Was ist eigentlich auf den Bildern im ethnologischen Foto-Archiv?

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„Was ist eigentlich drauf, auf den Bildern in Ihrem Archiv?“  Die Frage aus dem Kreis der Studenten an den Bildarchivar des Frobenius-Instituts lĂ€sst mich nicht los. Thema des Treffens der studentischen Intiative „Boas KĂŒche“ im juli 2018 war „Bilddokumentation in der Ethnologie frĂŒher und heute“. 

Information: Der Bericht ĂŒber ZoĂ© Strother:“ Photographer steals the Soul“ – LINK wurde inzwischen ausgekoppelt; dafĂŒr habe ich „Afrikanischen TĂ€nze“ von Michel Huet. angeschlossen! 26.4.20  „Boas KĂŒche“ hat nur einen Facebook-Link.

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Die AufzĂ€hlung des Archivars schien mir kaum attraktiv, aber genau das scheint das Material solcher Archive zu charakterisieren: Landschaften, Leute, Objekte und was man sonst so aufnahm’. Die Zeit fehlte fĂŒr RĂŒckfragen.

Ich öffne zuhause die Datenbank. Ich gebe den Stammesnamen „Pende“ ein und sehe auf einem Icon ‚nackte Neger’ in verschiedenen Gruppierungen posieren.

Ich erinnere mich, fĂŒr siebenundzwanzig Abbildungen eines Web-Beitrages ĂŒber die Pende (Link) mindestens zehn Quellen angezapft zu haben, meistens waren es Illustrationen in BĂŒchern.

 

Die wissenschaftlichen Bildarchive sind auch nur Depots.

Soweit ich sie kenne, bieten sie zufĂ€llig hereingespĂŒltes Rohmaterial versehen mit wenigen zeitgenössischen tabellarischen Informationen. Den Bildern ist es nicht viel anders ergangen als den eingesammelten ethnographischen Objekten.

Wir wissen aus der Kriminologie, wie anspruchsvoll und aufwendig die Interpretation von Sachbeweisen ist und dass am Tatort gewöhnlich die meisten Informationen verloren gehen.

Wenn die Bilder in BĂŒchern oder AufsĂ€tzen erscheinen, wird in der Regel wenigstens ein informativer Kontext hergestellt, ĂŒber Zeit und Ort hinaus, und wird die Wahrnehmung fokussiert. Darin erschöpft sich freilich die Bildinformation nicht. Wir sind immer frei, mehr und anderes wahrzunehmen.

 

Die Bildinformation ist ein flĂŒchtig‘ Ding

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Es beginnt beim Fotografen (m w).

Wie voreingenommen ist sein Blick? Weiß er, was er festhalten will? Welche Konventionen oder heimliche Leidenschaften steuern ihn (fĂŒr nackerte Weibsleut oder muskulöse Jungs)? Welche ausdrĂŒcklichen Verbote oder stillschweigende Tabus verhindern oder entstellen das fotografische Bild? Diese Problematik betrifft natĂŒrlich auch dokumentarische Fotografien aus Europa.

BildlĂŒge und –propaganda begleiten die Fotografie ĂŒbrigens seit ihrer Erfindung. Der Fotograf kann lĂŒgen, aber bereits die Abgebildeten können die ‚Wahrheit hinter dem Bild’ verbergen.

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Stand der Technik

Sind die UmstĂ€nde der direkten Aufnahme gĂŒnstig, oder muss man das GewĂŒnschte nachstellen oder arrangieren? (Typisch: nĂ€chtliche MaskentĂ€nze und diskrete VorgĂ€nge).

Das hĂ€ngt aber auch vom Stand der Technik ab. Wie in einer Frobenius-BroschĂŒre ĂŒber Frobenius gezeigt wurde, waren die Zeichnungen der Expedition 1904-5 informativer als die Fotos, ihre Entstehung wurde auch besser dokumentiert.

Neue MaßstĂ€be setzten die Leica-Fotos von Hans Himmelheber* oder Hugo Bernatzik in den dreißiger Jahren. Mit den SchnappschĂŒssen kam die Lebendigkeit ins Foto.

* Hans Himmelheber: Zaire 1938/39. Ausstellungskatalog. ZĂŒrich 1993  Frobenius-B.: Af III 952

Der inzwischen grĂ¶ĂŸere Informationsgehalt empfindlicher Farbfilme und handlicher BlitzgerĂ€te kann auch nach hinten losgehen, wenn sie den Fotografen stĂ€rker entblĂ¶ĂŸen als die abgelichteten exotischen Personen. So ist Gert Chesi’s unbĂ€ndige Lust an schweißtriefender nackter Haut und Blutopfern in seinen BildbĂ€nden ĂŒber Togos nĂ€chtliches ‚Voodoo’-Treiben unĂŒbersehbar. Dagegen war die berĂŒchtigte Leni Riefenstahl geradezu wertschĂ€tzend achtsam gegenĂŒber den von ihr bewunderten ‚Nuba‘, und zugleich stylischer.

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Die Àsthetische QualitÀt ist nicht zu unterschÀtzen.

Die Leica-Fotografen der dreißiger Jahre mussten mit Schwarzweißfilm niedriger Empfindlichkeit arbeiten; ihre Kunst hat die technischen Grenzen ĂŒberwunden.

Bei vielen anderen Bildern fragt sich der heutige Betrachter: Waren die Abgebildeten so hĂ€sslich, so krank, ihre Kultur so elend wie sie uns erscheinen? Bei unserem Wissensstand ĂŒber die verbrecherische Ausbeutung der Menschen in den Kolonien ist diese Frage nicht unerheblich.

Moderne Fotos und Filme sind in dieser Hinsicht fĂŒr uns viel einfacher zu lesen. Doch dabei bleibt es nicht: Schon erleben wir die neue Plage der digitalen Bildbearbeitung, die ins Gebiet der bewussten (Ver)fĂ€lschung fĂŒhrt – wenn wir angesichts der kommerzellen Bewirtschaftung des Internets, den technisch immer perfekter verteidigten ZugĂ€ngen, dem Popanz des ‚Rechts auf das eigene Bild‘ und der professionellen Vorsicht in den Archiven ĂŒberhaupt noch so etwas wie Bilddokumentation erleben.

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Text

So enttĂ€uschend es sein mag, weil wir uns so oft vergeblich „Bilder“ zur Illustration von Objekten und ErzĂ€hlungen wĂŒnschen – Das Wort ist dem Bild wahrscheinlich ĂŒberlegen und vor allem unentbehrlich: Ohne Worte können wir Bilder nicht situativ einbetten, sie geben der BilderzĂ€hlung erst das notwendige GerĂŒst, den Hintergrund zu Details, die uns sonst meist rĂ€tselhaft bleiben, sie lenken die Aufmerksamkeit des Betrachters, sie erlauben die AbwĂ€gung verschiedener Interpretationen und die Gewichtung der Details, und, und…. Wer soll sprechen? Beide Seiten, wĂ€re ideal.* Nicht jeder Kommentar fördert das VerstĂ€ndnis von Bildern, obwohl aus jeder Bemerkung ja noch irgendetwas zu machen ist.

*Johannes Fabian hat in seinem Buch „Remembering the Present – Painting and Popular History in ZaireNarrative and Paintings perfekt zusammengefĂŒhrt; die Bedingungen waren aber auch gĂŒnstig.  (UCP, Berkeley & L.A. 1996; Frobenius-B. Af III 933)

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Film?

Doch auch der Film darf nicht stumm bleiben, auch wenn man auf manchen Kommentar, manchen effektvollen Schnitt oder die musikalische Untermalung gern verzichten wĂŒrde.

Ein Pionier des ethnographischen Films, den ich kenne, macht ‚alles richtig’: Michael Oppitz. Er nahm sich fĂŒr seine Feldforschung Jahre Zeit, er lernte die Schamanen der Magar so gut kennen, dass er schließlich auch die Filmkamera frei einsetzen konnte. BerĂŒhmt wurde „Schamanen im Blinden Land“ (1980, ein Link; Frobenius-B. DVD-As V 13-1 u. DVD-As V 13-2 Sogar aus Filmschnipseln, die er auf einer weiteren DVD vorgestellt und kommentiert hat (DVD-As V 13-3), habe ich als Betrachter Gewinn gezogen. Er hatte ĂŒbrigens einen höchst interessanten Bildungsgang (Link: Interview Oppitz 2009) und wurde erst mit fĂŒnfzig Jahren als Professor in ZĂŒrich ‚sesshaft’.

 

11.2.20   „Körperlichkeit“ ist wieder verpönt im Zeichen politischer Korrektheit, sprich : Feminismus (eine Fraktion), Anti-Faschismus und -Rassismus (z.B. gegen Riefenstahl) und Postkolonialismus…

Beim Aussortieren von BĂŒchern begegnen mir zwei BildbĂ€nde zu „Afrikanischen TĂ€nzen“ von Michel Huet. Ich bin verfĂŒhrt von so viel Eleganz, Anmut und Erotik. Wie gut, dass ich sie noch in mich aufnehmen kann ohne den postkolonialen Tunnelblick auf Körperlichkeit.

Ein ‚kĂŒnstlerischer Blick‘  beim Fotografieren wie beim Betrachten ist nötig.

Die StĂ€rken afrikanischer Tribal Art sind wesentlich in der Körperlichkeit ihrer Kulturen begrĂŒndet – soweit nicht im Norden des Kontinents durch Islamisierung verpönt.

Über die Kultur des Körperschmucks – mir frĂŒher unbekannt – sind Ausstellungen am Rande organisiert worden und BĂŒcher in ‚populĂ€ren’ Verlagen erschienen

Figuren werden bei uns in der Regel nicht nach Frisuren und Körperschmuck entschlĂŒsselt. Europas Verklemmtheit hat sie nach KrĂ€ften unterdrĂŒckt. Missionare. Zölibat oder Sekte.

Die europĂ€ische „Befreiung“ der Kunst im 20.Jh. mĂŒnzte konstruktive Konzepte der Tribal Art in Abstraktion um. Mit der Ablehnung der „Akademiekunst“ wurde auch dabei die Beobachtung und das Studium der körperlichen Natur eingestellt. Die KĂŒnstler suchten nicht hierin die Weiterentwicklung.

In der stĂ€dtischen Zivilisation des 20. Jahrhunderts mit ihren abstrakten Utopien („Lebensreform“), mit der Politisierung durch Großideologien und in ihrer Wendung zur totalen Konsumgesellschaft war Normierung angesagt.

Heute im Zeiten eines erklĂ€rten ‚Regenbogens’ sind wichtige FĂ€higkeiten bereits verloren gegangen.

Der menschliche Körper wird zwar wie eine wunderbare Maschine erforscht, zerlegt, durch Prothesen ergÀnzt, durch Sensoren optimiert. Seine Gestalt aber ist peinlich geworden und ist dem Voyeurismus ausgeliefert.

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