Restitution? Disput vor Benin-Bronze im Bode-Museum

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Im Schaukeller des Bode-Museum zu Berlin wird seit einem Jahr ein alter Bronze-Kopf aus dem ehemaligen Ethnologischen Museum in Dahlem ausgestellt und sachkundig erlÀutert.
Die drei Nigerianer mitte Dreißig, die bereits mit einem selbst geschriebenen Poster „Wollen Sie sich Raubkunst anschauen“ vor dem GebĂ€ude gestanden hatten und anschließend drinnen mit dem Aufsichtspersonal vergeblich um freien Eintritt verhandelten, traf ich hier wieder. So entschlossen, wie sie auftraten, fragte ich mich bereits, ob sie das gute StĂŒck gleich mitnehmen oder spĂ€ter abholen lassen wollten. Doch sie fotografierten sich nur wechselseitig mit der goldfarbenen Gefangenen. Einer strich ihr sogar ĂŒber den Kopf, denn sie steht frei.
In meiner Konzentration gestört, suchte ich die persönliche Auseinandersetzung. Die Diskussion – erst Englisch, dann Deutsch – verbesserte aber nicht die Stimmung. Der tiefere Konflikt war ja auch nicht im Streit zu lösen. Keiner versetzt sich gern in die Perspektive des anderen. Historische Distanzierung kommt auch nicht gut an, wo Parteilichkeit angesagt ist. Die langen Schatten des europĂ€ischen Kolonialismus lassen sich nicht wegdiskutieren, aber bleiben ungreifbar. Und verglichen mit der Weiterentwicklung eines vom GegenĂŒber beschworenen prekĂ€ren Völkerrechts ist noch die zĂ€heste innerstaatlĂ­che Rechtsentwicklung ein Spaziergang.
Mein GesprĂ€chspartner stellte sich als Rechtsanwalt vor und argumentierte gleich mit Paragraphen des deutschen Strafgesetzbuchs – Diebstahl, Raub und Hehlerei – als sei damit die Konfiszierung des Thronschatzes des in einem Krieg 1897 abgesetzten afrikanischen Königs juristisch zu packen. Ich stutzte: Den Fehler dĂŒrfte er nach seiner Ausbildung doch nicht machen. Aber er wollte auch den Ausdruck „Argumentation“ nicht akzeptieren, den er mit Kuhhandel und Kompromiss in Verbindung brachte. Aber was anderes tun denn Juristen als gut prĂ€pariert zu argumentieren?
Er fasste dann mit dem Argument „Angriffskrieg“ nach. Dem ist moralisch schwer etwas entgegenzusetzen. Aber juristisch? Im Kontext des 19. Jahrhunderts?
Ich wollte die Wegnahme des Thronschatzes mit einer bis heute gĂ€ngigen Kriegspraxis – schon gar in den innerafrikanischen Konflikten – relativieren. Diese Praxis wollte er nicht zum Maßstab machen. Unwahrscheinlich auch, dass er das Argument hoher Kriegskosten akzeptiert hĂ€tte, mit dem der britische Staat damals den Verkauf der Beute auf dem internationalen Kunstmarkt begrĂŒndete. Dabei litt die Kolonisierung des bevölkerungsreichen und ausgedehnten Gebietes ohne Zweifel unter Geldmangel, mit schwerwiegenden Folgen fĂŒr die StabilitĂ€t des nachkolonialen „Nigeria“ (Link Harnischfeger).
Uns beiden musste klar sein, dass in der Eroberung selber – im „Kolonialismus“ – die Wurzel allen Übels lag, und nicht in dem „Diebstahl“ und der „Hehlerei“ von – modern verstanden – „KulturgĂŒtern“. An ihnen können die Verbrechen auch nur symbolisch geheilt werden. Was geschehen ist, ist geschehen, wie ĂŒberall sonst in der Welt. Die britischen Kolonialisten waren keineswegs die ĂŒbelsten, und ihre Modernisierungserfolge in Afrika und Indien finde ich beachtlich. In Nigeria profitierten gerade die KĂŒstenvölker wie Yoruba (auch die Bini im „Königreich Benin“) und die Ibo.
Was aber, wenn Europas Kulturpolitiker vor den Forderungen einknicken wĂŒrden, afrikanische Werke in grĂ¶ĂŸerem Maßstab in die instabilen postkolonialen Staaten Afrikas zu transferieren? Ein kleines Projekt europĂ€ischer Museen verdeutlicht die praktischen Hindernisse: So denkt man daran, fĂŒr die höfische Kunst des einst bedeutenden afrikanischen Königreichs in Benin-City ein eigenes Museum zu errichten, mit ‚Leihgaben‘ (aber das ist ein anderes Kapitel). (Bericht der SZ im November).
Dazu wird Europa das Know-how einbringen und die Folgekosten fĂŒr konservatorische Maßnahmen und vor allem fĂŒr die Sicherung gegen Terroristen ĂŒbernehmen mĂŒssen, selbstverstĂ€ndlich auch den Eintritt fĂŒr die Einheimischen subventionieren, wenn deren Zugang ĂŒberhaupt gewollt ist und das Museum nicht bloß als Kassenmagnet im globalen Kulturtourismus funktionieren soll. In Ägypten, habe ich mir sagen lassen, werde die einheimische Bevölkerung sogar von den berĂŒhmten StĂ€tten und Museen ausgeschlossen.
Es sagt sich leicht, man solle nichts UnnĂŒtzes und Unmögliches verlangen, aber damit ĂŒberzeugt man nicht Aktivisten, die sich persönlich als Opfer der Geschichte sehen und sich nach Anerkennung und ‚Wiedergutmachung’ verzehren.
Der Anwalt sagte noch etwas Überraschendes: Er sei Deutscher und sei stolz darauf, Deutscher zu sein, wenn, ja weil hier die Generation der “Enkel“ sich gegen die Verbrechen ihrer „GroßvĂ€ter“ – er meinte in diesem Fall wohl Ur-GroßvĂ€ter und Ur-Ur-GroßvĂ€ter – wende.
Dass dieser “Newcomer“ unser großes und recht vielschichtiges Land gerade mal nach eigenen verstiegenen  Vorstellungen ummodeln will, fand ich dreist. Und realitĂ€tsfremd. Wer hat ihm diesen Floh ins Ohr gesetzt?
Klugerweise beließen wir es bei dem Austausch einiger SĂ€tze, es war noch viel anzuschauen, und die zwölf Euro Eintritt wollten genutzt werden. Die drei Herren hatten am Eingang argumentiert, sie kĂ€men nur, um das anzuschauen, was ihrer community ohnehin von Rechts wegen gehöre. Ich war sicher, fĂŒr anderes hatten sie kein Auge, auch nicht der ‚Deutsche mit afrikanischen Wurzeln’. Von wegen ‚Integration‘!
Einen Tag spĂ€ter steht mir meine eigene Reaktion auf das Museum The Met Cloisters  (Link) vor dreißig Jahren in New York wieder vor Augen. Es war damals ein Schock, ich fĂŒhlte mich irgendwie beraubt, ich war wĂŒtend auf die sĂŒdfranzösischen Bauern und ProvinzbĂŒrger um die (vorige!) Jahrhundertwende. Sie hatten ihre, unsere mittelalterlichen AltĂ€re, Figuren, das Kirchenmobiliar, sogar ein schönes Treppenhaus aus den PyrĂ©neen, alles aufgegeben und verscherbelt. Amerikanische Öl- und Eisenbahnmagnaten ließen die Beute ĂŒber den Ozean abtransportieren. Man hĂ€tte das nicht zulassen dĂŒrfen. Mich packte das unabweisbare GefĂŒhl der DemĂŒtigung, der Deklassierung Europas auf die Stufe einer Kolonie.
Soll ich nun ĂŒber hundert Jahre spĂ€ter amerikanische AnwĂ€lte einschalten oder lieber an die EuropĂ€ische Kommission appellieren? Oder doch lieber mit Gelassenheit dem gewaltigen Prozess der Globalisierung zuschauen?
Dieser Bronzeguss ist mir ĂŒbrigens egal. Ich habe ihn nicht einmal fotografiert. Selbst hier unten im Souterrain des Bode-Museums gibt es substanziellere afrikanische Kunst zu sehen.

 

Etwas fehlt noch?  Gewiss!
Was wĂŒrde VilĂ©m Flusser (1920-1991), der tschechisch-brasilianische Migrationsexperte, dazu sagen? Ich fasse zusammen:
Die Gewohnheit ist eine Wattedecke. Sie rundet alle Ecken ab, und sie dĂ€mpft alle GerĂ€usche. Weil die Gewohnheit Wahrnehmungen abschirmt, weil sie anĂ€sthesiert, wird sie als angenehm empfunden. Jede gewohnte Umgebung ist hĂŒbsch, und diese HĂŒbschheit ist eine Quelle  der Vaterlandsliebe. Im Exil, wo die Decke der Gewohnheit weggezogen wird, wird man zum RevolutionĂ€r, und sei es nur, um dort wohnen zu können. Daher ist das Mißtrauen, das dem Vertriebenen in Neuen Land entgegengebracht wird, vollauf berechtigt. Sein Einzug ins Neue Land durchbricht tatsĂ€chlich das Gewohnte und bedroht seine HĂŒbschheit. Die dialogische Stimmung, die das Exil kennzeichnet, ist meist polemisch (um nicht zu sagen mörderisch). Denn der Vertriebene bedroht die <Eigenart> des Ureinwohners, er stellt sie durch seine Fremdheit in Frage. Aber selbst so ein polemischer Dialog ist schöpferisch, denn auch er fĂŒhrt zur Synthese neuer Informationen. Das Exil, wie immer es geartet sein möge, ist die BrutstĂ€tte fĂŒr schöpferische Taten, fĂŒr das Neue.

(Exil und KreativitÀt (1984) in: Von der Freiheit des Migranten, 1994 und Neuauflagen, 103-109)

STAND DER DINGE IN NIGERIA   JUNI 2021: 

Samuel Misteli berichtet in der NZZ 8.6.2021 (LINK) aus Benin-City, „einer Stadt, die von einer afrikanischen Renaissance trĂ€umt“, von Museen, KĂŒnstlern und Handwerkern in der ‚Igun Street‘, und verweist für historische Fakten und Anekdoten in diesem Text auf das im März 2021 erschienene Buch «Loot: Britain and the Benin Bronzes» von Barnaby Phillips.

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