Duala (3) – Beschreibung und Deutung des Bootsmodells

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      “Kriegscanoe der Dualla in Kamerun”  1884

 aus: Die Gartenlaube: Illustriertes Familienblatt, vol. XXXII, no.37 LINK. Based on an original photograph. en.wikipedia

Der Holzschnitt illustriert  einen 18-Seitigen Artikel über “Deutschlands Colonialbestrebungen. Deutsche an der Westküste von Afrika,” der kolonialpolitisch bescheiden auftrat und die Bestrebungen vom Handel her schlüssig begründete.

Die Reichshandelsflagge über dem aufgesetzten Bootsschnabel (tange) mit allegorischem  Figurenschmuck  und die noch größere Flagge des Duala King am Heck machen neugierig. Unter dem Sonnenschirm sitzt ein weiß gekleideter Würdenträger, ein Vertreter des Handelshauses Woermann? Oder der Häuptling?  Bei welcher Gelegenheit? Das Boot wirkt auf mich überdekoriert, vielleicht nach der Erwartungen des  ‘King’ an Repräsentation

>Bootsmodelle<  der Duala um 1900

Der Katalog “heikles erbe” (Hannover 2016) erörtert in einem eigenen Kapitel ( S.199 – 211) die verschiedenen “Aneignungspraktiken” während der Kolonialherrschaft in Kamerun. Nicht alle waren nach heutigem Verständnis “illegitim”. Kolonisierte hatten auch Handlungsspielräume, die sie oft geschickt nutzten. So entstanden Ende des 19. Jahrhunderts  Ethnografika-Märkte für eigens hergestellte dekorative Gegenstände.

Ein weiteres Beispiel für Sonderanfertigungen für Kolonialreisende stellen die zahlreichen Bootsmodelle dar, die heute in europäischen Museen vorhanden sind. Durch den Kontakt mit Europäern angeregt, wurden sie “als Geschenke für die nach Hause zurückkehrenden Europäer gefertigt, als Zeichen der guten Handelsbeziehungen, die bereits seit dem 17. Jahrthundert bestanden.” (209)

Das in Hannover befindliche Modell zeigt in vereinfachter Form eine aufgesteckte Standarte (tange) und deren Befestigung. Die Ruderer sind dynamisch erfasst. Hohe handwerkliche Qualität!  Vor allem die größere Frontalabbildung zeigt ausgefeilte, aber auch schematisierte Schreinerarbeit. Ebenso ordentlich ist der Anstrich. Figuren und Ruder sind gleichmäßig mit schwarzbraunem Lack überzogen. Frischer Zustand! Die Bemerkung “Sammlung Wissman, im Tausch mit dem Museum für Völkerkunde Berlin erhalten” lässt Fragen offen.

“Heikles Erbe” no.147 Bootsmodell eines Kriegskanus mit Besatzung, Paddeln, Schlitztrommel und Bug (keine Maße)

 

Mein Bootsmodell stammt von der konservativen Duala-Peripherie

Das Modell in meinem Besitz ist die Arbeit eines dörflichen Bootsbauers und Schnitzers. Durchbrochenes Relief in unspektakulärer Kerbschnitzerei , ohne ausgefeilte Schreiner-Technik. Die Öffnungen wurden wohl mit einem kleinen Stemmeisen durchgeschlagen. Die Begleitlinie könnte mit einem Hohlbeitel gestemmt worden sein.

Angekoppeltes Kanu (Ausschnitt), Halbfiguren 9 cm

 

 

Als Objekt von der konservativen Peripherie war es  eine Einzelanfertigung. Ich stelle mir das vor wie bei einem tiroler Krippenschnitzer. Die Figuren sind eigens vorproduziert, aber von demselben Künstler, der auch ihr dickwandig körperliches Kanu geschnitzt und mit freien Kerbzeichnungen im Duala-Stil versehen hat. Nur die durchsteckbaren Ruder und die gelochten, beweglich angenagelten Arme sind als Laubsägearbeit ‘Manufaktur’- Elemente. Zugekauft?

 

Kecskésy 1982, no.248

Im Katalog “Kunst aus dem alten Afrika” (1982) kommt Maria Kecskésy auf die Kunst des westlichen Kameruner Waldlandes zu sprechen: “Kennzeichnend  ist – sowohl in der Rundplastik als auch in Hochreliefs – ein bestimmter Typ der Menschendarstellungen: weiche fließende Linien, leicht geknickte Beine, röhrenähnliche gebogene Arme …. Der lange schmale Kopf ist meistens ohne Frisur, das herzförmige konkave Gesicht, auf das Wesentlichste reduziert, die knopf- oder mandelförmigen augen sind plastisch geformt; charakkteristisch sind die flache Nase und der offene Mund mit vorgeschobenen Lippen“. (232-233)

Nicht alle ‘Merkmale’ treffendie Bootsfiguren, aber der Eindruck kultureller Bodenhaftung des Objekts bestätigt sich. Das nur 12 cm hohe Figürchen war natürlich bereits 1905, als Berké es erwarb, durch langes Tragen – vielleicht als Amulett – viel stärker patiniert. Das vermutete Herkunftsgebiet –  die Abo am Abofluss – lag übrigens in nördlicher Richtung keine zwanzig Kilometer (Luftlinie) von Jebale oder Duala entfernt. (2. Karte im 1.Blog)

Zwei heraldische Bootsschnäbel (Tange) königlicher Kriegskanus

Das Völkerkundemuseum in München hat seine zwei 1884 und 1889 erworbenen originalen Bootsschnäbel  von ein Meter fünfzig Länge dankenswerterweise in zwei Katalogen vorgestellt (Kecskési 1982 bzw.1999). Die auf hohem Niveau stilisierten Figuren und Allegorien sind handwerklich perfekt. Ich dachte zuerst, beide seien von wandernden Kunstschreinern aus dem Niger-Delta  gefertigt worden. Denn in Stil und Qualität sind sie so ähnlich,  und die beiden Familien, denen sie gehörten, einander spinnefeind waren. Ein tange wurde von einem Schwiegersohn des King Bell hergestellt, vielleicht in einer der Schreinereien nach der Ankunft der englischen Missionare?  Maria Kecskésy könnte sich vorstellen, dass die Auftraggeber sich von den Galionsfiguren europäischer Handelsschiffe hatten inspirieren lassen.

 

Ihre Motive  : Kleidung, Hautfarbe, Motiv des Kampfes, Schlange, Vogel, Auge

Kecskésy 1982 p.224 no.235 King Bell’s  Standarte, hergestellt vom Schwiegersohn Ekwe, veräußert 1889

Maria Kecskésy bewertet in ihrer Beschreibung (1982) die europäische Kleidung als “einziges eindeutig auf europäischen Einfluss hindeutende Detail“. Sie deutet sie mit Recht als Statusmerkmal. (vgl. auch die oben genannte “Die Gartenlaube LINK). Die weiße Hautfarbe entspreche hingegen als Kultfarbe einheimischen Traditionen.

Weitere Motive hätten ihre Parallelen hauptsächlich im Orient, seien folglich gewandert. Zum Beispiel Kreis- und Rosettenornament: “In Zusammenhang mit Booten könnte es eine Variante der >oculi< sein, jener Übel abwehrenden Augendarstellungen, mit denen so viele Schiffe im Mittelmeer und im Indischen Ozean ausgestattet sind.”

Der Mann,  der in beiden Händen eine sich windende Schlange hält, soll im alten Orient >wohltätige kosmische Potenzen< symbolisiert haben. Auch das Motiv des Kampfes zwischen Vogel und Schlange wurde zuerst in Babylonien vor 3000 Jahren dargestellt und wanderte zum Beispiel nach Ägypten. Das Motiv habe dabei unterschiedliche Bedeutungen des Kampfes angenommen: Kampf zwischen Licht und Finsternis, himmlischen und unterirdischen Mächten, Gutem und Bösen, der eigenen Dynastie und ihrem Feind. Benachbarte Zwischenstationen erkennt  Kecskésy in den Kulturen der Guinea-Küste (Baule, Aschanti, Yoruba, Benin u.s.w., mit denen das Wuri-Delta seit langem in Verbindung stand. (no.235, p.222f.)


R.Wilcox: “Mamiwatas..” in “Sacred Waters” Indianapolis  – Besitz King Lock Priso ; Kriegsbeute M. Buchner 1884

So ähnlich sich die Darstellungen sind, die von Lock Priso’s Standarte (fig. 21.3) ist zweifellos politischer, selbstbewusster, inhaltlich interessanterim . Kecskésy hebt zurecht entsprechende Motive hervor: “Der Häuptling als Bändiger und Töter von Elefanten” hält ein Gewehr, aber tötet mit dem Speer.  Und “unter dem idyllischen Bild eines Tischchens mit Schnapsflasche und Gläsern ragt zwischen zwei Petroleumlampen auf den Elefantentöter gerichtetes Kanonenrohr hervor. “Doppelstrategie”.  (p.225) Lock Priso kannte seine Europäer gut. Nicht umsonst plädierte er im Jahr 1884 für die englische “Schutzherrschaft”. Da wusste man aus Erfahrung , was man zu erwarten hatte.

Der gediegene realistische Stil der beiden  ‘königlichen’  Standarten (tange) ist für die Entzifferung  der von mir erworbenen bäuerlichen Komposition äußerst wertvoll. Bei geduldiger Beobachtung finden sich alle dort zitierten Motive wieder. Als Zitat, nicht gestaltend durchgearbeitet!

Mein traditionelles  Repräsentationsobjekt aus Jebalé  (vgl. LINK)

Der Bugschnabel  (tange) nimmt etwa vierzig Prozent der Gesamtlänge ein.  Er besteht aus sechs miteinander verkeilten Bauteilen, vermutlich zur sicheren Aufbewahrung in einem Korb,  Ich entferne zunächst den Splint aus der Bootsmitte, klinke die Lederschlaufe aus und nehme den ‘barocken’ Vorsatz auseinander. Seine Längsachse betrachten wir zuerst, weil er als traditioneller Kern mit den Münchner Standarten am besten zu vergleichen ist. Wir wenden uns dann den drei Reihen von Aufbauten zu, die sofort auffallen und der Konstruktion ihren interessanten Charakter verleihen. Fünf figürliche Aufsätze stehen quer zur Längsachse und blicken nach vorn über den Bug. Das abgekoppelte Kanu wird zuletzt beschrieben..

 

  Der traditionelle Kanon der Duala-Herrschaft auf der Längsachse des Bugschnabels

Normalerweise ist das Geschehen von dazu rechtwinklig aufgesteckten Elementen teilweise verdeckt. Von deren Zapfen sind zwei auf dem Foto oben zu erkennen. Der zentralen Figur mit ausgebreiteten Armen steht sogar eins der Querteile direkt vor der Nase. Das hat man bei der Arbeit an den Einzelteilen nicht bedacht. Sie blickt in Gegenrichtung zu allen anderen vier menschlichen Figuren.  Maurice wird sie “Krieger” nennen oder “la garde de la chefferie”, in europäische Uniformen gekleidet, die “den Häuptling zu seinem Schutz begleiten”. Offensichtlich geht es betrifft das Geschehen die ‘innere’ Seite der traditionellen Macht, die Verantwortung für das soziale Ganze und dessen Verteidigung. Eine starke Geste menschlicher Herrschaft ist das Ausbreiten bzw. Wegstrecken kräftiger Arme. Unklar ist dabei das Verhältnis von dynamischer Kraftentfaltung und statischer Balance. Eine schwarze Schlange taucht aus dem Wasser auf und ist dabei, den Kopf eines großen gelben Vogels zu verschlingen, erkennbar am langen Schnabel und kurzen Leib.  Das ist bei Kecskési No.236: „Kampf zwischen Vogel und Schlange“. Eine zweite kleine schwarzfleckige Schlange hat sich in den Hinterleib des Vogels verbissen. Drei kleine Menschenfiguren in schwarzen Hosen haben alle Hände voll zu tun, streitende Ungeheuer auf Abstand und in einer ständig bedrohten Balance zu halten. Die mittlere Figur hält zwei Raubtiere auf Abstand. Eins könnte einen Hund darstellen mit seinem hochgerollten Schwanz und eingekerbten dreieckigen Ohren (Vgl. 1982, oben no. 235). Er scheint ihn in die Hand zu beißen, mit der anderen Hand hält der Chef eine Schlange auf Abstand, die aber damit beschäftigt ist, einen Vogel in den Schwanz zu beißen.  Die menschlichen Figuren machen bei ‘psychologischer’ Interpretation den Eindruck von äußerster Anstrengung, wenn nicht der Überforderung. Für bloße Zitate allegorischer Figuren gilt das natürlich nicht. Die Gesichter sind weiß („weiße Kultfarbe“ ebd. S.225). Nur einmal ist ein Hinterkopf schwarz bemalt.

 

Die Geste der Macht an vier Beispielen

Die beiden Münchner Standarten aus dem 19. und das Werbebild aus dem 20. Jahrhundert verkörpern triumphale Machtentfaltung in perfekter Balance. Den Häuptlingen macht es keine Mühe, Schlangen und Elefanten getrennt zu halten und nebenbei einen Elefanten zu töten – sogar mit traditioneller Waffe. Auch der inserierende Magier aus dem 20. Jahrhundert trägt leicht an der Last beider Welten, der sichtbaren und unsichtbaren.

Kecskesy 1982: no. 235 King Bell’s (Ausschnitt)

de Rosny “Die Augen meiner Ziege” p.180,  1996 Medizinischer Werbeprospekt

 

Was ist aus den Helden mit den starken Händen geworden? – Puppen und Obsessionen öffnen die Türen in die global vernetzten Kunstwelten.

WAS SAGT PASCALE MARTINE TAYOU DAZU?

DER KÜNSTLER  LEBT IN PARIS UND IN DOUALA  > LINK zu GALLERIACONTINUA/30YEARS   

Thiel. Jahre im Kongo 2001,58. Nzambi-Nkisi Holo

 

Entdeckung in J.F.Thiel “Jahre im Kongo” Abb. 58 (LINK) aus dem Alten Kongo-Reich, hier als Gekreuzigter gedeutet, formal interessant durch Frontalität, abgewinkelt ausgebreiteten Armen und übergroßem Händen vor breitem Rahmen. Der Funktion nach eine Kraftfigur (Nkisi).

Der Sklave im Schiffskörper

National Museum of American History Kenneth Lu slave-ship-model

Eine vierte, diesmal unbekleidete Figur passt nicht dazu, ist aber in der Mitte unübersehbar plaziert. Sie balanciert waagrecht in einem Schiffsrumpf wie in einem Rhönrad. Das mag an der gewählten Draufsicht-Perspektive liegen. Der Schiffkörper ist schließlich auch durch seinen Querschnitt repräsentiert. Dieses überzeugend schlichte Bildzeichen kehrt an anderer Stelle wieder: z.B. am Heck des Tange  in no. 235.

Was bedeutet die Figur des Sklaven?  Erstens eine äußerst profitable Ware in der Vergangenheit, dem Elfenbein der Elefanten vergleichbar (Tange no. 235 King Bell), zweitens könnte er auch die traditionelle’ Basis der Gesellschaftsordnung symbolisieren und deshalb drittens Selbstbehauptung und Entschlossenheit, sich weder von den neuen Herren, noch von den “Bamileke” unterkriegen zu lassen. (vgl. “Pirogue Erster Teil”).

Umgekehrt kann das Motiv auf eine existentielle Bedrohung Bezug nehmen. Sein Platz direkt unter dem starken Häuptling könnte dessen Verpflichtung zum Schutz auch in der ‘zweiten Welt’ thematisieren. In den Zeiten des Sklavenhandels hatten Dorfoberhäupter als Zwischenhändler den Weißen kleine Leute ausgeliefert, zu ihrem eigenen Profit.

Eric de Rosny sieht im ‘Sklavenhandel’ ein bekanntes Muster der kollektiven Erinnerung, denn Schadenszauberer der Gegenwart transferieren Menschen in eine andere Welt zur Sklavenarbeit.  (Stichwort “Ekong” in “Das Auge meiner Ziege” 85; 93 Anm.4; siehe auch Blog “Totengleich auf der Pritsche….” LINK).

Wassergeister?

Gegenseite : Le chef wendet uns den Rücken zu

Die wellenförmigen Bauelemente, an denen seitlich Zapfen für Aufbauten befestigt sind, erinnern  an einen Fisch mit typischen Augen und aufgesperrtem Maul, der einen zweiten in umgekehrter Färbung verschlingt: diesmal schwarz der Körper, rot das Auge. (Beleg für solche Fische auf dem Schiffsschnabel: Kecskési 1999 S. 90/91; no.236) .

Darunter in einer Aussparung liegt ein fünfter ‘Mensch’ in seitlicher Haltung. Seine beiden Arme vor dem Rumpf bilden oder umschließen eine Öffnung. Dass er eine schwarze, also europäische Jacke trägt, spricht für einen hohen Status. Es handelt sich um ein äußerst reduziertes Bedeutungselement , das nach seinem Ort in der Komposition die Figur im Tange No. 235 verkörpern könnte,  die  senkrecht nach unten blickt und aus deren Kopf eine mythische Schlange wächst. In No. 236 ist eine solche Figur als Frau stilisiert, die rituell ein Opfergefäß für die Wassergeister (mengu) ausleert. Oder stellt es ein Jengu dar?

Jengu Wassergeist, Wilcox: “Mamiwatas…”

Deren Bedeutung für die Gemeinschaft wie die Individuen im Delta des Wuri kann man gar nicht überschätzen. Das begründet René Bureau im Teil 2 über Jebalé. Ergänzen muss man noch, dass  Wassergeist Jengu Menschengestalt annehmen kann, aber kleiner ist – sind die Figuren nicht alle klein? –  wie ein Fisch schwimmt  und aufrecht geht wie ein Mensch. Vom Geschlecht eher weiblich, hat jengu helle Haut, hervortretende Augen und das Haar reicht zum Boden, hat etwas von Pygmäen, Weißen und von Seekühen, vor allem aber umgedrehte Füße, deshalb sind seine Fußspuren im Sand leicht erkennbar. (Bureau, p.54)

 

FÜNF AUFGESTECKTE ELEMENTE THEMATISIEREN DIE AUSSENBEZIEHUNGEN

QUERSCHNITT DURCH EINEN SCHIFFSRUMPF UND EINE KIRCHE – HINTERER AUFBAU

Aufsatz mit nierenförmigem Haltebrett (Nr. 1)   35,5 cm hoch 22 cm breit   560g

Kecskesy 1982: no. 235 King Bell’s Ausschnitt

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Der Vergleich beider am Übergang zum Boot positionierten höchsten Aufbauten macht die Akzentverschiebung gegenüber der King Bell-Standarte (links, vor 1889)  deutlich. King Bell sparte die Beziehungen der Häuptlinge zu den Fremden aus (no.255). Auf der von Lock Priso (no. 256) wurden sie bereits vor 1884 in den Kontext allgemeiner Herrschaftslegitimierung kritisch eingebunden.

Die  gewagte spätere Miniatur-Komposition macht sie in ihren drei Aufbauten zum weithin sichtbaren Hauptthema. Sie verwendet  Silhouette und Aufbauten des deutschen Kanonenboots “SMS Olga” als Blaupause und gewinnt damit zusätzlichen Raum, um neuen Bedeutungen Platz zu schaffen, ohne dass die alten verschwinden müssen.

Zentral ist dabei wohl die Aneignung des Christentums durch die Duala. Doch kann mich des Eindrucks nicht erwehren,  dass hier fremde Geister triumphal Einzug halten. Den höchsten Punkt des Schiffsmodells nimmt der ‘weiße’ Christus, ein fremdes Geisterwesen ein. Hier wird das Zitat von René Bureau im 1. Teil augenfällig: “C’est le Blanc qui a apporté la Réligion”.

Über einem mächtigen  Schiffsrumpf, der mit einer Girlande aus farbigen Rauten dekoriert ist (vgl. no.256; 1999, p. 90/91), stehen zwei vierschrötige große weiße Männer auf dem Hauptdeck. Sie halten sich mit einem ausgestrecktem Arm an einem roten Aufbau – einem Altartisch? – fest, der seinerseits ein “Tympanon” mit segnendem Christus trägt. Auffällig ist die wolkig aufgelockerte weiße Schicht darüber, ein Baldachin?

Timmers-Tympanon 13.Jh. Zwolle NL

“Tympanon” heißt ein halbkreisförmiges Bogenfeld über einem Kirchenportal.”Dieser Ort wird zum Schwerpunkt des bauplastischen Schmucks an romanischen und gotischen Kirchen Europas. Ein beliebtes Bildschema bei kleineren Bildfeldern ist die von Heiligen (besonders Petrus und Paulus) flankierte Christusgestalt.” (Wikipedia.de)  –  Zufall? Bloß ein Altarbild? Wo kam die Anregung zu dieser schlichten Replik her? Aus einer Kirche in Duala?

Mit dem anderen Arm stützen sich die Männer auf eine angedeutete Reling oder eher einen stilisierten Rumpott?  Rum war für Jahrhunderte eine ganz wichtige Tauschware. Am Tange des King Lock Priso (no.236)  waren Rumtöpfe ganz oben plaziert, dort, wo in meinem dörflichen Bootsmodell das Kreuz emporragt.

Die Männer haben große und mit eingekerbten Fingern versehene Hände. Sie stehen sicher auf ihren Füßen und haben ausgeprägte, um nicht zu sagen ‚harte’ Gesichtszüge. Sind das nicht die Fremden, die man seit langem schon kannte?

Doch vor ihnen – direkt über der  Riesenschlange im Kampf mit dem Vogel – stehen triumphal zwei Duala Chefs in ihrer stolzen Offizierstracht!

 

VORN, DIREKT ÜBER DEM BUG TRAGEN ZWEI HÄUPTLINGE KIRCHENPORTALE WIE RIESENSCHLANGEN

Die zwei „Helden“ (1999, S.90) in Marine-Uniformen des 19. Jahrhundert, tragen die Kirche(n) – in Gestalt der vom Kreuz bekröntenTorbögen – auf ihren Köpfen.  So wie Afrikanerinnen Lasten tragen.

Sie halten mit ausgebreiteten Armen und  übergroßen Händen zwei kräftige schwarze Schlangen, weiß gefleckt, auf Abstand und drücken sie senkrecht mit dem Maul auf den Boden. Auf den schlichten Rückseiten der Figuren machen selbst die Handrücken den Eindruck von Kraft. Die Schlangen verwandeln sich in die Seitenwände des Kirchenportals, sie gehen auch farblich darin über.

Beide hölzernen Elemente haben rhombische Griffe, sodass man sie auch einzeln als Szepter tragen könnte.

27,5 (links)/ 26 cm hoch, 9,5 cm breit, bis 1,9 cm dick   je 60g

 

DAZWISCHEN STEHEN ZWEI CHRISTLICH ANMUTENDE HERRSCHAFTS- ODER FELDZEICHEN

20,5 cm hoch, 9 – 9,4 cm breit, 2 cm dick, je 70 g

Weihekreuz Kors_Slidredomen

 

 

 

 

 

 

 

 

Im Zwischenraum der beschriebenen Aufbauten stehen zwei ‘Herrschaftszeichen’ nebeneinander, in denen „fremde und traditionelle Elemente verschmolzen“ sind (Kecskési 1999 S.90).

Zu ihrer Haube kann ich nur frei phantasieren: eine rote Qualle oder eine andere Geisterfratze (schräge Augen und aufgerissener Mund) oben.

Auch ein rot-weißes ‚portugiesisches’ Kreuz mit Säule ist ziemlich unbestimmt. Es erinnert an Herrschaftszeichen der Portugiesen an den Küsten Afrikas – sie waren schließlich die ersten Europäer am Wuri. Doch als “Weihekreuz” in Kirchengebäuden war es in Europa weit verbreitet zum Beispiel  als Zeichen der Einsegnung nach Bauarbeiten. Beides nicht gerade bedeutungsträchtig!

Immerhin halten die  Kreuze die Gesamtkonstruktion nach der Aufstellung.  Und vielleicht sollen sie ja auch die beiden kurzen Schiffsschornsteinen der SMS Olga zwischen dem ersten und zweiten Mast zur Geltung bringen.

Auch diese rhombischen Stützen der Zeichen werden bei längerer Betrachtung zu Griffen: die Zeichen könnten isoliert wie Szepter oder wie ‚Handmasken’ bei Prozessionen wie rituellen Tänzen in der Hand getragen werden, unabhängig von einer symbolischen Bedeutung der häufiger vorkommenden rhombischen Form.

 

SECHZIG PROZENT DER LÄNGE  SOLLTEN WIR NICHT  VERGESSEN : DIE TRADITIONELLE PIROGE

(960 g   Bootskörper : 62cm Länge, 9cm Breite, mit Ruderern 15 cm hoch)

Der gedrungene Bootskörper mit nur zehn Ruderern verjüngt sich an beiden Enden. Vorne erlauben technische Vorrichtungen das Andocken eines übergroßen Schnabels mit vollem Bildprogramm.

Da der Zapfen über das angehängte Bootsmodell – Rückteil – auffällig hinausragt, bringt Kerstin Frost einen Zusammenbau aus verschiedenen Booten ins Gespräch. Doch für den höheren  Bug einer größer dimensionierten Piroge ist in der senkrechten Öffnung des Mittelteils kein Platz.

Die Seitenwände zeigen eine schlichte eingravierte Dekoration. In der Höhlung des Bootskörpers von 33,5cm Länge sind fünf Ruderbänke als Blöcke eingesetzt und von außen durch je vier Nägel befestigt. Darauf sitzen zehn drehbare Rumpffiguren, die in auffällig breiten Gürteln enden. Die aus Sperrholz gesägten gebeugten Arme sind  mit Nägeln drehbar an den Schultern befestigt und in glänzendem Schwarz bemalt. Bohrungen erlauben das Durchstecken dünner, rot gefärbter und blattförmiger Ruder. Diese sind von Hand geschnitzt und bereits mehrfach ersetzt.

Rumpf und Kopf an den Figuren sind grob gehauen und glatt geschliffen. Die Rümpfe sind rot bemalt und suggerieren dünne Hemden. Brustmuskeln und Oberbauch sind plastisch herausgearbeitet. Mit den Gürteln zusammen entsteht der Eindruck individueller männlicher Körperlichkeit. Die Köpfe haben – bis auf zwei in der ersten Reihe – auffällig breite und mächtige Stirnen. Eingekerbte Ohren, Augenschlitze eine kompakte Nase-Mund-Einheit machen in zehnmal variierter Form den Eindruck von Entschlossenheit. Die Frisuren sind flüchtig aufgepinselt, aber gerade dadurch individuell. Mehr ist über diesen Trupp Ruderer nicht zu sagen.

BEREITS EINE BILANZ ?  IDEEN DAZU.

Notizblatt  26. April 2020

Für eine traditionelle‚ eigentlich vorkoloniale Botschaft auf der vergrößerten Standarte spricht:

  • Der ganze legitimierende Kanon: die Gemeinschaft vor Gefahren (de Rosny) schützen, nicht nur mit den Kriegern, Schlangen bändigen, Sklaven handeln

Wie werden die zusätzlichen Flächen durch die Aufbauten genützt?

  • Die Beziehung zu den Weißen als Außenbeziehungen auf einer eigenen Ebene. Es herrscht noch Gleichgewicht zwischen diesen Kräften
  • Als traditionell legitimierte chiefs (Schlangenbändiger) an vorderster Front, als Führer ihrer Klans wurden sie um eine Verantwortung bereichert, als Stützen ihrer Kirchen
  • Demonstration eines Verantwortung- und Machtgewinns (?)
  • Tracht, die an die Epoche vor dem „Schutzvertrag“ erinnert

Der zentrale Aufbau:

  • Ist das ‚Überragen’ buchstäblich gemeint oder nur in Funktion des mittleren Mastes der „SMS Olga“?
  • Die Weißen werden mit ihrem Christus im Triumph mitgeführt, eingebunden
  • Deren spirituelle Macht thront über allem, aber wird von Weißen als Fremden getragen
  • Vertrauen in den neuen Glauben ohne ein Zeichen von Erschütterung, Einschüchterung

Die Botschaften relativieren die angehängte Piroge, welche bloß militärische Macht repräsentiert. Die Ruder und Ruderer werden zwar sorgfältig ausgearbeitet wichtig genommen, aber in ihrer traditionellen Rolle, als Gefolgsleute.

Welche Rolle spielt die Form des Schiffes?   Etwa: sich die Macht (Kanonenboot,Handelsschiff) des Weißen aneignen, das Boot selber dirigieren, …

Das Objekt aktualisiert die Herrschaftslegitimation eines traditionellen Chefs, die nach 1884 komplexer war und durch die Weißen und die jungen Duala-„Évolues“ in der Verwaltung ganz zu verschwinden drohte. Ist es nicht kompromisslos reaktionär? Selbstbewusst auf jeden Fall und damit typisch für traditionelle Würdenträger der chefferies auch nach der Kolonialzeit. In Teil 2 wird von Generationskonflikten an zwei Orten berichtet. Verkörpert das Bootsobjekt – geschnitzt für den Auftritt des Dorfchefs bei wichtigen Anlässen – etwa eine solche weithin illusionäre Vorstellung alter Herrlichkeit? Ist es ein ‚hinterwäldlerisches’ Dokument der Resilienz?

Eine kameruner Webseite ,  welche die Ngondo-Feste in Deido propagiert, zeigt eine Tribüne mit Würdenträgern der Duala/Sawa. Der eine hat eine schwarz glänzende Allerweltsfigur (traditionell wohl nicht aus der Region) mitgebracht, und dann treten noch so etwas wie Festköniginnen auf. (Fotos : ngobithe.blogspot.com 2013_12)

Was schrieb René Bureau (1960/1996)? “Eine Sehnsucht nach Tradition führt seit den 30er Jahren auch zu Formen der Folklore. Die   bescheren einigen Individuen immerhin diverse Posten und Würden. Die fêtes traditionelles bleiben steril”. (88-91;  siehe den 1. Teil des Blogs)

LITERATUR (2. LISTE)

MARIA KECSKÉSY: “KUNST AUS DEM ALTEN AFRIKA”- Sammlungen aus dem Staatlichen Museum für Völkerkunde München Bd.2, 1982: historischer Kontext und Motivdeutungen der Tange S.222-229 “Die Duala und ihre Boote” Katalog-Nummern 235, 236; S. 232ff. “Die Kunst des westlichen Kameruner Waldlandes”

MARIA KECSKÉSY: “KUNST AUS  AFRIKA – Museum für Völkerkunde München”-Prestel Verlag 1999) S. 90f. Kat. 82 (= 236 oben) “Schiffsschnabel tange”

Alexis v. Poser (Hrsg.), Bianca Baumann (Hrsg.), Claudia Andratschke u.a.: “heikles erbe – koloniale spuren bis in die gegenwart”, Niedersächsisches Landesmuseum Hannover,Sandstein Verlag Dresden 2016): Über koloniales Sammeln (mit JKurzbiografien), Provenienzforschung in ethnografischen Sammlungen ud die Katalog-Nummern 144 – 147

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