KONGOLESEN GRAU IN GRAU – TRÜBE GEDANKEN BEI J. F. THIEL: „JAHRE IM KONGO“

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Niedergeschrieben im November 2017 während der Lektüre von: Josef Franz Thiel: Jahre im Kongo – Missionar und Ethnologe bei den Bayansi, Otto Lembeck Frankfurt/M 2001

(Vereinzelte Zahlen in den Notizen bedeuten Seitenzahlen im Buch; eine knappe, aber durchgehende Inhaltsangabe der Kapitel steht unter folgendem Link)

 

Ernüchternder Eindruck

Ernüchternder Eindruck von den Leuten. Von allzumenschlicher Banalität in schäbiger Umgebung, was alles die theoretische (ethnologische) und praktische Bemühung kaum wert zu sein scheint. War es wert, für diese Leute von Seelsorge auf Ethnologie umzusatteln? Worüber unterhält sich Thiel heute mit den Leuten, die ihn besuchen? Auf individueller freundschaftlicher Basis? Aus ‚Sentimentalität’?

Wie er die offensichtlich opportunistischen (oder magischen ‚Man weiß ja nie’) Motive ‚seiner’ Konvertiten wegsteckte! Das musste doch sehr enttäuschend sein, vergleichbar der Bilanz eines idealistischen Lehrers.

‘Jahre im Kongo’ Foto18

Die bekannten Faktoren der Situation des Yansi mit den entsprechenden Konflikten:

  • – Herrschende gegen nicht-herrschende Familien, obwohl ‚die Sklaverei’ abgeschafft war (159)
  • – Alt gegen Jung
  • – Familienverband gegen Kleinfamilie
  • – Familienoberhaupt gegen Mitglieder
  • – Männer gegen Frauen
  • – Traditionelle gegen geänderte Kräfte: gebildete Frauen, gebildete Männer aus niederen Familien oder Sklavenfamilien, moderne Christen (159)

 

Eine gewisse Unverträglichkeit der Ebenen und Aspekte:

  • – junge Frauen als gehortete Fruchtbarkeit und Manövriermasse – mit Menschen wird Vorratswirtschaft betrieben!
  • – Verantwortung der älteren Chefs und Gelegenheiten gegen die damit verbundenen Chancen, individuelle Begehrlichkeiten auszuleben
  • – Unsicherheit der individuellen Position in dynamischem System (nicht nur Krankheit und Tod, Verluste, Verhexung, Neid anderer, sondern Reste von Traditionen)
  • – Traditionen bleiben starr, ja erstarren und werden dumm, weil sie rücksichtslos ausgenutzt werden. Zum Beispiel solche um das Klanwesen.

 

Dahinter stehende Egoismen:

  • – die Abstammungsgruppe mit ihrem Menschenpotential und der gemeinsamen Kasse und ihrem Verfügungsrecht
  • – die einzelnen Klans, welche die Spielregeln (Heiratsregeln, Hierarchie, das Manko von ‚Sklaven’, keine eigenen ‚Ahnen’ zu haben, ausnutzen (159)
  • – die Oberhäupter, die als Chefs und als gealterte Individuen ihr Ego ausleben ( Ehrgeiz, Geilheit, Komfort, Neid, Geiz, Beschränktheit) (159) „die Bambiim besonders“: „ich der Mann aller Frauen
  • – der Egoismus der jungen Menschen nach dem Vorbild der Alten
  • – für Alle gilt: sehen, wo man selber bei Befolgung des Rollenschemas unter Umgehung der Regeln bleibt.

 

Die Frau muss sehen, wo sie bleibt

  • – Etwa die Ehefrau, die mit ihrem ‚Paket’ durchkommen muss: Attraktivitität, Beliebtheit, Freundschaften, Fruchtbarkeit oder Unfruchtbarkeit, Arbeitskraft, die Art des Partners , Krankheiten, das Altern.
  • Die Frauen manövrieren, richten sich ein in den Fesseln traditioneller und neuer ‚ungleiche Verträge’. Sie tragen und schützen das Leben und die Ordnung, als Gebärerin, Mutter, Sexpartner, Geliebte, Arbeitstier, Nachbarin, Verwandte ….
  • Sie müssen in jeder Situation aufs Neue ihre Lage checken, die Macht der Zwänge             abschätzen, Spielräume erkennen und nützen und ihre eigenen Prioritäten einbringen.
  • Die Ehe ist eine reine Vertragsangelegenheit und instabil. Das System der Polygynie ist einer der Sicherungssysteme (Status), das andere ist die Herkunftsfamilie (Rückkehr) – nur rechtsförmige Selbstbestimmung darf die Frau nicht erwarten. Davon profitiert die Stabilität der Sippe.
  • Die Frau ist nur ‚gekauft’ oder ‚geliehen’, sie behält ihre eigene Wohnung, sie bleibt eine (Klan)-Fremde im Dorf, in gewissem Sinn bleiben es auch ihre Kinder, wobei die Jungs früh ins Jungenhaus umziehen. Die Mutter ist die wichtigste Bezugsperson, sie steht ihnen auch am Nächsten, ebenso ihre Geschwister (derselben Mutter) untereinander. Man hilft sich in jeder Situation aus, selbst bei den ehelichen Pflichten (Schwester, jüngerer Bruder). Das traditionelle zweijährige sexuelle Tabu der Babyzeit wäre nicht mehr nötig, wenn moderne Familienplanung betrieben würde. Es befördert die Promiskuität im Dorf und in der Familie.

Auch einige Sprichwörter der Lega behandeln diese Themen: z.B. „gern von der Nacht überrascht“. Wenigstens in den höchsten Rängen des Bwami-Bundes soll ein aristokratischer code of conduct herrschen. Auch im Interesse von ‚good governance’! (Links: 1 2 3)

Solange die Frauen die Last noch tragen können, dürfen die Männer „Nestflüchter“ sein, schon in der Jugend, also mehr oder weniger asoziale Taugenichtse wie orientalische Muttersöhnchen bei uns.

Der Brautpreis führt wenigstens zur auswärtigen Beschäftigung vieler Männer.

Kejsa E. Friedman hat die Last der Frauen unter de dem Titel: Eine moderne Klan-Gesellschaft beschrieben (Link)

 

Ungenügende Antworten auf existentielle Fragen

Die existentielle Fragen lauten: Woher komme ich? Auf wen bin ich angewiesen? Auf wen kann ich mich verlassen?

Thiel bemerkt die lebenslange Anstrengung, es besser zu haben nach unscharfen und unverlässlichen Regeln, denn es gibt keine institutionellen Schutzmechanismen.

In der verbreiteten Ärmlichkeit und Not ist erst recht sich jeder der Nächste, angefangen vom höchsten bis zum niedrigsten Rang in der Gruppe. Hinter jedem Unglück lauert der Verdacht des Schadenszaubers. Mit jedem Erfolg eines anderen ist die Vermutung verknüpft, der Betreffende habe sich mächtige Geister dienstbar gemacht. Überall und ständig lese ich von denselben Klagen gegen Chefs, Zauberer, ältere Männer. Machtmissbrauch scheint es kein Mittel zu geben.

Die Bayansi sind es gewohnt, keinen großen Spielraum für persönliche Freiheit zu haben, zumal, wenn sie von niedriger oder gar sklavischer Herkunft sind“ (159)

Es sind schlecht erzogene Männer, die in der Hierarchie aufsteigen, nur die krassesten Fälle kann man traditionell verhindern im Kreis der herrschenden Familien (159). Ehrgeizige oder kreative Köpfe haben es schwer, wenn sie nicht die entsprechende Position ererbt haben, etwa als Enkel des Chief in väterlicher Erbfolge. ‚Rebellen’ leben gefährlich. Wer alles ist wohl deshalb unter die Katecheten gegangen? Am besten, man verschwindet. Doch Weglaufen ist riskant. Magier können einen verfolgen – Frauen gern mit dem Fluch der Unfruchtbarkeit. Auch in der Metropole entkommt man nicht den korrupten Strukturen, den Trümmern dörflicher Traditionen. Mit den Individuen ist ‚das Dorf’ in die Städte eingewandert. Doch aus der Stadt wandert auch Widerstand ein!

Auch der Missionar ist in der Rolle eines Zauberers eingesperrt

Der Missionar ist Sozialhelfer, Techniker, Mediator und Kummerkasten. Thiel musste akzeptieren, dass seine Autorität als Präsenz eines mächtigen ‚Zauberers’ galt, die man nutzte, der man sich auch wieder entzog und die man nach seinem Weggang vergessen konnte. Man freute sich dann, diesen ungewöhnlich freundlichen ‚Chief’ wiederzusehen und zum Freund zu haben.

Die Ethnologin Zoé Strother verfing sich während ihres Aufenthalts bei den östlichen Pende hingegen in den Fallstricken der lokalen Denkweisen, was sie in einem spannenden Aufsatz: „Suspected of Sorcery“ erzählt (in: In Pursuit of History – Fieldwork in Africa“, Heinemann 1996, pp. 57-74). (Ich hätte Lust, die Story nachzuerzählen!)

 

Irreparable Schäden

Kolonialisierung ließ die Veränderungen so destruktiv werden: Die neuen Herren übertrugen die traditionell hierarchische Denkweise auf sich und nutzten sie schamlos aus. Sie rissen die nur gewohnheitsrechtlichen Schranken (Kollegialität und Gegenseitigkeitsprinzip) nieder. Ihre einheimischen Quislinge und Nachfolger haben die schrankenlose Despotie übernommen. Über ein Jahrhundert lang wurden die Beziehungen zwischen den Generationen vergiftet, und die ‚politische Ordnung’ auf dem Land geriet in eine Abwärtsspirale endloser Konflikte um Befugnisse, Mitsprache, individuelle Rechte, Landnutzung in einer sich rapide verschlechternden natürlichen Umwelt bei verfallender ursprünglich kolonialer Infrastruktur.

Da das Wachstum und die Verelendung solcher kolonisierter Völker stetig zunimmt, ist das wohl das Schicksal der Menschheit. Die ‚Weltgemeinschaft’ profitiert von passenden Geschäftsmodellen oder sieht hilflos und spendend zu.

Ich bemerke, dass solche Gedanken mir die Motivation für die eigene Afrika-Sammlung untergraben. Wenn der Sammler nicht idealisieren kann, verliert das Sammeln doch seinen Sinn! Welchen ideellen Wert soll irgendwelcher materieller oder immaterieller Hausrat besitzen?

 

20.11.2017 (Redaktion: 17.10.2018)

 

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