In der Tram mit Pessimist Horkheimer

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Im vergangenen Jahr hat mein eingetrübtes rechtes Auge eine neue Linse erhalten. Man kann von geistiger Eintrübung sprechen, wenn die theoretisch in den Blick genommenen  Menschen in den auf sie projizierten Begriffen verschwinden, zu Schemen werden. In meiner aktiven Dienstzeit glich der Umgang mit lebendigen Schülern noch ein wenig meine Wahrnehmung durch Medien aus. Ohne diese Gegenüber trübt die Gewohnheit den Blick umso mehr ein. Das machte mir Panik.

Gestern hatte ich aber wieder einmal und zum Preis eines Fahrscheins in der Straßenbahn ein Erweckungserlebnis, einen Schub zum Umdenken. Beim Durchqueren des alten Gallusviertels mit seinen Menschen aus aller Herren Länder und dann bei der Konfrontation mit der neuen Architektur Frankfurts in seinen westlichen Stadtteilen spürte ich mich plötzlich als einen, der über sein saturiertes Frankfurter Nordend nicht hinausblickt und etwa die Migranten immer noch auf der Einkaufsmeile Zeil oder als Touristen am Goethehaus verortet. In der Tram las ich Horkheimer in einem seit 1972 ungelesenen Taschenbuch – dessen Klebebindung löst sich schon auf –  und zwar seine Rede Pessimismus heute (1971). Ich notierte in mein kleines Heft:

Die alten Männer meiner Jugend konnten mich auch nicht lehren. Jetzt, ein halbes Jahrhundert später, bin ich bei ihnen angekommen. Ich kann wie Horkheimer sagen: ‚Die Gründe für den Pessimismus haben sich unglaublich verstärkt.’ Aber was bedeutet das für das Verhältnis zu den jüngeren Generationen?

Nicht erst  die ‚Kritische Theorie’ stand in einem schiefen Verhältnis zu Wissenschaft und Technik ihrer Zeit. Hatten deren Häuptlinge selber Kurse in sozialwissenschaftlicher Statistik absolviert? Verstanden sie sich nicht eher als Nachlassverwalter der ‚großen Philosophen’ des 19.Jahrhunderts? Wen in der Jugend konnten sie dafür rekrutieren? Mir jedenfalls fiel der Abschied von der Frankfurter Schule leicht.

 Wenn Philosophie eine Affinität zu Pessimismus hat, was Horkheimer schreibt, war sie für den jugendlichen Elan auch nicht das Richtige. Steckt etwa auch diese Einsicht hinter dem Rat der alten Griechen, das Philosophieren – nach einer propädeutischen Eingangsstufe-  dem Alter zu überlassen? Nun im Ruhestand bin ich mit vielen Graubärten wieder im Schmollwinkel der Geschichte angekommen.

Welche Schlüsse soll ich daraus  für mein Verhältnis zur Jugend also praktisch ziehen??

1  Bescheidenheit üben in einer ‚phänomenologischen’ Suspendierung meines Urteils, das sich ohnehin als voreingenommen erweisen wird.

2  Die Neugierde, die mich mein aktives Leben begleitet hat, zu  bewahren und zu trainieren.   

3  Zuhören, was mir dank der Medien nicht so schwer fallen sollte. Denn deren ‚interaktive’ Komponente finde ich längst nicht so aufreizend wie eine persönliche Diskussion.

4  Und das tue ich bereits: Ich besinne mich auf nützliche philosophierende Lehrer.

Erst einmal auf Paul Feyerabend und sein aus Erfahrung gewonnenes und furchtlos ausgesprochenes Motto: ’Anything Goes’, was unter Wissenschaftlern so viel heißt wie bei den Medizinern das ‚Wer heilt hat Recht’. Sein Lehrer war der notorische Optimist Popper. Wenn es keine Wahrheit gibt  oder nur eine negative, darf man doch auch ungestraft Optimist sein. Zumal manchen Leuten das im Blut liegt – Noch müssen wir ja nicht von Zuchtergebnissen ausgehen oder von systematischer Manipulation.

Die Weltgeschichte ist viel spannender als die idealistische Blaupause von Hegel oder von Marx – der Geschichtsignorant Schopenhauer darf ohnehin nicht mitreden. Sobald wir uns vergegenwärtigen, was die Weltzivilisation seit 1945, also seit Auschwitz und Hiroshima, an destruktiven Potenzialen auftürmt, muss uns alten Herren schwindlig werden! Ich bekomme bereits angesichts der elektronischen Durchseuchung meines neuen Autos Panikattacken, habe das alte ja auch dreizehn Jahre gefahren. Erst seit kurzem nehme ich meine totale Inkompetenz in technischen Verständnisfragen klaglos hin. Die Kurve, die den durchschnittlichen Anteil eines  Individuums am gesamten Wissen der ‚Menschheit’ (ein schönes Wort!) veranschaulichen soll, fällt immer noch dramatisch steil nach unten. Vor dreißig Jahren erschrak ich darüber und kam mir vor wie der ‚Shrinking Man’ im gleichnamigen amerikanischen B-Movie der Fünfziger Jahre.

Bei Horkheimer hätte ich mir bereits 1971 die Einsicht abholen können, dass es auf mich nicht mehr ankommt. Und: ‚Die Hingabe an nicht rein pragmatische Tendenzen wird zur Spielerei.’ Predigte mir das nicht schon mein Vater, ein praktischer Arzt? Sagt das mir nicht kopfschüttelnd manchmal meine Frau, die noch im Berufsleben sozial engagiert ist?

Natürlich habe ich das alles nicht mehr in mein Notizheft geknäult. Deshalb ist es höchste Zeit, die Kursivschrift zu verlassen.

Als weiteren Lehrer nenne ich Vilem Flusser. Er fürchtete die Altersweisheit, experimentierte noch mit fast Siebzig an ‚Szenarien’ herum, nur um nicht in einen für ihn lähmenden Pessimismus zu verfallen. Sein plötzlicher Unfalltod setzte allen seinen, in meinen Augen fruchtlosen Bemühungen ein gnädiges Ende, aber seine Haltung finde ich vorbildlich, um nicht zu sagen: gesund ! (Freud, zitiert nach Horkheimer)

 

Geschrieben am 15. und 16. Juli 2013, am 26. August stilistisch überarbeitet

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