
Die Ă€sthetischen Lektionen in diesem Buch werden ergĂ€nzt durch die Wiederentdeckung des lettischen KĂŒnstlers Vladimir Markov (1877-1914) aus der Zeit der Russischen Avantgarde, VorlĂ€ufer dieser Fotografie.
Thompson, Jerry L. und Susan Vogel : Close-up. Lessons in the art of seeing African sculpture from an American collection and the Horstmann collection Catalogue by Anne D’Alleva. New York: Center for African Art, 1990. 194 S. Mit zahlr. auch farb. Abb. Broschiert. ISBNÂ 0945802080 Â ROT warnt vor Ungereimtheiten bei den Seitenangaben. Jan.2019
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Vorbemerkung
NatĂŒrlich handelt es sich um einen groĂformatigen Bildband und um die PrĂ€sentation exklusiver Privatsammlungen, aber die Autoren interpretieren ihren Auftrag als Lektion in afrikanischer Ăsthetik, die keineswegs nur fĂŒr Besitzer hochpreisiger Meisterwerke von Nutzen ist.
Das Vorwort formuliert den Ausgangspunkt folgendermaĂen: Like many large projects, this one grew out of a small observation. I noticed that people in our galleries rarely looked at the sculptures on display from more than one angle. They looked at three dimensional objects as if they were looking at paintings, or perhaps reliefs that could be appreciated from a single point. Museums generally assume that the audience knows how to look, and proceed directly to an explanation of the work. It seemed worthwhile to suspend the explanations for the moment, and to take a close look at looking.
Der Bildteil zeigt nicht nur die ĂŒbliche Schauseite, sondern die Kamera geht ganz nah an die Formen heran und vergröĂert ihre Entdeckungen an Details, die leicht ĂŒbersehen werden ungeachtet der MaĂe einer Figur. Die fotografische VergröĂerung verschiedener Ansichten fokussiert und sensibilisiert den Blick des Betrachters. Dies Verfahren allein wĂ€re noch nicht ungewöhnlich. Auch ich benutze die Fotografie seit langem zur Erkundung, obwohl ich keine klassischen Meisterwerke besitze.
Jerry Thompson steuert mit Some Thoughts on Looking at African Sculptures einen Essay bei, der auch dem Sammler wertvolle Hinweise und Anregungen gibt. FĂŒnf davon habe ich fĂŒr mich zusammengefasst und vorlĂ€ufig kommentiert.
1
Er konzentriert sich auf einen wichtigen Einzelaspekt: Afrikanische Kunst und Bewegung. Aufforderung: Nach Bewegung suchen, auf Körper und Haltung achten. Dabei keine falschen Erwartungen wecken! Keineswegs alle Figuren beginnen spontan zu tanzen! Und nicht jede Haltung ist Tanz.
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PrĂ€zise die Körperteile und ihre Haltungen wahrnehmen und beschreiben! Thompson begreift Körperteile als eigenstĂ€ndige Instrumente rhythmischer Energie (Beispiel auf S.199, die TĂ€nzer der Yoruba), als unabhĂ€ngig voneinander belebte Bewegungszonen (ebd.)!Â
187ff. Tanzkritik in Afrika Das Kapitel erinnert mich an Filmszenen von in Konkurrenz miteinander tanzenden Kindern, bei den Dogon?)
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Ăsthetische Energie ist auch die Summe kalkulierter Vereinfachung und Isolierung einzelner Teile (Goldwater 1967, 230).
S.197: Ausgewogene Dynamik in den Proportionen charakterisiert ein erlesenes kraftstrotzendes StĂŒck … die plastische Anordnung der scharf umrissenen Augen passt zur IntensitĂ€t der Linien der Ohren. Krone und Ohren sind deutlich aufeinander abgestimmt.Â
Seitenblick: Tanz begegnete mir auch schon als Zuschreibung zu westnepalesischen schamanischen Figuren. Deren Reduktion war noch radikaler, an der Grenze zur Zurichtung geeigneter Fundhölzer unter Nutzung der Faserrichtung und des Raumangebots auf dem AststĂŒck.
Noch ein Seitenblick: Ein kleines Wurzelholz von der Gramvousa-Halbinsel auf Kreta weckt spontan die Vorstellung einer Bergziege, wie sie auf einem schmalen Grat steht und wachsam ins Land blickt. Die abgespreizten Vorderbeine laufen auf eine gemeinsame Spitze zu, die Hinterbeine geben Standfestigkeit. Der Hals ist krÀftig und dynamisch nach oben gestreckt, das Gesicht klein unter einen breiten Krone, die ein Gehörn darstellen kann, der Rumpf ist kurz, der Schwanzstummel aufgerichtet. Das Bildschema in meinem Kopf passt aber auch auf den Gamsbock im altdeutschen Heimatfilm.
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Farbe ist Energie.
Auf S.197f. im Kontext âTextilienâ besprochen. FĂŒr mich aber die Aufforderung: Die Versuche, Masken im PC oder auf Fotos malend virtuell zu rekonstruieren, fortsetzen!
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Die stĂ€rkere Kraft, die von der Jugend ausgeht (192). Wer hĂ€tte das gedacht! Das von Thompson gewĂ€hlte Beispiel: Der jugendliche Terrakottakopf ohne Spur von Alterung oder Belastung lĂ€sst den Dargestellten sowohl ehrwĂŒrdig als auch stark erscheinen.
Solche âIdealisierungâ hat auch andere Dimensionen. (Erinnerung an Fritz Kramer-Vorlesungen in Frankfurt 2009)
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Dabei die Gesichter vernachlĂ€ssigt?  –  Kritikpunkt von Z. S. Strother
In dem Sammelband âMatvejs, Markov and âPrimitivismâ, Ashgate Verlag, 2014, geht Z. S. Strother in einer Anmerkung (S.125, Anm.17) explizit auf Thompsons und Vogels Buch ein: In 1999 Susan Vogel commissioned Thompson to photograph sculptures âclose upâ for an exhibition on the âArt of Seeing African Sculptureâ at The Center for African Art, New York. The cartalogue illustrated 42 sumptuous close-ups (or 24 percent of the total number of images reproduced in the volume), the greatest number since Markov. Visually, Thompson emphasized how âunbalanced, asymmetrical masses cooperate to create a whole that is dynamic rather than staticâ (p.15). It is intriguing that, despite the similarity of his interpretation, Thompson avoided faces and focused on medium close-ups of torso and back.
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Wiederentdeckt ! Der Vater dieser Art dokumentarischer Fotografie
Der lettische KĂŒnstler VoldemĂ€rs Matvejs oder – mit Autorennamen – Vladimir Markov (1877-1914) war ein Vordenker der Russischen Avantgarde und benutzte fotografische Aufnahmen. Eine Handvoll sind in der Publikation reproduziert. Da der Verlag dankenswerterweise die LektĂŒre des sehr lesenswerten Einleitungskapitels am Bildschirm erlaubt – www.ashgate.com/isbn/9781472439741 – kann ich ein paar SĂ€tze zur fotografischen Technik von Markov zitieren (Introduction p.15) :
As Strother outlines in Chapter 4, Markov believed that each successful work of art was individualized through open-ended play, thereby requiring that each work should be photographed differently in order to capture its unique qualities. The style he developed for these ends depended on the use of multiple views as well as close-ups, which only became routine in the cinema in the mid-1910s and were embraced by the European avant-garde in the 1920s-1930s for their power to heighten reality and to make strange the everyday (Ades and Baker 2009).
Markov, in 1913 , was already making close-ups of the faces of sculptures, which play off a reciprocal tension of the familiar and the strange. ( < Frontispiece) ( …. ) In this series (North Asian sculptures) he often photographs the sculptures as if they were people, in bust portraits, which attain a new intimacy and delicacy. ( ….
 Diese Fragen verdienen eigene Betrachtungen. 23. August (erster Entwurf 17.Juli 2015)