Vorsicht! Mbole-Hocker mit Nebenwirkungen

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Erwerb

Warum habe ich guten Gewissens nach dem grauen Stück gegriffen, wo doch die Bodenplatte zuletzt noch einmal feucht geworden war?

In der Ahnung eines eigenen Stils? Schließlich leben die Mbole in drei räumlich getrennten Milieus! Das könnte ich noch undeutlich erinnert haben.

Oder wegen des spürbaren ästhetischen Potentials, besonders der betonten Kantigkeit an den Gliedern der vier Figuren? Die wird durch eingeschnittene Rillen an den Augenbrauenbögen (an einer Figur abgewetzt) und auf den traditionell verdrehten Armen eigens betont.

Vergleich

Als ich K. den Hocker zeigte, präsentierte er mir prompt einen entsprechenden Hockertyp auf seinem Smartphone. Welch ein Zufall! Der erschien eleganter, er kommt mit drei Figuren aus und zeigt die bekannten Figuren in den fließenden ‚realistischen’ Formen mit den eingeschnittenen Rippenbögen.

Als ‚Realist’ stört mich aber eine grundlegende Ungereimtheit der Konstruktion: Gehenkte Figuren, die man sonst auf ein Stützgerüst geflochten erlebt, sollen ohne weitere Hilfsmittel den Sitz und das Gewicht eines Würdenträgers stemmen? An meinem Hocker erscheinen die hohen Frisuren zu vier unterschiedlichen Kissen zusammengedrückt, an dem anderen stehen die Frisuren aufrecht wie gewohnt. So etwas ist in Holz statisch kein Problem. Doch damit wird die Verbindung zwischen Figuren und Sitz zur Montage konventioneller Bauteile, die nicht zusammen gehören. Ich finde das hier ‚moderner’ im Sinne von ‚oberflächlicher, auch wenn „die Isolierung einzelner Teile“ in anderen Fällen „ästhetische Energie“ entfesseln kann. (Robert F. Thomson : Link, dort Hinweis 2)

Ein <Kyriatidenhocker>

 

Bei dem nun erworbenen Hocker tragen zwei Männlein und zwei Weiblein den Würdenträger. Bei den Mbole war das rituelle Erhängen die höchste Strafe bei Tabuverletzungen (Link). Jetzt haben die Vier keinen Kontakt mehr untereinander und glotzen in die vier Himmelsrichtungen. Das könnte die ganze moralische Geschichte sein.

Das Tragen der Herrschaft durch eine Frauenfigur ist mir bei den Hockern der Luba als eminent positive Leistung vermittelt worden. Vielleicht ist das ja auch eine dem Zeitgeist geschuldete feministische Umdeutung, darüber kann ich nicht urteilen. (z.B. Roberts & Roberts: Memory (cat.60, p.155; Petridis: Art and Power (2008) p.45).

Die vier Delinquenten als rituelle Lastenträger weisen meine Überlegung in eine andere Richtung.

Die afrikanischen Würdenträgern zugeschriebenen magischen Kräfte beruhen nach allgemeiner Auffassung auf gefangen gehaltenen Geistern. Doch bevor einem die Seele gestohlen werden kann, hat man sich in der Regel irgendeine Übertretung zuschulden kommen lassen. Dies Problem ist übrigens die Haupteinnahmequelle der Wahrsager.

Die Delinquenten der Mbole, wie sie zur Abschreckung immer wieder abgebildet werden, sind aber nun wirklich prädestiniert, eingefangen und als niedere Geister magisch benutzt zu werden. Wenn sie wie hier unter dem thronenden Würdenträger in alle Himmelsrichtungen blicken, bezeugen ihre schrecklichen Gesichter und leichenhaften Körper eindrücklich dessen Macht. Er kann seine dienstbaren Geister jederzeit auf alle Übeltäter loslassen. Der Hocker auf dem Smartphone zeigte hingegen nur die frischen Leichen der Delinquenten, ohne ihr furchtbares Potential eigens darzustellen. Eingeweihte kannten und kennen es natürlich.

Ketzerisches

Die längste Zeit über habe ich mittelalterliche Darstellungen christlicher Drachentöter im Hinterkopf. Mit den Hockern der Mbole im Rücken frage ich mich jetzt: Was wurde aus den durchbohrten oder auch nur zu Boden geworfenen und dort fixierten höllischen Geistern? Ließen die geistlichen Auftraggeber dieser Bildwerke über die Fortsetzung der Geschichte lieber den Vorhang des Schweigens fallen?

Komposition

Im abgewaschenen Zustand zeigt sich umso heller das ästhetisches Potential.Schauen wir uns die Komposition des Hockers (34 cm Sitzhöhe, 23-24cm Durchmesser) näher an.

Jede Figur ist in ihrer Haltung anders: zwei haben einen geraden, zwei einen runden Rücken. Das bestimmt ihr Verhältnis zueinander unter dem tellerförmig gerundeten Sitz (Kugelsegment, fast 7 cm dick).

Die Gesichter sind durch karikaturhaft vereinfachte Züge dramatisiert: Starkes Hervortreten der Stirn- und Augenpartie. Die Augenöffnungen werden durch tief eingeschnittene Rechtecke bezeichnet. Die Nasen sind auf gleichseitigen Dreiecke reduziert und die Münder grimmig gezackte Sägeblätter. Das seiner Grundform nach herzförmige Gesicht wird unten durch ein breites gerades Kinn abgeschnitten.

Halslos schließen sich – ikonographisch korrekt – Rumpf und Glieder an. Keine Rundung schwächt deren Ausdruck. Eingeschnittene senkrechte Rillen betonen vier Frontalansichten.

Die von Armen und Beinen gebildeten Flächen in Zickzacklinie erinnern mich an Figuren der Lega mit gezacktem Schlangenkörper (Daniel P. Biebuck: Lega Culture, 1973 pl. 72 nkumba, mulima, pl.76). In den den Aufsätzen von Biebuyck  über “Sculpture from the Eastern Zaire Forest Regions” (African Arts 1976, drei Folgen) finden sich bei einigen Mbole-Figuren unterschiedliche Grade von Kantigkeit, bei den benachbarten Yela dann gedrungenere Gestalten. Die Lengola wie auch die Metoko sind generell für den häufigen Blockstil bekannt. – Die Kartenskizze aus A.A. macht das Gesagte anschaulich, obwohl sie den Flickenteppich der Siedlungsgebiete gar nicht darstellt.

Übrigens, die auf der Sitzfläche durch Witterung und Benutzung hervortretenden Jahresringe fielen mir sofort vertrauensbildend auf.

 

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