In Mediation mit Arthur Schopenhauer

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Nach der Lektüre von – Alfred Schmidt: Idee und Weltwille- Schopenhauer als Kritiker Hegels. Edition Akzente, Hanser 1988   

‚Moderieren‘ wäre zu wenig gesagt. Denn Alfred Schmidt mäßigt nicht nur Arthur gegenüber Friedrich (Hegel), sondern stellt auch meine Beziehung zu Arthur auf eine solidere Grundlage.

I

Niederschreiben, solange der Eindruck frisch ist! Erleichtert spüre ich: Mein Verhältnis zu Schopenhauer entkrampft sich wieder. Alle Einwände, die irgendwann spontan in mir aufstiegen, sind bereits vorgebracht worden, und zwar nicht nur von seinen Gegnern, sondern etwa auch im Plädoyer von Alfred Schmidt. Er ist ein kompetenter Vermittler, Moderator, dank seiner Vertrautheit mit Idealismus, Materialismus und Pessimismus in der neueren Philosophie. Bei ihm und Max Horkheimer bekommt Schopenhauer klare Konturen. Was immer ich erahnt, an einer Geste gespürt oder an Einzelstellen nachgewiesen habe, erscheint mir in helles Tageslicht getaucht. Mein eigener Erkundungsweg, dicht am Text und induktiv, liefert mir zwar jede Menge Emotion, aber Gegenargumente können nicht zur Geltung kommen. Ich bin oft hin- und her gerissen. Immer wieder stellt sich mir dramatisch die Loyalitätsfrage, etwa bei „Über die Universitätsphilosophie“ oder „Über das Lernen“. (Siehe dort)

Da holen mich Gespenster aus der Jugend ein, der Wunsch, einen vertrauenswürdigen Lehrer zu finden, wie damals Bruno Liebrucks, der mich aber auf Friedrich Hegel wies. Und das hieß für einen unerfahrenen Studenten: auf ein vermintes, fast unzugängliches Gelände. Ich beschrieb es damals als Berg, auf dem ich herumklettere. Die Aussicht war großartig, aber der Berg – einmal vor mir ganz nah – dann wieder im Rücken – blieb mir ein Rätsel. Ich war schon damals nicht so geduldig, wie ich hätte sein müssen, um es für mich zu lösen. Vor allem – so sehe ich es heute – fehlt Hegels metaphysischen Begriffen die Nähe zur Anschauung, die ich zum Denken brauche. Metaphysik lässt mich im Grunde gleichgültig, ob nun Erkenntnistheorie oder Gottesbeweise. Auch mit Kant freundete ich mich erst spät und durch ganz unterschiedliche Vermittler an. Schopenhauer versprach anschauliche Begriffe und ich habe zielsicher einen elementaren Zugang über seine zentralen existentiellen Erfahrungen und Einsichten gefunden, vor allem über das „Schopenhauer-Lesebuch“ des Ehepaars Hübscher. Dass ich Schüler unterrichtete, war der Anlass, aber auch ein Vorwand. Aus dem langjährigen vertrauensvollen Umgang mit Schopenhauer entwickelte sich eine Beziehung, die zwischen Anziehung, Zweifel und Abstoßung wechselte. Die Studie von Urs App verstärkte im vergangenen Jahr – als philosophischer Bildungsroman – eher noch die Identifikation. Doch irgendwann kommt es in jeder Beziehung zur Krise, welche in diesem Fall die chaotische Abendschule des Jour fixe  noch anheizt. Schopenhauer als Erzieher war der berühmte Tropfen: Denn Arthur versagt nicht nur in bekannten Schülern – das soll jedem Lehrer passieren – sondern enttäuscht bereits konzeptionell und als Mensch.

Hier setzt die vermittelnde Tätigkeit von Alfred Schmidt ein. Er entdramatisiert meinen inneren Konflikt, schon indem er zeigt, wie viel Dissens und Abstand eine kritische Freundschaft tragen kann. Und er macht die prekäre Position Schopenhauers begreiflich, alle sinnstiftenden Instanzen (1988,114) niederzureißen, aber den metaphysischen Anspruch der Wahrheit aufrechtzuerhalten, die Unabgesichertheit (114) der atheistisch konzipierten Willenslehre (126), die Inkonsistenz der Konstruktion, die ihn rastlos sein Leben lang zur Arbeit an seiner metaphysischen Baustelle trieb. Ach ja, Atheist war er?! – notiere ich zu S.116 – das fällt gar nicht auf. Ich vergesse es immer wieder über seiner Ernsthaftigkeit! Das Phänomen kennen wir doch von modernen protestantischen Theologen* oder bekennenden Atheisten. Welcher Teufel hat Schopenhauer geritten? Liegt hier der Grund, dass eine Datenbank Schopenhauer als ’Weltanschauungsphilosoph’ rubriziert? Er hätte jedenfalls weniger gelitten, wenn er es über sich gebracht hätte, die ganze metaphysische Anstrengung sein zu lassen und zu einem schlichten Buddhismus abzuwandern. Sein heroisches Festhalten an ihr war so sinnlos wie das des alttestamentarischen Moses an seiner Sendung. Nun wundert es mich nicht mehr, dass der Schüler Friedrich Mainländer mit dem Universum und seiner Person lieber kurzen Prozess machte.

*(zu S.122-25) Ich war als junger Student mit Falk Wagner, dem späteren protestantischen Theologieprofessor in München, befreundet. Ich erkenne in der Darstellung von Hegels idealistischem Glauben seinen spekulativen Eros wieder. Auch er hielt den vernünftigen Gedanken für die angemessenste Gestalt (…) der religiösen Wahrheit. Unwiderruflich ist Reflexion ‚in die Religion eingebrochen’ (122). Entsprechende Äußerungen klingen mir im Ohr.

 

Zwischenbilanz

Ich will die vielen Anstreichungen und Randnotizen zu Alfred Schmidts Buch nicht ausführen. Ich bin unentschieden, wie sehr ich mich auf den nun deutlich eingegrenzten Philosophen Arthur Schopenhauer aus der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts einlasse. Ein versöhnlicher Abschied von einem guten Bekannten wäre ja auch nicht schlecht. Es gibt auf meiner Ausfahrt in die Philosophie noch viel zu entdecken. Mit jeder Optik nimmt man ander(e)s wahr. Auch mit Vilém Flusser ist es mir so gegangen. Ich besuche ihn inzwischen wieder häufiger (+1991) und streite mich mit ihm oder mit anwesenden Freunden.

Um die Frankfurter Schule habe ich lange einen Bogen gemacht. Im Grunde schien ihre Bedeutung bereits 1966 mit wachsender Entfernung von Frankfurt auffällig abzunehmen, aber das war mein subjektiver Eindruck. Am Freitag auf der Mainzer Tagung hörte ich aus Beiträgen heraus, dass ihr Bild durch theoretische Inkonsistenz und mangelnde Konturiertheit geprägt sei. Vielleicht war ja Traditionsvermittlung, Mediation, Moderation ihre vornehmste Aufgabe. Alfred Schmidt hat mich auf seine anderen Arbeiten neugierig gemacht.

geschrieben am 15. und 16. Juli 2013, am 26. August stilistisch überarbeitet

II  Die Fortsetzung habe ich ausgeklinkt. Sie steht unter dem Titel: In der Tram mit Pessimist Horkheimer in der übergeordneten Kategorie Philosophen suchen. 

 

 

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