Asylrecht für die Dinge? – Nicht ohne Dingasylfunktion des Museums!

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Mit der Glosse „Die Indianer dürfen kommen, aber nichts anfassen“ (Link) zu einer Fernsehdokumentation meldete ich mich Dezember 2016 zum Thema. Von der tief schürfenden Tagung „Philosophie des Museums“ im November am Bode-Museum zu Berlin (Link) erfuhr ich erst durch den Artikel von Stefan Laube “Asylrecht für die Dinge – Berlin: Ansätze einer Museumsphilosophie vor dem Hintergrund des Humboldtforums” (FAZ, 4. Januar 2017, N3), worin die Kogi-Indianer sogar namentlich erwähnt wurden. Daraus entstandene weitere Überlegungen blieben liegen. Dabei wäre es geblieben, wenn das Thema nicht unverändert aktuell wäre, was mir zahlreiche Clics auf meine Glosse zeigen, ich nehme an, von Studenten für Hausarbeiten.  Ich bitte Stefan Laube um Verständnis, dass ich seinen engagierten Essay hier bloß als Zitatengeber benutze.        18.7.2018

Aus der Zusammenfassung von Stephan Laube geht nicht hervor, wie stark sich die Diskussion während der Tagung auf „ethnographische Objekte“ in „Völkerkunde“- oder „Weltkulturen“-Museen fokussierte, doch erscheinen sie bei denen in radikaler Form. In seiner Bilanz schrieb Laube:

“Tenor der Tagung blieb ein abendländisches Verständnis von Museum. Der Blick in andere Kulturen, die nicht in diesem Maße vom technologischen Fortschrittsparadigma geprägt sind, fehlte. Gewisse mit Wirkmacht aufgeladene Dinge, wie die Masken der Kogi-Indianer aus Kolumbien, empfinden ihr Dasein in den Beständen der Staatlichen Museen Berlin keineswegs als befreiend, sondern als Kerker, so die Überzeugung von heute lebenden Angehörigen dieser Ethnie. Die Rückgabe der Masken verweigert die Stiftung Preußischer Kulturbesitz auf Grundlage eines allenfalls formal korrekten Kaufvertrags. Glücklich die Besitzenden, die ‘shared heritage’ nennen können, was sie behalten.

“Asylrecht für die Dinge” – so einleuchtend das für unsere europäischen Ohren heute klingen mag, erscheint damit als Euphemismus, als Verschleierung eines Interessenstandpunkts, nämlich unsere spezifische “Gestaltungspraxis des Sammelns” guten Gewissens beibehalten zu dürfen, die wir mit dem europäischen Imperialismus vor überhundert Jahren ihren direkten Zugriff auf den ganzen Globus erweiterten.

Okay, in der Sache nichts Neues, ich will mich auf den genialen Diplomatenkniff „Asyl für Dinge“ einlassen.

Asyl, also Flucht ? Nein Deportation. Dinge werden deportiert, flüchten nicht, werden weggetragen, höchstens in einer Babyklappe abgelegt.

Schauen wir uns an, wie das entsprechende „Asylrecht“ ausgestaltet ist. Wir bemerken, dass es  am ehesten noch dem Verhältnis zu “unbegleiteten Kindern” vergleichbar ist, denen von Amts wegen sogleich Vormünder bestellt werden. Und da “Dinge” niemals erwachsen werden, auf Dauer. Wo wir bereits beim Jugendamt sind,  könnte man bei Museen eher an Waisenhäuser oder Pflegeeltern denken, wenn Kinder verlassen sind oder Eltern versagen. – In diese Richtung zielt vielleicht die “Dingasylfunktion des Museums“ im Tagungsbeitrag von Reinhold Schmücker. Dingasylfunktion – Spricht sich flüssig, wenn es erst einmal entziffert ist, hätte also das Zeug zum Modewort!

Deren Begründung referiert Laube so: “Dinge werden vor Zerstörung geschützt, sie werden gehegt und gepflegt. Geschultes Aufsichtspersonal sorgt für respektvollen Abstand zum Objekt.

Hege und Pflege’ beschreiben einen Idealfall sogar in reichen Ländern nicht nur für Kinder, auch für Dinge. Und wenn die Indios von der kolumbianischen Atlantikküste, die Kogi von “Kerker” sprechen, muss ich daran denken, was Desinfektion, Reinigung und Aufbewahrung im besten Fall aus den “Dingen im Museum” machen. Denn “die Rolle von Zeugen, die bei bestimmten Ereignissen der Vergangenheit nicht nur dabei waren, sondern auch von diesen Ereignissen Kunde geben” beschränkt sich für die Dinge auf seltene Momente zwischen unendlich langen Zeiten im Depot.

Das, was ich im Laufe der Jahre über Erwerb, Lagerung und Präsentation von Museumsobjekten erfahren habe, nimmt jede Illusion. Mehr oder weniger anonym gelangten sie in die Sammlungen. Die meisten Objekte erhielten zu keinem Zeitpunkt so viel Aufmerksamkeit wie ein beliebiges Sammlerstück es erwarten kann. Sie wurden mehrfach, aber unzureichend registriert, mit einer ID-Nummer versehen, abgestellt und in den Regalen vergessen. Die schiere Anzahl musste von Anfang an jeden Verwalter erschlagen. Die Menschen, die sie in ihrer Obhut hatten, hatten im Normalfall mit ihrer Erwerbung nichts zu tun, kannten die Welt ihrer Herkunft nicht aus eigener Anschauung. Das war und ist auch heute nicht ihre Qualifikation, heute im Zeichen ausufernder Arbeitsteilung weniger denn je.

Inzwischen bin ich dem Museum dankbar über jeden Impuls zu ihrer Würdigung. Sogar meine früheren Vorbehalte (Link) gegen die Praxis des Weltkulturenmuseums in Frankfurt, die ohnehin unbeschäftigten Stücke zeitweise Künstler zur ‚Kommunikation auffordern’ zu lassen – natürlich mit konservatorischen Vorkehrungen – schmelzen zusammen. Hauptsache, sie bekommen überhaupt Besuch. Doch lieber von Dingfetischisten als von Begriffsfetischisten. Was soll das schon bringen, wenn abstrakt die Forderung erhoben wird, die Polyvalenz der Objekte, ihre Mehrdeutigkeit per se auszuhalten. Die Banalität der Bildunterschriften kommt wohl weniger von Taxonomien, sondern von mangelnder Erfahrung, fehlender Überlieferung und vor allem von chronischem Zeitmangel. Das Personal scheint systematisch (Personaleinsparung) überfordert zu werden. Museen erinnern in der Hinsicht an Containerschiffe, die von immer weniger Personal, bunt zusammengewürfelt, gesteuert werden. Der Kapitän – möglichst ein unter Museologen profilierter Name – soll für die Außenwelt wie auch immer sicherstellen, dass sie auf Erfolgskurs bleiben und nicht scheitern.

Mein Standpunkt in der Frage wird unsicher. Ich verteidigte den status quo gegen Restitutionsforderungen, von Erben, die durch das bürgerliche Erbrecht erbberechtigt sind wie von nationalistischen Politikern überall in der Welt, die ihre Herrschaft durch einheimische traditionelle Kultur ausschmücken wollen. Aber ehrlich, geht uns das in jedem Fall etwas an? Ich kann inzwischen pragmatischen Verhandlungslösungen etwas abgewinnen, denn ich bin gegen sekundäre Fetischisierung der Museumsobjekte, ihre Verwandlung im Museum durch „Verklärung des Gewöhnlichen“ (Danto).

Wozu dient denn die öffentliche Verfügungsmacht über Kulturzeugnisse?

‚Weltkulturen’-Museen zum Beispiel stehen mitten im Leben, haben Altlasten zu tragen. Sie präsentieren ungetrennt Beutegut und Handelsware: zusammengerafft, aus Nachlässen, aus Tausch, einzelnen Ankäufen. Die Aufnahme der Objekte ins Museum hatte verschiedene Anlässe und Motive, nicht nur die der Rettung bedrohter Kulturgüter:

  • die politischen Motive der Bestrafung (Strafexpeditionen), der symbolischen Entmachtung (Insignien), der Beschämung und Diffamierung (Fetische), der Legitimation europäischer Beherrschung durch Beweismaterial für Primitivität und Barbarei,

  • den Propagandawert, zur Rechtfertigung der getätigten Investitionen und zur Popularisierung der Erweiterung des bisherigen Gebiets der Staatstätigkeit, zur Werbung und zur nützlichen Unterhaltung

  • die Gewinnung von Forschungsmaterial für die ‚institutionalisierte Neugier’ (Blumenberg) moderner Disziplinen, von der Biometrie bis zur Kulturkreislehre.

Solche Motive wandeln sich historisch. Wer würde heute in Deutschland staatliche ‚Kuriositätenkabinette’ oder ‚Kolonialmuseen’ errichten?

Es gab im europäischen Mittelalter erbitterten Streit um „Reliquien“ – wundertätige Überbleibsel von ‚heiligen’ Menschen oder ihnen zugeschriebene Objekte. Interessant war der strategische Aspekt: die Lenkung der Pilgerströme zum eigenen Profit. Heute geht der Trend in dieselbe Richtung, das ist die wahre Banalisierung von Museumsobjekten. Besuchermassen sind gewünscht. Was tut’s, dass sie in professionell abgedunkelten Gängen von den authentischen Dingen im Raum weniger mitbekommen als vor einem beliebigen Bildschirm? Die (Be)Deutung kommt ja aus dem Kopfhörer.

Wenn Danto  sagt: Sobald wir uns auf einen Gegenstand beziehen und über ihn sprechen, ist er kein bloßes Objekt mehr. Das Museum ist gefüllt mit Dingen, die zur Kommunikation auffordern (Wortlaut Laube), blendet er zu vieles aus.

Erstens den isolierenden Kontext. Meinen Freund Heinz beispielsweise fordert jedes Objekt überall zur Kommunikation auf. Er erkennt sie sogleich: das Messer, das Schreib- oder Küchengerät, den Gürtel, den Briefbeschwerer, den dekorativen Nippes…. Ich folge ihm stets atemlos an die Markttische.

Das bloße Objekt ist ein Konstrukt der Theorie, etwa der von Kunstphilosoph Arthur C. Danto – ich werde ihn nicht lesen. Auch das Museum gibt es ja gar nicht, höchstens in Form einer Holding wie „Stiftung Preußischer Kulturbesitz“. Historische Museumsgründer haben Museen konkrete Aufgaben gestellt. Der Gegenstand der Kommunikation war damit bereits eingegrenzt. Der Satz: Das Museum ist gefüllt mit Dingen, die zur Kommunikation auffordern ist ja nachvollziehbar, aber hätte den Menschen im Vorleben des Objekts geradezu lächerlich geklungen, weil das bereits in der Herstellung, aber spätestens in der praktischen Funktion beziehungsweise beigelegten Bedeutung der Dinge geklärt war.

Alles Nachtasyle! 

Es gibt bis heute genug „Museen unbegriffener Dinge“ oder genauer „Museen unbegriffener Dinge, die da nicht hingehören“, jedenfalls nicht auf Dauer, sondern nur um eine Übergangssituation zu überbrücken, bis gute Gründe für ein Asyl nicht mehr bestehen.

In der Zwischenzeit gäbe es lohnende Aufgaben für leidenschaftliche Museums-Philosophen: sich nachdrücklich für die Aufstockung eines anständig bezahlten Fachpersonals einzusetzen, sowie für die – mit Steuermitteln zu bewältigende – wirkliche Öffnung in die umgebende Gesellschaft samt Beratung ethnischer Minderheiten und Betreuung von Sammlern, und vor allem anzuschreiben gegen den etablierten globalisierten Ausstellungszirkus. Das Engagement sollte im Nebenamt erfolgen. Keine neuen Lehrstühle und Ausbildungsgänge für Museumsphilosophie! Keine Absicherung durch einen philosophischen Betonsarkophag über dem Museum!

Widerruf

Ich selber kann etwa flüchtigem oder deportiertem Kulturgut materiell keine besonderen Bedingungen anbieten: Das „Raumklima“ wechselt mit der Jahreszeit, vor allem der Heizperiode, in der Luft schwebt Staub. Ich dürfte mich über den Lichteinfall bei schönem Wetter gar nicht freuen. Ich fasse die Objekte ständig an. Ich weiß gar nicht mehr, wo ich die vom Museum geschenkten weißen Handschuhe habe. Ich habe immerhin ein paar Dutzend Objekten ein paar Wochen Kuraufenthalt in einer großen Stickstoffkammer spendiert – Es bestand in zwei Fällen aber dringender Anlass. Die eine oder andere professionellen Kleinreparatur ist nicht der Rede wert. – Wenn solche Mißstände aber als Normalfall öffentlich würden, drohte uns in absehbarer Zeit in Deutschland der Kulturguthalterschein mit vorgängiger Prüfung. Also, ich habe nichts gesagt.

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