. Wenn die Augenpartie zu eng ist, vielleicht noch mit (hier fehlendenPerlchen dekoriert, lehne ich die Skulptur spontan ab, wie zum Beispiel diese:
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Damals erwarb ich eine zweite „Meerkatze“Â zusammen mit zwei anderen aufwendiger gestalteten KELA-Masken (ab August 2023)
no. 5
Aufwendig gearbeiteter, kĂŒhn durchkonstruierter Helm voller genialer Bögen. Die herausgepulten Keramikperlchen lassen sich in der Vorstellung leicht ergĂ€nzen
Die Bögen sind diesmal nicht unterbrochen durch die konkave Augenpartie. Sie erscheint eng eingezwĂ€ngt in einen Helm, dafĂŒr aber mit markanter Stirn versehen und unterschiedlich gefĂ€rbt.Noch einmal andere Augen
Die klaren Einschnitte von offenem Mund und Oberlippenrinne sind in der Komposition ganz nach unten gerutscht.
Die sinnliche Breite und Tiefe der Rillen und die freien aber satten Stege dazwischen
Zum solide geflochtenen Band umwickelter Ringe vermutet W.: zur VergröĂerung, Wertsteigerung; er weist auf je ein zusĂ€tzliches Loch auf beiden Seiten der Stirnpartie hin, zur Befestigung
Die Eule
Als unheimlicher Vogel zwischen Tag und Nacht spielt dieser Vertreter der Wildnis eine prominente Rolle – vergleiche den Beitrag zu „Luba Zoo“ (LINK). Der Kamm und – im Rahmen der Stilisierung – vergröĂerten Augen, sowie die Ausstattung sind ein mögliches Zeichen. W. dachte daran, wĂ€hrend ich noch an einen dörflichen HĂŒhnervogel dachte.
Schaf  (no.3)
Ein zweiter, zufÀllig auch anwesender HÀndler bot diese Maske an mit unterschiedlicher OberflÀche und radikal puristischer Konzeption:
W. identifiziert das Vorbild ein paar Wochen spĂ€ter als ‚Schaf‘ (le mouton). Wenn ich mich um Offenheit bemĂŒhe, kann ich das nachvollziehen. In einem weiteren Foto kann ich sogar ein ‚Schafsgesicht‘ suggerieren: Die runden Augenlöcher scheinen zu glotzen und der Mund, der permanent frisst, wenn er sich nicht gerade zu einem ‚mÀÀh‘ öffnet. Kennt W. aus seiner Kindheit Geschichten vom Schaf?
Meine spontanen Assoziationen gingen in eine andere Richtung: ins Gesichtslose und Gruselige, zu Halloween und ausgehöhlten KĂŒrbislaternen. Oder afrikanischer zu einer Maske, die im MĂ€rz 2018 als ‚Henkermaske der Mbole‘ auf dem Tisch von W.W. lag ? oder …. ?
unten:
oben:
Im Moment, wo ich das schreibe, taucht das das Bild eines Ameisenkopfes vor mir auf. W. schĂŒttelt nur den Kopf.
Bereits am 5. MĂ€rz 2022 hatte ich sogar die ‚anthropomorphe‘ Maske eines „alten Mannes“fotografiert. Da sagte „Kela“ mir noch nichts.
Die kreisrunden Löcher sind von einem Kreis kleiner Löcher (fĂŒr Glasperlen) umgeben. Vier mal neun regelmĂ€Ăig gebohrte Löcher zwischen Nasenlöchern, Mundöffnung und Kinn stellen wohl einen Bart dar.
Das bekrĂ€ftigt die Deutung ‚mouton‘ fĂŒr die andere Maske. Der Typ deckt also auch den ‚dörflichen‘ Bereich ab.
Man mĂŒsste den Kontext, die Inszenierung der Auftritte kennen!
Denkaufgabe: Eine abweichende Maske – Kela?
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