“Was ist eigentlich drauf, auf den Bildern im Archiv?” (Ethnologie)

|

Obwohl ich selber kein Facebooker bin, gebe ich hier den Link zur F….Seite dieser studentischen Initiative am Ethnologischen Institut der Uni Frankfurt. Ich war vergangenen Mittwoch um 18.00 im Raum IG.501 und finde die Initiative gut.

„Was ist eigentlich drauf, auf den Bildern in Ihrem Archiv?“  

Die Frage aus dem Kreis der Studenten an den Bildarchivar des Frobenius-Instituts lässt mich nicht los. Thema des Treffens in „Boas Küche“ war „Bilddokumentation in der Ethnologie früher und heute“. Die Aufzählung des Archivars schien mir kaum attraktiv, aber genau das scheint das Material solcher Archive zu charakterisieren: Landschaften, Leute, Objekte und was man sonst so aufnahm’. Die Zeit fehlte für Rückfragen.

Ich öffne zuhause die Datenbank. Ich gebe den Stammesnamen „Pende“ ein und sehe auf einem Icon ‚nackte Neger’ in verschiedenen Gruppierungen posieren.

Ich erinnere mich, für siebenundzwanzig Abbildungen eines Web-Beitrages über die Pende (Link) mindestens zehn Quellen angezapft zu haben, meistens waren es Illustrationen in Büchern.

 

Die wissenschaftlichen Bildarchive sind auch nur Depots.

Soweit ich sie kenne, bieten sie zufällig hereingespültes Rohmaterial versehen mit wenigen zeitgenössischen tabellarischen Informationen. Den Bildern ist es nicht viel anders ergangen als den eingesammelten ethnographischen Objekten.

Wir wissen aus der Kriminologie, wie anspruchsvoll und aufwendig die Interpretation von Sachbeweisen ist und dass am Tatort gewöhnlich die meisten Informationen verloren gehen.

Wenn die Bilder in Büchern oder Aufsätzen erscheinen, wird in der Regel wenigstens ein informativer Kontext hergestellt, über Zeit und Ort hinaus, und wird die Wahrnehmung fokussiert. Darin erschöpft sich freilich die Bildinformation nicht. Wir sind immer frei, mehr und anderes wahrzunehmen.

 

 

 

Die Bildinformation ist ein flüchtig’ Ding

Es beginnt beim Fotografen.

Wie voreingenommen ist sein Blick? Weiß er, was er festhalten will? Welche Konventionen oder heimliche Leidenschaften steuern ihn (für nackerte Weibsleut oder muskulöse Jungs)? Welche ausdrücklichen Verbote oder stillschweigende Tabus verhindern oder entstellen das fotografische Bild? Diese Problematik betrifft natürlich auch dokumentarische Fotografien aus Europa.

Bildlüge und –propaganda begleiten die Fotografie übrigens seit ihrer Erfindung. Der Fotograf kann lügen, aber bereits die Abgebildeten können die ‚Wahrheit hinter dem Bild’ verbergen.

2  

Stand der Technik

Sind die Umstände der direkten Aufnahme günstig, oder muss man das Gewünschte nachstellen oder arrangieren? (Typisch: nächtliche Maskentänze und diskrete Vorgänge).

Das hängt aber auch vom Stand der Technik ab. Wie in einer Frobenius-Broschüre über Frobenius gezeigt wurde, waren die Zeichnungen der Expedition 1904-5 informativer als die Fotos, ihre Entstehung wurde auch besser dokumentiert.

Neue Maßstäbe setzten die Leica-Fotos von Hans Himmelheber* oder Hugo Bernatzik in den dreißiger Jahren. Mit den Schnappschüssen kam die Lebendigkeit ins Foto.

* Hans Himmelheber: Zaire 1938/39. Ausstellungskatalog. Zürich 1993  Frobenius-B.: Af III 952

Der inzwischen größere Informationsgehalt empfindlicher Farbfilme und handlicher Blitzgeräte kann auch nach hinten losgehen, wenn sie den Fotografen stärker entblößen als die abgelichteten exotischen Personen. So ist Gert Chesi’s unbändige Lust an schweißtriefender nackter Haut und Blutopfern in seinen Bildbänden über Togos nächtliches ‚Voodoo’-Treiben unübersehbar. Dagegen war die berüchtigte Leni Riefenstahl geradezu wertschätzend achtsam gegenüber den von ihr bewunderten ‘Nuba’, und zugleich stylischer.

3

Die ästhetische Qualität ist nicht zu unterschätzen.

Die Leica-Fotografen der dreißiger Jahre mussten mit Schwarzweißfilm niedriger Empfindlichkeit arbeiten; ihre Kunst hat die technischen Grenzen überwunden.

Bei vielen anderen Bildern fragt sich der heutige Betrachter: Waren die Abgebildeten so hässlich, so krank, ihre Kultur so elend wie sie uns erscheinen? Bei unserem Wissensstand über die verbrecherische Ausbeutung der Menschen in den Kolonien ist diese Frage nicht unerheblich.

Moderne Fotos und Filme sind in dieser Hinsicht für uns viel einfacher zu lesen. Doch dabei bleibt es nicht: Schon erleben wir die neue Plage der digitalen Bildbearbeitung, die ins Gebiet der bewussten (Ver)fälschung führt – wenn wir angesichts der kommerzellen Bewirtschaftung des Internets, den technisch immer perfekter verteidigten Zugängen, dem Popanz des ‘Rechts auf das eigene Bild’ und der professionellen Vorsicht in den Archiven überhaupt noch so etwas wie Bilddokumentation erleben.

4     

Text

So enttäuschend es sein mag, weil wir uns so oft vergeblich „Bilder“ zur Illustration von Objekten und Erzählungen wünschen – Das Wort ist dem Bild wahrscheinlich überlegen und vor allem unentbehrlich: Ohne Worte können wir Bilder nicht situativ einbetten, sie geben der Bilderzählung erst das notwendige Gerüst, den Hintergrund zu Details, die uns sonst meist rätselhaft bleiben, sie lenken die Aufmerksamkeit des Betrachters, sie erlauben die Abwägung verschiedener Interpretationen und die Gewichtung der Details, und, und…. Wer soll sprechen? Beide Seiten, wäre ideal.* Nicht jeder Kommentar fördert das Verständnis von Bildern, obwohl aus jeder Bemerkung ja noch irgendetwas zu machen ist.

*Johannes Fabian hat in seinemBuch “Remembering the Present – Painting and Popular History in ZaireNarrative and Paintings perfekt zusammengeführt (UCP, Berkeley & L.A. 1996; Frobenius-B. Af III 933)

5

Film?

Doch auch der Film darf nicht stumm bleiben, auch wenn man auf manchen Kommentar, manchen effektvollen Schnitt oder musikalische Untermalung gern verzichten würde.

Ein Pionier des ethnographischen Films, den ich kenne, macht ‚alles richtig’: Michael Oppitz. Er nahm sich für seine Feldforschung Jahre Zeit, er lernte die Schamanen der Magar so gut kennen, dass er schließlich auch die Filmkamera frei einsetzen konnte. Berühmt wurde „Schamanen im Blinden Land“ (1980, ein Link; Frobenius-B. DVD-As V 13-1 u. DVD-As V 13-2 Sogar aus Filmschnipseln, die er auf einer weiteren DVD vorgestellt und kommentiert hat (DVD-As V 13-3), habe ich als Betrachter Gewinn gezogen. Er hatte übrigens einen höchst interessanten Bildungsgang (Link: Interview Oppitz 2009) und wurde erst mit fünfzig Jahren als Professor in Zürich ‚sesshaft’.

6

19.7.2018                  ‘huhuhu, Fotografen essen Seele auf

Ich habe auf academia.edu eine interessante Studie gelesen:

Z.S. Strother. ’A Photograph Steals the Soul’: The History of an Idea. In Portraiture and Photography in Africa, ed. John Peffer and Elizabeth Cameron. Bloomington: Indiana University Press,2013,177-212     (Frobenius-Bibliothek :  Af I 2698)

Jeder kennt von irgendwoher den Evergreen ’Fotografie stiehlt die Seele’. Zoé Strother kann eine solche Erklärung nicht nur für ihr spezielles Forschungsgebiet empirisch  widerlegen. Das wichtigste Argument ihrer Gesprächspartner unter den Pende war der fehlende materielle Kontakt für einen möglichen Schadenszauber, ein bloßer ‚Schatten’ biete dafür keine Grundlage. Was übrig bleibt, sind rationale Befürchtungen, wie wir sie auch kennen oder nachvollziehen können, etwa wenn Leute in einem gefährlichen Polizeistaat wie dem Kongo  leben (p.197).

Die ‚Geschichte der Idee’ selbst wird bei Strother zum Lehrstück über die Langlebigkeit wissenschaftlicher Mythen! Einer schreibt vom anderen ab, amüsant zu lesen.

Extrem ungleiche Verteilung erhaltener Fotos

Für unsere Frage ist der Aufsatz aus einem anderen Grund wichtig, wegen der extremen sozialen Unausgewogenheit des vorhandenen Bildmaterials, die wir in Betracht ziehen müssen.

Die seit den dreißiger Jahren von einzelnen ambulanten kommerziellen Fotografen für die Leute im Dorf gemachten Fotos hatten keine Chance zu überleben. ‚Papier’ kann es dort als Medium nicht einmal mit ‚Holz’ aufnehmen. Strother hat die Situation bei den Pende so erfahren:

In the late 1980s, despite demand, few people owned photographs apart from the identity cards. The career of Pende photographers were often cut short by their equipment, which failed easily due to humid conditions and required sophisticated repairs in distant urban centers. Furthermore, photographs did not survive long. Colors faded quickly and few people could protect them from wear and tear in the hands of admirers. It was difficult for many to ‚refuse’ to give them away because generosity is one of the most admired virtues. I never saw an album in the countryside until 2007. It belonged to a successful entrepreneur, based in Tshikapa, and contained photos dating back to the seventies. (p.197)

 deutsch:

In den späten 1980er Jahren besaßen trotz der Nachfrage nur wenige Menschen Fotos, abgesehen von den Ausweisenseit der späten Kolonialzeit eingeführt, von Mobutu durchgesetzt (p.197). Die Karriere von Pende-Fotografen wurde oft durch ihre Ausrüstung sabotiert, die aufgrund der feuchten Bedingungen leicht versagte und aufwendige Reparaturen in entfernten städtischen Zentren erforderte. Außerdem haben Fotografien nicht lange überlebt. Farben verblassten schnell und nur wenige Menschen konnten sie in den Händen von Bewunderern vor Abnutzung schützen. Es war schwierig für viele, sich zu weigern, sie wegzugeben, weil Großzügigkeit eine der am meisten bewunderten Tugenden ist. Ich habe bis 2007 nie ein Album auf dem Land gesehen. Es gehörte einem erfolgreichen Unternehmer in Tshikapa und enthielt Fotos seit den Siebzigern. (p.197)

Und die andere Seite? Lohnen die in den Archiven verwahrten Langweiler der Kolonialisten den Erhaltungsaufwand? Verschlimmern ihre Knipsereien nicht bloß das Forschungsproblem der Einseitigkeit? Tragen sie überhaupt nennenswert zur Information bei?

Gewiss, wenn sie Verbrechen dokumentieren, dann sind sie deutschen Landseralben von der Ostfront vergleichbar, oder wenn sie Schädelmessungen dienen, sind sie Dokument – für ‚wissenschaftliche’ Engstirnigkeit.

Mir fällt an dem Aufsatz die unübersichtliche Vielheit an relevanten Aspekten auf. Wieviel sachliche Voraussetzungen sind für die Rückführung schiefer ‚Ideen’ in einen wissenschaftlichen Diskurs, der erst wieder Fragen anstößt. Die Kritisierten erweisen sich jedenfalls als methodisch unzulänglich: autoritätshörig, voreingenommen, voreilig, theorie-geil, eitel und lebensfremd. Ein breites Literaturstudium (Zettelkasten) ist vonnöten, aber noch wirksamer ist vielleicht die Überprüfung an dem Verständnis derer, über die geredet wird.

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.